9. November 2014

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50 Jahre Siebenbürgersiedlungen in Overath

Zusammen mit der Vorsitzenden der Kreisgruppe Drabenderhöhe des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, Enni Janesch, Pfarrerin Frau Palm-Gerhards und Dr. Hartwig Soicke erinnerte eine kleine Gruppe evangelischer Christen aus den drei Overather Siebenbürgersiedlungen und Umgebung an ein historisches Ereignis. Die drei Streusiedlungen der Siebenbürger in Heidermühle, Großhurden und Immekeppelerteich wurden im Rahmen eines Evangelischen Kirchentages in Anwesenheit vieler Ehrengäste am 24. und 25. Oktober 1964 feierlich eingeweiht. Mit einbezogen war die Evangelische Volksschule in Großhurden. Aus diesem Anlass fand am 25. Oktober 2014 in der Friedenskirche in Neichen ein feierlicher Festakt mit einer von Hartwig Soicke gestalteten „Rollup“-Ausstellung statt. Mitwirkende waren der Honterus-Chor Drabenderhöhe und die Siebenbürger Musikanten aus Overath. Der Festgottesdienst am darauffolgenden Sonntag schloss einen eindrucksvollen Bericht einer Zeitzeugin der Evakuierung der Siebenbürger aus Nordsiebenbürgen ein und rundete die Feierlichkeiten ab.
Mit dem als Leitspruch gewählten biblischen Wort „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ eröffnete Pfarrerin Palm-Gerhards vor zahlreichen Besuchern den Festakt zur 50-Jahrfeier der Einweihung der Siebenbürgersiedlungen in Overath. Sie stellte die Bedeutung dieser Worte des Zuspruchs und der Unterstützung von Paulus an den an Selbstzweifeln leidenden Timotheus für die historischen Wege der Siebenbürger Sachsen heraus. Nicht Furcht und Verzagtheit waren Wegbegleiter der Siebenbürger Sachsen, sondern der Geist der Kraft führte sie an ihr Ziel. Zur Kraft kam der Geist der Liebe und der Besonnenheit, der ihnen auch in schwierigen Situationen eigen war. Nur so haben die Siebenbürger aus Overath hier eine neue Heimat gefunden. Ein lebendiges Zeugnis ihres tiefen und unverbrüchlichen Glaubens, der Hoffnung und der Zuversicht ist die Friedenskirche.

Im Anschluss gab Enni Janesch einen Abriss über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen von deren Evakuierung aus Nordsiebenbürgen bis zu ihrer Ansiedlung und ihrem Heimischwerden in Overath. Sie berichtete u. a. über die Einweihungsfeier der Siedlungen mit der Evangelischen Volksschule in Großhurden und zitierte die Siebenbürgische Zeitung vom November 1964: „Im Bergischen Land entsteht ein neuer sächsischer Sammelpunkt. Zehn Jahre nach der Niederlassung unserer Landsleute in den Bergbausiedlungen Osterfeld, Langenbochum und Setterich stehen nun in der herrlichen Berg- und Hügellandschaft östlich von Köln die neuen Siedlungshäuser von Strombach – Gummersbach, Neuhurden, Heidermühle und Immekeppelerteich, deren erste schon vor vier Jahren bezogen wurden; in Engelskirchen – zehn km entfernt – entsteht ein evangelisches Gymnasium als schulischer Mittelpunkt für diese Siedlungen ebenso wie für die 15 km weiter entfernte große Siedlung Drabenderhöhe“.

Die Siedlerfamilien kamen aus einer Vielzahl von Gegenden und Gemeinden Siebenbürgens, die meisten stammten aus Nordsiebenbürgen mit Stationen in Österreich, in den Bergbausiedlungen im Kohlerevier und wenige aus der Bundesrepublik. Die ehemaligen Nordsiebenbürger hatten eine 20-jährige Odyssee hinter sich und waren froh, wieder ein eigenes Heim zu besitzen. Durch die Flucht und Evakuierung aus ihrer Heimat 1944 hatten sie vor 70 Jahren ihre Heimat verlassen, um sich auf einen langen, schmerzvollen Weg zu machen. In Overath erreichten sie nun endlich ein hoffnungsvolles Ziel.Der Honterus-Chor Drabenderhöhe und die ...Der Honterus-Chor Drabenderhöhe und die Siebenbürger Musikanten aus Overath gestalteten das Jubiläum mit. Foto: Siegfried Raimann Enni Janesch schloss ihre Ansprache mit Dankesworten an Nordrhein-Westfalen, das Patenland der Siebenbürger Sachsen, ohne dessen Unterstützung diese Entwicklung nicht möglich gewesen wäre, und an die Stadt Overath für die Aufnahme und Anerkennung der vor 50 Jahren Heimat suchenden Menschen. Besonderen Dank richtete sie an Johann Adami, der 35 Jahre die Geschicke der Kreisgruppe Overath geleitet hatte. Als Fazit zitierte sie aus einem Vortrag der Historikerin Dr. Dagmar Kift: „Integration gibt es ,nicht für umsonst‘. Man muss sie wollen und fördern und wissen, dass sie kostet. Diese Kosten aber sind Investitionen, die sich mehr als bezahlt machen können. Integration ist nicht nur Anpassung der Zuwanderer, sondern verändert auch die Aufnahmegesellschaft“.

