5. November 2006

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Amalie Teutsch: Wo ist unsere Heimat

Drei Heimat-Gedichte von Amalie Teutsch, geborene Rhein, geboren am 13. März 1876 in Kronstadt, gestorben am 3. Juli 1955 in Wien, Tochter des Wollwebers Paul Rhein aus Kronstadt (1846 - 1924) und der Amalie Rhein, geborene Loy, aus Kronstadt (1855 - 1941), Gattin des Kürschnermeisters Josef Teutsch aus Kronstadt (1872 - 1926).
Wo ist unsere Heimat, frug mich mein Kind,
ist sie dort, wo wir geboren sind?
Ist sie dort, wo wir unsere Jugend verträumt,
oder in der Stadt von Bergen umsäumt?
Nein, sprach ich, wo ihr geboren, waren wir Gäste,
fremd war uns das Volk und fremd seine Feste.
Wo eure Kindheit so sorgenlos,
auch dort sind wir nur Gäste bloß.
Die Wurzel, die euch und uns verband,
sie liegt im Siebenbürgerland.
Das Volk der Sachsen sind eure Ahnen,
die einst aus deutschen Landen kamen.
Dort ist eure Heimat, dort unter der Zinne
liegt das schöne Kronstadt, und manche Ruine
kündet der Väter tapfere Wehr,
zum Ruhme des Volkes und euch zur Ehr.


Wien, am 28. Mai 1937


Heimweh


O Heimatland, wie lieb ich dich,
ich liebe dich so sehr,
ich sah die Welt, ich sah das Meer
und sehnt mich noch viel mehr
nach deinen Bergen, deinen Höhn,
dem blumenreichen Tal,
ich habe viel erlebt, geseh’n,
du bliebst mein Ideal.
Und wenn ich dann bin wieder dort,
hör meiner Sprache Laut,
ist heimlich mir ein jedes Wort,
ein jeder Weg vertraut.
Mich hat des Schicksals dunkle Nacht
Entführt dem Heimattal.
Es lockte uns die fremde Pracht,
fremd blieb ich überall.
O Heimatland, ich liebe dich,
ich liebe dich so sehr,
und jetzt ist alles fremd um mich,
so oft ich wiederkehr.


Wien, am 8. August 1937


Das Vaterhaus


Weit von hier steht mein Vaterhaus,
nach der Zinne Grün sah oft ich hinaus
und hörte der alten Bäume brausen,
und sah den Wind durch die Blätter sausen.
Im Stübchen da träumt’
ich den schönsten Traum,
sah morgens die Sonne am Himmelssaum.
Alles ändert im Leben sein Gesicht,
das Vaterhaus bleibt so, es ändert sich nicht.
Das Leben verging, ein langes Leben,
reich an Glück und Schaffen und Streben.
Und viele, die man im Leben geliebt,
sind nicht mehr auf Erden, doch eines das blieb:
Das Vaterhaus.
Es erlebte Freude und Leid mit uns allen,
trotz Krieg und Not, es ist nicht gefallen.
Es blieb wie ein Schutz in schwerer Zeit,
es war uns ein Hort in Freude und Leid.
Es birgt noch das Beste, was wir lieben,
nicht vielen ist dieses Glück beschieden,
das Mutterherz schlägt uns noch allen dort,
im Vaterhaus, im Heimatort.

Wien, am 6. September 1937

Dann ward es leer das Vaterhaus,
ohne uns trug man die Mutter hinaus
und bettete sie zur letzten Ruh.
Wir kamen, und kamen zu spät dazu.


Kronstadt, Mai 1941

Schlagwörter: Schriftsteller

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