2. Februar 2026

Russland-Verschleppung 1945-1949: Erinnerungen von Hans Schneider aus Großkomlosch/Banat, bearbeitet von seinem Sohn Walter Schneider

Nach der Kriegswende von Stalingrad errechnete die UdSSR in der Vorbereitung für die Teheran-Konferenz, dass Deutschland und die anderen feindlichen Länder der Sowjetunion Reparationszahlungen von ca. 70-75 Milliarden US-Dollar schulden würden. Die Hälfte davon sei in Form „deutscher Arbeitskraft“ über zehn Jahre zu leisten. Der amerikanische Außenminister Anthony Eden und Winston Churchill meinten im Herbst 1944 anlässlich ihres Besuchs in Moskau, „Why are we making a fuss about the Russian deportation in Roumania of Saxons und others?“(Warum so viel Aufsehen machen über die russische Deportation der Sachsen und anderer?). Sie vertraten aber auch die Meinung, dass drei bis fünf Jahre ausreichend seien.
Die Geschwister Hilda, verheiratete Kiefer ...
Die Geschwister Hilda, verheiratete Kiefer (1.07.1922-23.10.1991) und Hans Schneider (22.12.1926-30.01.2017) wurden beide deportiert und sahen sich erst 1949 in Großkomlosch wieder.
Auch die Westmächte können ihre Hände nicht in Unschuld waschen! Zumal bei der Jalta-Konferenz (4.-11. Februar 1945 zwischen Stalin, Roosewelt und Churchill) die gerade abgeschlossene Operation der Deportation der Deutschen aus den von der Roten Armee „befreiten“ Ländern Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Ungarn und der Tschechoslowakei erst gar nicht auf die Tagesordnung gebracht wurde, obwohl die Westvertreter von der Rădescu-Regierung in Rumänien in Kenntnis gesetzt worden waren. Dadurch haben sie der Deportation stillschweigend zugestimmt! Auch im Waffenstillstandsvertrag vom 12. September 1944 zwischen den Alliierten und Rumänien war von einer Entschädigung durch Arbeit seitens der rumänischen Bevölkerung nichts festgehalten worden, in keiner Vereinbarung noch Geheimklausel.

Stalin beauftragte seinen Handlanger Lawrenti Beria mit der Organisation und reibungslosen Durchführung der Deportation der Deutschen aus den besetzten Ländern. Ihm unterstanden Generaloberst Arkadi Appolonov und Generalleutnant Marcovici Gorbatiuk. Mit dem Tagesbefehl Nr. 001411 vom 24. November 1944 wurden die Erfassung aller deutschen Ortschaften, die Festlegung der Sammelpunkte in der Nähe von Bahnhöfen sowie die Erfassung aller deutschen Männer und Frauen in den besetzten Ländern angeordnet. In den fünf Ländern wurden 551049 Personen, davon 240436 Männer und 310613 Frauen erfasst. Die meisten Deutschen im arbeitsfähigen Alter gab es in Rumänien, 70476 Personen. Am 16. Dezember 1944 wurde mit dem Erlass Nr. 1761 vom Komitee der Verteidigung (GOKO) bestimmt, dass alle volksdeutschen Männer zwischen 17 und 45 Jahren sowie Frauen zwischen 18 und 30 Jahren aus den bereits besetzten Ländern zur Wiederaufbauarbeit in die UdSSR in das Kohlebecken Donbass und in die Zentren der Schwerindustrie zu deportieren sind. Mit der Durchführung wurde die 23. Infanteriebrigade NKWD (Geheimdienst) mit 1500 Soldaten und 150 Offizieren beauftragt. Unterstützt wurden sie von rumänischen Polizisten und Soldaten.

Auch wenn die rumänische Seite ihre Unschuld beteuern möchte, da man ja unter sowjetischer Besatzung war, zeigen inzwischen veröffentlichte bzw. zugängliche Dokumente, dass man in vorauseilendem Gehorsam handelte und froh war, nur Deutsche an die Sowjets ausliefern zu müssen. Auch stellte Rumänien recht hilfsbereit seine Eisenbahn, CFR, zur Verfügung. Diese Institution wurde nicht – wie die Deutsche Reichsbahn – dafür zur Rechenschaft gezogen.

Die ersten Namenslisten wurden von den neuen kommunistischen Beamten, oftmals Analphabeten, in den Rathäusern angefertigt. In den Sammelstellen wurden die Gefangenen erneut aufgeschrieben, und am Bahnhof in Temeswar bei der Übergabe an die NKWD wurden die endgültigen Listen angefertigt.

