1. Mai 2006

Mehr als ein Schulbuch

Es ist ein altes Problem: Im Geschichtsunterricht, in der "Geschichte der Rumänen", wie das Fach heißt, erfahren die Schülerinnen und Schüler kaum etwas über die Geschichte der Deutschen auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Versuche, in dem Lehrbuch zusammenfassende Kapitel aus der Geschichte der Minderheiten einzubauen, sind bisher gescheitert. Ab dem Schuljahr 1999/2000 wurde an den deutschsprachigen Schulen in Rumänien in den Klassen 6 und 7 ein neues, einstündiges Fach eingeführt: "Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit in Rumänien" - mit einem modernen, auf Schüleraktivität und Verständnis, auf Erkunden und Entdecken angelegten Lehrplan. Dazu ist im Herbst 2004, erarbeitet von einem Team, ein bemerkenswertes Buch erschienen - ein Buch, wie es sich Lehrerinnen und Lehrer früherer Generationen gewünscht hätten.
Die Arbeit an dem neuen Schulbuch war ein "Multifunktionsunternehmen":

- Es soll (zumeist rumänische) Schüler, die in Rumänien Schulen mit Unterricht in deutscher Sprache besuchen, in die Geschichte der deutschen Minderheit einführen.

- Es soll Lehrkräften dazu Informationen und Anregungen geben.

- Es will eine wissenschaftlich und historisch korrekte Synopse der acht deutschen Siedlungsgruppen bieten, die bisher meistens getrennt erforscht und dargestellt wurden, und diese Gruppen sollten sich in der Darstellung wiedererkennen.

- Die zum Teil komplexen Sachverhalte sollten in einer möglichst schülergerechten, verständlichen Sprache dargestellt werden.

Zur Grundorientierung schreiben die Autoren in der Einleitung: "Die Geschichte der deutschen Minderheit erscheint eingebettet in die Geschichte des Landes und in jene Mitteleuropas" (S. 5). Zur Orientierung und Einordnung erscheinen in mehreren Kapiteln Zeitleisten am Rande der Seiten. Die Autoren sind bestrebt, "die Entwicklung aller deutschen Gemeinschaften unseres Landes darzustellen - wenn auch nicht in gleichem Umfang". Die jeweilige Heimatregion soll im Unterricht im Vordergrund stehen. Den Bezug zur Region herzustellen, bleibt Aufgabe des Lehrers. Zum Teil wird hier nachgeholt, was früher im Heimatkundeunterricht geleistet wurde: Erkunden und auf Entdeckungsreise gehen mit den Schülern.


Dazu gibt das erste Kapitel des Buches unter dem Titel "Mein Heimatort. Spurensuche in unserem Heimatort" gute Anregungen. Es wird versucht, "an einigen Beispielen (zu) erklären, welche unterschiedlichen Spuren es gibt und wie man sie erkennen und beschreiben kann" (S. 7) - durch Museumsbesuche, Besichtigung historischer Städte und Gebäude, Kennenlernen und Deuten von Urkunden und Geschichtskarten, Auswertung von Fotografien und Gemälden, Befragen von Zeitzeugen - bis hin zum Ausprobieren regionalspezifischer Speisen.

Die folgenden Kapitel tragen die Titel: "Deutsche Gemeinschaften in Rumänien", "Entwicklung der politischen Strukturen bis zum Ersten Weltkrieg" (hier eine präzise Darstellung der sächsischen Selbstverwaltung in Siebenbürgen), "Dörfer und Städte", "Schlüsseldaten und Wendepunkte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", "Leben im Kommunismus", "Exodus. Die Zeit nach 1989". Das Buch schließt mit drei Kapiteln zur Kulturgeschichte: "Mundarten, Trachten, Brauchtum", "Kirche und Schule" sowie "Kultur der Rumäniendeutschen, Persönlichkeiten" (mit Biografien bedeutender Persönlichkeiten wie Johannes Honterus, Samuel von Brukenthal, Stephan Ludwig Roth, Nikolaus Lenau und Adam Müller-Guttenbrunn).

Zur Arbeit mit dem Buch gibt es didaktisch-methodische Hilfen: Fachbegriffe werden am unteren Seitenrand erläutert, zahlreiche Karten ergänzen den Text und können als Arbeitsmittel verwendet werden. Nur bei einigen Karten ist der Druck der Ortsnamen so klein, dass sie nur schwer entziffert werden können (S. 10, S. 28 oben, S. 32). Zudem veranschaulichen gut gewählte Abbildungen den Text. Die Farbfotos sind im Vergleich zu rumänischen Schulbüchern gut, erreichen aber nicht die Qualität, die man bei deutschen Schulbüchern gewohnt ist. Fragen und Aufgaben zu den einzelnen Kapiteln regen zu selbstständigem Arbeiten an.

Der Anhang enthält: ein genaues Personen- und Sachverzeichnis und ein dreisprachiges Ortsnamenverzeichnis. Zur Ergänzung ist eine Sammlung von Arbeitsblättern geplant. Inhaltliche Querverbindungen und die Kooperation mit dem übrigen Geschichts-, Deutsch-, eventuell auch mit dem Religionsunterricht sind möglich und wünschenswert.

