23. September 2011

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Gehaltvolles Mundart-Autorentreffen im Haus der Heimat in Nürnberg

Im Nürnberger Haus der Heimat fand am 11. September das diesjährige siebenbürgisch-sächsische Mundart-Autorentreffen statt. Elf in Mundart schreibende Damen und Herren nebst einigen Gästen hatten sich am Vormittag zum Werkstattgespräch unter der Leitung von Hanni Markel eingefunden. Die künstlerische Darbietung am Nachmittag wurde vor einem interessierten Publikum von den Autoren und dem Siebenbürgischen Chor Fürth bestritten. Für die gute Durchführung dieses Mundart-Tages sorgte in bewährter Weise die Geschäftsleiterin des Hauses der Heimat Nürnberg und stellvertretende Bundesvorsitzende Doris Hutter.
Dieser Mundart-Tag hat allen Beteiligten offensichtlich Freude bereitet. Das war sowohl den in lockerem Umgangston geführten Seminargesprächen als auch den lebhaften Reaktionen und dem Beifall des Publikums beim nachmittäglichen Programm anzumerken.

Den Vorsitz beim Vormittags-Seminar hatte Hanni Markel. Im Hauptthema des Seminars, Verschriftlichung des Dialekts und seiner Mundarten, ging sie diesmal von den im Band „Sachsesch Wält“ dokumentierten Texten aus, die in der Siebenbürgischen Zeitung seit Beginn der Mundartrubrik bis Ende 2010 zusammen mit einigen Kommentaren zum Dialektgebrauch erschienen sind („Sachsesch Wält“, herausgegeben vom Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V., München 2010). Dazu waren Autoren aufgefordert worden, den Band durchzugehen und Fragen oder Korrekturvorschläge anzumelden. Folge geleistet habe dieser Aufforderung in konsequenter Weise Hans Otto Tittes, indem er eine umfangreiche Aufstellung zu Klärungsbedarf/Korrekturen geliefert habe, wofür ihm zu danken sei. Außerdem seien ihr zwei Meldungen zugegangen, die eine von Martin Hedrich, die andere von Dietrich Weber. Während Hedrich davon ausgehe, dass sich den Lesern die Aussprache der Texte leicht oder durch Übung erschließe, möchte Weber vor allem das „Endungs-E“ sowie den Ach- und den Ich-Laut eindeutig notieren können. Tatsächlich spreche auch er (wie sie im Buch) damit heikle Probleme an, für die bisher nur individuell Lösungen gefunden wurden, meinte Hanni Markel. Trotz allem stelle die oben erwähnte Textsammlung in ihrer jetzigen Auflage einen wichtigen Schritt zur Festigung der in der Rubrik verwendeten orthographisch-phonetischen Schreibung des Siebenbürgisch-Sächsischen dar. Das Interesse der Teilnehmer kreiste zunehmend um Fragen der Dehnung und Kürzung von Vokalen, worauf in diesem Bericht aber nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Eine ausführliche Darstellung kann man entweder von Hanni Markel oder von Bernddieter Schobel erhalten.Mundartautorentreffen im Haus der Heimat, 1. ...Mundartautorentreffen im Haus der Heimat, 1. Reihe, sitzend, von links: Martin Hedrich, Hilda Femmig, Hilde Juchum, Margarete Menning, Hans Otto Tittes, Bernddieter Schobel, Martha Scheiner, Katharina Kessel, Hanni Markel, Doris Hutter, Dietrich Weber; 2. Reihe, stehend, 1. und 2. von rechts: Inge Alzner, Vorsitzende der Kreisgruppe Nürnberg, und Rosel Potoradi, Leiterin des Siebenbürgischen Chors Fürth. Von Bernddieter Schobel wurden die Seminarteilnehmer auf eine Gedankenreise nach Luxemburg anhand eines Reise-Sprachführers mitgenommen („Lëtzebuergesch – Wort für Wort“ von Joscha Remus, REISE KNOW-HOW Verlag Peter Rump, Bielefeld, 2. Auflage 2001). Besucht wurde nun aber nicht jener bekannte Balkon mit der fast siebenbürgisch-sächsisch klingenden Inschrift, sondern etwas noch viel siebenbürgisch-sächsischer Klingendes, nämlich im Reiseführer auf Seite 23 der Abschnitt „über die N-Regel“. Dort heißt es u.a.: „Die N-Regel wird auch als ‚Eifeler Regel‘ bezeichnet.“ Diese Regel gehört also zum mitgebrachten Spracherbe und hat sich im Siebenbürgisch-Sächsischen bis heute erhalten. Es liege daher in der Verantwortung der siebenbürgisch-sächsisch Schreibenden, hier Vorbildfunktion zu leisten und weit verbreiteten „Verdeutschungs-Versuchungen“ entgegenzutreten, meinte Schobel. Für alle, die sich nicht sicher sind, vor welchen Konsonanten die Eifler Regel gilt, hat er sich den folgenden Merkvers ausgedacht: Det Nober-Trengtchen huet en dacken Zoop. Ab Seite 36 konnte man als Siebenbürger Sachse in dem Büchlein abermals fündig werden: Im Lëtzebuergeschen gibt es genau wie im Siebenbürgisch-Sächsischen und im Gegensatz zum Hochdeutschen beim persönlichen Fürwort eine betonte und eine unbetonte Form. Auch diesbezüglich warb Schobel für sachkundigen Umgang mit dem überlieferten Sprachgut.