In den folgenden Grußworten von Jörg Weigt, Bürgermeister der Stadt Overath, ging dieser u. a. auf die Bedeutung der Siebenbürger Sachsen für die Entwicklung der Stadt ein. Die stellvertretende Landesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in NRW, Hanna Jung-Boldan, rundete den geschichtlichen Rückblick ab und würdigte die Anstrengungen der Siebenbürger Sachsen bei ihrer Integration in der neuen Heimat.

Mit Betrachtungen zur Bedeutung des Begriffes Heimat nach dem Zitat von Paul Keller, „Heimat ist Friede“, führte Dr. Hartwig Soicke in die Ausstellung ein. Er zeigte auf, dass auch in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen das wiederholte Heimischwerden von der Sehnsucht dieser Volksgruppe, in Frieden und Zufriedenheit leben zu können, zeugt. Die Rollup-Ausstellung sollte an den Tag der Einweihung der drei Siedlungsteile erinnern. Aber auch der Weg der Siebenbürger nach Overath und der Prozess ihres Heimischwerdens sollte an einigen markanten Ereignissen nachgezeichnet werden. Dazu ergänzte er einen historischen Vorspann, der anlässlich der 60 Jahre Kohleaktion erstellt wurde, mit einer Art Chronik der Siedlungen und der „Overather Siebenbürger“.

Diese Betrachtungen verdeutlichen, dass über längere historische Zeiträume die „Overather Siebenbürger“ ihre kulturelle Identität bewahrt haben und immer noch Erinnerungen an ihre Herkunftsregion wach sind. Über die Jahre stellten sich zudem ein gesellschaftlicher Wandel und eine „Mischung kultureller Elemente und Prägungen“ mit der hiesigen Kultur ein. Man fand im Laufe der Zeit hier in Overath ein neues Zuhause.Eine Rollup-Ausstellung von Hartwig Soicke ...Eine Rollup-Ausstellung von Hartwig Soicke erinnerte an den Tag der Einweihung der Siedlung. Foto: Andreas Theil Persönliche Eindrücke aus seiner Kindheit verbindet Hartwig Soicke z. B. mit dem Fleiß, dem handwerklichen Geschick und dem Gemeinschaftssinn der Siebenbürger Sachsen. Eine andere nachhaltige Prägung war die tiefe Verwurzelung der hier ankommenden Siebenbürger Sachsen in ihrem christlichen Glauben und ihr großes Bestreben nach einem eigenen geistlichen, christlichen Mittelpunkt mit der Friedenskirche in Neichen.

Mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer schloss er seine Ausführungen: „Da die Zeit das kostbarste, weil unwiderbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte, leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen. Vieles, Unermessliches haben wir verloren, aber die Zeit war nicht verloren“.

Nach Meinung des Redners gibt dieses Zitat trotz allen Leides und aller Verluste der Siebenbürger Sachsen und anderer Minderheiten im Rückblick ihren Schicksalen und Entwicklungen einen besonderen Sinn. Es führt in einer Art Bilanzierung in die Gegenwart und öffnet den Blick für eine Zukunft. Es lässt die Erinnerungen zu etwas werden, das Impulse und Orientierungshilfen für zukünftiges Handeln bedeuten kann. Die Sinnhaftigkeit von Bonhoeffers Gedanken für die Siebenbürger Sachsen wird heute von ihnen selbst bestätigt. Sie haben die Zeit genutzt, haben ihre Zeit ausgefüllt und trotz aller Verluste war diese Zeit nicht verloren. Sie haben sich geöffnet und einen Weg in Freiheit und Frieden gefunden. Dies unter Einbeziehung der Bevölkerung in ihrer früheren Heimat. Ein Indiz dafür war kürzlich die Einweihung des „Baumes des neuen Lebens“ – eines von Bistritzer Künstlern geschaffenen Denkmals in Drabenderhöhe. Dabei wurde mit offiziellen Vertretern aus Bistritz ein Freundschaftsvertrag geschlossen. Es bleibt der Wunsch für die Siebenbürger Sachsen und für uns alle, dass wir solche Wege auch in Zukunft suchen, sie finden und gehen.

Den offiziellen Grußworten und Ansprachen folgte ein Dankeschön an alle, die zum Gelingen des Festaktes beigetragen haben. Danach wurde die Ausstellung im Gemeindesaal der Friedenskirche in Neichen eröffnet. Die Vorbereitungsgruppe hatte mit Kaffee und Kuchen sowie gegrillten Mici für das leibliche Wohl gesorgt. Die Siebenbürger Musikanten trugen mit traditionellen Weisen zu einer heiteren Stimmung bei. Der Nachmittag fand so einen gemütlichen, geselligen Ausklang und unter den ca. 200 Teilnehmern wurden viele Erinnerung aufgefrischt und neue Kontakte geknüpft.

Enni Janesch, Dr. Hartwig Soicke

Schlagwörter: Jubiläum, Overath, Siebenbürger, Siedlung

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