2. April 2009

Das literarische Jahrbuch „Apoziţia 2008“

Lange Jahre während der Stationierung des US-Senders Freies Europa war München die Heimstätte der größten rumänischen Gemeinde in Europa außerhalb Rumäniens. In der bayerischen Hauptstadt lebten mehr Rumänen als beispielsweise in Madrid oder Paris. Entsprechend rege manifestierte sich rumänisches Kulturleben.
Aus jener Zeit datiert auch die Gründung der Literaturgesellschaft „Apoziţia“, die der ehemalige Seemann Ion Dumitru (*1937), ein Geologe und Geograph, ins Leben rief. „Apoziţia“ überdauerte den Zusammenbruch der kommunistischen Regime, in dessen Gefolge die Zahl der Rumänen in München naturgemäß sank. Bis heute hielt sich das literarische Jahrbuch Apoziţia, deren letzte Folge vor kurzem erschien: „Revista Apoziţia 2008. Publicaţie anuală a Societăţii Culturale Româno-Germană. Deutsch-Rumänische Kulturgesellschaft e.V. München.“

Der 416 Seiten starke Band ist auch diesmal das Werk vor allem der – ehrenamtlichen – Arbeit des Architekten und Architekturtheoretikers Dr. Gheorghe Săsărman und des Philologen Dr. Gelu Ionescu, die rund vierzig Autoren zur Bereitstellung von Texten gewannen; zu ihnen gesellen sich sieben bildende Künstler, deren Arbeiten den Band illustrieren. Die Literaturgattungen, die dem Leser von Apoziţia 2008 angeboten werden, reichen von der Erzählprosa bis zur Lyrik, von der philosophischen Abhandlung bis zum Aphorismus, von der Memorialistik bis zur Literaturgeschichte.

Durchwegs muss den Beiträgen, selbstverständlich mit einigen Schwankungen, gutes, zum Teil ausgezeichnetes Niveau und erheblicher Informationswert zugestanden werden. Erinnert sei hier allein an Gelu Ionescos philosophische Ausbreitung „Limpezi sunt numai lucrurile negate“ (Klar ist allein, was negiert wird), an die sprachgeschichtlichliche Skizze „Slavonismul cultural la români in evul mediu“ (Der mittelalterliche Kulturslawismus der Rumänen), an Gheorghe Săsărmans psychologisch delikate Erzählung „Legătura de chei“ (Der Schlüsselbund). Es ließen sich weitere nennen.

Unter den Autoren des Bandes findet sich eine Reihe deutscher Autoren, deren Texte zweisprachig veröffentlicht wurden – deutsch und rumänisch in Übersetzungen von Mariana Săsărman, Anca Cernea, Virgiliu Petala und Gheorghe Săsărman, Ion Dumitrus Übertragung ins Rumänische aus Goethes „Urfaust“ verdient die besondere Erwähnung – was keiner Erläuterung bedarf. Auch die Übersetzungen zeugen von Professionalität. Die deutschen Autoren des Bandes in alphabetischer Reihenfolge: Hans Bergel, Franz Hodjak, Johann Lippet, Peter Motzan, Dieter Schlesak, Werner Söllner, William Totok. Diese Reihenfolge brücksichtigten auch die Herausgeber bei der Anordnung der Texte.

Bergel ist mit dem novellistisch vorgetragenen Bericht „Der Schwarze Fürst“ (Negru Vodă; M. Săsărman) aus einem im Frühjahr 2009 zu erwartenden Buch vertreten. Von Hodjak sind sieben Gedichte zu lesen (Gh. Săsărman), von Lippet zehn (Gh. Săsărman). Motzan trug literaturhistorische Anmerkungen über „rumäniendeutsche Literatur“ bei (M. Săsărman), Schlesak Bruckstücke aus seinem „Vlad“-Roman (V. Petala). Söllner erscheint mit drei Reimgedichten (Gh. Săsărman) und Totok mit Ausführungen über einen „stalinistischen Prozess“ aus dem geplanten Buch „Der Bischof, Hitler und die Securitate“ (V. Petala).

Gediegen aufgemacht (Broschur), ordentlich umbrochen und mit Glanzpapierseiten für einen Großteil der Bildbeilagen versehen, lässt die Publikation kaum zu wünschen übrig. Unbegründet erscheint lediglich der unterschiedliche Umfang der Angaben zu Vita und Werk der Autoren – sie schwanken zwischen fünf und fünfundsiebzig Zeilen. Den Herausgebern ist für die künftigen Ausgaben des Apoziţia-Jahrbuchs der lange Atem gewünscht, den vor allem die Finanzierung der Bände erfordert. Dieser Band – das steht außer Frage – ist den anspruchsvollsten vergleichbaren Periodika überlegen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Rumänien erscheinen. Rückblickend galt das auch schon für die Jahrgänge 2006 und 2007.

Hans Bergel

Externer Link:

Webseite der rumänischen Literaturgesellschaft„Apoziţia“

Schlagwörter: rumänische Literatur, deutsch-rumänische Beziehungen, München

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