20. Juli 2020

"Unser Nachbarzeichen": Gedanken zum 70-jährigen Bestehen der Siebenbürgischen Zeitung in München

Wer in einer siebenbürgischen Gemeinde gelebt hat, kennt das sogenannte Nachbarzeichen. Das war ein etwa 20 cm langes, aus Holz geschnitztes, kunstvoll verziertes Täfelchen, das zunächst der mündlichen und später der schriftlichen Übermittlung von Nachrichten und Mitteilungen diente. Eingeleitet wurde die Bekanntgabe in der Regel mit der Anrede: „Der ehrsamen Nachbarschaft wird mitgeteilt …“ oder „Mitteilung an die ehrsame Nachbarschaft“.
Nachbarzeichen der Mittleren Nachbarschaft in ...
Nachbarzeichen der Mittleren Nachbarschaft in Schaas.
Jede Kirchengemeinde war in Nachbarschaften gegliedert. Eine Nachbarschaft war eine Lebensgemeinschaft, die in der Regel 12-20 nebeneinanderliegende Häuser (Hausgemeinschaften) eines Straßenzuges oder Wohnviertels umfasste. Sie diente der Anteilnahme am persönlichen Ergehen sowie dem gegenseitigen Beistand und der Hilfeleistung ihrer Mitglieder in allen Lebenslagen. In ihr verwirklichte sich christliche Nächstenliebe. Zugleich trug sie Sorge für Ordnung und Sicherheit, Anstand und Sitte, Pflege des Brauchtums und Förderung von Gemeinsinn und Kirchlichkeit.

Der „Nachbarvater“ als Vorsteher der Nachbarschaft brachte das Nachbarzeichen mit der Nachricht in Umlauf, indem er es persönlich seinem nächsten Nachbarn übergab. Dieser wiederum hatte es seinem nächsten Nachbarn zu überbringen usw., bis es die ganze Nachbarschaft durchlaufen hatte und wieder beim Nachbarvater ankam, der seinerseits prüfte, ob die Nachricht richtig weitergegeben worden war. Auf diese Weise konnte, auch als es noch kein Telefon, Facebook oder ähnliche moderne Kommunikationsmittel gab, binnen kurzer Zeit die ganze Gemeinde von Gottesdiensten, Abendmahlsfeiern, Beerdigungen, Richt- und Sittagen, kulturellen Veranstaltungen, Nachbarschaftsarbeiten und anderen wichtigen Anliegen in Kenntnis gesetzt werden.

Infolge der Auswanderung leben unsere Landsleute nun verstreut in ganz Deutschland, Österreich, Kanada und anderen Ländern. Den Nachbarn und die Nachbarschaft gibt es so nicht mehr; nachbarschaftliches Leben wie in Siebenbürgen ist, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr möglich. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu unseren Landsleuten, unserem Volk, unserer Gemeinschaft, unseren Überlieferungen und unserer Kirche ist aber vielfach geblieben. Dazu gehören auch das Interesse und die Anteilnahme am persönlichen Ergehen unserer Landsleute wie auch unserer Gemeinschaft als Ganzer.

Gerade für unsere in der Zerstreuung und Vereinsamung lebenden und oft mit Heimweh erfüllten Landsleute war und ist eine solche Verbundenheit miteinander ein Bedürfnis und für eine Gemeinschaft überlebensnotwendig. Das war der wesentliche Anlass dafür, dass die Siebenbürgische Zeitung (SbZ) vor nunmehr 70 Jahren gegründet wurde.

Die erste urkundliche Erwähnung der ...
Die erste urkundliche Erwähnung der Nachbarschaften stammt aus Tartlau, 1498. Das Bild zeigt ein Tartlauer Nachbarzeichen, das bis vor Kurzem genutzt wurde. Foto: Volkmar Kirres
So ist die SbZ zum wichtigsten Kommunikationsmittel geworden für alle, die unserer Gemeinschaft, ihren Organisationen und Einrichtungen angehören. Alle diese Einrichtungen sind zusammengeschlossen im Verband der Siebenbürger Sachsen. Die SbZ ist ein Netzwerk, das alle miteinander verbindet und trägt.

Aus ihr erfahren wir, welches diese Einrichtungen sind und wie sie wirken. Wir erfahren, wo welche kulturellen, gesellschaftlichen und kirchlichen Veranstaltungen stattfinden oder stattgefunden haben. Sie informiert uns über das kirchliche und gesellschaftliche Leben unserer Landsleute, unabhängig davon, ob in Deutschland, Österreich, Kanada, Siebenbürgen oder sonst wo. Auf diese Weise bekommen und nehmen wir Anteil am Leben und Ergehen unserer Gemeinschaft als Ganzer und erfahren gleichzeitig, wo wir mitmachen und uns auch einbringen können.

Dadurch unterstützt die SbZ zugleich die Pflege des Brauchtums und der Gemeinschaft und vergewissert uns unserer Zugehörigkeit und unserer Identität. Diesem Anliegen dienen auch die wissenschaftlichen Beiträge aus unserer Geschichte und Kultur und die Reflexionen über unsere Traditionen und unser Gegenwartserleben.

Durch die Informationen, die die SbZ über das Leben in der hiesigen Gesellschaft bringt, verhilft sie zu einer besseren Orientierung. Hilfreich sind auch die Informationen über das politische Geschehen vor allem in den Ländern, in denen unsere Landsleute leben, und das sie betrifft. Dazu gehören auch die regelmäßigen Informationen über die gesellschaftliche und politische Tätigkeit des Verbandes, wie etwa die großen Bemühungen unserer Vertreter um Aufhebung der unsere Landsleute substanziell benachteiligenden Bestimmungen des Fremdrentengesetzes.

Das Spektrum des Lebens und Ergehens unserer Gemeinschaft wird erweitert durch die in regelmäßigen Abständen erscheinende Beilage „Kirche und Heimat“, früher „Licht der Heimat“, herausgegeben von der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD – Hilfskomitee. Sie gibt geistliche Orientierung, bringt Fragen des Glaubens und christlichen Lebens und Handelns zur Sprache und informiert über das kirchliche Leben hier wie in unserer Heimats- und Herkunftskirche, der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien.

Im Hinblick auf das alles ist die SbZ in übertragenem Sinn unser neuzeitliches „Nachbarzeichen“, das wichtigste Kommunikationsmittel unserer Gemeinschaft.

Dass die SbZ zu dem geworden ist, verdankt sie vor allem den großen Bemühungen und dem Engagement ihrer Schriftleiter und Redakteure sowie ihren haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Ihnen allen sprechen wir dafür unseren ganz herzlichen Dank aus.

Wir gratulieren der Siebenbürgischen Zeitung herzlich zu ihrem 70-jährigen Bestehen und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg, einen großen Leserkreis, engagierte und inspirierte Mitarbeitende und insgesamt auch in Zukunft ein gesegnetes Wirken im Dienste unserer Gemeinschaft.

Prof. Dr. Berthold Köber

Der Autor ist Vorsitzender der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger und Banater im Diakonischen Werk der EKD – Hilfskomitee

Schlagwörter: Siebenbürgische Zeitung, Jubiläum, Nachbarschaften, Hilfskomitee

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