2. November 2008

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Barockensemble „Transylvania“: Von der Leichtigkeit musikalischen Seins

Am letzten Freitag im September gastierte im Stuttgarter Haus der Heimat das inzwischen nach über 400 Konzerten weithin bekannte Barockensemble „Transylvania“ aus Klausenburg. István Nagy (Traversflöte), Zoltán Majó (Blockflöte), Ciprian Câmpean (Violoncello) und Erich Türk (Spinett) wurden von Siegfried Habicher in den drei Sprachen Siebenbürgens begrüßt, wodurch schon zu Beginn eine wohlige Stimmung aufkam, die den ganzen Abend erhalten blieb.
Letzteres war dann den Künstlern zu verdanken, deren lockere Virtuosität und harmonisches Zusammenwirken sowie die natürlich wirkende Leichtigkeit ihres „Spiels“ – teils auf Nachbildungen historischer Instrumente – für anderthalb Stunden eine ganz eigenartige Wirklichkeit entstehen ließen. Für die Zuhörer von nah und vor allem fern stellte sich urplötzlich eine neue Normalität ein, das ganze optische Umfeld schien darin einen angestammten Raum zu haben: die abendliche Schlossstraße im Hintergrund mit der präzise wechselnden Leuchtreklame, mit der in regelmäßigen Abständen haltenden und startenden U-Bahn, den geduldig wartenden oder gemütlich schreitenden Fahrgästen, ... irgendwie gliederte sich das alles organisch in ein abendliches Bühnenbild für die davor entstehende Klangwelt ein.


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Barockensemble Transylvania
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Der Abend begann mit der „Triosonate a-Moll TWV 42:a 4“ von Georg Philipp Telemann, gefolgt von Werken zweier weniger bekannter Komponisten des Barock, der „Sonate G-Dur op.2“ für zwei Flöten von Gottfried Finger und dem „Trio in G-Dur“ von Giovanni Piatti, sowie Joseph Haydns „Londoner Trio Nr. 1 C-Dur“. Die musikalische Vielfalt der siebenbürgischen Kulturlandschaft wurde verdeutlicht mit dem in Hermannstadt entdeckten „Thema con variationi G-Dur“ für Klavier des zeitweilig hier tätigen Philipp Caudella, einer anonymen „Transylvanischen Tanzsuite“ aus dem 18. Jahrhundert sowie der von Hans Peter Türk zur „Partita In Stile Antico“ bearbeiteten Volkslieder „Owend äs et worden“, „Et saß e klein Waldvijelchen“ und „Na wälle mer gohn“.

Das zahlreich erschienene Publikum fühlte sich in das musikalische Geschehen eingebunden und durch Erich Türks kompetente wie kurzweilige Ansagen angenehm durch das ausgewogene Programm mit Werken aus vier Jahrhunderten geleitet. Als eine der Konstanten im Leben der Komponisten schimmerte immer wieder das Phänomen der Emigration durch, weswegen es nicht verwunderlich erscheinen darf, dass die meisten der dargebotenen Kompositionen in einem Gebiet entstanden, dessen Grenzen im Osten die Karpaten und im Westen die Themse bildeten.

Den vier Künstlern gelang es immer wieder, diese große zeitliche wie räumliche Spannweite auf den jedes Mal neu entstandenen musikalischen Augenblick zu bündeln. Die Frage nach einem möglichen Geheimnis der Wirkung ihres „Spiels“ blieb im Raum hängen: Ist die Gediegenheit ihres musikalischen Leistungsvermögens und ihre Mitteilsamkeit in einer zeitlichen Größe, nämlich im Altersunterschied von fast 30 Jahren zwischen dem Ältesten und dem Jüngsten des Quartetts, zu finden? Es sind die Unbekannten, die das besondere zum höheren Erlebnis werden lassen.

In der Originalität seiner Klangfülle konnte sich jedes der Musikinstrumente als ausgeprägte Individualität mit zum Teil unerwarteten Effekten aus dem Ganzen lösen, um dann ungezwungen in die Beschaulichkeit des Gesamtgefüges zurückzufinden. So das Traverso, wenn István Nagy mit seinem virtuosen und nuancierten Spiel den Zuhörer wissen lässt, dass er eigentlich auf dem barocken Vorfahren unserer modernen Querflöten musiziert, oder wenn Zoltan Majó an der Alt-Blockflöte gleichermaßen Tiefe und verspielte Leichtigkeit vermittelt. Ähnliches ließe sich von dem mit Darmsaiten bespannten Violoncello sagen, wenn Ciprian Câmpean in der Tanzsuite gezupfte Gardanjtöne in der Art szeklerischer Musikanten erzeugt, oder Erich Türk dem Spinett Hackbrettklänge entlockt.

Haydn-Werke gespielt mit Instrumenten des Barock? Das ist Stilbruch, könnte man sagen. Doch sei hier die „andere“ Sichtweise zugelassen, wonach ein Musikinstrument dem ureigenen Sinn seiner Bezeichnung gerecht werde, nämlich ein (technisches) Mittel zum (musikalischen) Zweck zu sein. Erich Türks Hinweis, dass „zur Zeit der Klassik die Instrumente des Barock nicht von heut’ auf morgen verschwanden“, bringt Joseph Haydns „Londoner Trio Nr. 1 C-Dur“ dem Geist seiner Entstehungszeit näher, und das mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Struktur der Komposition in besonderer Klarheit hervortritt. Gleiches gilt für das „herzige“ Musikstück (Originalton Erich Türk) von Philipp Caudella.
Historische Instrumente bergen in sich Ursprünglichkeit, die aber in einem weit höheren Maße in der Verbindung zur Volksmusik verankert ist. Beide Aspekte vereinten sich in der Darbietung der „Transilvanischen Tanzsuite“ und wurden erst recht in Hans Peter Türks „Partita In Stile Antico“ deutlich erkennbar. Irgendwie erschienen die an sich bekannten Lieder ein ums andere Mal bekannter inmitten der um sie kreisenden Bewegungen, getragen von der Lebendigkeit des Flötenspiels, der sprichwörtlichen Bodenhaftung des Violoncellos oder der ausgleichenden Rhythmik des Spinetts. Als Allemande, Sarabande und Gigue werden diese mittelalterlichen Melodien zu ihrer wahrscheinlichen mittelalterlichen Urform, dem Tanz, zurückgeführt. In barockem Ambiente umhüllt Hans Peter Türk diese Volkslieder mit einem modernen Umhang und hebt so einmal mehr und wirkungsvoll die Schönheit der schlichten Originale hervor.

Wenn nun Ursprünglichkeit und Tiefe, Virtuosität und Natürlichkeit vereint einen Konzertabend prägen, wenn Bekanntes noch bekannter zu werden scheint, bliebe eigentlich nur noch hervorzuheben, wie – frei nach Milan Kundera – ach so erträglich die Leichtigkeit des musikalischen Seins sein kann.

Angela und Hans Seiwerth

Schlagwörter: Konzert, Stuttgart, Klassik

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