8. März 2010

"Wie die Diskussion mit diesen Elementen organisiert wurde"

Besprechung des Buches „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung durch die Securitate“ von Johann Lippet, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009, 159 Seiten, 18,90 Euro.
Eine Geschichte sei erst zu Ende gedacht, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen habe, meinte Friedrich Dürrenmatt. Ein solches Denken setzt allerdings eine Übersichtlichkeit voraus, die einer wohl am eigenen Schreibtisch herzustellen vermag, wenn er in der Schweiz steht. Was aber, wenn dieser Schreibtisch in Ceauşescus Rumänien stand, die Schreibstube verwanzt war, wenn die Briefe, die an diesem Tisch geschrieben wurden oder auf diesen Tisch kamen, von anderen gelesen wurden, wenn die Worte, die einer hier schrieb oder draußen sagte, ohne sein Wissen erfasst und „übersetzt“ wurden – übersetzt in die Sprache der Staatsmacht? Und dies hieß im Fall eines deutschen Schriftstellers im kommunistischen Rumänien nicht nur, dass man sie ins Rumänische übersetzte, sondern dass man ihn damit als Staatsfeind überführen wollte. Das alles gab es in der Geschichte des Johann Lippet, die ihre schlimmstmögliche Wendung zwar nicht genommen hat, die er nun aber doch zu Ende zu denken versucht in einem Buch, indem er das, was die Staatsmacht vulgo Securitate über ihn zu Papier gebracht hat, seine, die Akte des „Informativen Vorgangs Luca“ chronologisch aufblättert und zum Sprechen bringt.

Der junge Banater Schriftsteller gerät ins Fadenkreuz des kommunistischen Geheimdienstes, gemeinsam mit einer ganzen Gruppe von Kollegen, die in den frühen siebziger Jahren in der Universitätsstadt Temeswar politische Frühlingsluft wittern und meinen, Ceauşescus Staat habe es ernst gemeint mit der Abkopplung von der Prager Invasion und einer Öffnung nach außen wie nach innen. Ernst meinen dessen Schergen etwas ganz anderes und werden es beim Meinen nicht bewenden lassen. Zu wenig noch ahnen die denkenden Dichter von der paranoid-aggressiven Schizophrenie des Systems, mit poetisch beseelter Treuherzigkeit und einem von der 68er Linken inspirierten Fortschrittsglauben machen sie sich ans Sinnieren, Schreiben, Diskutieren.

Es entstehen Texte, die nicht nur aus der schicksalhaft dramatischen neueren Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien und der Gegenwart einer zwischen ideologischem Anspruch und miserabler Wirklichkeit sich windenden „vielseitig entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ schöpfen, sondern auch in die prekäre Öffentlichkeit dieser Gesellschaft zielen, etwas bewegen sollen in den Köpfen der deutschsprachigen Leserschaft, aber auch darüber hinaus. An Zielgruppen denken diese jungen Leute nicht, dass sie aber selbst zu einer werden, ist ihnen zu jener Zeit, wenn überhaupt, nur vage bewusst.

Dass Manuskripte zurückgewiesen werden, dass „Quellen“ (Informanten) auf sie angesetzt, Gespräche abgehört oder per Spitzelbericht kolportiert werden, das ist ihnen bekannt, Johann Lippet weiß es nicht nur aus der Erinnerung, sondern findet es belegt: „Die Abhörprotokolle belegen zudem, dass die Annahme, abgehört zu werden, immer gegenwärtig war, denn ich sprach mit meinen Schriftstellerkollegen in codierten Sätzen. Und wenn in der Leitung ein Knacken oder Geräusch zu hören war, wurde die Befürchtung geäußert, dass die Aufpasser mal wieder mithören, auch diese Aussagen sind in den Abhörprotokollen vermerkt. Am meisten aber war ich darüber verwundert, dass die Securitate schon 1975 Kopiergeräte besaß, wie es die Kopien der Briefe in meinen Unterlagen bestätigen.“ Des Wunderns ist kein Ende, wohl auch über das eigene und kollektive Draufgängertum.

