8. Juni 2022

Heimattag 2022: Pfarrer Hans-Georg Junesch hält Rede an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen

Der von der Knabenkapelle Dinkelsbühl angeführte Fackelzug schritt am Pfingstsonntagabend durch die Straßen Dinkelsbühls. Ziel war die den Opfern von Krieg, Verfolgung, Flucht und Vertreibung geweihte Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in der Lindenallee der Alten Promenade. Dort hielt Pfarrer Hans-Georg Junesch aus Hermannstadt die traditionelle Rede an der Gedenkstätte - ein Programmbeitrag der den Heimattag 2022 mitausrichtenden Regionalgruppe Hermannstadt-Harbachtal. Die Ansprache wird im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Landsleute, läw sästern uch bräder! Kein polierter Marmor glänzt uns hier entgegen, keine Goldschrift, die auch im Fackelschein leuchten würde. Grob und rau ist der Stein, aus dem das Gedenken für unser Opfer gemeißelt ist. Rot ist seine Färbung, blutrot. An einer außergewöhnlichen Gedenkstätte zu stehen bringt außergewöhnliche Gedanken mit sich. Ein demutsvolles Mahnmal, das nicht dafür gedacht und geeignet ist, Heldentaten zu verklären, sondern Hingabe zu erinnern und zu ehren. Es geht um die Hingabe unserer Vorangegangenen für das Schicksal der Gemeinschaft, zu der wir heute gehören. Unsere heutige Gemeinschaft ist auf roten Opfersteinen aufgebaut, und viele davon, da bin ich überzeugt, gehören zur eigenen, jüngsten Lebensgeschichte.

Der Fackelzug unterwegs zur Gedenkstätte. Im ...
Der Fackelzug unterwegs zur Gedenkstätte. Im Hintergrund das Segringer Tor, eines der vier erhaltenen Stadttore von Dinkelsbühl. Foto: Konrad Klein
Wir stehen zusammen hier und versuchen zu erahnen, was sie alles durchgemacht haben, unsere Ahnen, die in den Kriegskatastrophen des 20. Jahrhunderts, in den sowjetischen Zwangslagern und in der Unterdrückung durch Staat und ideologischer Verfolgung ihr Leben geopfert haben. Sie haben ihr Leid und ihren Schmerz mit in ein Grab genommen, dessen Ort meistens unbekannt geblieben ist, an dem niemand ihrer fernen Geliebten jemals Tränen vergießen konnte. Diese sind daheim geflossen, in der oftmals stillen Trauer der Eltern oder des Gemahls und vielleicht auch der Kinder, bedrückte Tränen in erdrückenden Zeiten – die auch die Heimat zu zerdrücken suchten.

Wie eine Schlinge zog sich das Katastrophen-Schicksal auch nach den Weltkriegen immer mehr um unsere Gemeinschaft zusammen. Meine beiden Großväter kamen zwar zurück aus Krieg und Deportation. Sie sprachen aber kaum über diese Katastrophen – wozu auch, waren doch die Herausforderungen der neuen Zeiten nicht mehr nur eine Gefahr für die Einzelnen, sondern sie begannen, die Grundlage der Gemeinschaft zu bedrohen. Sie nagten an den jahrhundertealten Wurzeln wie der Wurm aus der biblischen Geschichte von Jona. Dieses Denkmal steht nicht nur für die vielen Einzelnen, deren Schicksal sie aus Heimat und Leben entrissen hat, auch nicht nur für die vielen sprachlos Gewordenen im Leid von leiblicher und seelischer Not in Gefangenschaft, in Zwangsarbeit oder auf der Flucht. Dieses Denkmal steht auch für die sich langsam entwurzelnde Gemeinschaft als solche, in der wir, nimmt man es rückblickend genau, seit 100 Jahren leben. Klingt das zu schroff, zu fatalistisch? Es bleibt wohl eine Frage der Anschauungsweise, mit der wir die Suche nach den Wurzeln unserer Identität betreiben. Anders rauscht da die Zeit. Wurzeln können ganz vielfältig sein, ähnlich den sichtbaren Baumkronen in ihrer Artverschiedenheit. Und das betrifft auch unser ganz eigenes, persönliches Schicksal.

