14. September 2008

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Wo noch die "Kultur der Sommerfrische" zu Hause ist

Am liebsten hätte sie ihn nicht gefeiert, ihren Achtzigsten, doch daraus wurde nichts. Dazu ist Erika Messner viel zu bekannt und die Zahl ihrer Freunde und Bekannten einfach zu groß. Nur wir haben das Datum (20. November 2007) glatt verschlafen, weshalb wir die Nachricht hier mit unseren besten Wünschen nachreichen.
Dabei hatten wir Frau Messner und ihre le­gendäre Villa Paulick am Attersee vor Jahren schon mal ausführlich vorgestellt (siehe „Som­merfrische wie zu Kaisers Zeiten“, in der Sie­benbürgischen Zeitung vom 20. August 2003). Die in Wels ansässige, doch während der Som­mermonate in ihrer Villa am Attersee lebende Siebenbürgerin ist jedem Klimt-Fan von Japan bis Amerika ein Begriff. Hier suchte Gustav Klimt seine Lebensgefährtin, die renommierte Wiener Modeschöpferin Emilie Flöge, während der stets am Attersee verbrachten Sommerfri­sche auf, und ebenfalls hier lebte später Trude Flöge (gest. 1971), die Nichte Emilies – eben jene Dame, der einst die Villa gehörte. Frau Erika „Eri“ Messner mit dem neuen Bild­band ...Frau Erika „Eri“ Messner mit dem neuen Bild­band „Der Attersee. Die Kultur der Sommerfri­sche“ auf der Terrasse ihrer Künstler-Villa in Seewalchen am Attersee. Foto: der Verfasser Eine merkwürdige Reihe von Zufällen brachte es mit sich, dass die Villa mehrfache Bezüge zu Rumänien besitzt. Zum einen gilt mittlerweile als erwiesen, dass die Villa Paulick mit ihrem „Turm-Villen“-Stil dem Architekten Johannes von Schulz beim Bau des Schlosses Pelesch als stilistisches Vorbild diente (Schulz hatte die von Ar­chitekt Wilhelm von Doderer begonnene Arbeit am rumänischen Königsschloss 1876 übernommen; siehe hierzu Ruxanda Beldimans Beitrag in „Gustav Klimt und die Künstler-Compagnie“, Wien 2007); zum anderen waren es der gleiche Gustav Klimt und sein Bruder Ernst Klimt, die sich zusammen mit Franz Matsch (das Trio hatte sich um 1880 unter dem Namen „Die Künstler-Compagnie“ zusammengeschlossen) an der Aus­malung des rumänischen Königs­schlosses 1883-1886 beteiligten. Die Villa Paulick am Attersee mit ihrem deutschen Neo-Renaissance-Stil sollte Gustav Klimt freilich erst viel später über Emilie Flöge kennenlernen.

