13. November 2009

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Siebzehn Jahre Generalschulinspektor: Jakob Neumann (1920-2009)

Am 15. Oktober ist in Schwabhausen nahe München nach langer Krankheit ein altgedienter rumäniendeutscher Schulmann aus dem Leben geschieden: Jakob Neumann, vormals Direktor der Bukarester Deutschen Schule und Generalschulinspektor im Ministe­rium für Unterricht.
Jakob Neumann war in der zentralen Schulbe­hörde tätig, als Schulbildung für die deutsche Minderheit eine so große Rolle spielte wie nie zuvor. Im Herbst 1948 hatte die Parteiführung mit Blick auf die geplante Industrialisierung auch für die deutsche Minderheit in Stadt und Land Schulen einrichten lassen, um sie für den sozialistischen Aufbau zu gewinnen. Unsere Lands­leute sahen in den deutschen Schulen die Ge­währ für den Fortbestand der deutschen Min­­derheit und nahmen die Gelegenheit wahr, die soziale Position ihrer Kinder durch den Schulbe­such zu verbessern.

Der am 24. April 1920 in Perkos im Banat ge­borene Jakob Neumann besuchte das Deutsche Realgymnasium, anschließend die Deutsche rö­misch-katholische Lehrerbildungsanstalt in Te­meswar und erwarb 1938 das Lehrerdiplom. Nach zwei Berufsjahren in Neubeschenowa, Anina und Orawitza musste er zum Militär und diente während des Krieges in der rumänischen Armee. Seine berufliche Tätigkeit konnte er ab 1946 als Lehrer der konfessionellen Volksschule in Temswar-Josefstadt fortsetzen. Im Jahr der Unterrichtsreform wurde Neumann als Übungs­schullehrer in die dortige Deutsche Lehrerbil­dungsanstalt übernommen. Nach einem Inter­mezzo als Direktorlehrer in Temeswar-Fabrik­stadt und in Billed war er von 1950 bis 1956 Di­rektor der Bukarester Deutschen Schule. Diese hatte man aus schulischen Einrichtungen der Buka­rester Evangelischen Kirche, die schon vor dem Krieg existierten, zusammengestoppelt.

In Bukarest heiratete Neumann die aus Her­mannstadt stammende Sprachlehrerin Erika Weber und wohnte in der Dienstwohnung der Schule, die sich in der Strada Luterană befand, neben der evangelischen Kirche. Seine Eltern leb­ten von 1951 bis 1956 als Deportierte im Bă­răgan in der Nähe von Slobozia. Besuche dort wa­ren von den Behörden unerwünscht. Um sie zu sehen, wateten Jakob und Erika Neu­mann im Sommer 1953 nachts durch den Ialo­miţa-Fluss, doch die Begegnung fand ein vorzei­tiges Ende, da die Miliz die Eindringlinge aushob und abführte.

Wochenlang auf Dienstreise

Ende 1956, als das Unterrichtsministerium eine Generaldirektion für die ethnischen Min­der­heiten einrichtete, wurde Jakob Neumann zum Generalinspektor ernannt, zuständig vor allem für den Unterricht in deutscher Sprache. Seit der Entlassung von Michael Pfaff im Jahre 1950 hatte im Ministerium kein Vertreter der deutschen Minderheit mehr gearbeitet. Das Ministe­rium kontrollierte den Schulbuchverlag, mithin auch die 1956 in Temeswar gegründete Filiale für deutsche Lehrbücher. Dem jungen Generalin­spektor fiel sofort die Aufgabe zu, neue Autoren anzuwerben, unter diesen waren Arnold Pan­kratz, Georg Scherg, Anne Röhrich, Edda Ho­redt, Eva Pătrăşcanu, Maja Breckner und Paula Dorner-Kramer.

