11. Juni 2018

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Aufruf der Heimatkirche und des Forums: "Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen gehören zusammen!"

Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) und das Demokratische Forum der Deutschen in Siebenbürgen (DFDS) rufen die ausgesiedelten Landsleute auf, sich verstärkt in Siebenbürgen zu engagieren. Die Gemeinsame Erklärung „Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen gehören zusammen!“ trägt die Unterschrift des Bischofs der EKR, Reinhart Guib, und des Vorsitzenden des DFDS, Martin Bottesch. Das Dokument wurde erstmals in der Bundesvorstandssitzung des Verbandes am 3. März in München vorgestellt (SbZ Online vom 8. März 2018) und in der Konsultation der Heimatkirche mit den siebenbürgischen Organisationen zu Christi Himmelfahrt, am 10. Mai, ebenfalls in München erörtert (diese Zeitung berichtete).

Woher wir kommen

Das 20. Jahrhundert hat über die Völker Europas viel Unheil gebracht. Auch die Siebenbürger Sachsen sind davon nicht verschont geblieben. Das 21. Jahrhundert hat in dessen Folge unsere Gemeinschaft in einer neuen Diasporasituation vorgefunden, in der wir vornehmlich als Individuen und einzelne Familien von den USA bis Rumänien verstreut leben. Heute können wir mit etwa 230.000 sich zu unserer Gemeinschaft zählenden Mitgliedern rechnen, die vornehmlich in Deutschland (ca. 200.000), in Österreich (ca. 10.000), Amerika (ca. 10.000) und Rumänien (ca. 10.000) leben. Eine große Zahl der aus Rumänien Ausgesiedelten hat eine neue Heimat gefunden und hat sich eine gute materielle Basis für das tägliche Leben und die Zukunft ihrer Kinder geschaffen. Für dieses Gelingen sind wir dankbar und froh. Neue – auch siebenbürgische – Netzwerke sind entstanden. Der Preis der Zerstreuung und des individuellen Aufschwungs war allerdings der Verfall der siebenbürgisch-sächsischen Dörfer und Dorfgemeinschaften, in denen heute die Zerstörung und der Identitätswandel offensichtlich sind. Die in Siebenbürgen Verbliebenen sind zu wenige, um das Althergebrachte weiter zu führen.

In Deutschland, Österreich, den USA und Kanada – aber auch in Rumänien – geschah und geschieht eine normale und gesunde Integration in die Gesellschaft. Somit ist einerseits festzustellen, dass die Aussiedler „angekommen“ sind, andererseits aber auch, dass die in Siebenbürgen verbliebenen Siebenbürger Sachsen verstärkt Anteil an der rumänischen Kultur haben, die bislang historisch eher ein Gegenüber war. Siebenbürger Sachsen von hüben und drüben stehen ...Siebenbürger Sachsen von hüben und drüben stehen zusammen beim großen Sachsentreffen 2017 in Hermannstadt. Zu diesem Zusammenschluss - nicht nur beim Feiern, sondern auch im Alltag - rufen die Heimatkirche und das Siebenbürgenforum auf. Foto: Ludger Konopka Die in Siebenbürgen ansässigen Organisationen, die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) sowie das Demokratische Forum der Deutschen in Siebenbürgen (DFDS), freuen sich mit jeder Person und mit jeder Familie, die in dieser bewegten Welt ihren Platz gefunden hat, sei es in Übersee oder in Europa, in- oder außerhalb Rumäniens. Gleichzeitig sind wir solidarisch mit jenen, bei denen es noch nicht der Fall ist. Wir vertreten in erster Linie die in Siebenbürgen und ganz Rumänien Lebenden, sind jedoch auch für diejenigen da, die weggezogen sind, ohne uns aber ihnen aufdrängen zu wollen.

