28. Juli 2014

Eingreifen, bevor etwas zu Ende geht: Deutsche TV-Sendungen in Rumänien

Hier das Kronenfest in Kerz, dort eine Volkstanzgruppe in Sathmar ... Einstige deutsche Dörfer und Kirchenburgen sind zunehmend beliebte Schauplätze von Feiern, Märkten und kulturellen Ereignissen, bei denen alte Bräuche wieder aufleben. Immer mit dabei: das deutsche Fernsehteam des Rumänischen Fernsehens TVR mit Chefredakteurin Christel Ungar-Ţopescu. Die TV-Sendung macht die deutsche Minderheit in Rumänien sichtbar. Auch den Fernsehleuten ist es zu verdanken, dass deutsche Traditionen in Rumänien heute wieder präsent sind – fast könnte man meinen, der Exodus der Sachsen und Schwaben hätte gar nicht stattgefunden, wenn man die vielseitigen TV-Sendungen „Akzente“ oder „Deutsch... um 1“ verfolgt.
Neben den verbliebenen Rumäniendeutschen interessieren sich in den letzten Jahren zunehmend Aussiedler für die alte Heimat, aber auch deutschsprachige Rumänen, in Rumänien lebende Deutsche und andere Zuschauer aus dem deutschen Sprachraum. Sie alle zu verbinden, hat sich Christel Ungar-Ţopescu mit ihrer Sendung zum Ziel gesetzt. Die Rückmeldungen sind manchmal bewegend. „Ich gebe meinem Büffel extra später Wasser, nur damit ich die deutsche Sendung sehen kann”, sagt eine allein in ihrem Dorf lebende Siebenbürger Sächsin. Für sie und andere ist die deutsche Fernsehsendung die einzige Anbindung an ein gesellschaftliches Leben, der einzige Anknüpfungspunkt an früher. Sie gibt ihnen das Gefühl, dass es weitergeht.
Christel Ungar-Ţopescu bei einem Interview ...
Christel Ungar-Ţopescu bei einem Interview anlässlich der Wiedereinweihung der renovierten Kirchenburg in Probstdorf.
Doch auch der Zuschauerkreis aus Deutschland hat in den letzten Jahren zugenommen. Man erkennt es an den Zugriffszahlen im Internet – der derzeit einzigen Möglichkeit, die Sendungen im Ausland zu sehen, nachdem die ­„Akzente“-Sendung von TVR International wegrationalisiert wurde. In der Online-Mediathek unter www.tvrplus.ro kann man zeitunabhängig aktuelle und alle älteren Sendungen seit 2012 sehen. Auf TVR 1 wird „Deutsch... um 1” montags zwischen 13.00 und 14.00 Uhr und „Akzente” donnerstags von 15.30 bis 16.45 Uhr Bukarester Zeit ausgestrahlt.

Obwohl die Minderheitensendungen in Rumänien gesetzlich vorgeschrieben sind und damit nicht von Einschaltquoten abhängen sollten, werden diese dennoch unterschwellig immer wieder aufs Tablett gebracht. Umso mehr freut sich Christel Ungar-Ţopescu über das wachsende Interesse aus Deutschland. Das Gemeinschaftsgefühl der ausgewanderten Rumäniendeutschen sei in den letzten fünf bis sieben Jahren wieder erstarkt. Das war Anfang der neunziger Jahre noch anders. Viele dachten, das Kapitel Rumänien sei abgeschlossen. „Teppiche einrollen, absperren, Licht ausschalten“ war die vorherrschende Haltung. Doch heute kommen besonders während der Sommermonate viele in ihre alte Heimat zurück. Vorrangig, um das Gemeinschaftsgefühl wieder zu erleben. Aber auch, weil sie gesehen haben: Es geht weiter! „Dann sind wir besonders gefordert, weil viel los ist“, erklärt Christel Ungar-Ţopescu. „Saure Gurkenzeit im Sommer – das gibt’s bei uns nicht!“

Sächsische und schwäbische Traditionen leben nicht zuletzt auch dank vieler Rumänen neu auf, die ihr Interesse am deutschen Teil ihrer Geschichte entdeckt haben. „Unlängst waren wir beim Kronenfest in Kerz, da waren zwei Volkstanzgruppen aus der Brukenthalschule – darunter vielleicht zwei Deutsche“, lächelt Christel Ungar-Ţopescu. „Ich fragte die Kinder, weshalb sie mitmachen. Sie antworten: ,Weil wir unsere Traditionen weiterführen müssen‘, und nicht ,Weil es ein Wahlfach an der Schule ist‘. Sie bekommen dort nicht nur die Sprache mit, sondern die gesamte Erziehung. So kann man viel formen.“ Besonders beeindruckt ist die Chefredakteurin, wenn rumänische Zuschauer nach einer Sendung anrufen oder schreiben, wie sehr sie Anteil am Schicksal der deutschen Minderheit nehmen. Sie leiden mit, wenn irgendwo ein Altar gestohlen oder eine historische Ungerechtigkeit aufgezeigt wurde. „Und wenn eine Rumänin während eines Drehs im Dorf auf einmal kommt und sagt, ,Wenn die Glocken der Sachsen nicht mehr läuten, weiß ich gar nicht, dass Sonntag ist‘ – und das vielleicht die Heimatortsgemeinschaft mithört und die Glocken repariert, dann ist etwas wirklich Besonderes geschehen.“ Eine Brücke zu sein zwischen den verbliebenen Deutschen, den ausgewanderten und all den anderen, die sich für sächsische und schwäbische Geschichte interessieren, so beschreibt Christel Ungar-Ţopescu die Mission ihrer Redaktion. Und ergänzt: „Wir versuchen immer dann einzugreifen, wenn es heißt, hier geht etwas zu Ende.“

