31. Mai 2026

Rolf Kartmanns Passion nach Matthäus in Mediasch aufgeführt

Pfarrer Rolf Kartmann i.R. ist vielen von uns in Mediasch vor allem als Pfarrer der Heimatgemeinschaft Mediasch e. V. bekannt. Er erblickte das Licht der Welt am 15. Januar 1933 in Mediasch, geboren in der „Traube“ als vierter Sohn des langjährigen Pächterehepaars Daniel und Luise Kartmann. Es begleiten ihn wunderschöne Erinnerungen an das Elternhaus und an die Ferien bei den Großeltern in Hetzeldorf. Er studierte in Klausenburg und Hermannstadt Theologie und betreute über einen Zeitraum von rund 30 Jahren mehrere Gemeinden. So war er Vikar und danach Pfarrer in Thalheim bei Hermannstadt, danach in Karansebesch, Reschitz, Lugosch und anderen umliegenden Gemeinden. Ab 1977 war er Pfarrer im nahe gelegenen Eibesdorf, von wo er viele Vertretungsdienste im gesamten Mediascher Kirchenbezirk verrichtete. Nach der Schließung der Hermannstädter Kantorenschule übernahm er für ein Jahr auch die Ausbildung der Kantorenschüler. Im Jahr 1989 übersiedelte er nach Deutschland, wo er in Böblingen mehrere Jahre in der Sozialberatung für Aussiedler und in der Aussiedler-Seelsorge tätig gewesen ist. Nach seiner Pensionierung begann er eine vielfältige ehrenamtliche Tätigkeit in mehreren Verbänden.
Nach der Aufführung der „Matthäus-Passion“ am ...
Nach der Aufführung der „Matthäus-Passion“ am Karfreitag in Mediasch scharen sich die Ausführenden um den Komponisten Rolf Kartmann (Sechster von links), links neben ihm die Kirchenmusikerin Edith Hajnalka Toth, die Dirigentin der Aufführung. Foto: Kirchengemeinde Mediasch
So gerne Rolf Kartmann Pfarrer war, er war immer auch Musiker und seine Liebe zur Musik, insbesondere das Klavier- und das Orgelspiel wie auch der Gesang, haben ihn sein ganzes Leben begleitet und getragen. 1963 fand er in seiner ersten Pfarrgemeinde Thalheim ein siebenbürgisches Gesangbuch von 1900, in dessen Anhang die „Passion nach Matthäus Kapitel 26 und 27“ abgedruckt ist. Unterbrochen wird der Bibeltext aus dem Matthäusevangelium von Gesangbuchliedern, die die Gemeinde singt und von Texten, die dem Chor zugeschrieben sind.

Da er keine Noten für den Chor vorfand, komponierte er selbst für seinen Thalheimer Kirchenchor sieben dreistimmige Sätze für Sopran, Alt und Männerstimme, die im Laufe der Passionsgeschichte gesungen werden.

Die damaligen handgeschriebenen Originalnoten habe er immer noch, erzählt der Komponist. Bei der Uraufführung 1963 wurden die Chorpassagen der Passion mit je vier Sopran-, Alt- und Männerstimmen aufgeführt. Bei Chorausflügen wurde das Werk danach auch in Nachbargemeinden und in Mediasch, Rolfs Heimatstadt, aufgeführt. Nachdem er sich viele Jahre später in Deutschland niedergelassen hatte, konnte die Matthäuspassion auch mit dem Chor in Egenhausen bei Nagold/Schwarzwald aufgeführt werden, den er 19 Jahre lang geleitet hat. Rund 500-mal sei er in jener Zeit immer mittwochs zu den Proben und einmal im Monat zu einem Auftritt mit diesem Chor gefahren. 62 Jahre später, 2025, wurde die Passion in der Evangelischen Christuskirche am Bubenbad in Stuttgart aufgeführt.

Am Karfreitag, dem 3. April 2026, hat der Mediascher Familienchor, unter der Leitung der Kirchenmusikerin Edith Hajnalka Toth, Kartmanns Passion erneut zum Klingen gebracht. Gemeinsam wurde gesungen, gesprochen, die Passion durchlebt.

