29. Mai 2020

Anekdoten vom Heimattag in Dinkelsbühl

In der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 7 vom 5. Mai 2020 (siehe auch SbZ Online), rief Kulturreferentin Dagmar Seck die Leserinnen und Leser dazu auf, ihr die schönsten, lustigsten, beeindruckendsten oder interessantesten Erlebnisse aus fast 70 Jahren Heimattag in Dinkelsbühl zuzusenden. Es meldeten sich daraufhin vor allem aktive und ehemalige Funktionsträger des Verbandes, doch nicht nur. Vom langjährigen Besucher bis zur erstmaligen Besucherin war alles vertreten. Eine erste Auswahl von eingesandten Geschichten geben wir hier (zum Teil leicht gekürzt) wieder. Die restlichen Anekdoten folgen in Kürze.
Nicht in Tracht, aber mindestens genauso festlich ...
Nicht in Tracht, aber mindestens genauso festlich gekleidet ging Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer (links) den ersten Teil des Festumzugs des Heimattages 2004 in Dinkelsbühl mit. Rechts im Bild Alfred Mrass. Foto: Günther Melzer
Vor Jahren war meine damals fünfjährige Nichte aus Frankfurt bei uns in Dinkelsbühl zu Besuch. Bei einem Stadtrundgang am Pfingstsonntag sagte ich zu ihr: „Schau, Heike, die Frauen dort sind Siebenbürger.“ Nach einem kritischen Blick ihrerseits meinte sie: „Nein, Tante Uta, das sind nur drei!“ Darüber haben wir im Familienkreis schon sehr oft gelacht.

[eine Dinkelsbühlerin]



Am Heimattag 2000 erhielt unser Schriftsteller Georg Scherg, der am 30. September 1958 in Rumänien verhaftet und im Kronstädter Schriftstellerprozess zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt worden war, den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis. Nach dem Festakt reihte sich meine Mutter, Dorothea Oczko, in der St. Paulskirche in eine große Schlange von Gratulanten ein. Als sie Georg Scherg die Hand schüttelte, sagte dieser: „Ich kenne Sie. Sie sind die Frau Oczko.“ Mama wunderte sich, dass er sich noch so gut an den interessanten Abend erinnerte, als er vor vielen Jahren nach einer Lesung in Agnetheln bei meinen Eltern übernachtet hatte. Erschüttert vernahm sie dann folgende Worte: „Nach dem Frühstück in Ihrem Haus wurde ich wenige Häuser weiter auf der Straße verhaftet …“ Es war der 30. September 1958.

Doris Hutter

Georg Scherg bei einer Lesung im Haus des ...
Georg Scherg bei einer Lesung im Haus des Deutschen Ostens in München, 2002. Foto: Konrad Klein.
In der Zeit der D-Mark fuhr ich einmal wieder mit meinem zu Campingbus umgebauten VW-Transporter zum siebenbürgischen Heimattag nach Dinkelsbühl. Um einen günstigen Standplatz auf dem großen Parkplatz zu finden, fuhr ich am Freitag von Karlsruhe schon früh los. Als ich nach der langen Fahrt glücklich angekommen war, stellte ich erschrocken fest, dass ich meine Handtasche mit Geldbeutel, Autopapieren, Personalausweis u.a. zu Hause neben dem Telefon stehend vergessen hatte, weil ich mich noch schnell von meinem Bruder verabschiedet hatte. Zu diesem Pech kam noch dazu: Die Nadel zeigte, dass das Benzin zur Neige ging! Also, was tun?
Ich konnte die notwendige Plakette nicht kaufen, um das Eröffnungskonzert zu besuchen. Freundlicherweise durfte ich dann aber doch in den Saal, nachdem ich mein Missgeschick erzählt hatte. Ein Hotel brauchte ich ja, Gott sei Dank, nicht und Essen hatte ich genug dabei. Aber wie sollte ich heimfahren, ohne den Tank aufzufüllen?
Ich muss zur Erklärung anführen, dass ich schon als zehnjähriges Mädchen während des Krieges 1941 mit meinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland gekommen bin und wenige Landsleute kannte, die ich hätte um Hilfe bitten können. Am nächsten Tag erschien aber meine Rettung in der Person meiner ehemaligen Lehrerin in der ersten Klasse in Hermannstadt: Martha Georg, geborene Brenndörfer. Von ihr erhielt ich nun 50 DM und war gerettet!
Nach dem Heimattag blieb ich immer noch 2-3 Tage in Dinkelsbühl, vor allem weil ich die vielen schönen Motive des romantischen Städtchens gerne malte. So tat ich es auch diesmal. Ich saß auf der Wiese vor den Toren des Städtchens und malte den Bäuerlinsturm mit Stadtmauer und Hausdächern darüber. Ein Fußweg führte vom Parkplatz zum Stadttor an mir vorbei. Ihn benutzte ein junges Paar, das auf der Hochzeitsreise war. Sie kauften mir zur Erinnerung ein Bild ab. So konnte ich meine Schuld an Frau Brenndörfer gleich überweisen und hatte auch noch Geld für Benzin übrig und konnte nach diesem schönen Tag fröhlich nach Hause fahren.

