13. April 2026
Kirschen und Basilikum: Ein Abend mit Dana Grigorcea
Zu einem Abend mit Dana Grigorcea hatte das Literaturhaus München am 26. März eingeladen. Die schweizerisch-rumänische Autorin stellte gemeinsam mit Carsten Hueck ihren neuen Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“ vor und gewann mit ihrem Charme, ihrer Eloquenz und ihrem Witz das Publikum schnell für sich.

Der Journalist und Literaturkritiker Carsten Hueck, von Bösker als „scharfsinniger Kommentator und leidenschaftlicher Leser“ vorgestellt, nannte „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ein „Sommerbuch“: „Es geht um Sommerferien, es geht um Sommergefühle und wir vergessen mal, dass es vorhin ein bisschen geschneit hat“. Der Roman führe in eine Zeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in ein Dorf, Buşteni, in dem die Erzählerin bei ihrer Großmutter und Großtante die Sommerferien verbringt. Ob die Autorin mit der Erzählerin eins sei, wollte Hueck wissen. „Ich bin alle meine Figuren, aber längst nicht so verwegen,“ antwortete Grigorcea schmunzelnd und erzählte, sie habe alle Sommerferien ihrer Kindheit und Jugend in Buşteni, „diesem fernen pittoresken Ort“, verbracht. „Natürlich bin ich das, die Sehnsüchte sind natürlich auch meine Sehnsüchte, die Hoffnungen meine Hoffnungen.“
Die Liebe aber war der eigentliche Antrieb zum Schreiben des neuen Romans. „Ich wollte unbedingt eine Liebesgeschichte erzählen in dieser Zeit des Aufbruchs, als die Leute enthusiasmiert waren und alles möglich zu sein schien“, als „neue Lieben plötzlich lebbar wurden“, sie wollte „zurückgehen in eine Zeit, wo es vielleicht ein ganz anderes Fluidum gab zwischen den Menschen“, und diese „Liebesvariationen in den Karpaten“ wurden „eine Liebesgeschichte, die sich in vielen anderen Liebesgeschichten spiegelt“. Tatsächlich besteht der Roman aus zehn Kapiteln, die wie Kurzgeschichten anmuten, aber über Personal und Ort vielfältig miteinander verbunden sind, was Carsten Hueck im Gespräch mit der Autorin wieder zum „Sommerbuch“ führte: „Es sind die kleinen Geschichten in den Geschichten, die dieses Buch so leicht machen, so beschwingt, es hat was von Sommerfrische, von Bullerbü“. Leichtigkeit wiederum schätzt Dana Grigorcea. „Ich finde Details wichtig, bin aber nicht so versessen darauf, so detailliert zu schreiben, dass die Geschichte stockt, für mich ist es wichtig, dass ich eine unterhaltsame Geschichte erzähle, die fließt und sich einfach anfühlt. Ich habe den Eindruck, dass dieser Roman eigentlich der einfachste Roman ist, den ich bisher geschrieben habe, die Geschichten fügen sich so selbstverständlich.“
Selbstverständlich wurde während des Schreibens irgendwann auch die Entwicklung des Personals. „Die Figuren haben sich ab einem Moment verselbständigt und am Ende habe ich realisiert, dass ich auch einen Roman über das Erzählen schreibe, über die Macht des Erzählens und über die Emanzipation durch das Erzählen. Wer erzählen kann, hat am Schluss die Macht, wer seine Geschichte fassen kann und wer sich in den Geschichten anderer spiegeln kann, findet zu einer großen Freiheit.“ Die Freiheit, die durch Kunst zu erreichen ist, wollte Dana Grigorcea herunterbrechen auf den Alltag, was ihr mit ihrem neuen Roman über Roxana, Camil und deren vielschichtige Beziehung, die in anderen Paarbeziehungen widerhallt, gelungen ist. „Es geht in der Literatur darum, dass man sich in anderen spiegelt.“
Sie wolle aber nicht die Deutungshoheit über ihren Roman haben, sondern ein „Angebot zur Selbstbespiegelung“ machen – ein Angebot, das im Buch „Tanzende Frau, blauer Hahn“, in dem auf verschiedenen Erzählebenen so viel passiert und doch alles in der Schwebe bleibt, besonders intensiv vom Lesepublikum genutzt werden kann, ja muss. Wer erzählt eigentlich die Geschichte? Oder, wie Carsten Hueck es formulierte: „Man könnte die Frage stellen, ob wir der Erzählerin wirklich glauben können“.
Die vier langen Passagen, die Dana Grigorcea aus ihrem Roman vortrug, gerieten zu einer Demonstration ihrer Lesefreude und ihres Humors. „Du musst mich stoppen“, bat sie Hueck, „weil ich als Mutter gewohnt bin zu lesen, bis alle eingeschlafen sind, und seit meine Kinder lieber Hörbücher hören, habe ich nur noch Sie“, wobei sie lachend aufs Publikum deutete. Stoppen wollte sie aber niemand, und so ließ man sich lesend von der sympathischen Autorin davontragen ins Karpatendorf Buşteni, wo Kirschbäume in Häusern wachsen und Basilikum zu Liebeskraut verarbeitet wird.
Doris Roth
Schlagwörter: Lesung, Grigorcea, München
7 Bewertungen:
Noch keine Kommmentare zum Artikel.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.