11. März 2026

Buşteni, mon amour/Dana Grigorcea lotet die Liebe aus

Das rumänische Karpatenstädtchen Buşteni, gelegen am Fuß des Bucegi-Gebirges im Prahova-Tal, ist Schauplatz von Dana Grigorceas neuem Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“. In der Bahnhofstraße 8 steht das Haus von Großmutter und Großtante der Ich-Erzählerin Roxana, in dem diese ihre Sommer verbringt. „Weit genug von Bukarest entfernt“, wo Roxana lebt, aber in „nur zwei Stunden mit dem Zug“ zu erreichen, bietet ihr der Ort in den 1990ern Jahr um Jahr aufs Neue die Möglichkeit, in eine Ferienblase abzutauchen und mit Camil – „mein bester Freund, mein erster“ – Zeit zu verbringen. „Viele Jahre trafen wir uns in den Sommerferien, und Camil erzählte mir von all unseren Nachbarn und von deren Geschichten, damit wir uns die Fortsetzungen zusammen anschauen konnten.“ Geschaut wird über den Zaun, auf die gegenüberliegende Straßenseite, in die Nachbargärten und -häuser, auf unentrinnbare Schicksale, in die eigene Seele.
Das Figurenensemble ist vielfältig: Madame Smara, „eine feine Dame aus Bukarest – eine erfolgreiche Anwältin“, und ihr kranker Mann, in deren Haus ein Kirschbaum wächst; die schöne Frau Helman, die „wie die Sklavin Isaura aus der gleichnamigen brasilianischen Telenovela“ aussieht und mit ihrem winzigen Mann, der stets mit einer Sense unterwegs ist, in einer „vertrackten Paargeschichte“ steckt; der gemütliche Radu, ein Klassenkamerad Camils und „das dritte Rad am Wagen“, wie er selbst sagt; Camils jüngere Nachbarin Ana-Mia aus der Eisenbahnersiedlung, klein, zierlich, freundlich, an ihrer Seite der zweibeinige Hund Fulgu; Flori und Aurel, denen „das stattlichste Haus in der leidlich geteerten Bahnhofstraße“ gehört und die für ihre Tochter Laura einen „Mann von Stand“ suchen; Brigitte und Panduru – sie „aus Frankreich“, er „aus dem Gefängnis entlassen“; Filuca, die Bäuerin mit der berüchtigten Speisekammer; Ovidiu, der als korrupter Politiker zu zweifelhaftem Ruhm kommt; und auch Camil und Roxana selbst sind nicht nur Zuschauer, sondern auch Akteure der Liebesgeschichten und ihrer Fortsetzungen.

Dana Grigorcea widmet jedem Paar, jeder Person ein eigenes Kapitel. Das erste, „Camil und ich“, sowie das neunte, „Wir in Bukarest“ (in dem Camil „für einen Aufnahmetest für die Akademie des Fußballclubs Steaua Bukarest“ zu Besuch bei Roxanas Familie ist), bilden eine Art erzählerische Klammer, die die Beziehung des Jungen aus Buşteni, der „am Ende der Straße, gleich beim Schlagbaum des Bahnübergangs, in der Eisenbahnersiedlung“ lebt, und des Mädchens aus der Stadt von der Kindheit bis zum frühen Erwachsenenalter nachzeichnet; das zehnte und letzte Kapitel, „Ovidiu und sein Dalmatiner“, fällt ein wenig aus dem Rahmen, weil es nicht sommers, sondern winters in Buşteni spielt, wo Roxana mit Hilfe von Camil eine Silvesterparty schmeißt, zu der Ovidiu mit Lackschuhen kommt. Den zehn Kapiteln, die wie Kurzgeschichten daherkommen, ist ein Prolog vorangestellt, der das Ende der Story vorwegnimmt, was aber nicht stört, weil dieses Ende der Auslöser für Roxanas Erinnerungen ist und man als Leser, als Leserin wissen möchte, wie es so weit kommen konnte. Dieser Prolog ist wie alle folgenden Kapitel zweigeteilt: Während sich die Liebesgeschichte der Ich-Erzählerin Roxana mit Camil entwickelt, ist auf einer zweiten Erzählebene die Schriftstellerin Ana mit eben dieser Geschichte und dem Musiker Thierry auf Lesereise – diese Textteile sind kursiv gesetzt und kommentieren einerseits das eigentliche Geschehen, zeichnen andererseits aber selbst die Entwicklung einer Paarbeziehung nach. Damit noch nicht genug, schließt der Roman mit einem Epilog, und zwar „Ana-Mias Epilog“, der eine Zusammenfassung der Ereignisse in Buşteni aus der Perspektive jener Ana-Mia ist, die mit Camil aufwächst und bereits in einem eigenen Kapitel behandelt wurde. Ihre erwachsene Sicht auf die Dinge stellt alle vorherigen Gewissheiten auf den Kopf und lässt den Leser, die Leserin ratlos zurück. Wer erzählt hier eigentlich wessen Geschichte? Roxana, Ana, Ana-Mia? Sind diese drei „Anas“ am Ende nur Facetten einer einzigen Person? Und wenn man es auf die Spitze treiben will, könnte man noch fragen: Wie verhält sich dazu die vierte „Ana“, Dana Grigorcea selbst in ihrer Rolle als Schöpferin des Romans?

Kunstvoll verwoben ist diese Schöpfung mit ihren verschiedenen Erzählsträngen und -ebenen, deren wechselseitige Beziehungen sich beim Lesen erst nach und nach erschließen. Dana Grigorcea lotet die Liebe in mannigfaltigen Erscheinungsformen aus: mal skurril, mal herzzerreißend, aber immer zutiefst menschlich, und dennoch bleibt in diesem gewohnt federleicht erzählten neuen Buch der schweizerisch-rumänischen Autorin am Ende alles in der Schwebe.

Am 26. März um 19.00 Uhr stellt sie „Tanzende Frau, blauer Hahn“ im Literaturhaus München vor. Der Eintritt kostet 16 Euro, ermäßigt zehn Euro; Streaming-Tickets für alle, die online zusehen möchten, gibt es für acht Euro.

Doris Roth

Dana Grigorcea: „Tanzende Frau, blauer Hahn“. Roman. Penguin Verlag, München, 2026, 160 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-328-60440-2.

Schlagwörter: Dana Grigorcea, Roman, Besprechung

Bewerten:

6 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.