Pfarrer Hans-Georg Junesch sprach an der ...
Pfarrer Hans-Georg Junesch sprach an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Foto: Christian Schoger
So bin auch ich, trotz physischer Heimatverbundenheit – ich bin ja in Siebenbürgen geblieben und lebe in Hermannstadt –, eigentlich ein Entwurzelter – doch ein glücklicher. Zumindest was meinen Heimatort betrifft. Denn durch das Dorf meiner Kindheit – Girelsau am Alt – fahre ich auch vierzig Jahre nach dem endgültigen Abschied recht häufig hindurch. Und ich komme am stattlichen Pfarrhaus vorbei, dem Zuhause meiner Kindheit mit dem für Kinderaugen riesigen Garten, dessen Pracht auch heutzutage das Herz erfreut, sehe dahinter die alte Dorfkirche, die sich dem betrachtenden Auge in voller Länge darbietet, eigenartig ausgestreckt, fast wie eine Diva im Plüsch des sie umgebenden Grün, mit ihrem regionaltypischen dicken Wehrturm und seinem Gesicht, dem hölzernen Wehrgang, und ich bin dankbar für die schönen Kindheitsjahre, deren wertvolle und frohe Erinnerungen mich bis heute begleiten.

Als Pfarrerssohn waren der große Pfarrgarten und der Kirchhof mit seiner Ringmauer das Reich meiner Abenteuer. Das Herumkriechen auf den mannigfaltigen Obstbäumen – schon merkwürdig, dass wir Sachsen auf Bäume oder Mauern hinauf „kriechen“ –, das Überwinden der für uns eigentlich unüberwindbar erscheinenden hohen Ringmauer – die historische Bewusstseinsperspektive mittelalterlicher Angreifer fehlte mir damals noch –, das Herumpirschen im hüfthohen Gras um die alten Grabsteine am Kirchhof und um die Ecken und Stützpfeiler der Kirche mit dem sanft abbröselnden grauen Verputz der Mauern, ja, zögernd nur bröckelt der Stein – wie glücklich waren wir alle, die wir diese Abenteuer gemeinsam erleben durften. Doch auch im Haselwäldchen am Dorfrand liefen wir herum, schnitten mit dem in der Lederhose versteckten Taschenmesser seine Gerten, die wir Jungs für den Fidschipfeil brauchten, stiegen über das Fladdewisken, sommers übersät mit Käbesch, aber im Winter ein großartiger Schlittenhang, brachten der Mutter manchmal ein Blümchen mit, fühlten uns geborgen am gänseflaumbekleideten und anderweitig besprenkelten Dorfanger mit dem zierlichen Bächlein, das irgendwie die gemeinschaftliche Dorfburg, bestehend aus Kirche, Pfarrhaus, Schulen, Saal, Geschäften und Wirtshaus, von den einzelnen Familienhäusern trennte, heute würde man vielleicht Wohngebiet sagen, – später erinnerte mich der Zibin beim Markt in Hermannstadt an dieses Bild –, und im Frühjahr stieg das Wasser, getragen vom Duft des Märzwindes, beachtlich an, fast bis ans Ufer, und weckte Abenteuerlust, ebenso wie die gefährliche Flussaue jenseits des Wäinkel, wo wir verbotenerweise manchmal hingingen und die Flugenten beobachteten. Wir Kinder waren glücklich – das ganze Dorf war unser.

Das Besondere am Heimatort meiner Kindheit war die asphaltierte Fernstraße, die das Dorf durchquerte und unser Leben Tag und Nacht begleitete – sie führte direkt am Schlafzimmer vorbei und nächtliche Scheinwerfer warfen bizarre Lichtblicke durch die geschlossenen Fensterläden ein, überaus phantasieanregend für ein im Wachtraum liegendes Kind. Doch noch etwas weckte die Fernstraße in uns, wenn wir halbe Tage lange die großen amerikanischen Brummis der 1970er Jahre bestaunten, die, mit fremden Kennzeichen behaftet, in angenehmen Abständen von mindestens zehn Minuten Sehnsüchte in uns wach werden ließen. Ja, das Fernweh wurde geweckt, für alle im Dorf, und die, die schon damals mit dem Mercedes vorfuhren, ließen das Bild der Sehnsucht mit allen Sinnen erfahrbar werden. So fanden sich irgendwann auch die Wege, diese Sehnsucht zu stillen. Es wurde still, in Girelsau, in Hermannstadt und darüber hinaus. Und ich fühlte mich entwurzelt, der Heimatboden brach unter meinen Füßen weg, obwohl ich darauf stehen blieb und versuchte, Halt zu finden, ähnlich wie damals im Garten der Kindheit, als wir Jungs die süßen Weichseln begehrten und zu dritt auf einem Ast entlangkrochen, bis uns die ganze Herrlichkeit schließlich zu Füßen lag und der Baum nur noch kräppedich stehen blieb.

