12. November 2013

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Bemühungen um Wiederinbetriebnahme der Schmalspurbahn Wusch im Harbachtal

Wer heute mit dem PKW oder per Bus durch das Harbachtal fährt, stößt immer wieder auf Reste der Schmalspurbahn, die einst Schäßburg über Agnetheln mit Hermanstadt verband. Auf dem Abschnitt Schäßburg – Agnetheln wurde der Verkehr schon 1964 eingestellt und die Gleise abgebaut, während zwischen Agnetheln und Hermannstadt die „Wusch“ bis zum 1. September 2001 verkehrte (wenn zuletzt auch nur mit je einem Zug pro Richtung).
Zur Geschichte dieser Bahn: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschlossen die österreichisch-ungarischen Behörden den Bau von Nebenlinien, um Orte der bestehenden Hauptlinien miteinander zu verbinden. Diese Absicht nutzte Baron Gabor Apor aus Schäßburg (Obergespan, Kreis-Hauptmann, †1898 in Baden-Baden), um eine Bahn bauen zu lassen, die Schäßburg mit Hermannstadt verbinden sollte. 1895 begann die „Gesellschaft der lokalen Schmalspurbahn Schäßburg - Hermannstadt“ mit dem Bau der Linie ab Schäßburg. Wegen der schwierigen Trasse hatte man das gängige Maß von 760 mm Spurbreite gewählt. Trotz Schwierigkeiten (Überschwemmungen, Überwindung des Apolder Berges) wurden die 48 km bis Agnetheln 1898 fertig und im Jahre 1910 wurde der Verkehr auf den 62 km von Agnetheln bis Hermannstadt und auf den 13 km der Abzweigung Harbachsdorf (Cornăţel) – Burgberg aufgenommen. Die Bahn tat ihre Dienste gut, ja sie erlebte in den 1960er Jahren einen Boom durch den Zuckerrübentransport und in den 1980er Jahren durch den Holztransport – der aber bloß bis in die 90er Jahre anhielt. Im Jahre 2001 wurde der Verkehr aus finanziellen Gründen eingestellt, der Bestand „konserviert“.

Es gab verschiedene Initiativen, die Bahn wieder in Betrieb zu nehmen, die letzte, unrühmliche 2007. Da wurde seitens des jetzigen Verwalters der Bahn, der Gesellschaft für Verwaltung der Eisenbahnaktive (SAAF), mit einem Konsortium bestehend aus vier Gemeinden aus dem Harbachtal ein Vertrag zur Nutzung der Bahn durch das Konsortium mit einer Dauer von 25 Jahren geschlossen. Gemäß diesem Vertrag müsste der Nutzer ab 1. Januar 2014 eine monatliche Gebühr von 18 180 Euro entrichten. 2006 wurde durch eine beherzte Aktion und Eilbeschluss der Regierung die Bahn in die Liste des Nationalen Erbes aufgenommen (SB-II-a-B-20923), was die Verschrottung und ihr endgültiges Aus verhinderte. Drei Lokomotiven waren ja schon buchstäblich bei Nacht und Nebel vom Schäßburger Bahnhof verschwunden! Die Wusch 1966 in Agnetheln, an der Haltestelle ...Die Wusch 1966 in Agnetheln, an der Haltestelle in der Mittelgasse. Foto: Trevor Rowe Nun gibt es wieder eine lobenswerte Bestrebung, diese Bahn zum Wohle der Orte entlang ihrer Trasse und zur Ankurbelung des Tourismus im Harbachtal zu beleben. Der gemeinnützige Verein Mioritics bemüht sich zusammen mit den Freunden der mocăniţa, dem Verein monumentum, der Kulturdirektion des Kreises Hermannstadt, dem Verein Holzmengen nachhaltig, dem Brukenthalmuseum, dem GAL Mikroregion Harbachtal und dem Konsortium für Überregionale Entwicklung Hermannstadt-Agnetheln, unterstützt von der Stiftung für Entwicklung der Zivilgesellschaft, um die Überschreibung der Restbestände der Bahn aus dem Staatsbesitz zu irgend einer Verwaltungseinheit aus dem Kreis Hermannstadt. Sie verpflichten sich, die weitere Konservierung und Restaurierung dieses historischen Denkmals durch Nutzung durch den Tourismus und für die Kultur als Ziel zu haben. Finanziell wird das Vorhaben durch den Trust for Civil Society in Central and Eastern Europe unterstützt.

Zurzeit gibt es einen Haken, der das Gedeihen des Projektes behindert: die Eigentumsverhältnisse die Bahn betreffend sind nicht geklärt. Zwar hat sich der jetzige Verwalter der Bahnbestände, der Geschäftsführer der staatlichen Gesellschaft für Verwaltung der Eisenbahnaktive SAAF, George Vladimir Duhan, bereit erklärt zu helfen, doch ist die Zeit bis zum Stichtag (Jahresende) angesichts der Art, wie die Mühlen im Rumänien mahlen, knapp. Das Unvermögen, die horrende, unrealistische Summe gemäß oben erwähntem laufendem Vertrag zu zahlen, würde das jetzige Wiederbelebungsbestreben zunichtemachen. Förderlich wäre, wenn sich der Kreisrat Hermannstadt unter seinem Vorsitzenden Ioan Cindrea aktiv in dieses Projekt einbringen würde. Dieser hat jedoch erklärt, dass die Wusch / mocăniţa nicht auf seiner „Prioritätenliste“ stehe und der Kreis nicht über die notwendigen Mittel verfüge (es ist momentan die Rede von ca. 200000 Euro für die Überschreibung, eine Summe, von der ein nicht geringer Teil vom Ministerium für Regionalen Entwicklung getragen werden könnte).

Mioritics sind seit August sehr aktiv in Sachen Wusch / mocăniţa: Unterschriften werden gesammelt (auch im Internet unter www.mocanita.ro/mh), Gespräche mit interessierten Bürgermeistern des Harbachtals geführt, Seminare angeboten, wie z.B. in Cornăţel/Harbachdorf mit dem Verein der Freunde der mocăniţa und der Kreiskulturdirektion, an dem auch Georg Hocevar, Vorsitzender des Vereins zur Bewahrung der Schmalspurbahnen in Rumänien, und Gäste vom britischen Verein SARUK teilgenommen haben; es gibt Gespräche mit dem Eisenbahnministerium, der Kulturdirektion des Kreises Hermannstadt, Aktionen auf der Trasse der Bahn zu ­ihrer Instandsetzung. Am 31. Oktober und 1. November d.J. wurde mit Zustimmung der Bukarester Stadtverwaltung in der Unterführung am Universitätsplatz eine Aktion zur Wiederbelebung der mocăniţa durchgeführt. Es verkehren momentan auf einer kurzen Teilstrecke, ausgehend von Harbachdorf (Cornăţel), eine handbetriebene Draisine und eine Motor-Draisine. Die Evangelische Landeskirche A.B. in Rumänien begrüßt diese Initiativen (siehe separater Artikel hier).

Manfred Kravatzky

Schlagwörter: Verkehr, Harbachtal

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