Über eine bedeutende Leistung Neumanns gibt die Entwicklung der Schülerzahlen Aufschluss. Im Schuljahr 1955/1956 waren in den deutschen Klassen der siebenjährigen Allgemeinschule ­ 21 020 Schüler eingeschrieben, in den deutschen Klassen des dreijährigen Lyzeums 2 460. Trotz des Geburtenrückgangs waren im Schul­jahr 1976/1977 in den deutschen Klassen der achtjährigen Allgemeinschule 41 737 Schüler eingeschrieben, in den deutschen Klassen der vierjährigen humanistischen und Reallyzeen 4 239 Schüler, in der deutschen Abteilung des Pädago­gischen Lyzeums von Her­mann­stadt noch einmal 284. Dazu kamen die Fachlyzeumsklassen. Ab 1968 erlaubte das Gesetz, für sechs Schüler im Grundschulalter einen Lehrerposten zu schaffen und für mindestens 15 deutsche Schüler eine V. Klasse einzurichten. Doch um diese für ein Land des Realsozialismus großzügigen Bestim­mungen umzusetzen, war viel diplomatisches Geschick erforderlich. In Neumanns Amtszeit fallen die Einrichtung der deutschen Lehrerbil­dungsanstalt in Hermannstadt, die Gründung von deutschen Schulen im Sathmarer Gebiet (wo es vorher kaum welche gab) und die Gründung einer deutschen Schule in Klausenburg.

Dahingeschieden – Jakob Neu­mann ...Dahingeschieden – Jakob Neu­mann Bei den Inspektionen wurde er von seinem Kollegen G. Drapaca unterstützt, der qualifizier­ter Deutschlehrer war und als Ukrainer einen kleineren Aufgabenbereich hatte. Wochenlang befanden sie sich zusammen auf Dienstreise. Die größten Schwierigkeiten ergaben sich aus der Eigenmächtigkeit der Kreisschulinspektorate, die oft Lehrkräfte in deutsche Schulen schickten, die des Deutschen nicht mächtig waren, obwohl sie damit gegen eine Verordnung des Ministe­riums verstießen. Abgesehen davon planten sie Jahr für Jahr zu wenige IX. Klassen für die deutschen Lyzeen ein.

Die Genugtuung

Infolge der mit den Dienstreisen verbundenen Strapazen musste Jakob Neumann sich zuletzt innerhalb von zwei Jahren zwei schwierigen Operationen unterziehen. Nach siebzehn Jah­ren aufreibender Arbeit verließ er das Ministe­rium, um wieder sesshaft zu werden. Er kehrte an die Deutsche Schule zurück, die inzwischen zweimal umgezogen war, zuletzt in die Nähe der Piaţa Romană. Dort wirkte er als Lehrer für Geografie und Geschichte wie auch als stellvertretender Schulleiter bis zur Pensionierung im Jahre 1981. Damals wohnte die Familie schon seit geraumer Zeit in einem Haus mit Garten am Colentina-See; der Rentner füllte einen guten Teil seines Alltags mit Gartenarbeiten aus. In je­nem Haus fanden die Feiern statt, als die Söh­ne Udo und Wolfgang heirateten und als deren Kin­der getauft wurden.

Auf die Frage, welcher berufliche Erfolg ihm besondere Genugtuung bereite, nannte Neumann den Ausbau des Systems von deutschen Klassen, die Einrichtung von deutschen Schulen für die Sathmarschwaben und seinen Beitrag zur Wie­dereinrichtung der Bukarester Deutschen Schu­le. Die Familie konnte erst nach dem Zusam­men­bruch des kommunistischen Systems, im Jahre 1991, nach Deutschland ausreisen. Jakob Neu­mann und seine Frau lebten sich in der 3 000-Seelen-Gemeinde Schwabhausen ein und fühlten sich dort wohl. Zur Heimat aber wurde diese nicht. Obwohl er 41 Jahre und sie 39 Jahre in Bu­karest gewohnt hatte, überwog bei ihm die Liebe zu seinem Heimatdorf Perkos und zu der Stadt Temeswar, wo er seine Jugend verbracht hatte, bei ihr die Liebe zum Hermannstadt ihrer Kind­heit. Heimat, meinten sie, hat man nur einmal.

Hans Fink

Schlagwörter: Nachruf, Schulgeschichte

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