25. Oktober 2014

Auswanderung der Rumäniendeutschen – Versuch einer Bilanz in Bad Kissingen

Vom 10. bis 12. Oktober fand im „Heiligenhof“ in Bad Kissingen die gut besuchte Tagung „Verlust und Gewinn – Die Auswanderung der Rumäniendeutschen. Eine Bilanz 25 Jahre nach dem Sturz des kommunistischen Regimes“ des Bundesfrauenreferates des Verbandes der Siebenbürger Sachsen statt. Jede grundlegende Veränderung prägt unser Leben und bestimmt den nachfolgenden Verlauf in ungeahnter Weise. Zu einer grundlegenden Veränderung gehört unter anderem das Verlassen von gewachsenen Strukturen, gewohnter Umgebung, lieb gewordenen Menschen – kurz gesagt, das Verlassen der Heimat; in unserem Fall die Aussiedlung nach Deutschland. Gemäß dem Thema „Verlust und Gewinn“ versuchte das Frauenreferat, sich mit diesem sehr komplexen und vielfältigen Thema zu befassen.
Christa Wandschneider begrüßte die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer und führte zusammen mit Gustav Binder vom „Heiligenhof“ in das Seminar ein. Sie überbrachte ein Grußwort unseres Bundesvorsitzenden Dr. Bernd Fabritius, der in einem ausführlichen Brief auf die Wichtigkeit der Tagung einging und die Themen der Referentinnen ansprach. Den Mehr- oder Minderwert unserer Aussiedlung in die Bundesrepublik kann wohl lediglich jeder für sich selbst erkennen. Nach 25 Jahren ist es sicherlich gut, zu versuchen Bilanz zu ziehen, doch wir wollen nicht vergessen, dass wir es nicht mit Zahlen, sondern mit Menschen und all ihren Empfindungen zu tun haben. Christa Wandschneider wünschte anregende Vorträge, spannende Fragen und gute, klärende Antworten, die uns bereichern und uns befähigen, Verluste anzunehmen und Gewinne zu erkennen und auszuschöpfen.

Unter der Regie von Susanne Mai erfolgte eine dynamische Vorstellungsrunde der Teilnehmerinnen. Aus dem Film „Kauf von Freiheit“, in dem der Rechtsanwalt Dr. Hüsch über den Freikauf der Deutschen aus Rumänien berichtete, erfuhren wir, unter welchen Umständen manche Siebenbürger Sachsen ihr Land durch Freikauf verlassen konnten. Auch wenn manches bekannt war, so bestürzte der Film doch und führte zu einer regen Diskussion.

Am Samstagvormittag stand ein Dokumentarfilm von Christel Ungar-Ţopescu, Programmchefin der Deutschen Sendung des öffentlich-rechtlichen rumänischen Fernsehens TVR, auf dem Programm: Ihr Film „Die Sinatante“, der das Leben im Dorf Dobring aus der Sicht einer Dagebliebenen beleuchtet, berührte das Publikum und regte zu eingehender Diskussion um den Verfall und die Möglichkeit der Bewahrung siebenbürgischer Kirchen an. Einmal mehr wurden beim Anschauen des Filmes die Beweggründe für das Thema der angesetzten Tagung deutlich: „Der Grund für unser Kommen liegt in der Geschichte, in der achthundertjährigen Geschichte, aber auch im letzten Jahrhundert“.
Die Teilnehmerinnen der Tagung „Verlust und ...
Die Teilnehmerinnen der Tagung „Verlust und Gewinn“ in Bad Kissingen.
Eine Lesung von Karin Gündisch unter dem Motto „Abbruch – Aufbruch – Ankunft“ stand anschließend auf dem Programm. Die Autorin las aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, die ihre Lebenssituation im Rumänien der 1980er Jahre kurz vor ihrer Ausreise skizzierten. Beim Zuhörer entstand ein Bild des Alltags, das zuweilen tragikomische Züge annahm. Karin Gündisch, die die Zeit unmittelbar nach der Auswanderung als ihre „finsterste Zeit“ bezeichnet, erzählte von dem inneren Bedürfnis, ein Tagebuch zu führen – angesichts des politischen Systems und der prekären wirtschaftlichen Lage im sozialistischen Rumänien. Auch erwähnte sie die aussichtslose Lebenssituation der Menschen: „Man hatte keine Hoffnung, dass sich die Umstände ändern; es schien, als würde das Regime ewig dauern“. Ihre Überlegungen mündeten in dem Gedanken, dass sie vielleicht nicht ausgewandert wäre, wenn sie gewusst hätte, dass sich die politischen Umstände ändern würden.

Der Nachmittag stand im Zeichen des „siebenbürgischen Welt-Cafés“. Ein von den Organisatorinnen Susanne Mai und Christa Wandschneider konzipierter Workshop, der unter dem Motto „Verlust und Gewinn. Persönliche Aus- und Einwanderungsgeschichten“ stand, forderte die Teilnehmer dazu auf persönliche Erfahrungen auszutauschen. Im Gespräch und mit Hilfe von Stift und Papier wurden an verschiedenen Stationen Plakate entworfen, wobei sich jedes Plakat auf bestimmte Aspekte der Auswanderung bezog und so den Teilnehmenden Impulse zum Gespräch gab. Die dabei aufgeworfenen Fragen betrafen sowohl praktische Rahmenbedingungen („Wann bin ich nach Deutschland gekommen und warum?“) als auch die Reflexion der jetzigen Lebenssituation („Was habe ich mitgebracht?“ „Vermisse ich etwas? Wenn ja, was?“). Bei Kaffee und Kuchen wurden im Anschluss – ganz im Zeichen des „siebenbürgischen Welt-Cafés“ – die entstandenen Plakate vorgestellt.

