25. Oktober 2009

Oskar freut sich

Hoch sind die Wellen, die Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ schlägt. Und darin die Erinnerungen des Oskar Pastior alias Leopold Auberg an seine Deportation nach Russland im Januar 1945 und die fünf Jahre Arbeitslager in der Ukraine. Für die Schwester des siebenbürgischen Lyrikers, Anne-Sabine Pastior, vermischte sich beim Lesen des Romans Literarisches mit Persönlichem, wie ihre nachfolgenden Erinnerungen und Reflexionen eindrücklich bezeugen.
Um mit dem Persönlichen zu beginnen. Ein mir weitgehend unbekannter, weil viel älterer Bruder, der nach seiner Rückkehr weder über seine Gefühle, noch über seine Erlebnisse auch nur ein einziges Wort verloren hat. Höchstens mal für uns beide viel jüngeren Geschwister die abenteuerliche Geschichte vom schneeweißen Taschentuch, das er geschenkt bekommt von einer alten Russin, als ihm die Nase läuft über dem Teller heißer Suppe, den sie ihm gegeben hat, im Gedenken an ihren fernen Sohn, irgendwo im Krieg. Die Rückblicke des Romanhelden Leo Auberg auf sein früheres Zuhause in Hermannstadt sind nicht immer freundlich, er scheint sich ja ganz gern abgenabelt zu haben. Und macht sein Heimweh immer „herrenloser“. Und doch bricht er in Tränen aus, als die Nachricht kommt von der Geburt des jüngsten (im Roman einzigen) Bruders, den er zum „Ersatzbruder“ erklärt. Als ob seine (und auch meine) Eltern ihn, den Leo Auberg, längst als tot aufgegeben und schon für Nachschub gesorgt hätten. Psychologisch verständlich, diese bittere Deutung des Leo, aus seiner Zwangslage heraus.

Hätte Oskar nur annähernd gewusst, wie sehr seine Abwesenheit in unserer Familie in jenen Jahren dauernd anwesend war – es fehlte ja ein Familienmitglied - bis hin zu den allabendlichen Kindergebeten, die unsere Mutter jedes Mal enden ließ mit dem Wunsch, er, der Oskar, möge bald wieder nach Hause kommen. Wie ein Mantra der Prophezeiung, die die Großmutter dem 17-jährigen Leo beim Abschied mit auf den Weg gegeben hatte: „Ich weiß, du kommst wieder!“ Und so war es dann auch. Aber der wiederkam, war ein Fremder geworden für die ihn vorher kannten. Und ihn auf die Lagerzeit anzusprechen getraute sich wahrscheinlich niemand aus der Familie – um ihn zu schonen? So wurde Oskars stiller Vorwurf über den „Eratzbruder“ nie aufgeklärt. Ich habe später in Gesprächen mit Oskar oft versucht, mich dem Wesen dieses „großen Unbekannten“ zu nähern. Vor allem über das Thema Sprache und Identität. Wir konnten damit nie auf einen grünen Zweig kommen: „Ich mache die Sprache nicht, die Sprache macht mich“ war Oskars Standardsatz. Ich fand das eine entlehnte Identität statt einer aus sich selbst heraus. Nirgends anders als in Wörtern zuhause - diese Sprachbeheimatung mag es sein, die der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Oskar und Herta Müller zugrunde liegt. Und die ein so grandioses literarisches Produkt hervorgebracht hat, wie es der Roman „Atemschaukel“ zweifellos ist. Wobei wir beim Literarischen wären.

Für Oskar zeitlebens eine Überlebensstrategie, könnte man sagen, die Realität durch Bilder, Metaphern, Wortschöpfungen zu bewältigen, zu ver-poetisieren, ohne damit jedoch ihren emotionalen Aspekt abzuschwächen. Eine ungewollte Zauberformel, die ihn zum großen Lyriker werden ließ. Es war seine Art – und wie ich meine, nicht erst durch die Deportation - sich und sein Wesen hinter seinen Gedichten zu verbergen – diese sollten für sich selbst sprechen. So gelingt es auch Leopold Auberg im Roman, den Leser mit lyrischen Assoziationen fast wegzulocken von der harten Wirklichkeit des Lageralltags. Wenn da nicht die kantigen, emotionslosen, kurz gestrickten und in ihrer Direktheit grausamen Sätze der Herta Müller wären, die den Leser mit ungeheuerer Wucht anspringen. Den Hunger, den Oskar zu einem dämonischen Quälgeist-Engel personifiziert – wohlgemerkt, um ihn außerhalb sich selber zu bannen und ihm dadurch weniger ausgeliefert zu sein - beschreibt Herta Müller in seinen verheerenden Auswirkungen bis hin zu Verrat und Tod gnadenlos. Es scheint Herta Müllers großes Thema zu sein, seit eh und je: die Anklage all dessen, was nicht stimmt(e) in ihrem Leben. Und diese Anklage äußert sie, wo immer sie kann, wortgewaltig und ohne Rücksicht auf Verluste. So wird Herta Müllers schuldzuweisender Finger in diesem Roman zum spotlight auf das Schicksal der 80 000 deportierten Siebenbürger Deutschen, die Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg als Arbeitskräfte von Rumänien verlangte. Damit wird „Atemschaukel“ auch politisch zu einem wichtigen Zeitdokument. Und hat gleichzeitig einen ganz besonderen Charme: Herta Müllers Sprache erschüttert in ihrer Kargheit. Oskars Wortbilder trösten durch ihre poetische Verschlüsselung.

Die Zusammenarbeit zwischen Herta Müller und Oskar Pastior mit einem so schönen Resultat konnte nur zustande kommen, weil Oskar sich scheinbar dazu entschlossen hatte, sich seine Lagererfahrungen endlich einmal von der Seele zu erinnern. Herta Müller hat dies große Vertrauen verdient und ein wunderbares Buch daraus gemacht, das sicher entscheidend dazu beigetragen hat, dass ihr der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde. Damit wird nicht nur die Deportation der Siebenbürger Sachsen weltweit bekannt, sondern auch ein wichtiger Roman der zeitgenössischen deutschen Literatur zu Weltliteratur.

Oskars unerwarteter Tod mitten im Entstehungsprozess des Romans…ich glaube fast, er kam ihm irgendwo gelegen. Er hatte alles erledigt auf dieser Erde. Die Gesamtausgabe seiner Werke war erschienen, die Erinnerungen an seine Russland-Zeit wusste er in guten Händen, also war alles getan. Und so hat er sich still davongeschlichen. Jetzt sitzt er ja vielleicht auf einer Wolke, dreht sich eine Himmelszigarette und freut sich diebisch, dass er als Mitverursacher für diesen Medienrummel um seine Erinnerungen nicht dabei sein muss. Und vielleicht ist er ja auch froh, dass er die große Herausforderung für die Zukunft, die auf einem Nobelpreis-Schriftsteller als Bewährungsprobe ruht, nicht mittragen muss. Das bleibt jetzt Herta Müller allein überlassen. Ich wünsche ihr weiterhin viel Erfolg.

Anne-Sabine Pastior


Atemschaukel. Roman
Herta Müller
Atemschaukel. Roman

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
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Schlagwörter: Oskar Pastior, Herta Müller

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