Spezifisches hatte Frau Markel bereits als Einstieg zum Seminar gewählt. Sozusagen als Ratespiel leiteten die vorgegebenen Wörter ranj (= leicht, zum Wort „gering“) und scheiwlich (= rund, zu „scheiblich“) eine muntere Gesprächsrunde über lokale oder regionale Sonderwörter und -formen ein. Eine allgemeinere Art von Besonderheiten der einen und der anderen Ortsmundart im Vergleich zur Schriftsprache führte Hans Otto Tittes anhand seiner deutsch und im Dialekt veröffentlichten Gedichte und Umdichtungen vor. Ausgelegte Blätter brachten auch Beispiele seiner Fassung in Heldsdörfer Ortsmundart aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ sowie von Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“. Überraschend für die Teilnehmer war, dass er auch seine eigenen Mundartgedichte zunächst hochdeutsch schreibt und sie erst danach in Schäßburger oder Heldsdörfer Mundart – oder beide – umdichtet. Er zeigte auf, wie dabei Ausdrücke oder Reimwörter oft durch andere ersetzt werden müssen – für die Zuhörer wahre Einblicke in die Arbeit mit dem Wort und in die Vorzüge des Vergleichs mehrerer Ortsmundarten. Auf alle Fälle sei unverfälschte Wiedergabe einer bestimmten Mundart einem diffusen Mischdialekt vorzuziehen, meinte Hanni Markel denn auch als Fazit.

Die Mittagspause darf nicht unerwähnt bleiben. Hier hatte sich Doris Hutter mit einer herrlichen Tokana selbst übertroffen und Hilde Juchum dazu ein wunderbar duftendes, selbstgebackenes Brot beigesteuert. Und zum Kaffee fand Hilda Femmigs „Neudorfer Hanklich“ begeisterten Zuspruch.

Als die Nachmittagsveranstaltung um 16.00 Uhr begann, waren die für Zuhörer bereitgestellten Stühle längst belegt. Als Motto der Veranstaltung hatte Doris Hutter dasjenige des diesjährigen Heimattages gewählt: WURZELN DORT – FLÜGEL HIER. Und für die Moderation hatte sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Sie hat durchgehend in Mundart gesprochen! Das tat sie so gekonnt, dass man nur sagen kann: Bravo, Doris, dåt huest te gat gemåcht!