Der Abend war für die Anliegen der Seminarteilnehmerinnen reserviert. Christa Wandschneider berichtete über ihre Teilnahme beim Frauenverband im Bund der Vertriebenen in Travemünde sowie über die Tätigkeit des Deutschen Frauenrates in Berlin, deren Ziele und Aufgaben und wie sich die Siebenbürger dort positionieren. Sie gratulierte Ursula Tobias zum 80. Geburtstag und zur Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Da die Tagung im zweijährigen Turnus stattfindet, gratulierte sie rückblickend auch Rosel Potoradi und erwähnte den 90. Geburtstag von Ortrun Scola, die maßgeblich in der Frauenarbeit der Siebenbürger Sachsen tätig war und durch ihre Bücher „Die Festtracht der Siebenbürger Sachsen“ und „Das Dorfleben der Siebenbürger Sachsen“ bekannt ist. Ein kurzes Gedenken an die engagierte Frauenreferentin Annemarie Puscher soll nicht unerwähnt bleiben. Ilse Philippi, die unsere Tagung mit einem Zwischenstopp in Berlin anlässlich der dortigen Vorstandssitzung besuchte, berichtete sehr anschaulich über deren Ablauf und die sehr schöne Geste unseres Bundesvorsitzenden, Erde aus Orten, die ihm wichtig sind, in das Kunstprojekt „Der Bevölkerung“ im Deutschen Bundestag einzubringen (siehe Artikel „Siebenbürgische Erde im Bundestag“). Weitere Berichte der Tagungsteilnehmerinnen folgten. Immer wieder interessant und wichtig ist das Thema Tracht und Trachtenverständnis. Die Einrichtung einer siebenbürgisch-sächsischen Trachtendatenbank läuft. Die Frauenreferentinnen der Landes- und Kreisgruppen sind gute Multiplikatoren für dieses uns allen am Herzen liegende Thema.

Gemeinsam begannen wir den Sonntag mit einem Gottesdienst mit Pfarrer Dr. Weiß und zusammen mit den Genealogen, die ihre diesjährige Tagung ebenfalls in Bad Kissingen abhielten. Ilse Philippi, Siebenbürgen, Lehrerin, ehemalige Kreis- und Landeskonsistorialrätin der Evangelischen Kirche in Rumänien, referierte über „In Wende und Umbruchzeiten: An führender Stelle und Verantwortung im Gemeinwesen: Schule, Politik und Kirche“. Ganz wichtig für sie war, uns die Strukturen von Demokratischem Forum und Evangelischer Kirche näherzubringen. Sie erläuterte sehr klar und sachlich den Aufbau und Ablauf dieses Gefüges und die Geschehnisse in Siebenbürgen. Ganz wichtig für uns alle ist die Mitverantwortung für das Gemeinwesen, der Kontakt zwischen Heimatkirchen und den Siebenbürger Sachsen in Deutschland sowie die Möglichkeit des Beitritts in die Heimatkirche. Ihre Ausführungen beendete Frau Philippi mit einer kleinen Meditation über den Begriff „Heimat“. Die ausführliche Diskussion ließ erkennen, wie wichtig die Aufzeichnung dieser Strukturen für die Anwesenden war. Es kam der Wunsch auf, solche Organigramme auch für die Strukturen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland zu erstellen und den Frauenreferentinnen als Multiplikatoren zur Weitergabe zu vermitteln.

Die Zeit zum Ende einer Tagung wird trotz bester Planung immer knapp. Trotzdem war genügend Zeit, Dr. Renate Weber, Münster, zu „Dokumentations- und Forschungsprojekten zur Zeitgeschichte der Rumäniendeutschen“ anhand der Gemeinde Zendersch zu hören. Die Gemeinde, die ihr besonders am Herzen liegt, wird in einem Bildband dokumentiert. Die Abläufe im Jahreskreis – Dorf und Kirche, Arbeitsalltag, Tiere und Viehbrandzeichen, Kindheit und Jugend, Familien, soziales Leben etc. – sind nur einige Kapitel, die mit Bildern gefüllt werden. Die Präsentation regte dazu an, das Vorgehen in den eigenen Heimatorten weiterzugeben; vielleicht beginnt eine Dokumentation der ganz anderen Art.

Zum Abschluss dankte Christa Wandschneider den Referentinnen für die interessanten und zu Diskussionen einladenden Referate, den Teilnehmerinnen für die rege und kontroverse Mitarbeit und Diskussionsbeiträge. „Ein Blick zurück auf das Seminar“, zum Ende der Veranstaltung ausgeteilt, zeigte, dass die Tagung gut angenommen wurde und gut angekommen ist. Die Qualität der Referate, die lebendige Art der Vorstellungsrunde und des gegenseitigen Kennenlernens, die neue Art der Kommunikation kamen gut an. Anregungen und Vorschläge, was besser gemacht und in das nächste Seminar eingebracht werden sollte, werden dankbar angenommen und aufgegriffen.

Unser Dank gilt dem Bundesministerium des Innern, Verständigungspolitische Maßnahmen, dem Verband der Siebenbürger Sachsen und der Tagungsstätte „Der Heiligenhof“ für die Unterstützung der Tagung und Begleitung vor Ort.

Aurelia Brecht, Renate Kaiser, Christa Wandschneider

Schlagwörter: Tagung, Frauen, Auswanderung

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Neueste Kommentare

  • 21.12.2014, 01:06 Uhr von coraldanons: Hab Interesse an der Dokumentation.Sicher ergibt sich die Gelegenheit dazu.Dankbar,grüßen Dich Jn ... [weiter]
  • 25.10.2014, 11:28 Uhr von Broomerchen: Eine solche Dokumentation wie sie Fr.Dr. Renate Weber beschreibt, beginnt nicht erst, denn so eine ... [weiter]

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