6. Oktober 2017

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Reise nach Fogarasch

Auf Einladung von Norbert Stengel (Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Fogarasch) reisten fünf Frauen aus dem Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Friedrichsdorf/Taunus vom 15.-18. Juni nach Fogarasch. Beim Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes verließ Familie Stengel mit zwei Kindern die siebenbürgische Heimat und übersiedelte nach Deutschland. Sohn Norbert kehrte vor zwölf Jahren zurück, die übrige Familie lebt in Friedrichsdorf.
Am ersten Tag brachen wir in Begleitung des evangelischen Pfarrers Johannes Klein aus Fogarasch und Frau Stengel aus Friedrichsdorf (Mutter von Norbert) zum Besuch zweier seiner sozialen Projekte für Schulkinder von sieben bis 17 Jahren nach Bekokten zur „Kinderuniversität“ auf. Es ist ein Ferienprojekt für Kinder aus Rumänien und den Donauanrainerländern, als Ergänzung zum Schulunterricht, mit den Zielen: „Welten wahrnehmen“, verschiedene Berufe kennenlernen, Wissen erfahrbar machen, Natur erleben. In der „Kinderspielstadt“ in Seligstadt sind in Holzhütten Geschäfte, Handwerke und Institutionen dargestellt, die zum Zusammenleben von Menschen in einer Stadt notwendig sind bis hin zum Bürgermeister, Polizei und Gericht. Hier sollen die Kinder im Umgang miteinander lernen, wie eine Stadt funktioniert. Eindrucksvoll sind die Professionalität und die internationale Vernetzung dieser Projekte. Sie werden unterstützt von 40 Sponsoren aus Rumänien, Deutschland, Österreich und der Schweiz, eingeschlossen die Kooperationen mit zwei Pädagogischen Hochschulen in Deutschland (Ludwigsburg und Hamburg). Sie sind nicht nur ein absolut wichtiges Bildungsprojekt für Kinder und Jugendliche, sondern auch Investitionen in aufgegebene Immobilien im ländlichen Bereich und Schaffung von Arbeitsplätzen beim Herrichten und Bewirtschaften der Orte für die Bildungsmaßnahmen. Es entstehen neue dörfliche Zentren mit neuen Arbeitsplätzen.

Tags darauf zeigte uns Frau Stengel die Architektur der Stadthäuser, die aufwendigen Fassaden der ehemals wohlhabenden Siebenbürger Sachsen, Schulen, Kindergarten und die evangelische Kirche von Fogarasch. Vor der Fogarascher Burg wurden wir vom Bürgermeister Gheorghe Sucacin erwartet und begrüßt. Wir wurden durch die Burg, die als größte Befestigungsanlage in Siebenbürgen gilt und unter kommunistischer Herrschaft ein Gefängnis für politische Gefangene war, und das Burgmuseum geführt.Vor der Burg in Fogarasch, von rechts: Hedda ...Vor der Burg in Fogarasch, von rechts: Hedda Hanna Stengel, Brigitte Arnold, Irmgard Buggert-Fehn, Anja Canenbley, Beate Pötzsch und Erika Freppon aus Friedrichsdorf im Taunus. Foto: Erika Freppon Zum Mittagessen lud uns der Bürgermeister in das Restaurant der privaten Badeanstalt „Blaue Lagune“ ein. Interessant sind die verschiedenen Einflüsse in der rumänischen Küche: Schnitzel (Österreich-Ungarn), Polenta (Ungarn), Suppen aus der türkischen Küche, Krautsalat und Fleisch am Spieß (Balkanküche). Anschließend schlenderten wir durch die gut bestückte Markthalle mit landwirtschaftlichen Produkten aus der Gegend. Dann führte uns unser Rundgang zu den Kirchen verschiedener Konfessionen. Die orthodoxe Kirche ist die größte, es gibt aber auch eine griechisch-orthodoxe Kirche, eine reformierte Kirche, eine römisch-katholische Kirche, die Unitarier, die St.-Nicolas-Kirche, die Dreifaltigkeitskirche, das Franziskaner-Kloster, die evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses und bis zur Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg gab es auch eine Synagoge, die als Gebäude noch erhalten ist. Trotz 200 Jahren türkischer Herrschaft gibt es keine Moschee. Die ottomanischen Herrscher haben die Kultur, die Sprache und die Konfessionen der unterworfenen Volksstämme in Siebenbürgen nicht verboten.

Beim gemeinsamen Abendessen mit Herrn und Frau Stengel sprachen wir darüber, welche Möglichkeiten es gibt, für Fogarasch zu werben und Interesse zu wecken. Wir denken an Bürgerreisen und eventuell Jugendaustausch. Wir finden es wünschenswert, auch Kontakte in ein osteuropäisches Land herzustellen und mit Leben zu erfüllen.

Am Folgetag fuhren wir zum Lipizzaner-Gestüt (gegründet vom Freiherrn von Brukenthal im 17. Jahrhundert unter der Herrschaft Maria Theresias) ins Dorf Sâmbăta de Jos. Das Gestüt ist in Staatsbesitz und züchtet heute wieder die weltweit geschätzten reinrassigen Lipizzaner. Von dort begleitete uns der Bürgermeister in die Gemeinde Drăguş, seine frühere Wirkungsstätte im Herzen Transsilvaniens, am Fuße der Karpaten. Er erläuterte die dortigen Anstrengungen den Tourismus anzukurbeln und gab uns einen Reiseführer in deutscher Sprache mit Beschreibungen von ausgezeichneten Wanderrouten durch die Karpaten. Reit- und Wandertourismus sowie Rad- und Wintersport sollen mit Nachdruck gefördert werden; man hofft auf Touristen aus ganz Europa und die damit verbundene Schaffung von Arbeitsplätzen, um die weitere Abwanderung von Rumänen ins Ausland zu stoppen.

Nach einem deftigen rumänischen Mittagessen – das immer mit Schnaps oder Likör beginnt –, fuhren wir zum bedeutendsten Wallfahrtsort und Mittelpunkt der orthodoxen Religion und Kultur in Siebenbürgen: Kloster Sâmbăta de Sus. Befremdlich ist für uns das hingebungsvolle Küssen und leidenschaftliche Reiben und Wischen von Abbildungen von Heiligen auf Ikonen, Altären und sonstigen Darstellungen mit mitgeführten Tüchern, die sorgsam verpackt werden.

Am Abreisetag besuchten wir den sonntäglichen evangelischen Gottesdienst in Fogarasch. Pfarrer Klein hielt ihn in deutscher Sprache. Seine Gemeinde ist in den Jahren nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes von über 2000 Siebenbürger Sachsen auf nur mehr 280 Personen geschrumpft. Das größte Problem ist die anhaltende Abwanderung, besonders von jungen Menschen mit guter Schulbildung, die wegen der Perspektiv- und Arbeitslosigkeit im eigenen Land ins westeuropäische Ausland gehen. Dagegen will die Stadtpolitik, allen voran der Bürgermeister, etwas tun.

Norbert Stengel möchte den Kontakt mit Deutschland, d. h. mit uns in Friedrichsdorf, herstellen, intensivieren und für seine Stadt werben, um Interesse zu wecken und Besucher und besser noch auch Investoren ins Land zu holen. Wir waren beeindruckt von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in Fogarasch.

Erika Freppon

Schlagwörter: Reise, Hessen, Fogarasch, Städtepartnerschaft

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