Zur Eröffnung sang der Siebenbürgische Chor Fürth, seit dem Frühjahr 2011 unter der Leitung von Rosel Potoradi, das Lied von Georg Meyndt, Melodie Hermann Kirchner: „Sangtichsklook“. Die Reihe der Lesungen eröffnete Hilda Femmig mit einem humorvoll zum Anlass dieses Tages geschriebenen Gedicht: „Em bemäht sich“. Die drei folgenden Gedichte leisteten auf literarischem Gebiete das, was immer wieder als Brückenfunktion beschrieben wird: Es waren Übersetzungen aus dem Rumänischen ins Siebenbürgisch-Sächsische. Katharina Kessel war die Vertreterin des Nordsiebenbürgischen: Im Gedicht „Äich säi an Såchsan“ beschrieb sie ihre Verbundenheit mit Sprache und Kultur der alten Heimat, in „De Zäit“ beklagte sie das unaufhaltsame Fortschreiten derselben. Sehnsucht nach der alten Heimat klang an im Gedicht von Martha Scheiner: „Meng Siweberjerlånd“. Danach trug sie eine ihrer Fabeln vor: „De zwee Gießker“. Ebenfalls eine Fabel, über Adler und Igel, über Freiheitsliebe und Bodenständigkeit, las Martin Hedrich: „Wie noch nichen Flijel huet“ und in Roder Ortsmundart: „Wie niuch nichan Flijel hüt“. Der Chor trug nun das zarte Liebeslied „Det Klieblaat“ vor, Text und Melodie von Rudolf Martin, Satz von Norbert Petri.

Die Reihe der Lesungen setzte Hilde Juchum mit einem humoristischen Gedicht, „E besangder Modell“, fort, dem sie in „Menjen Ankelkäinden“ eine innige Liebeserklärung an diese „Wierzelcher, da zuerten, klennen“ folgen ließ. Humorvoll waren auch die Gedichte von Margarete Menning: „Än der Gåss“ und „Vum Schinken“ über das alte Leben in Siebenbürgen. Humorvoll ging es weiter, auch bei Dietrich Weber. In seinem „De Invasion der Såchsen“ beschrieb er aus wohlwollender Distanz Kulturelles und Kulinarisches beim Heimattag. Bernddieter Schobel las alte und neue Schüttelreime in unserer Mundart. Obwohl sie von der Form her immer lustig klingen, zeigte sich, dass der Inhalt gelegentlich auch zeitkritisch sein kann. Damit auch unsere schreibenden Kollegen aus Siebenbürgen zu Wort kommen, las er von Pfarrer Walther Seidner eine Anekdote vor und eine Übersetzung ins Siebenbürgisch-Sächsische des biblischen Gleichnisses von den Sperlingen (Matthäus 10, 26b-33). Heimatliche Erinnerungen weckte der Chor mit dem Lied „Die Gipfel der Karpaten“, Text Rudolf Neumeister, Melodie Friedrich Binder.

Humor war weiterhin angesagt, und wer käme da eher in Frage als Hans Otto Tittes. Mit seinen Gedichten über unauffindbare Zehennägel, Katzenschicksal im Laufe der Zeit oder Missverständnisse in der Arztpraxis hatte er die Lacher auf seiner Seite. Und dann noch Doris Hutter mit ihrem „Coffee To Go“! Da konnte man sehen, wie man mit mangelhaften Russischkenntnissen in der Ukraine (fast!) auf die Nase fallen kann. Gemütvoll und passend zur Jahreszeit schloss der Chor mit dem Lied von Grete Lienert-Zultner: „Iwwer de Ståppeln“. Zum Schluss dankte Doris Hutter allen Mitwirkenden. Und wir danken Doris, dass sie diesen schönen und erlebnisreichen Tag möglich gemacht hat!

Hanni Markel und Bernddieter Schobel

Schlagwörter: Mundartautoren, Treffen, Nürnberg

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