So kam es, dass bereits im Januar 1945, als der Zweite Weltkrieg noch tobte, für die deutsche Bevölkerung aus Rumänien mit der Deportation in die damalige Sowjetunion ein grausamer Leidensweg begann, der für die Deportierten und Zuhausegebliebenen ein Kollektivtrauma auslöste, das fast ein halbes Jahrhundert als Tabuthema unverarbeitet blieb.

Mein Vater, Hans Schneider (22. Dezember 1926 – 30. Januar 2017), erinnert sich:

Es kam der 14. Januar 1945, der Schwarze Sonntag. Als ich mich nach dem Gebetläuten nochmal niederlegt hatte, klopfte es stürmisch an der Haustür. Mein Vater ging und öffnete. Da standen rumänische Ortspolizisten und rumänische Soldaten und verlangten Eintritt. Meine Schwester, Hilda Schneider und ich, Hans Schneider, mussten sofort packen: Winter-und Sommerwäsche, gutes Schuhwerk, Wintermantel, auch Sommersachen und Proviant für 14 Tage. Als alles so weit war, führten sie uns ab, in die deutsche Knabenschule neben der Kirche. Am 16. Januar begann der Transport mit russischen LKW nach Hatzfeld. Am Samstag, den 20. Januar wurden wir am Hatzfelder Bahnhof verladen. Es waren die schwersten Augenblicke in unserem Leben, der Eltern, Großeltern und aller Betroffenen.

Es standen Viehwaggons bereit, einer für 60 Personen, mit Stroh auf dem Boden, ein Loch zur Notdurft und ein eiserner Ofen ohne Brennmaterial.

Auf den Schienen begann der Leidensweg. „Fünf Jahre liegen vor ihm, von denen er noch nichts weiß. Fünf Jahre, nach denen er als ein anderer zurückkehrt.“ (Herta Müller, „Atemschaukel“)

Als unser Transport in Jassy (Iași) ankam, wurden wir ausgeladen, und es ging zu Fuß weiter bis ins Alexandru Ioan Cuza-Lyzeum, wo man uns unterbrachte. Am 28. Januar 1945 herrschte damals eine eisige Kälkte. Die ersten hatten schon leichte Erfrierungen an den Ohren und den Händen. Hier gab es eine heiße Suppe und Brot.

Am 2. Februar, als genug russische Breitspur-Waggons zur Verfügung standen, wurden wir verfrachtet. Die Reise ging durch Bassarabien in die Ukraine bis zum Bahnhof Smakova. Dort hieß es: Männer aussteigen, denn sie kommen zuerst ins Bad und nachher die Frauen. Wir, die Männer, stiegen aus, die Frauen jedoch fuhren weiter bis Dneproderjinsk, so auch meine Schwester. Ich sah sie erst wieder in der Heimat am 21. November 1949. Von Smakova mussten wir noch 4 km bei klirrender Kälte zu Fuß gehen bis nach Dubovaja-Balka ins Lager.
Julius Stürmer: Und wieder ein Opfer des Gulag, ...
Julius Stürmer: Und wieder ein Opfer des Gulag, Die eisige Hölle Workuta, Stift, 1982
Wir kamen zur ärztlichen Untersuchung, danach ging es zur Entlausung und ins Bad. Denselben Tag noch, am 7. Februar 1945, kam ich vor eine NKWD- Kommission (Sowjetischer Geheimdienst), wurde zum Iwan und erhielt die Personal-Nummer 780. Mein erster Arbeitstag war Freitag, der 9. Februar 1945, zehn Stunden, nur die Handwerker arbeiteten acht Stunden, auch die im Schacht. Man teilte mich zum grauen Steinbruch ein. Als am 9. Mai die Sondermeldung kam, dass Deutschland am 8. Mai kapituliert habe, hofften wir, es werde ja bald nach Hause gehen. Doch das russische „Skoro“ (bald) dauerte doch knapp fünf Jahre!

Es gab morgens 750 Gramm dunkles Brot, meistens aus Gerstenmehl, dazu eine blaue Gerstelsuppe, mittags Krautsuppe mit etwas Hirsebrei oder Gerstel. Es gab auch Tee, Krautsuppe und Gerstelsuppe, die sich abwechselten. Dieses magere Essen zog sich drei Jahre hin, bis Mitte Dezember 1947, als die Währungsreform kam.

Das schwache Essen und die schwere Arbeit schwächten die Menschen. Es begann ab 1945, 1946 und 1947 das große Sterben mit 113 Todesfällen, das waren 10% der Internierten.