Margareta Steinmeier

Drei Anekdoten von Alfred Mrass

Alfred Mrass hat seit 1987 an allen Heimattagen unseres Verbandes teilgenommen. Als Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg (1998-2015) und als stellvertretender Bundesvorsitzender (2007-2019) hat er auch mehrere lustige Episoden in Dinkelsbühl erlebt. Hier drei davon.

1. Aufregung wegen fehlendem Bürgermeister

2004 sollte der frisch gewählte neue Oberbürgermeister von Dinkelsbühl, Dr. Christoph Hammer, das erste Mal an der Kundgebung vor der Schranne teilnehmen. Man hatte ihn jedoch nicht informiert, wie die Ehrengäste, zu denen er ja zählte, auf die Tribüne kommen. Sie sammeln sich in einem Zimmer des Gasthofes „Goldene Rose“ und gehen dann in 4-er Reihen zur Tribüne.
Bürgermeister Hammer hatte sich jedoch auf der Bleiche eingefunden und wollte im Festumzug mitgehen. Das hatte er aber niemandem mitgeteilt. Wegen seines Fehlens konnte das Zeichen zum Beginn der Veranstaltung nicht gegeben werden. Bürgermeisterin Hildegard Beck und die Moderatoren der Veranstaltung vor der Schranne wurden zunehmend nervöser.
Auch der Trachtenumzug auf der Bleiche ging nicht los. Auch dort wusste niemand weswegen. Dann schaffte ein Handy-Anruf von der Bleiche ins Zentrum Klarheit: „Der OB ist hier, er geht im Trachtenumzug mit, Michael Konnerth und Alfred Mrass betreuen ihn.“ Die Veranstaltung konnte nun losgehen.

