1. Juli 2012

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Krieg und Berliner Kinder: Bruno Moravetz erinnert sich

Anfang 1941 war ich in Hermannstadt als einer der Studenten im Seminar. Da das elterliche Geld für ein Studium der Germanistik und vielleicht auch Theologie nicht reichte, habe ich mich für Volksschullehrer entschieden. Nach drei Monaten des Studiums bin ich zu meiner Überraschung schon als Hilfslehrer für eine deutsche Klasse an die rumänische Schule in einem westlichen siebenbürgischen Industrieort, nach Cǎlan (Crişeni), für acht Wochen geschickt worden. Der Nazi-Ortsgruppenleiter, ein Frisör, hat einige junge Männer aus der geringen deutschen Bevölkerung für das reichsdeutsche Militär mustern lassen. Schon zwei Tage danach musste ich mit kleinem Koffer von zuhause weg.
In der Turnhalle des Banatia-Gymnasiums in Temeschburg haben uns am 29. April 1941 deutsche Soldaten mit Lastwagen, in Wehrmachtsmänteln mit den „Krätzchen“ – den schmalen Käppis – auf dem Kopf in Tag- und Nachtfahrt durch Ungarn nach Wien gekarrt. Wir waren einige hundert junge Männer, die meisten gerade mit dem Gymnasial-Abschluss. Natürlich waren wir als rumänische Staatsbürger, die im Heer unserer Heimat dienen mussten, schlicht und einfach Deserteure. Aber wir wollten in die deutsche Wehrmacht. Dass wir dann in der Feld-Rekrutenkompanie von Unteroffizieren wie dahergelaufene „Balkanesen“ schikaniert worden sind, war nach nur sechs Wochen Ausbildung vergessen.

Wir sind an die Front gekommen. Im Mittelabschnitt der Front kamen wir über Minsk in die Gegend von Smolensk, wo ich als Maschinengewehr-Schütze „Zwei“ mit schweren Munitionskästen behängt, fast zugleich mit meinem „Schützen-Eins“, der das MG bediente, verwundet wurde. Markus Mayr aus Salzburg hatte einen Bauchschuss, ich nacheinander eine Kugel im linken Fuß und einige Handgranatsplitter im rechten Oberschenkel. Ich nahm Markus das MG ab, hielt ihn über die Schulter fest und stapfte Richtung Osten. Durch knietiefen Sumpf erreichten wir eine deutsche Einheit, bei der schon an die zwanzig Verwundete am Boden nebeneinander gelegen haben. Ein Sanitäter kümmerte sich um uns. Irgendwann in der Nacht bin ich in ein Haus getragen worden, wo ich auf der Tragbahre vor einer offenen Tür gelegt worden bin. Drinnen war wohl der notdürftige Operationsraum. Ärzte in blutig verschmiertem Weiß versorgten Verwundete. Einmal habe ich gesehen, wie ein Bein abgesägt worden ist. Ich bin auch hineingetragen worden. Ein noch junger Arzt begutachtete meinen linken Fuß. Ich habe zu jammern begonnen: „Bitte, bitte nicht abschneiden - ich will doch wieder auf die Berge - zum Skifahren!“ Das habe ich so oder ähnlich zwei oder dreimal wiederholt. Der linke Fuß war in den anderthalb Tagen wohl vom Sumpfwasser „brandig“ geworden. Mit einem Verband um den Fuß, aus dem das kaputte Fleisch herausgeschnitten war, bin ich auf einer Trage in ein Junkers-Flugzeug gekommen, wo an die zehn Leidensgenossen auf Tragen gelegen haben, und eine knappe Stunde irgendwohin geflogen worden. In der Stadt Baranowitschi, noch in Russland, sind wir, die ersten Patienten in einem neu aufgemachten Feld-Lazarett mit Hamburger Besatzung, gelandet. Ich erinnere mich, dass eine Schwester meinen Puls gemessen hat, gleich dreimal. Sie lief weg und drei Ärzte sind gekommen. Sie haben festgestellt, dass ich kaum Blutdruck hatte und einen Puls von etwa vierzig Schlägen. Ich habe danach entsprechende Medikamente bekommen.