Im Herbst 1947 meldete ich mich freiwillig als Erzschaufler im Schacht. Es war im Winter dort angenehm warm und nur acht Stunden Arbeit. Auch arbeitete ich eine Zeit als Prohodschik, d.h. Bohrer, bei der Vertiefung des sechsten Schachts. Bei dieser schweren Arbeit, oft bis zu 50 cm im kalten Wasser stehend, dauerte eine Schicht nur sechs Stunden und die Zusatzversorgung bestand aus 1 kg Brot und einer größeren Portionen von Zuspeise.

Viel zu schaffen machte uns der tägliche Appell (Preverka), morgens und abends bis 1947, danach nur noch abends um 18 Uhr. Bei jedem Wetter in Viererreihen aufstellen und das ewige Durchzählen, was manchmal Stunden dauerte, bis der wachhabende russische Offizier alle zusammen hatte, ermüdete uns zusätzlich.

1946 und 1947 waren bis in den Herbst hinein extreme Dürrejahre, so war auch das Essen immer knapp und mager. Ab Mitte Dezember, nach der Währungsreform, verbesserte es sich. Wir mussten uns mit dem in der Arbeit verdienten Geld selbst verköstigen. Im Speisesaal wurde abends das Menü für den nächsten Tag ausgehängt mit der Preistafel. Wir bekamen gleich morgens einen Vorschuss auf unsere geleistete Arbeit ausbezahlt. So konnten wir gleich im Speisesaal (Stalova) einkaufen. Mein erster Einkauf war ein Laib Brot, 1 kg Zucker und einen Liter Sonnenblumenöl. All das verzehrte ich noch an diesem Tag!

Im Lager war es am Anfang schwer, Hunger und Läuse quälten uns. Meine guten Sachen verkaufte ich oder tauschte sie für Essen. Am Ostermontag, dem 2. April 1945, hatte ich nichts mehr, nur noch Hunger! So ging ich zum Abfallplatz und wühlte nach Kartoffelschalen, füllte mein Kochgeschirr, eine amerikanische Konserve Dose und ging damit in einen Küchenraum. Dort gab es einen großen Herd, auf dem ich die fauligen Schalen kochte. Doch ich aß dieses stinkende Zeug nicht und verschenkte es einem anderen, samt Dose und Inhalt. Dann ging ich den Waschraum und trank Wasser, dabei schwor ich mir, alles Verwertbare, besonders Heizmaterial, zu stehlen und es zu verkaufen für Brot, Suppe oder Obst, um zu überleben.

Die allerschwersten Stunden waren für alle Weihnachten. Einige beherzte Frauen gingen von Schlafraum zu Schlafraum und sangen „Stille Nacht“. Man hörte nur leises Weinen und Schluchzen.

Im Dezember 1946, nach zwei Jahren, bekam ich das erste Schreiben von meinen Eltern über das Rumänische Rote Kreuz als Antwort auf mein Schreiben mit den 25 erlaubten Wörtern. Es war ein Lebenszeichen!

Foto aus der Personalakte Hans Schneider. Quelle: ...
Foto aus der Personalakte Hans Schneider. Quelle: Russisches Rotes Kreuz
Christliche Feiertage wurden keine gefeiert, aber ich ging an Weihnachten und an Ostern gerne mit Holz zum Handeln, denn es gab immer etwas Gutes, wenigstens eine gute Suppe. Ansonsten gab es sechs Feiertage: 1. und 2. Januar, 1. und 2. Mai und 7.und 8. November, die eingehalten wurden. Nur es sollte an diesen Tagen nichts zum Ausladen in das Sägewerk kommen oder noch schlimmer Baumaterialien wie Baustein, Kalk oder Zement.

Im Frühjahr 1949, spät abends, wurde ich zum Lagerkommandanten ins Klubhaus gerufen. Ich sah ihm an, dass er mir etwas sagen wollte. Er wartete damit, bis der Wachposten mit einer Flasche Schnaps kam. Nebenbei fragte er mich, ob ich eine Schwester hätte. Worauf ich ihm wahrheitsgetreu antwortete, dass sie im Lager Enakeva im Donbass sei. Dann zog er einen Brief hervor mit sechs vollgeschriebenen Blättern von einem Zementsack von meiner Schwester Hilda. Er sagte Gilda, denn die Russen haben keinen H-Buchstaben. Er sagte mir nur, er habe mit meiner Schwester gesprochen in Enakeva. Er war dort mit allen Lagerkommandanten aus der Ukraine auf einem Erfahrungsaustausch.