Wo wir stehen

Mit der Wende 1990 und besonders mit dem Eintritt Rumäniens in die Europäische Union 2007 hat ein neues Kapitel auch für die Geschichte der Siebenbürger Sachsen begonnen. Sie bleiben zwar noch immer räumlich zerstreut, sind aber nun zum großen Teil Bürger des gleichen politischen Raums. Damit hat ihr Zusammenwachsen zu einer neuen Gemeinschaft, über nationale Grenzen hinweg, begonnen. Unterstützt wird dieses Zusammenwachsen durch die Mobilität sowie die digitale Welt, die das zeitsparende Reisen bzw. das zeitgleiche Miterleben der Aktualität über das Internet ermöglichen. Die Ersten, die diese neuen Möglichkeiten genutzt haben, sind Familien und Freunde, die ihre Kontakte zueinander nie aufgegeben haben, sich aber nun intensiver austauschen und begegnen können. Daraufhin haben auch die siebenbürgischen Organisationen einen institutionellen Dialog eröffnet, der heute auf vielen Ebenen stattfindet. Es gibt inzwischen keine einzige europäische siebenbürgisch-sächsische Institution, die der kommunistischen – und zugleich Aussiedlungszeit – nachtrauert. Die EKR und das DFDS freuen sich über die gute Partnerschaft mit dem Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und dem Bundesverband der Siebenbürger Sachsen in Österreich innerhalb der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen, mit dem Verband der Heimatortsgemeinschaften und den einzelnen Heimatortsgemeinschaften, mit der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen, mit dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen, der Pfarrgemeinschaft u.v.a. Alle haben es deutlich gemacht, dass ihnen inzwischen nicht nur die Integration ihrer Mitglieder in dem jeweiligen neuen Umfeld wichtig ist, sondern auch die Förderung der „alten Heimat“.

In unmissverständlichen und programmatischen Worten hat die EKR die ausgesiedelten Brüder und Schwestern als Miterben gewürdigt und gleicherweise in die Pflicht genommen. Durch die Zweitmitgliedschaft hat sie danach auch die institutionelle Tür geöffnet, um Menschen eine erneute Beheimatung in den Kirchengemeinden zu ermöglichen. Auf der anderen Seite hat das „große Sachsentreffen“ unter dem Motto „In der Welt zuhause, in Siebenbürgen daheim“, welches unter der Federführung des DFDS und des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften im August 2017 in Hermannstadt veranstaltet wurde, sowohl den Zusammenhalt als auch das Potential der Zusammenarbeit eindrucksvoll bewiesen.

Wozu wir aufrufen

Insofern sehen die EKR und das DFDS damit eine neue Stufe der Zusammenarbeit zwischen den Teilen der Gemeinschaft erreicht. Wir wollen die Gemeinschaft nicht konservieren, sondern weiterentwickeln. Deswegen rufen wir – angesichts unserer speziellen Verantwortung für das Kulturerbe und die Gemeinschaft in Siebenbürgen – auf, die Möglichkeiten zu nutzen und sich verstärkt in der „alten Heimat“ einzubringen. Dabei geht es nicht vorrangig um das Finanzielle, sondern um Schaffenskraft und Lebenszeit.

Wir sind Erben einer vielfältigen, historischen Kultur, die nicht nur Erinnerungswert hat, sondern sich gerade in den Herausforderungen der Gegenwart als aktuell erweist. Diese braucht aber Träger, die sich innerhalb einer neuen Kulturerbengemeinschaft engagieren, um das Ererbte einer neuen Generation weiterzugeben. Dank sei allen ausgesprochen, die es schon bislang – mit viel persönlichem Einsatz – getan haben. Dabei plädieren die EKR und das DFDS aus eigener Erfahrung für einen offenen und interkulturellen Umgang mit dem Kulturerbe. Eine ethnische Abschottung ist heute weder möglich noch sinnvoll. Wir freuen uns über jedes Engagement für die Kirchenburgen, aber auch für das mobile Inventar, über die Dokumentationen, aber auch über die Stärkung der Gottesdienste, Brauchtums- und Kulturveranstaltungen, über die Unterstützung unserer Kulturinstitutionen, der Ausbildung, der Pressearbeit, der Kunst.

All das kann langfristig allerdings nur durch eine tragende Gemeinschaft lebendig erhalten werden, damit nicht nur museale Erinnerung gepflegt wird. So ermutigen wir alle persönlich, sich in Siebenbürgen selbst gemeinsam mit uns zu engagieren. Wir rufen auf, Lebenszeit in Rumänien zu verbringen! Dass es sinnvoll ist, zeigen die wachsenden Gemeinschaften der Expats, die aus aller Herren Länder in Rumänien etwas aufbauen. Dieses hat auch Bischof Reinhart Guib symbolisch gemeint, als er beim Sachsentreffen in der Hermannstädter Stadtpfarrkirche in Anlehnung an den Propheten Jeremia aufforderte: „Kauft Häuser und Äcker“. Manche Familie hat noch ein Haus in Besitz in Rumänien. Nutzen Sie das als Ausgangspunkt für weiteres Engagement, aber auch als Chance für persönliche Erfüllung!

