15. Juli 2026
Literarische Spaziergänge durch das Oldenburger Land
Als Projekt des Oldenburger Literaturhauses und dessen Leiterin Monika Eden ist 2015 der „Literarische Landgang“ entstanden: Ausgewählte Autorinnen und Autoren erkunden im ersten Schritt das Oldenburger Land, verfassen einen Reisetext und stellen diesen im zweiten Schritt auf einer Lesereise an den besuchten Orten vor – ein Schreib- und Reisestipendium der besonderen Art, das in bisher zwei Büchern seinen Niederschlag gefunden hat. Der erste Band „Fünf Landgänge“ erschien 2021 im Göttinger Wallstein Verlag mit Beiträgen von Matthias Politycki, Marion Poschmann, Michael Kumpfmüller, Mirko Bonné und Judith Hermann; seit diesem Jahr liegt Band II vor, für den die Stipendiaten Jan Brandt, Iris Wolff, David Wagner, Judith Kuckart und Deniz Utlu Texte beigesteuert haben.

In ihrer Erzählung „Ankündigung einer Reise“ nähert sich Iris Wolff als „beauftragte Beschauerin“ dem Norden Deutschlands: Oldenburg, Cloppenburg, Delmenhorst, Jever sind Stationen ihrer Erkundung, danach mäandert sie durch die Wesermarsch, ist in Seefeld, Butjadingen, Ammerland, Bad Zwischenahn und Berne, entdeckt schließlich in Westerstede die Bronzeplastik „Die Marktfrau“ von Alice Peters-Ohsam (1929-2021), Ehefrau des in Braller geborenen Journalisten und Schriftstellers Bernhard Ohsam (1926-2001), der in Hermannstadt das Brukenthal-Lyzeum besuchte und im Roman „Eine Handvoll Machorka“ (1958) seine Flucht aus einem sowjetischen Zwangsarbeitslager verarbeitete.
Dieser siebenbürgische „Splitter“ ist nicht der einzige in Wolffs Erzählung. Nicht nur erinnert sie „Die Marktfrau“ an ihre eigene Großmutter – auch an anderen Stationen ihrer Tour wehen sie Erinnerungen an: Der Besuch eines Museumsdorfs bringt ihre frühe Kindheit in einem Dorf im Banat, wo der Vater Pfarrer war, sowie den Umzug nach Hermannstadt zur Vorbereitung der Ausreise nach Deutschland zurück, und die Geschichten, vor allem aber die Bilder der nach Delmenhorst gekommenen griechischen Arbeiterinnen und Arbeiter im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur weisen Ähnlichkeiten mit den Fotoalben ihrer Familie auf, deuten zurück auf Arbeitsethos und Ausreiseerfahrungen der Großeltern.
„Sprache formt einen, die erste Landschaft formt einen, das Licht, der Horizont, der Klang der Gassen. Diese Tonspur trägt man mit sich, ein Leben lang, ganz gleich, wohin es einen verschlägt. An den unerwartetsten Orten kann einen etwas berühren, das wie Heimat schmeckt, riecht, klingt.“ Heimat und Fremde, Reminiszenzen und Reisen vereint Iris Wolff in ihrer Erzählung. Ihre gewohnt ausgefeilte und dabei doch federleichte Sprache ähnelt der in ihren Romanen, aber dieser Text bringt eine neue, noch nicht bekannte Iris Wolff zum Vorschein: eine, die die Geschichte Südosteuropas nicht literarisch verfremdet, sondern sich auf ihre Familie, ihre Geschichte, ihre eigene Biografie und Erfahrung besinnt und diese mit der Leserschaft teilt. „Schreiben, das zeigt diese Reise, ist eine Wiederkehr.“
Doris Roth
„Fünf Landgänge“. Band II. Jan Brandt, Iris Wolff, David Wagner, Judith Kuckart, Deniz Utlu. Herausgegeben von Monika Eden. Wallstein Verlag, Göttingen, 2026, 176 Seiten, 18 Abbildungen, 16 Euro, ISBN 978-3-8353-6089-1.Schlagwörter: Buchbesprechung, Iris Wolff, Reisen
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