24. Februar 2020

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Vortrag von Volker Petri in Wien über Nachbarschaft

Es war für uns Sachsen aus Wien und Umgebung wieder einmal ein Grund zu Freude und Genugtuung, HR Mag. Volker Petri, unseren Ehren-Bundesobmann, als Vortragsgast am 24. Januar in unseren Vereinsräumen begrüßen zu dürfen. Der Publikumsandrang ließ durch das gewählte Thema „Die siebenbürgisch-sächsische Nachbarschaft“ erklären.
Es ging um die europäisch einzigartige, die Jahrhunderte entlang reibungslos funktionierende Organisation der Nachbarschaften der Siebenbürger Sachsen, die älter als die siebenbürgische Kirche und viel älter als die ersten Schulen auf transsilvanischem Boden sind. Diese Nachbarschaften in den siebenbürgischen Dörfern, meistens die Familien eines Straßenzuges umfassend, überstanden alle aus dem Osten kommenden und den Karpatenraum heimsuchenden Eroberungsstürme und wurden ihrer Rolle als eine Instanz sozialer Kontrolle, als auch einer existenzsichernden Not- und Hilfsgemeinschaft gerecht.

Petri sprach zunächst über den Ursprung der Nachbarschaften aus dem germanischen Sippenverständnis heraus, dem sich nach der Christianisierung eine sittlich-ethische Komponente hinzugesellte. Die Entstehung der Nachbarschaften ist zeitgleich mit der Ansiedlungsperiode anzunehmen, doch die eigentliche rechtliche Grundlage bildete der Andreanische Freibrief 1224, der die Selbstverwaltung garantierte. Das älteste schriftliche Zeugnis einer funktionierenden Nachbarschaft datiert aus dem Jahr 1488 und nennt auch die Aktionen, die von dieser koordiniert wurden: Nacht-, Feuer-, Stadttor- und Predigt-Hut.

Zu den Nachbarschaften gehörten alle verheirateten und hofbesitzenden Männer mit ihren Familien. Geleitet wurden sie vom Nachbarvater. Nachbarmütter tauchen erst viel später auf. Nach der Reformation gibt es schon eine Reihe von Nachbarschaften in den größeren Städten und in einigen stattlicheren Gemeinden. In der Nachbarschaftslade werden das Kassabuch und die Statuten aufbewahrt; sie befindet sich in der Obhut des Nachbarvaters. Die Statuten enthalten die Pflichten und die Strafsätze für Verfehlungen oder Abweichungen von der Nachbarschaftsordnung und werden sehr streng geahndet, u. a. mittels drakonischer Geldstrafen. Die Statuten enthalten nicht die Rechte der Gemeinschaft, die kennt eh jeder. Auf die armen Nachbarschaftsmitglieder und die Witwen wird Rücksicht genommen. Die schwerste Strafe war der Ausschluss aus der schützenden, in allen Situationen helfenden Gemeinschaft.

Im 19. Jahrhundert und vor allem nach dem Ausgleich 1867, als die Ungarn den Nachbarschaften das Recht, über die Feldmark zu verfügen, entzogen, hielten die Nachbarschaften trotzig umso eher zusammen, um dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in den Städten ihre integrierenden Funktionen zu verlieren. Die Nachbarschaften funktionierten noch, mit Unterbrechung bis 1941, als sie nach der Gleichschaltung Siebenbürgens mit Berlin zusammen mit den Brüder- und Schwesternschaften verboten wurden. Nach 1945 wiederum verbot der sozialistische Staat sie, im Geheimen aber lebten sie, wenn auch auf Sparflamme, weiter. Die nach Österreich und Deutschland auswandernden Siebenbürger Sachsen nahmen die Idee der Nachbarschaften mit und gründeten in den neuen Siedlungsgebieten neue Nachbarschaftsvereine, allerdings mit anderen, den neuen Zeiten entsprechenden Aufgaben: Pflege geselliger Gemeinschaft, Pflege unserer siebenbürgischen Kultur und Integration in die deutsche bzw. österreichische Kulturlandschaft, sie zur neuen Identität österreichisch-siebenbürgisch-sächsischer Machart konfluieren lassend. Die diakonische Hilfe und die Förderung der Kontakte zu allen Föderationspartnern in der alten Heimat Siebenbürgen, in Deutschland, in Kanada, den USA und in der Schweiz), gehört auch dazu.

Diesen umfassenden Überblick von Volker Petri genossen die meisten Anwesenden trotz der traurigen Tatsache, dass Wien nurmehr eine Nachbarschaft, jene von Wien-Penzing, besitzt. Bei Würsteln und Bier klang der Abend in äußerst angenehmer Atmosphäre aus.

Kurt Thomas Ziegler

Schlagwörter: Vortrag, Petri, Wien, Nachbarschaft

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