Dabei sind sich die Unterzeichner dieses Aufrufs der großen Zusammenhänge sowie ihrer Verantwortung bewusst. Sie sind sich auch bewusst, dass in der heutigen, globalen Welt eine Rückwanderung in der Art, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten verstanden hat, nicht mehr möglich und sinnvoll ist. Niemand bricht heute definitiv seine Zelte im Punkt A ab, um diese im Punkt B wieder aufzubauen. Es besteht große Mobilität und damit die Möglichkeit, Punkte zu verbinden und Optionen auszuloten. Eine Entscheidung nur für eine Welt ist nicht mehr notwendig. Aber wir rufen auf, sich verstärkt in Rumänien aufzuhalten, und die Chancen, die sich ergeben, nicht nur für die ganze Gemeinschaft, sondern auch privat zu nutzen! Wir fordern die Erlebnisgeneration der in Rumänien Geborenen auf, ihren Kindern und Enkeln das tägliche und gegenwärtige Siebenbürgen näher zu bringen! Es ist dieses nicht nur das Siebenbürgen der bestickten Wandbehänge und Kirchenburgenbilder, der Heimattreffen und der Tanzgruppen. Es ist das Siebenbürgen des Marktplatzes in Kronstadt, aber auch der Vitrometanblocks in Mediasch, das Siebenbürgen des bewegten Sommers in Schäßburg, aber auch des langen Winters in Rumes, der Cafés am Hermannstädter Kleinen Ring, aber auch des Verfalls in Gürteln. Liebe Jugendliche, nutzt die Möglichkeiten der Studienaufenthalte und Praktika, des Freiwilligen Sozialen Jahres oder einfach der Urlaubsreise! Nutzt die interkulturelle Kompetenz, die Euch sozusagen „mit in die Wiege“ gelegt worden ist.

Wir wissen um das große Gefälle zwischen westlichen und rumänischen Löhnen, zwischen westlichen Renten und der rumänischen Pension. Wir kennen die Schwäche des rumänischen Gesundheitssystems und des rumänischen Bildungswesens. Wir sind auch unzufrieden über Entwicklungen in der nationalen Politik. Wir wissen selbstkritisch auch um die eigenen Strukturschwächen. Aber wir machen trotzdem täglich die Erfahrung, dass sich das Leben in den siebenbürgischen Städten und Dörfern lohnt, weil die Nachbarschaft und Gemeinschaft eine besondere ist. Dass der persönliche Mut und Einsatz seine Früchte bringen kann, zeigt unter anderem auch der Aufstieg eines Siebenbürger Sachsen an die Spitze des Staates.

Was wir können

Die EKR und das DFDS sind nicht Siebenbürgen, vielleicht auch nicht mehr repräsentativ für Siebenbürgen. Deswegen können wir auch keine Gewähr dafür bieten, dass das finanzielle, emotionale und zeitliche Engagement in Rumänien ein Erfolg wird. Das liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, so wie jede Familie ihre Aussiedlung persönlich verantwortet hat. Aber die EKR und das DFDS sind Tore zu Siebenbürgen und Rumänien, die es ermöglichen, einen begleiteten Neuanfang zu wagen. Rumänien ist ein Land mit hohem Wirtschaftswachstum, das vielfältige Chancen bietet. Deswegen lohnt es sich allemal, ein Standbein in Siebenbürgen zu behalten und auszubauen.

Wir haben keine fertigen Lösungen, aber wir können gemeinsam nachdenken und aufgrund unserer Erfahrungen beraten. Wir können in die formalen und informellen Netzwerke unserer Freunde einführen, sowie in juristischen und wirtschaftlichen Fragen beraten. Erste institutionelle Ansätze dazu sind schon entstanden: eine Informationsstelle beim Siebenbürgenforum und das Referat für Institutionelle Kooperation der Evangelischen Kirche. Diese stärken wir mit Informationen und Kompetenzen. Wir sind bereit, Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen, ihre Angehörigen und Freunde, intensiver miteinander zu verknüpfen.

Hermannstadt, 24.03.2018

Unterzeichner:
Reinhart Guib, Bischof
Evangelische Kirche A. B. in Rumänien

Martin Bottesch, Vorsitzender
Demokratisches Forum der Deutschen in Siebenbürgen

Kontakt:
Informationsstelle des Siebenbürgenforums „Zukunft in Siebenbürgen“
Str. Gen. Magheru 1-3
RO 550185 Sibiu / Hermannstadt
Wolfgang Köber
Telefon: +40 728 989577 E-Mail: zukunft [ät] siebenbuergenforum.ro

Referat für Institutionelle Kooperation der EKR
Pfr. Dr. Stefan Cosoroabă
Karlstraße 100
D-80335 München
Telefon: +49 8063 6079675
E-Mail: ekr [ät] siebenbuerger.de

Schlagwörter: EKR, Siebenbürgenforum, Aufruf, Gemeinschaft

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