Was aus heutiger Sicht als Leichtsinn erscheinen mag, war schlicht der naive Glaube an Vernunft, das Beharren auf der Hoffnung, dass gesunder Menschenverstand sich durchsetzen würde, obwohl das System derlei noch nicht einmal zum Schein wahrte. Dazu kam wohl auch die Selbstgewissheit einer solidarischen Gruppe, dabei war gerade diese Gemeinsamkeit und Geistesverwandtschaft etwas, was sie besonders verdächtig machte. Sie taten – in der Wahrnehmung der Behörde: rotteten – sich zusammen in einer „Aktionsgruppe Banat“ und schritten zu allerhand Untaten: öffentlichen Literaturkreisen, Diskussionen und Publikationsvorhaben, die schon im virtuellen Stadium, geschweige denn nach sporadisch gelungener Drucklegung, harscheste behördliche Rügen herausforderten. Selbst in der deutschen Übersetzung hallt die hohle Sprache und die um so kernigere Drohung der Büttel nach: „Durch die Art und Weise(,) wie die Diskussion mit diesen Elementen organisiert wurde, durch die Zusammensetzung unseres Kollektivs, gelang es, ihre Behauptungen anhand konkreter Beispiele aus ihren Schriften zu bekämpfen und ihre Tätigkeit zu entlarven, sie gerieten in eine unangenehme Situation und mussten schließlich zugeben, dass ihnen Entgleisungen und Fehler unterlaufen sind, sie führten an, nicht ausschließlich unter diesem Aspekt beurteilt zu werden. Sie wurden darauf hingewiesen, ihre Tätigkeit zu korrigieren, andernfalls würden auch andere Maßnahmen gegen sie ergriffen werden, einschließlich Strafverfahren.“

So klopfen sich Propagandisten und Securisten nach einem „Gespräch“ auf die Schulterstücke. Das kann Johann Lippet jetzt in seiner Akte lesen, weit handfester noch ist aber, was ihm von jener Begegnung im Gedächtnis geblieben ist: „Ich erinnere mich, dass Oberst Cristescu zu Propagandasekretär Florescu sagte, dass er uns alle erschießen würde, ginge es nach ihm.“

Angelegt, ein Leben, wie es sich dieser junge Mann und seine Freunde vorstellten, zu verhindern, bietet „das Dossier“ jetzt einen Blick auf die ganze menschliche und unmenschliche Apparatur, die dazu eingesetzt wurde: „Es fallen die widersinnigen Anordnungen auf und die Vielzahl der Securitate-Offiziere, die an der Erarbeitung des Maßnahmenplans beteiligt sind. Die Securitate stand unter Druck, weil sie nicht einschätzen konnte, wie ich mich nach Stellung meines Ausreiseantrags verhalten werde, ob ich mit meinen Schriftstellerkollegen Aktionen plane. Man befürchtete eine Eskalation, deshalb sollten uns bei der Ausreise keine Schwierigkeiten gemacht werden.“

Dies ist eine Momentaufnahme von 1986, zu einem Zeitpunkt, als der „Informative Vorgang“ seinem vermeintlichen Abschluss entgegenstrebte, ohne dass er die „schlimmste Wendung“ genommen hätte. Zu Ende gedacht ist er jedoch auch heute nicht, im Leben und Schreiben des Johann Lippet wird die Akte weiterleben.

Georg Aescht (KK)

Schlagwörter: Rezension, Securitate, Schriftsteller

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Neueste Kommentare

  • 08.03.2010, 11:05 Uhr von getkiss: Ja, guter Artikel. Vor allem, weil Vorgänge korrekt und umfassend beschrieben sind, mit Akzent auf ... [weiter]
  • 08.03.2010, 06:40 Uhr von bankban: Guter Artikel. [weiter]

Artikel wurde 2 mal kommentiert.

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