Das Evangelium wurde abwechselnd von Pfarrerehepaar Hildegard und Gerhard Servatius-Depner gelesen, die Sprecherrollen übernahmen Jonathan Servatius-Depner für Jesus, Erich Eckehardt Popescu für Petrus, Wilhelm Untch den Hohepriester, Joep van Heeswijk für Judas und Martin Christian Schapper für Pilatus. Dazu fügen die unterschiedlichen Frauenstimmen sich dramatisch in die Leidensgeschichte ein – als Frau des Pilatus (Tony Timmermann), als Mägde (Ruth Wopalka, Alex Mädchen, Nina Baciu, Anke Denzler), als Volk der ganze Chor und schließlich die Vorübergehenden (Sophia Popianos, Katharina Servatius-Depner, Bianca Pop) In dieses Geschehen greift die anwesende Gemeinde immer wieder mit passenden Choralstrophen ein. Sie antwortet oder sieht sich verantwortlich für das, was Jesus in seinen letzten Erdentagen erleidet.

Zum einen hat sich der Mediascher Familienchor mit der Aufführung der Kartmann-Passion sehr schön in die Tradition der Mediascher Lesegottesdienste eingefügt. Noch viel tiefer reichen die Wurzeln in die siebenbürgische Kirchenmusiktradition der Dicta und des „Absingens der Passion“. Im Hermannstädter Staatsarchiv befindet sich die älteste Handschrift von 1706 der „Musicalisch-Erbauliche Sabbaths-Andacht das ist Harmonien auff alle Sonn- und Fest-Tage mit 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19 und mehr Stimmen componieret von Johan Sartoris Holzmangyen, Cantor Cibin: Anno 1706“. Der in Marpod geborene Johann Sartorius der Ältere (1682-1756) war wohl der erste, der für jeden Sonntag und jeden Festtag ein Dictum komponiert hat.

Bis 1899 waren die Texte aller Dicta im Anhang der Gesangbücher zu finden. 200 Jahre lang wurde die unterschiedlichste Musik dazu komponiert, zu den immer gleichen Texten und dem gleichen vorgeschriebenen Aufbau: solistisch, chorisch, Duette, Terzette. Die Bibelworte wurden künstlerisch bearbeitet, worauf die Gemeinde mit bekannten Choralstrophen antwortete. Martin Fay (1725-1786) ist der wohl bedeutendste Mediascher Stadtkantor, später Prediger in Mediasch und dann Pfarrer in Scharosch, der einen ganzen Jahrgang von Dicta komponierte.

So ist auch die Passion Christi Teil dieser langjährigen Tradition. 1900 wurden die Dicta im Anhang der Gesangbücher nicht mehr gedruckt, die Passion aber blieb. Sehr bekannt ist „Die Leidensgeschichte unseres Herrn“ von Rudolf Lassel (1861-1918), der die Texte für den Gründonnerstag vertonte. Vollendet wurde das Werk 100 Jahre später, in einem ganz anderen Stil, von Hans Peter Türk (*1940) mit der „Siebenbürgischen Passionsmusik für den Karfreitag“, komponiert 2006.

Schlichter und für kleinere Chöre zugänglicher reiht sich nun die Kartmann-Passion in die Tradition der siebenbürgischen Kirchenmusik ein. In Dankbarkeit und Ehrfurcht durfte der Mediascher Familienchor, im Beisein des Komponisten, am Karfreitag, dem 3. April 2026, sein Werk aufführen, im Beisein von Menschen, die von nah und fern angereist waren und in das Geschehen mit einstimmten und sich davon berühren ließen. Gemeinsam den schwersten Weg Jesu zu erleben, zu hören, zu fühlen, hat uns als Christen noch stärker miteinander verbunden. So konnte das Halleluja am Ostersonntag wie aus einem Munde laut und fröhlich erklingen.

Edith Hajnalka Toth, Gerhard Servatius-Depner

Schlagwörter: Mediasch, Konzert, Passionszeit

Bewerten:

6 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.