Attersee – für den Wiener ein Synonym für tür­kisblaues Wellenspiel, bunte Bauerngärten und verschlafene Bürgervillen – unbeschwerte Som­merfrische eben, wie sie im Buche steht. Ein solches ist nun vor wenigen Wochen erschienen: Erich Bernhard (Hg.): „Der Attersee. Die Kultur der Sommerfrische“. Der opulente Bildband aus dem renommierten Christian Brandstätter Ver­lag mit seinen prächtigen alten und neuen Auf­nahmen wäre für diese Zeitung freilich noch kei­ne Meldung wert, wenn darin nicht mehrfach auch Frau Messner und ihre längst legendäre Villa Paulick vorkommen würden. Seit den 70er Jahren vermietet sie die wunderbar altmo­di­schen Holzfußbodenzimmer nach Familientradi­tion an langjährige Gäste des Hauses (fließendes Wasser gibt’s seit einiger Zeit natürlich auch!), hat aber auch viel mit ihrem Wissen und den Objekten aus ihrem Besitz zur Kultur- und Kunstgeschichte der Region beigetragen. „Eri Messner, unserer stets liebenswürdigen ...„Eri Messner, unserer stets liebenswürdigen ‚Hochzeits-Wirtin‘ herzlich zugeeignet. Bern­hard Barta, diesmal im Bootshaus am Freitag, den 13. Juli 2007“. Widmung mit einer Zeich­nung Dr. Bartas in dessen Buch „Das Maler­schiff. Österreichische Künstlerkreise der Zwi­schenkriegszeit (2007). Die Zeichnung zeigt den Blick von der Terrasse auf das Bootshaus der Villa Paulick. Foto: der Verfasser Alles, was Rang und Namen in der österreichischen Kunstszene hat, war schon mal da und zu vielen hat sich auch ein sehr persönliches Verhältnis entwickelt, etwa zu Dr. Walter Ko­schatzky (langjähriger Direktor der Albertina), dem Kunstbuchverleger Dr. Christan Brandstät­ter („noch ein Kavalier der alten Schule“) oder dem Kunstsammler Dr. Rudolf Leopold, dessen Privatsammlung von Malern wie Schiele, Klimt und Kokoschka den Grundstock für ein Museum zur Kunst der frühen Moderne bildet („Stiftung Leopold“). Zur Zeit geht häufig eine Doktoran­din ein und aus, weil sie eine Dissertation über Richard Teschner, Klimts Künstlerkollegen, schreibt („die beiden konnten sich überhaupt nicht leiden“), mit dessen Graphiken und Stabpuppenentwürfen Frau Messner ein ganzes Museum füllen könnte. So ist es auch kein Wun­der, dass derzeit Exponate aus ihrem Besitz in St. Wolfgang unter dem Motto „Maler, Musiker und Dichter auf Sommerfrische“ zu sehen sind – darunter das alte Gästebuch und der von Teschner gefertigte Hausgott der Villa Paulick (die Ausstellung „Salzkammergut – OÖ. Landesausstellung 2008“ wird noch bis zum 2. November nach Schwerpunktthemen geordnet an 14 Ausstellungsorten „dezentral“ gezeigt). Die eigentliche, höchst sehenswerte „Leitausstellung“ befindet sich in Schloss Orth in Gmunden.

Nicht das Buch zu dieser Ausstellung, aber wunderbar passend dazu das ebenfalls in diesem Sommer erschienene Buch „Künstler & Kai­ser im Salzkammergut. Anekdotisches zur Som­merfrische um Gustav Klimt, Kaiser Franz Joseph, Johann Strauß & Co.“ Es ist randvoll mit Infotainment auf hohem Niveau angefüllt und reich illustriert. Sein Verfasser ist der junge Kunsthistoriker und Kulturjournalist Bernhard Barta und natürlich auch ein Freund des Hau­ses. Das der Villa Paulick gewidmete Kapitel endet mit einem Wunsch, dem wir uns gerne anschließen: „Als Flöge 1971 stirbt, vermacht sie das erfrischende Sommerhaus ihren Freun­den, dem Ehepaar Messner. Eri Messner führt es in Trudes Gedenken weiter. Als Pension für die Stammgäste. Und für die Künstler! So kommt es schon vor, dass an einem schönen Juliabend der Pianist Jörg Demus am Ehrbar-Flügel in die Tasten greift oder Christian Ludwig Attersee die knarrende Treppe zum Turmzimmer emporsteigt. Und so soll es auch bleiben in der Künst­lervilla Paulick am Attersee ...“

Siebenbürgische Gastfreundschaft mit hausgemachter Marmelade und altösterreichischem Ambiente? In Eri Messners Villa ist beides zu haben. Und mit großem Glück vielleicht auch ein Zimmer. Ach ja: Keine halbe Autostunde weit entfernt liegt Linz, die Europäische Kultur­hauptstadt 2009. Mal sehen, ob die Linzer würdige Nachfolger von uns Hermannstädtern werden. So viel Lokalpatriotismus darf, nein: muss schon sein.

Konrad Klein

Schlagwörter: Kunst, Kunstgeschichte

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