5. November 2012

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Tschippendorfer Glocke vom Friedhof in Setterich gestohlen

Der aktuelle Beitrag wurde in der Lokalzeit aus Aachen des WDR-Fernsehens am 27. Oktober so anmoderiert: „Wie kommt jemand darauf, eine 30 Kilogramm schwere Glocke von einem Friedhof zu klauen? So passiert in Setterich bei Baesweiler. Diebe haben in der Nacht dort eine Glocke abmontiert und zwar nicht irgendeine Glocke. Für viele Settericher war sie ein letztes Stück Heimat. Als gebürtige Siebenbürger aus dem kleinen Tschippendorf nahmen sie 1944 auf der Flucht vor der sowjetischen Armee ihre Glocke auf dem Leiterwagen mit, 2000 beschwerliche Kilometer bis nach Setterich. Jetzt können sie den Diebstahl ihrer geliebten Glocke kaum fassen.“
Der WDR-Magazinbeitrag berichtete über den nächtlichen Diebstahl der Tschippendorfer Glocke vom Friedhof in Setterich und lässt fassungslose Settericher Siebenbürger Sachsen zu Wort kommen. Die dreisten Diebe stahlen zunächst das Kupferdach und einige Tage später die Glocke. Der Glockenraub wird in Zusammenhang gebracht mit vorausgegangenen Diebstahlsdelikten, bei denen in Setterich wiederholt Grablichte und Kreuze aus Edelmetall, kürzlich sogar die Dachrinne der Leichenhalle gestohlen wurden. Die Polizei warnt seit geraumer Zeit vor Metalldieben auf Friedhöfen. Nur mehr ein Erinnerungsbild: der Glockenturm mit ...Nur mehr ein Erinnerungsbild: der Glockenturm mit der Tschippendorfer Glocke auf dem Friedhof in Setterich, bevor ihn die Räuber heimsuchten. Foto: Angelika Schwager Auch die Aachener Zeitung hat das Thema aufgegriffen. In der Ausgabe vom 29. Oktober 2012 äußert der heute in Baesweiler lebende Tschippendorfer Michael Ohler seine Bestürzung. Als Vierjähriger hatte er am 19. September 1944 seinen nordsiebenbürgischen Heimatort mit seiner Familie verlassen müssen: „Ich bin sehr betrübt. Das ist ein unersetzbares Stück“, wird Ohler zitiert. Einst hatte die 1926 bei Anton Novotny’s Sohn in Temeswar gegossene, 21 Kilogramm schwere Glocke (Rotguss, eine Legierung auf Kupferbasis) an der Tschippendorfer Volksschule tagtäglich den Schulbeginn eingeläutet. Als die Front näher rückte und etwa 250 Tschippendorfer zur Flucht aufbrachen, war es Ohlers inzwischen verstorbener Nachbar Michael Weber, der die Glocke eigenhändig abmontierte und transportierte. Mitte November 1944 kam der Treck im oberösterreichischen Vorchdorf an. Dort lebten die Flüchtlinge als Staatenlose bis 1954, als die Hälfte der vormaligen Tschippendorfer der Arbeit wegen ins Aachener Steinkohlerevier umsiedelte, die Glocke mitführend. Setterich wurde ihre neue Heimat. Ihre Glocke erhielt 1957 einen Platz auf dem Settericher Friedhof. Man baute ihr einen veritablen Glockenturm mit einem Kupferdach, für das die Settericher gemeinsam gesammelt hatten. Seither spendete der helle Klang der Glocke den Hinterbliebenen aller Konfessionen Trost.

Anfang September 1984 brachte der seinerzeitige Vorsitzende der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, Michael Ohler, die Tschippendorfer Glocke aus Setterich nach Dinkelsbühl. Dort wurde sie bei einem Gedenktreffen der Nordsiebenbürger am 8. September 1984 anlässlich der Evakuierung durch Trecks vor 40 Jahren während einer Kranzniederlegung an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen geläutet. An dem Treffen nahmen auch der damalige Bundesjustizminister Dr. Hans Engelhard und seine Gattin, eine gebürtige Lechnitzerin, teil.

Anlässlich des herben Verlustes erklärte Pfarrer Ulrich Schuster von der Evangelischen Kirchengemeinde Setterich-Siersdorf: „Die Tschippendorfer Glocke stellt gleichzeitig ein identitätsstiftendes Symbol für die Siebenbürger Wurzeln vieler Settericher Familien, wie auch ein gemeinschaftsstiftendes Zeichen für ein gelungenes Miteinander im Ort dar. Die Evangelische Kirchengemeinde bedauert den Verlust der Tschippendorfer Glocke sehr. Sie hofft darauf, dass die Glocke bald wieder gefunden wird, beurteilt die Chancen darauf aber gering. Sie wünscht sich, dass möglichst bald wieder eine Glocke für den kommunalen Friedhof angeschafft wird, und wird deshalb das Gespräch mit der Kommune sowie verschiedenen Settericher Institutionen und Vereinen suchen.“

Christian Schoger

Schlagwörter: Setterich, Glocken, Tschippendorf

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