Fachhistoriker werden wahrscheinlich manches vermissen - sie müssten aber zugleich sagen, was bei einem vorgegebenen beschränkten Umfang hätte weggelassen werden können. Die politische und die Kulturgeschichte stehen bewusst im Vordergrund, die Wirtschaftsgeschichte spielt eine untergeordnete Rolle (z.B. der Leistungsanteil der Deutschen an der Landwirtschaft, am Gewerbe, am Bergbau und an der Entwicklung der Industrie vor dem Zweiten Weltkrieg). Hier könnte der Lehrer in einer bestimmten Region in Fallberichten die Bedeutung dieser "deutschen Gemeinschaft" für die wirtschaftliche Entwicklung der Region erarbeiten.

Fazit: Das vorliegende Buch erfüllt verschiedene Funktionen. Für Schüler der 6. und 7. Klasse ist es (in der politischen Geschichte) stellenweise zu schwer. Aber es ist "ein Kompendium, aus dem man sich bedienen kann", wie es ein Autor ausdrückt, und das Lehrern und Schülern gute Möglichkeiten bietet. Der Lehrer kann das Buch so nutzen, wie es seinem Unterrichtskonzept entspricht und kann die Texte herausgreifen und stärker gewichten, die für die Region und für das Niveau der Klasse oder Gruppe geeignet sind. Er könnte mit seinen Schülern auf Entdeckungsreise gehen. Das ist dort leichter, wo die Vergangenheit greifbar, in Bauten und Überresten anschaulich ist. Einer der Autoren schreibt dazu in einem Brief, das Werk sei "für elf- und zwölfjährige Schüler hoffentlich ein Buch, in dem man gern blättert und viel Interessantes findet, nach dem man seinen (hoffentlich guten) Lehrer fragen kann, um es näher erläutert zu bekommen". (Alfred Wiecken)

Aber das Buch ist mehr als ein Schulbuch. Es kann auch Erwachsene schon beim Blättern neugierig machen. Es ist ein korrektes, für ein breites Publikum informatives, eine Grundorientierung vermittelndes Werk, dem es gelingt, differenzierte Sachverhalte in einer verständlichen Sprache darzustellen. Unter Umständen könnte man es auch in einem Proseminar verwenden.

Das Problem der Information aller rumänischen Schüler über den Beitrag der Deutschen zur Geschichte der Region ist mit dem Erscheinen des Buches allerdings noch nicht gelöst.

Zu dem Buch kann man dem Autorenteam gratulieren. Ihm gehören an: Der Geschichtelehrer der Brukenthalschule Dieter Nowak, der die Probefassung 1999 und 2000 erarbeitet hatte, die Journalistin und Historikerin Hannelore Baier, die bei der Erarbeitung des Lehrplans und für die Koordination der Lehrbucharbeit in der ersten Phase verantwortlich war, der junge Historiker Wilfried Ziegler, der Fachberater aus Deutschland Alfred Wiecken, der vor allem für die didaktisch-methodische Gestaltung wertvolle Impulse gab, der Vorsitzende der Schulkommission des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (bei der Erarbeitung des Buches Direktor des Mediascher Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache, zurzeit Vorsitzender des Hermannstädter Kreisrats) Martin Bottesch, für das Layout und für die Koordination zuständig, "die treibende Kraft des Unternehmens".

Das Buch ist auch ein Verkaufserfolg: Die erste Auflage war im freien Verkauf schnell vergriffen, eine zweite, verbesserte Auflage, nur für den freien Verkauf bestimmt, ist eben erschienen - ein empfehlenswertes Geschenk z.B. für Jugendliche, deren Eltern aus Rumänien stammen.

Prof. Dr. h.c. Walter König


Hannelore Baier, Martin Bottesch, Dieter Nowak, Alfred Wiecken, Winfried Ziegler, "Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit in Rumänien. Lehrbuch für die 6. und 7. Klasse der Schulen mit deutscher Unterrichtssprache", Central Verlag Mediasch, 2004, ISBN 973-85183-9-3, 168 Seiten. Das Buch kann zum Preis von 4,00 Euro, zuzüglich 1,20 Euro Versandkosten, bezogen werden bei der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung, Wirtstraße 1, 81539 München.

Lehrbuch nicht mehr vorrätig

Infolge der überraschend großen Nachfrage, die die Rezension von Prof. Dr. h. c. Walter König in dieser Zeitung (Folge 5 vom 31. März 2006) ausgelöst hat, ist das Lehrbuch für die 6. und 7. Klasse der Schulen mit deutscher Unterrichtssprache "Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit in Rumänien" (zweite, verbesserte Auflage) nicht mehr vorrätig. Die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung München, die einen Teil der Auflage finanziert und den Vertrieb in Deutschland übernommen hat, wird bemüht sein, den bis zum 25. April 2006 eingelaufenen Bestellungen aus Restbeständen, die jedoch erst aus Hermannstadt angefordert und nachgeliefert werden müssen, nachzukommen. Ab sofort können keine weiteren Bestellungen mehr angenommen werden. Möglicherweise könnten die Herausgeber über eine dritte Auflage entscheiden, worüber zum gegebenen Zeitpunkt zu berichten wäre.

Schlagwörter: Rezension, Schulgeschichte, Zeitgeschichte

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