25. Dezember 2019

Erinnerungen an die Stolzenburger Christnacht

Das Bäumchen trägt zur Winterzeit,/auf seinem grünen Nadelkleid,/Viel Glitzerwerk und helle Kerzen,/erfreut damit die Kinderherzen./Ihr kennt das Bäumchen sicherlich,/liebt es gerade so wie ich. Mit diesem Gedicht hatte ich meinen ersten Auftritt in der Kirche in Stolzenburg im Alter von sieben Jahren in der Christnacht 1963. So wie wir in Siebenbürgen sagten, „ich hatte dieses Gedicht aufgesagt“.
Vor der Christnacht musste allerdings sehr vieles vorbereitet werden. Das ganze Jahr über hatten die Kirchenmütter, das sind die Frauen der Kirchenväter, genannt Presbyter, nichts zu tun, weil im Presbyterium (Kirchenvorstand) keine Frauen vertreten waren, aber vor der Christnacht, da kam einiges auf sie zu. Aus dem ganzen Dorf, organisiert in Nachbarschaften, wurde von diesen Frauen in ihren schmucken Zoikern (geflochtene Handkörbe mit zwei seitlichen Deckeln) Mehl, Eier, Zucker, Fett und Geld gesammelt, zur Vorbereitung der besten Spritzkekse, die in der Backstube des Pfarrhauses von denselben Frauen gebacken wurden. Diese Kekse wurden zu einem Ring geformt und mit einem Spagat (Schnur) zusammengebunden. Das Geld wurde zum Kauf von Heften, Bleistiften und Taschentüchern ausgegeben. Beim Backen halfen auch die größeren Mädels, die ihren Groisis (Omas) zur Hand gingen. In der Christnacht strömten Jung und Alt aus allen Gassen, auf spiegelglatten Straßen und weißer Winterlandschaft, in Richtung Kirche, die kurz vor 17.00 Uhr bis auf den letzten Platz besetzt war. Die Christnacht ging nach dem Glockengeläute 17.00 Uhr pünktlich los. Beim Eintritt von Herrn Pfarrer Schneider, unter Geleite vom Presbiterium, ertönte die Orgel und die ganze Gemeinde erhob sich von ihren Plätzen. Pfarrer Schneider hielt eine kurze Andacht, danach folgte, geordnet nach Schulklassen, das Aufsagen (Vortragen) der Gedichte, beginnend mit der ersten bis zur achten Klasse. Je zwei bis drei Schüler pro Klasse konnten ihre Gedichte oder Geschichten vortragen. So kam ich auch mit meinem Gedicht zum Zuge. Die größeren Kinder sangen Lieder wie „In dulci Jubilo“, „Heut’ kam ein Engel“. Die Siebt- und Achtklässler führten unter dem schön geschmückten Christbaum das Krippenspiel auf.
Weihnachten 1992: Auf dem Großen Ring in ...
Weihnachten 1992: Auf dem Großen Ring in Hermannstadt erinnert das Denkmal an die Gefallenen während der Dezember-Revolution 1989 in Rumänien. Foto: Roland Barwinsky
Der Christbaum war mit Äpfeln, Nüssen, Keksen, Baumzuckerln, handgemachten bunten Gliedern (Girlanden), Sternspritzern (Wunderkerzen) und Wachskerzen bekleidet. Vor Beginn des Krippenspiels sang der Kirchenchor „Jauchzet Gott“ und die Jugendlichen von den Gleitern (Emporen) zündeten mit ihren mit Kerzen präparierten Pflaumenstangen die Sternspritzer und Wachskerzen an. Jetzt erschienen die Darsteller des Krippenspiels in ihren Kostümen wie Wollpelzmänteln, siebenbürgischen Trachten, Engelskostümen mit weißen Flügeln und Sternen, mit leuchtenden Kerzen in der Hand usw. Es wurden Maria und Josef, Hirten, Engel, zudem Caspar, Melchior und Balthasar, die Gold, Myrrhe und Weihrauch schenkten, Verkündigungsengel dargestellt. Sie boten ein sehr schönes Krippenspiel, das auch der Höhepunkt der Christnacht war. Die Gemeinde sang zwischendurch mit Orgelbegleitung „O du Fröhliche“ und als Schlusslied erklang noch „Stille Nacht“, vom Stolzenburger Chor gesungen.

Jetzt konnten die Kinder kaum noch erwarten, die Geschenke in Empfang zu nehmen. Sie mussten schön aufgestellt nach Klassen um den Christbaum und um den Altar herumgehen, wo die kecken Presbiterinnen vor ihren aus Weide geflochtenen Körben, die mit den Geschenken voll waren, saßen. Jetzt wurden sie ihres Amtes würdig und teilten die Geschenke an die Kinder aus. Die Mädels bekamen einen Ring mit selbstgebackenen Keksen, ein Heft und einen Bleistift, die Jungs auch Kekse und ein Taschentuch.

Kaum waren sie aus der Kirche heraus, wurde schon ein Keks geopfert. Auf dem Heimweg konnte man mit Blick auf den Friedhof erkennen, dass natürlich auch der Toten gedacht wurde. Da brannten auch die Kerzen auf den Gräbern unserer Verstorbenen.

Zu Hause angekommen, wartete ein schön geschmückter Christbaum auf uns und unter dem Baum lagen die Geschenke vom Christkind für jedes Kind. Es waren Sachen, die man auch brauchte. Schlittschuhe, Schlitten, Anziehsachen, Spiele wie Römi, Marokko usw. Keine elektronischen Spiele, aber wir freuten uns für jedes Geschenk. Vor dem Auspacken der Geschenke mussten wir ein Gedicht aufsagen. Nachher gab es dann das Weihnachtsabendessen, bestehend aus der selbstgemachten Brat- und Kochwurst, mit frischgebackenem Brot und im Fass eingelegtes Sauerkraut. Mhhh, hat das gut geschmeckt. Die Erwachsenen haben natürlich ein Glas Wein aus selbstgekelterten Trauben getrunken.

Schön langsam machten sich die Eltern aus dem Staub und gingen mit Freunden zum Christnachtfeiern. Die Kinder blieben in Obhut bei den Groisis und spielten Römi und tranken Tee. Am ersten und zweiten Christtag ging natürlich das ganze Dorf, in unserer schönen bunten Bauerntracht, in die Kirche, wo wir unter weihnachtlichen Musikklängen und Chorgesang einen festlichen Gottesdienst erlebten. Diese überaus schöne Tradition des Zusammenhalts in Stolzenburg, die Feiertage, Tage der Freude und Besinnlichkeit, werden mich bzw. uns ein Leben lang begleiten.

Hans Schieb

Schlagwörter: Erinnerungen, Stolzenburg, Weihnachten

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