Kampf an vielen Fronten

Eine große Aufgabe für eine kleine Redaktion, die sich im staatlich-öffentlichen rumänischen Fernsehen ständig behaupten muss. Ein ewiger Kampf mit dem knappen Budget, das „selbst wenn der Herrgott persönlich vom Himmel stiege”, nicht aufgestockt wird, scherzt Christel Ungar-Ţopescu. Mit 15 Leuten die Ereignisse im ganzen Land journalistisch zu begleiten – nur je ein Korrespondent in Temeswar und Hermannstadt –, das ist wahrlich kein Honigschlecken. Man sei viel auf Reisen, sehe sich vor Ort immer wieder auch nach weiteren Themen um. Meist fahren nur ein Redakteur und ein Kameramann, selten ein Ton- oder Lichtmeister, da muss notfalls der Chauffeur aushelfen. Weil das Budget minutiöse Planung erfordert, bleibt meist zu wenig für spontane Einsätze, Dokumentationen und Serien übrig. Den größten Batzen verschlingen die Drehs in Deutschland. „Doch bei den wichtigsten Treffen der Sachsen und Schwaben müssen wir dort präsent sein”, erklärt die Chefredakteurin. „Dinkelsbühl ist für uns sehr wichtig, denn da erfahren wir alle Ereignisse im Voraus.“ Der Kontakt zu den Ausgewanderten macht sich längst durch Vertrauen und Akzeptanz bemerkbar. Im Gegensatz zu früher heißt es nicht mehr: „Hier kommen die aus Rumänien“, sondern „Hier kommt unser Fernsehen!“ Grenzen zwischen „wir da oben” und „die da unten” hätten sich verwischt, die frühere Verschlossenheit vor Fremden sei aufgeweicht.

Christel Ungar-Ţopescu illustriert dieses neue Bewusstsein anhand eines Beispiels aus Schönau. Anlässlich der 700-Jahres-Feier hatte die HOG Schönau die Idee, den Bürgermeister und die jetzt in den Sachsenhäusern lebenden Rumänen davon zu überzeugen, die früheren Besitzer während der Dauer der Feier in ihren ehemaligen Häusern zu beherbergen. Der Vorschlag wurde überraschend begeistert aufgegriffen und gestaltete sich für beide Seiten zu einem bereichernden Erlebnis. „Es war sehr emotional“, erinnert sich Christel Ungar-Ţopescu. „Sie haben alte Geschichten erzählt und die Rumänen wollten ganz viel wissen. Es war ein echter Austausch!“ Nachdenklich ergänzt sie: „Das war ein Versuch ... aber dabei muss es nicht bleiben. Es müsste ein bisschen mehr daran gearbeitet werden, dass jetzt andere da sind, die auch nicht schlechter oder besser sind. Es ist einfach anders jetzt. Aber wir zeigen, dass noch sächsisches Leben hier existiert und dass es nicht zu Ende ist, wenn man zwischen Rumänen lebt.“ Auch in der Redaktion sind nur noch Christel Ungar-Ţopescu und ihr Bruder „echte” Sachsen. Der Rest des Teams sind Rumänen. „Doch sie können hervorragend Deutsch und haben sehr viel über unsere Bräuche und Traditionen gelernt“, lobt die Chefin.

Wie kann man helfen?

Weil sowohl die Zugänge beim Dreh als auch die Zuschauerzahlen stark von der Glaubwürdigkeit der Sendung und dem Vertrauen der Menschen in diese abhängen, wünscht sich Christel Ungar-Ţopescu vor allem ganz viel Feedback. Die Quizsendung am Ende der „Akzente“-Sendung wurde sogar extra hierfür eingeführt – und tatsächlich schreiben viele neben der Lösung auch einen Kommentar. „Egal ob es um Lob oder Fehler, Hinweise oder Ergänzungen geht – jede Rückmeldung ist für uns wertvoll“, erklärt die Chefredakteurin. Wichtig sei auch ein umfassendes Informantennetz, das über bevorstehende Ereignisse informiert. Zudem demonstrieren Leserbriefe nachweisbar Interesse. „Vielleicht werden wir ja wieder auf TVR International ausgestrahlt, wenn die Zuschauer das fordern?“, unkt sie. Kontakt aufnehmen kann man mit der deutschsprachigen Redaktion per E-Mail christelul [ät] yahoo.de, Fax: (0040-21) 3199225, oder auf dem Postweg: Televiziunea Româna, Calea Dorobanţilor nr. 191, 01056 Bucureşti, Sector 1.

Auch finanzielle Probleme belasten immer wieder. Sie betreffen nicht nur die Minderheiten, sondern das ganze rumänische Fernsehen. Ob sie die deutsche Sendung gefährden können? „Man weiß nie, was morgen kommt“, meint Christel Ungar-Ţopescu. Die rasche Entwicklung der Technik stelle ihr Team zwar immer wieder vor Herausforderungen, bringe aber oft auch neue Lösungen. „Wir werden dafür kämpfen, dass es mit uns weitergeht“, verspricht sie und zeigt sich optimistisch: „Wenn wir das derzeitige Interesse an der deutschen Minderheit in Rumänien, die Offenheit und Toleranz gut nutzen und auch fördern, dann kann es in den nächsten Jahren nur besser werden!“

Nina May

Schlagwörter: Fernsehen, TV, deutsche Minderheit, Akzente-Sendung

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Neueste Kommentare

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  • 29.07.2014, 02:31 Uhr von Doris Hutter: Was für ein Glück für unsere sächsische Gemeinschaft , dass es Brückenbauer wie Christel gibt! Sie ... [weiter]
  • 28.07.2014, 21:26 Uhr von getkiss: Danke Äschilos [weiter]

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