Nach einigen Tagen bin ich in einem Lazarett-Zug nach Schlesien gekommen. Im Knappschafts-Krankenhaus lagen wir zu zweit in einem Zimmer. Unsere Krankenschwester war eine junge Gräfin Schaffgotsch. Sie war immer sehr, sehr freundlich. Es hat sich ergeben, dass im Schlosspark ein Sommerfest veranstaltet worden ist. Das hatte viel mit Deutsch-Südwest zu tun, denn der alte Graf war wohl bei Lettow-Vorbeck als Militär in Afrika. Im Park kümmerten sich die Damen um uns Verwundete, wir haben jedenfalls Schokolade für Jahre bekommen. Meine Pflegerin, die junge Gräfin, kümmerte sich sehr um mich, denn sie wusste, dass ich an diesem Tag zwanzig Jahre alt geworden bin.

Auch die Zeit im Lazarett ist zu Ende gegangen. Am Jahresende fuhr ich von Norddeutschland mit fünfmal Umsteigen zwei Tage und zwei Nächte nach Kronstadt. Die Eltern waren ja im „Dr.-Julius-Römer-Schutzhaus“ in etwa 1600 Metern auf dem Hausberg der Kronstädter, dem „Schuler“, Verwalter und Gastwirte. Wir zwei Söhne hatten im ersten Stock ein schönes Schlafzimmer. Weihnachten sind vor allem am zweiten Feiertag einige Familien, die Stammgäste waren, angekommen. Da ist im Vereinszimmer auch Silvester gefeiert worden. Da ich im Urlaub vor allem viel schlafen wollte, war für mich kurz nach Mitternacht Schluss. Dafür konnte ich in der Frühe des Kriegsjahres 1942 schon gegen neun Uhr beim Frühstück sein. Die Kellnerin hat ein „gutes neues Jahr“ gewünscht. Bald sind auch zwei Mädchen, etwa acht Jahre jünger als ich, in den Speisesaal gekommen. Als ich im Verlauf des Gesprächs gesagt habe, dass ich mit meinem noch nicht ganz geheilten linken Fuß doch endlich wieder auf den Skiern stehen und auch fahren wollte, haben die beiden sich als Begleitung angeboten.

Die Sonne hat an diesem Neujahrsmorgen aus einem wundervollen, blauen Himmel die Winterkälte etwas gemildert. Wir stapften die etwa 200 Meter bis zum Beginn der Abfahrtsstrecke, die durch die „Telefon-Schlucht“ geführt hat. Ein Mädchen war noch dabei. Nachts waren an die fünf Zentimeter herrlicher Pulverschnee gefallen, durch den ich meine erste Spur und auch den ersten Schwung seit einem Jahr ohne Skilauf gezogen habe. Das Mädchen war eine gute Skiläuferin. Wir hatten ein reines Vergnügen auf dieser sehr kontrollierten Fahrt. Dann hieß es die Ski schultern und etwas länger als eine Stunde den Berg hinaufsteigen. Ich habe mich bei der jungen Dame für das Vergnügen bedankt. Jahre später kam das eine Mädchen, die Eva, in die Familie, denn sie wurde Ehefrau meines Vetters Gerhard „Punki“ Heichel. Mit dem anderen Mädel, Bettina Fabritius, habe ich im Alter, seit einigen Jahren, engen Kontakt. Bettina, inzwischen verwitwet, lebt im Siebenbürgerheim in Rimsting am Chiemsee und schreibt ihre Gedanken auf – etliche Bücher sind schon erschienen. Wir haben guten telefonischen Kontakt.

Auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Nach einem kurzen Gastspiel als Schreiber in einer Dienststelle habe ich, da immer noch von der Verwundung gehbehindert, eine sehr schöne Aufgabe übernehmen dürfen. Mit dem Reichs-Theaterzug bin ich in die Deutschen Siedlungsgebiete im rumänischen Banat und Siebenbürgen gereist. Allabendlich hat es Vorstellungen gegeben; eine kleine Musikkapelle, Ballett-Tänzerinnen, ein Sängerpaar und der Conferencier haben zwei Stunden gutes Programm gemacht. Daraus ist eine Anforderung der deutschen Volksgruppe in Rumänien für zwei Monate Mitarbeit bei Pressechef Walter May in Kronstadt geworden. Danach war mein Weg zu den Kriegsberichterstattern vorgezeigt. Nach drei Monaten Sprechschulung bei einem älteren Schauspieler namens Nöldechen war ich Kriegsberichterstatter für den Rundfunk.