Als ich im Herbst 1949 schon zu Hause war, fragte ich meine Schwester, wie sie zu unserem Kommandanten kam. Sie erzählte mir, sie habe für Frau ihres Lagerkommandanten genäht und von dem Treffen gehört. Dann fragte sie, ob sie mit dem Lagerkommandanten des Lagers 1403 sprechen könnte, da sie dort einen Bruder hat. Er versprach es und hielt Wort. Es war für mich ein schöner Abend und die Flasche Schnaps wurde auch noch geleert.

Im Herbst des Jahres 1949 wurden plötzlich Kreuze aus Eisenrohren geschweißt und mit einer Metallplatte versehen mit Namen für die Gräber im Friedhof. Dort lagen 113 Tote. Das Unkraut wurde gejätet, aber es gab keine Blumen. Wer sollte die Gräber auch pflegen?

Am 31. Oktober 1949 sagte mir unser zuständige Natschalnik Pilman Vasilovitsch, dass wir ab morgen nicht mehr zur Arbeit kämen. Als wir nach der Arbeit ins Lager kamen, war es auch schon von anderer Seite bekannt geworden. Der Höhepunkt des Tages war, als der Kommandanten Fedorjak uns verkündete, dass heute, am 31. Oktober 1949, unser letzter Arbeitstag war (Sevodnja waschii poslednai rabotschi den).

Nach einer zwölftägigen Quarantäne wurden wir am 13. November 1949 am Bahnhof in Oktjaber dem Geheimdienst NKWD übergeben. Ab hier war jede weitere Berührung oder Kontakt mit Russen streng verboten.

Zum letzten Mal wurden wir in Russland auf einen Platz gebracht, abgezählt und namentlich aufgerufen. Es kam die letzte „Filzung“, eine gründliche persönliche Kontrolle. Danach ging es weiter mit dem Zug bis nach Sighetul Marmaţiei.

Dort führte man uns ins russische Durchgangslager auf rumänischem Boden, wo vom 15. bis zum 17. November 1949 die Entlassungsformalitäten erfolgten. Es gab warmes Essen und viel Tee. Am 18. November 1949 wurden wir dem rumänischen Militär übergeben und kamen in ein rumänisches Lager. Am19. November brachte man uns mit LKW über das Gutaiu-Gebirge über Baia Sprie nach Baia Mare wieder in ein rumänisches Lager, wo wir unseren Heimkehrerschein (Adeverinţa de repatriere) erhielten sowie einen Fahrschein für jede Entfernung und 200 Lei für den Schnellzug-Zuschlag.

Am 21. November fuhr ich von Baia Mare mit dem Schnellzug über Sathmar (Satu Mare) nach Temeswar. Am 21. November 1949 um 17.30 Uhr kam ich zuhause in Großkomlosch am Bahnhof an. Als Erstes traf ich meine Mutter, dann meine Schwester und meinen Vater. Auch meine Tante, Onkel und Cousins waren da. Ich war aus unserer Verwandtschaft der letzte Verschleppte, der nach Hause kam. Es begann ein langes Erzählen. Es warteten ja auch noch meine Oma, Uroma und mein Schneider Großvater auf mich.

Während meiner Aufenthalte als Kind bei meinen Großeltern in Komlosch erkannte ich bald, dass seine Just-Oma, meine Urgroßmutter, mittwochs kein Fleisch, Wurst oder Speck aß. Sie hatte geschworen, an dem Wochentag, an dem alle ihre deportierten Enkelkinder wieder zuhause sind, ein Leben lang kein Fleisch mehr zu essen. Der 21. November 1949, als mein Vater als letztes Enkelkind – äußerlich unversehrt – nach Hause kam, war ein Mittwoch.

Der Verfasser dieser Erinnerungen, Hans Schneider, wurde im Jahre 1926 in Großkomlosch im Banat als zweites Kind der Eheleute Franz und Rosa Schneider, geb. Just geboren. Nach der Schulzeit in seinem Heimatort besuchte er die Temeswarer Lehrerbildungsanstalt „Banatia“, die er wegen seiner Russlanddeportation nicht mehr beenden konnte. Die Eltern mussten fünf Jahre die Qualen der Ängste und Sorgen um ihre beiden in die Sowjetunion deportierten Kinder ertragen. Hans Schneider starb nach einem erfüllten Leben am 30. Januar 2017 im Alter von 90 Jahren in Heidelberg.

Walter Schneider

Schlagwörter: Deportation, Erinnerungen, Zeitzeugenbericht

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