So stand der junge Mann, plötzlich mit gebleichter Stirn in einem gewendeten Zeitalter verfangen, als Student an der Pfarrschule in Hermannstadt auch irgendwann vor der Frage: Welches ist der Weg, den du mit deinem Leben gehen willst? Im Nachhinein erinnerte ihn die damalige Situation manchmal an den Esel aus der „Sachsesch Wält“, der sich auf der Brücke stehend fragte: „Soll ech nea gohn odder noch e kizke stohn?“ Doch es war nicht schlecht, auf der Brücke zu stehen. Man konnte in Ruhe die beiden Ufer betrachten, wusste, sie sind miteinander verbunden, und konnte sich aus einer gewissen Distanz dem Fluss der Zeit hingeben. Für diese Brücke bin ich bis heute dankbar. Auch dafür, dass sie weiterhin steht und manche Wege miteinander verbindet. Später lernte ich im Studium im alten Rom das Brücken-Wächteramt kennen. Pontifex hieß der Beamten-Priester, der für den Erhalt der Stadtbrücken und damit verbundene religiöse Rituale zuständig war. Somit hatte ich immer ein plastisches Bild vor Augen, wenn es in der Ausbildung um die höchste priesterliche Aufgabe ging: die Brücke zwischen dem Dies- und dem Jenseits zu bauen; Menschen inmitten der zeitlichen Vergänglichkeit der Dinge auf die Zeitlosigkeit des Überdinglichen vorzubereiten.

Irgendwann, im Nachsinnen über die Frömmigkeit unserer Vorfahren, auch der mich jungen Menschen noch lebend begleitenden Ahnen, frug sich folgender Gedanke tief ein – und wir hier Gedenkenden dürfen auch fragen: Wie tief verwurzelt war wohl die Sehnsucht unserer Vorfahren nach dem Göttlichen, wie echt die Freude auf ein Wiedersehen im Ewigen, wenn sonntäglich andächtig der Predigt gelauscht und aus dem Zalmebeach inbrünstig gesungen wurde, ansichtig all der Gedenkfahnen und Gedenksprüche an den Behängen im Kirchenraum, mit Herzblut und fleißiger Leidenschaft für die so unerwartet, so früh, so schmerzhaft Dahingeschiedenen - gefallen, verschollen, verunglückt – für alles Glück der Zeitlichkeit verloren? Hat der Glaube die Daheimgebliebenen getragen, sie getröstet, die Hoffnung auf bessere Zeiten und auf Erlösung wachgehalten? Wie habt ihr eure Mütter und Väter, Großeltern, den Oheim und die Muhme in eurer Dorfgemeinschaft diesbezüglich erlebt? Wie früh schaudert uns Kirchenburgen-Sachsen tatsächlich die Ewigkeit?

Wie ist es euch selbst bisher mit diesen Fragen ergangen? Sein und Nichtsein, Leben und Tod. Wie geht es euch jetzt damit, wenn ihr hier steht? Was macht mich glücklich, was macht mich selig – vielleicht sind wir geneigt, auch bei diesen Fragen immer noch das „Wir“ in den Vordergrund zu stellen. Was macht uns glücklich, was macht uns selig?

Zu all dem Wertvollen und Schönen, was unsere Gemeinschaft nun schon über so viele Jahrhunderte ausmacht, gehört tatsächlich grundlegend der „Schauder der Ewigkeit“: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Luk. 13,29) – Hier am Gedenkmal wird dieses Jesus-Wort symbolisch-anschaulich Wirklichkeit: Aus allen vier Himmelsrichtungen kommen sie an den vier steinernen Tischen zusammen, unsere dahingeschiedenen Vorfahren, um die Gemeinschaft mit dem zu suchen, der sie auch in den schwersten Zeiten zusammengehalten hat. Das Gleiche gilt aber auch für uns. Denn am Eichbaum unserer Geschichte sollte der Spruch stehen, mit dem wir unsere tiefste und festeste Wurzel beschreiben können: „Seid verwurzelt und gegründet in Christus Jesus und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.“ (Kolosser 2,7).

So lasst uns den Weg der Dankbarkeit für den Reichtum des Ererbten gehen, den Weg der Zuversicht, gebaut auf festen Glauben, und den Weg in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus nicht scheuen, der, bewährt in Schützengräben, Stacheldraht, Kerker, Verfolgung, sicherlich auch die großen Herausforderungen der heutigen Zeit begleiten wird. Mögen sie im Frieden ruhen, alle, derer wir heute gedenken, im Gemeinschaftlichen wie im Eigenen, und möge Gott uns Frieden an Leib und Seele bewahren. Ech bedanke mech fuer det Zeahieren. Gott erhalt ech.

Schlagwörter: Heimattag 2022, Dinkelsbühl, Gedenkstätte, Junesch, Hermannstadt

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