18. Mai 2020

Spendenaktion für Heiligenhof mit großer siebenbürgischer Beteiligung

Der Heiligenhof in Bad Kissingen ist seit bald 70 Jahren eine Begegnungsstätte der Sudetendeutschen. Allerdings weisen die Gästebücher schon in den späten 1950er Jahren siebenbürgische Gruppen nach, so Treffen des Arbeitskreises junger Siebenbürger Sachsen mit den Namen der nachmaligen Professoren Georg Weber und Andreas Möckel, aber auch den Namen Enni Janesch.
Der Heiligenhof in Bad Kissingen ...
Der Heiligenhof in Bad Kissingen
In den 1970er Jahren tagte mehrfach die Stephan-Ludwig-Roth-Gesellschaft für Pädagogik im Heiligenhof. Einer dieser Tagungsteilnehmer war der Lehrer Helmut Moosberger, der die Treffen seines Heimatortes Scharosch an der Kokel auf dem Heiligenhof verankerte, wo sie 39 Mal stattfanden. Die Heimatortstreffen der Scharoscher sind legendär und haben den Ruf der Sachsen als Menschen, die fröhlich feiern können, gefestigt. Aufgrund der stets wachsenden Zahl von Teilnehmern bei diesen Treffen und einer geringeren Bettenzahl empfahl die damalige Hausleiterin Traudl Kukuk den Scharoschern, sich einen anderen Ort zu suchen, was diese mit dem Satz „Frau Kukuk, wir kommen doch nicht zum Schlafen“ beantworteten. Es wird berichtet, dass einige der Gäste tatsächlich die Nächte durchtanzten oder in fremden Betten landeten … Die Treffen fanden über alle Umbaumaßnahmen weiterhin ununterbrochen auf dem Heiligenhof statt, bis eines wieder im Heimatort stattfand und dieser Faden riss. Zwischendurch fand auch ein aus Neppendorf stammendes Hausmeisterehepaar auf dem Heiligenhof Arbeit. Der handwerklich geschickte Landler schuf aus alten Obstbäumen urige Tische in der Weinstube, die bis in die Gegenwart ihre Funktion erfüllen. Auch fand hier (seinerzeit als Geheimtipp gehandelt) das eine oder andere siebenbürgische Klassentreffen statt. Nach der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart ist der Heiligenhof der Ort des ebenso legendären Schäßburger Faschings, der jedes Jahr unter einem anderen Motto steht. 2005 kam interimistisch als Studienleiter der Akademie Mitteleuropa Gerald Volkmer dazu.
Studienleiter Gustav Binder begrüßte die ...
Studienleiter Gustav Binder begrüßte die Delegierten des Verbandstages der Siebenbürger Sachsen im November 2019 im Heiligenhof. Foto: Siegbert Bruss
Alle diese Landsleute, ihr Fleiß, ihr Gemeinsinn und ihre Art zu feiern prägten ein positives Bild der Siebenbürger Sachsen und so traute man einem solchen, Gustav Binder, die Leitung der historisch-politischen und kulturellen Bildungsarbeit mit dem Schwerpunkt „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ zu. Allmählich baute der Studienleiter auch eine siebenbürgisch-sächsische Programmlinie auf, die viel Zuspruch erhielt. So wurden zahlreiche Tagungen in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen, dem Hilfskomitee und der Heimatkirche sowie dem HOG-Verband und zahlreichen Heimatortsgemeinschaften geplant und durchgeführt. Durch ein Schneeballsystem befördert, kamen viele weitere Gruppen auf den Heiligenhof. So haben innerhalb der letzten zehn Jahre rund 250 solcher ihre Klassen-, Familien- und Heimatortstreffen in Bad Kissingen veranstaltet und in den nächsten zwei Jahren sind 50 weitere Treffen vorgesehen. Die siebenbürgischen Genealogen waren mit jährlich zwei (bisher 23) Zusammenkünften dabei. Jährlich kommen somit rund 1000 Sachsen auf den Heiligenhof. Jeder zehnte Gast war ein Siebenbürger!

Am 1. März 2020 feierte der Studienleiter Gustav Binder sein 15-jähriges Dienstjubiläum und verkündete, sofern er gesund bliebe, noch mindestens zehn Jahre dranzuhängen. Doch dann kam Corona. Alle Hotel- und Beherbergungsbetriebe wurden geschlossen, Kontakt-, Ausgangs- und Grenzsperren verhängt. Seit der zweiten Märzwoche kam kein Gast mehr. Das Haus war verwaist. Große internationale Seminare mit Beteiligung aus Rumänien, Ungarn, Tschechien und der Ukraine sowie aus Deutschland mussten abgesagt werden. Einnahmen wurden keine mehr generiert. Die über 25 Mitarbeiter mussten Überstunden abbauen und Urlaub nehmen. Ab April waren alle Mitarbeiter – Hausmeister und Teile der Verwaltung ausgenommen – auf unabsehbare Zeit in Kurzarbeit. Der Träger des Heiligenhofs, die Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, entschloss sich in dieser Situation, eine Spendenaktion zu starten, um die finanziellen Folgen dieses Einbruchs abzumildern. Es laufen verschiedene Kosten wie Tilgung von Krediten, Energie, Wartung und teilweise Personalkosten in monatlicher Höhe eines mittleren fünfstelligen Betrages weiter. Der Spendenbrief wurde an 5.000 Adressen verschickt und binnen eines Monats gingen über 500 Spenden mit einer Summe von über 50.000 Euro ein. Unter diesen Spendern konnte etwa jeder fünfte als Siebenbürger Sachse identifiziert werden, d. h. von den Sachsen haben doppelt so viele gespendet wie unter allen Spendern. Die Höhe der Beträge dieser Gruppe unterscheidet sich nicht von den anderen, so dass man überschlägig rechnen kann, dass mindestens 10.000 Euro von den Sachsen für den Heiligenghof gespendet wurden. Nun ist es so, dass es auch zahlreiche notleidende siebenbürgisch-sächsische Organisationen und Institutionen (Heimatkirche, Sozialwerk, Heimatortsgemeinschaften, Gundelsheimer Kultureinrichtungen etc.) gibt, die um Spenden bitten, so dass der Aufruf des Heiligenhofs durchaus als Konkurrenz gesehen werden konnte.
Begegnungsstätte für Sudetendeutsche, aber auch ...
Begegnungsstätte für Sudetendeutsche, aber auch für Siebenbürger Sachsen seit Jahrzehnten. Fotos: Ulrich Rümenapp
Dass er dennoch nicht überhört wurde, dafür danken Vorstand und Mitarbeiter des Heiligenhofs! Sie danken für diese solidarische Geste in schwerer Zeit. Sie sind zuversichtlich, dass diese Krise überstanden und der Heiligenhof weiterhin ein mit Leben und Begegnung gefülltes Haus sein wird, wo Siebenbürger Sachsen jetzt erst recht herzlich willkommen sind. Die Namen der Spender werden im Heiligenhofbrief veröffentlicht, der allen Spendern gegen Jahresende zugehen wird.

Gustav Binder

Schlagwörter: Heiligenhof, Bad Kissingen, Corona, Spendenaktion

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