Es kam im Herbst 1943 der erste Einsatz an der deutschen Südfront in der heutigen Ukraine bei Kiew. Danach kam gleich die Versetzung zum Vorbereitungslehrgang für die Offizierslaufbahn. Ich war immer noch nicht auf den „Führer“ vereidigt. Als wir noch in der Ausbildung waren, habe ich mein fast lebenslanges Leiden, eine eitrige Mittelohr-Entzündung auf dem rechten Organ, bekommen. Im Linzer Krankenhaus habe ich einige Tage gelegen. Im Zimmer nebenan, flüsterte die Schwester, liege der berühmte Boxer Max Schmeling. Er hatte sich als Fallschirmjäger beim Absprung auf Kreta einen Unterschenkel gebrochen. Fünfzehn Jahre später habe ich Schmeling bei einem deutschen Empfang während der Olympischen Spiele 1960 in Rom getroffen. Als ich ihn an Linz erinnert habe, ärgerte er sich über das damalige Missgeschick.

Über ein Jahr, vom Spätherbst 1943 bis gegen Weihnachen 1944, dauerte meine Schulzeit, um Offizier zu werden. In den Tagen vor Minsk hatte ich – wie sehr viele Soldaten in Russland – eine sehr hartnäckige Krankheit, die Gelbsucht, durch eine Leberinfektion geholt. Erst 1946 im Krankenhaus in Hindelang ist diese Plage besiegt worden.

120 Berliner Buben gerettet

Über die beiden letzten Tage des Krieges kann ich mich immer wieder freuen. Ich hatte den ersten Zug einer Kompanie von etwa 120 Berliner Buben auszubilden. Irgend ein wahnsinniger Nazi-Führer hatte sich ausgedacht, mit Berliner Kindern aus den Verschickungslagern in Böhmen eine Panzer-Bekämpfungseinheit zu schaffen. In kleinen Gruppen von drei oder vier Schützen mit „Panzerfäusten“ – eine Sprengwaffe – sollten wir uns von den Sowjet-Panzern „überrollen“ lassen, um sie von hinten abzuschießen.

Am 6. Mai 1945 bin ich morgens um fünf Uhr zum Kompaniechef, Major Wiesner, einem älteren Mann, der auch im Ersten Weltkrieg schon dabei war, beordert worden. Der Chef eröffnete uns drei Zugführern, dass ein Befehl gekommen war, die Einheit sollte im 30 Kilometer entfernten Prag einrücken, um bei den aufständischen Tschechen Ruhe zu schaffen. Ein glattes Todeskommando! Wiesner blickte uns drei nacheinander kurz an – und dann der Befehl gegen den Befehl: „Die Einheit marschiert in einer Stunde mit Allem Richtung West, Tagesziel der Ortsrand der sudetendeutschen Stadt Saaz!“

Wir haben es geschafft, zweimal musste ich als Spitze der Kolonne in tschechischen Dörfern, unter Drohung mit unseren 120 Panzerfäusten, aufgebaute Sperren vor den Orten räumen lassen – es ist gelungen. Wir konnten durch die Orte ziehen. Müde ist unsere junge Schar gegen Abend am Ortsrand von Saaz angekommen. Ich habe noch in einer Verpflegungsstelle mit einem wohlgenährten Zahlmeister um 120 Schachteln „Schoko-Cola“ verhandelt – mit vorgestreckter Maschinenpistole, weil er einen Befehlsschein haben wollte – über die sich dann unsere Kinder-Soldaten sehr gefreut haben. Anderntags marschierten wir weiter, und am 8. Mai 1945 haben wir nachmittags von der Kapitulation Nazi-Deutschlands gehört. In einer tiefen, zugeschütteten Grube auf freiem Feld hat unser dritter Zugführer, ein Pionier, alle Panzerfäuste und Waffen – bis auf die drei Pistolen der Zugführer – gesprengt.

Beim Hellerwerden am nächsten Morgen kamen fünf amerikanische Militärlaster an. Vor vorgehaltenen Maschinenpistolen sind wir verfrachtet worden und in ein Camp auf freiem Feld als Kriegsgefangene gebracht worden. Dort lebten wir auf freiem Feld hinter Stacheldraht. Der nächtliche Mairegen hat uns für den nächsten Tag Arbeit beim Trocknen der ehemaligen Uniformen beschert. Was waren wir erfreut, wenn es nicht regnete. Nach zwei Monaten waren wir freie Menschen. In der Trümmerwüste der Münchener Innenstadt haben uns die Amerikaner vor der zerbombten Universität antreten lassen, Entlassungsscheine und je einen Passierschein gegeben, und wir waren frei.

Bruno Moravetz

Schlagwörter: Erinnerungen, Krieg

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