15. März 2009

„Haut den kleinen Hitler tot!“

Vor Jahresende brachte der internationale Hasefer Verlag, Bukarest, den zweisprachigen Band mit Erzählungen von Claus Stephani heraus: „Aaron cel curajos. Vom mutigen Aaron. Jüdische Geschichten aus den Karpaten“. Er vereint zwölf Erzählungen aus der einst farbigen, nun verschwundenen Welt des Ostjudentums, die der Herausgeber aufgezeichnet und bearbeitet hat.
Als dieser Band – neben anderen Neuerscheinungen – vor Presse und Fernsehen im Rahmen einer literarischen Festlichkeit im Bukarester Geschichtsmuseum am Universitätsplatz vorgestellt wurde, würdigte Verlagsleiter Stefan Iureş die vielseitige Tätigkeit des siebenbürgischen Ethnologen und Schriftstellers, der sich „immer noch seiner Heimat am Rande der Karpaten verbunden fühlt, wie seine in den letzten Jahren bei Hasefer erschienenen Bücher zeigen“. Claus Stephanis Märchen- und Sagensammlungen erschienen bisher in verschiedenen deutschen, rumänischen, italienischen und amerikanischen Ausgaben; sie wurden außerdem zum Teil auch in englischen, russischen, ukrainischen, hebräischen, polnischen, mazedonischen und dänischen Publikationen übersetzt und nachgedruckt.

Die Erzählungen des vorliegenden Buches faszinieren einerseits durch authentisch sprachliche Eleganz, andererseits durch die unmittelbare Lebendigkeit, mit der seltsame Ereignisse von seltsamen Menschen mitgeteilt werden. Dabei hat der Herausgeber eine Reihe von Ausdrücken aus dem lokalen Sprachkolorit beibehalten. So findet man in den Texten immer wieder auch jiddische Wörter, die aber auf derselben Seite in einer Fußnote erklärt werden. Dadurch öffnet sich, wie Claus Stephani in seinem ausführlichen Nachwort schreibt, „ein Fenster“ zu einer eben noch fernen Welt, die aber nun wieder auflebt; und man meint manchmal tatsächlich, die verschiedenen Hauptfiguren sprechen zu hören.

Diese Welt der Selbsterlebnisse und märchenhaften Geschichten aus den nordsiebenbürgischen Karpaten vermittelt aber auch Bildnisse anderer Völker, die zum Teil auch heute noch in jenen historischen Kulturlandschaften, wie z. B. im alten Marmatien, der Maramuresch, leben. So treten immer wieder im Handlungsgeschehen neben Ostjuden auch Zipser Sachsen, Ruthenen, Rumänen, Sathmarschwaben, Slowaken, Polen und Armenier auf. Es ist eine Multiethnizität, die hier im Alltag wie auch in der Volkserzählung selbstverständlich vorhanden ist.

Das dürfte auch einer der wichtigsten Aspekte sein, die diesen Erzählband auszeichnen: Die Welt von gestern, die durch geschichtliche Ereignisse vernichtet wurde, oder infolge von Vertreibung und Aussiedlung verschwunden ist, könnte vielleicht wiedererstehen, um dann eine Welt der Zukunft zu sein. Das jedenfalls signalisieren diese volkstümlichen und offenherzigen Erzählungen, so wenn der Schneidermeister Moses Pollak aus Oberwischau von einer Begebenheit berichtet, die sich im Mai 1946 in Saplontz (Săpânţa), einem Dorf an der Theiss, zugetragen hat. An jenem Tag ist Wochenmarkt in Saplontz, und da wollen zwei betrunkene rumänische Bauern Franz Schiesser, einen Zipser Sachsen aus Oberwischau, früher Mitglied in der Waffen-SS öffentlich totprügeln. Schiesser ist klein und schwächlich und kann sich nicht wehren. Rasch hat sich eine schaulustige Menschenmenge angesammelt. Die ermutigt durch lauten Beifall die beiden Bauern und brüllt immer wieder: „Haut den kleinen Hitler tot!“ Zufällig befinden sich in der Nähe auch zwei Oberwischauer Juden, Moses Pollak und Siegfried Deutschmann. Pollak, ein athletisch gebauter Mann, jagt mit einigen gezielten Fausthieben die beiden Schläger in die Flucht und rettet so dem Zipser das Leben.

„Aber warum hast du, Mojsche, das getan, weil du weißt, wer ich bin?“ fragt ihn danach Schiesser, während die Zuschauer wegen des Ausgangs ihre Unzufriedenheit kundtun. Sie hätten nämlich gern den Deutschen tot am Boden gesehen. Und Pollak antwortet ihm: „Ich weiß nicht, ob du bist gewesen ein großer Hitlerist, weil ich war gewesen im Lager, in Auschwitz. Aber eines weiß ich: Kein Schejgez (Bauernlümmel) darf bestrafen andere Leute. Und wenn du gewesen bist ein schlechter Mensch, wird dich bestrafen der Oberste, Gott allein. Gelobt sei sein Name.“

Es ist eine zutiefst beeindruckende Geschichte, die zum Nachdenken anregt, ob Vergeltung immer der richtige Weg ist. Im gleichen Text folgt die Erzählung, „Vom mutigen Aaron“, die dem Buch den Titel gab. Dieser Aaron ist allerdings eine andere Gestalt, die es, so der Gewährsmann, auch tatsächlich gegeben hat. Und Aaron, „der Hamal“, ein Lastenträger, rettet eine Frau, die von ihrem Mann, einem Ruthenen, des Ehebruchs bezichtigt wird, durch seine mutigen und klugen Worte vom öffentlichen Lynchtod. So vermittelt jede Erzählung tiefe Lebensweisheit und moralische Erkenntnisse.

Es sind sehr lebendige Geschichten aus einer versunkenen Welt. Die kunstvolle Gestaltung des Umschlags stammt vom rumänischen Stargrafiker Done Stan. Für die Übertragung ins Rumänische, die sich für Sprachkundige angenehm zum Mitlesen anbietet, zeichnet die bekannte Übersetzerin Ruxandra Georgeta Hosu.

Das Buch von Claus Stephani, „Vom mutigen Aaron. Jüdische Geschichten aus den Karpaten“, zweisprachige Ausgabe, Hasefer Verlag, Bukarest, 245 Seiten, ISBN 978-973-630-171-1, 12,80 Euro, ist in Rumänien in jeder größeren Buchhandlung erhältlich. In Deutschland kann man den Band in der Münchener Literaturhandlung, St. Jakobsplatz 18, kaufen, Bestellungen und Versand über die Literaturhandlung (E-Mail: literaturhandlung [ät] t-online.de), Fürstenstraße 11, 80333 München, Telefon: (0 89) 2 80 01 35.

Angela Popa


Schlagwörter: Literatur, Juden, Stephani

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