2. Kronenfest mit Schwierigkeiten

Im Jahr 2001 war die Landesgruppe Baden-Württemberg Mitveranstalter des Heimattages. Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass bei der traditionellen Brauchtumsveranstaltung am Samstagnachmittag in Dinkelsbühl noch nie das siebenbürgische Kronenfest gezeigt wurde. Diese Situation musste durch die Landesgruppe Baden-Württemberg geändert werden, ist doch das Kronen- oder Johanniskronenfest das wichtigste und schönste dörfliche Fest der Siebenbürger Sachsen.
Unser Vorhaben, das Fest beim Heimattag 2001 aufzuführen, warf einige Schwierigkeiten auf: Baum beschaffen, Baum schälen und glätten, Baum auf dem Weinmarkt aufstellen und befestigen, gesetzlich geforderte Sicherungspflicht für den Baumbesteiger gewährleisten u.ä.m. In mehreren Sitzungen des Landesvorstandes in Stuttgart wurden organisatorische Details diskutiert und geklärt. Horst Wellmann, der Heimattags-Organisationsreferent, hatte uns zugesagt, einen passenden Baum zu beschaffen und mit Hilfe der Feuerwehr aufstellen zu lassen. Viele Diskussionen gab es um die Frage. „Wie sichern wir den Jugendlichen gegen einen Absturz aus 12 m Höhe ab? Da gab es die Lösung Seil und Rolle mit Helfern am Boden oder Nutzung einer Spezialweste und festgebundenes Seil mit einer Mechanik, die den Fall verhindert. Wir haben uns für die zweite Variante entschieden. Dazu hatte uns Hermann Grempels aus Heilbronn eine spezielle, industriell gefertigte Sicherheitsweste zur Verfügung gestellt.
Das Pfingstwochenende kam. Als die Feuerwehr am Freitagabend den Baum mit Krone (ca. 500 kg) mit Hilfe einer hydraulischen Hebevorrichtung aufstellen sollte, knackte und knisterte der Stamm bedenklich. Wir fürchteten, er bricht unter seinem eigenen Gewicht. Das ist aber nicht geschehen, das Aufstellen hat ohne Unfall geklappt.
Am Samstagnachmittag regnete es in Strömen. Ich musste als Landesvorsitzender ein Machtwort sprechen, damit die Jugendlichen der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in ihren Festtrachten im Regen zum Baum marschierten. Sie wollten in der Schranne, im Trockenen bleiben. Als der ausgewählte Bursche den Baum besteigen sollte, ging das äußerst schwer, weil der Stamm nass war. In halber Höhe waren seine Kräfte verbraucht. Es ging nicht vor, nicht zurück. Was tun? Wir waren wie gelähmt? Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer haben dem jungen Mann dann neue Kräfte gegeben und er schaffte den ganzen Weg bis in das Kronenrad.
Zuvor hatte mich mein Freund Hans Schuster aus Nordheim angesprochen: „Hättet ihr auf mich gehört und die klassische Lösung ‚Seil mit Rolle‘ angewendet, hätte man dem jungen Mann von unten helfen können.“ Ich glaube, bei allen nachherigen Kronenfesten in Deutschland wurde der Baumbesteiger klassisch abgesichert.

3. Im Hotel

Meine Frau und ich haben während den Heimattagen immer im Hotel „Goldene Rose“ logiert. Anfangs teilte man uns immer ein Zimmer im Anbau des Hotels, im ersten Stock, zu. Dort fühlten wir uns sehr wohl, auch weil das Zimmer einen Balkon hatte.
In einem Jahr hatten wir Samstagabend mehrere Freunde zu uns eingeladen. Da die Sommernacht warm und lau war, saßen wir bei Wein und Bier auf dem Balkon und unterhielten uns, ziemlich stark und laut, wie Siebenbürger eben sind. Das muss einen anderen Hotelgast (ebenfalls Siebenbürger?) stark gestört haben, er hat sich beschwert. Als wir im nächsten Jahr erstaunt fragten, weswegen wir nicht in unserem bisherigen vertrauten Zimmer untergebracht sind, sagte uns der Hotelier: „Herr Mrass, sie waren letztes Jahr so laut, dass sich jemand beklagt hat. Deswegen werden Sie nie wieder in Ihrem alten Zimmer untergebracht sein.“ So war es dann auch, er hat in den folgenden Jahren sein Wort gehalten. Wobei wir auch mit dem neuen Zimmer im Hauptbau zufrieden waren.
In den Gasthof „Sonne“ lud früher der Bundesvorsitzende die Aktiven am Sonntagabend, nach der Feier an der Gedenkstätte, zu einem kleinen Imbiss mit Umtrunk ein. Zu vorgerückter Stunde schlugen an unserem Tisch die Stimmungswogen hoch. Als meine Frau Brigitte einmal, lebhaft gestikulierend, die Unterhaltung bereichern wollte, geschah das Malheur: Sie traf mit ihrer Hand den vor ihr stehenden Weinkelch, wobei der Stiel am Tisch blieb und der Behälter an die Wand flog. Die alte Tapete wurde mit bestem Trollinger-Wein rot gefärbt und befleckt. Unsere private Haftpflichtversicherung hat den Schaden problemlos reguliert, die Wirtin der „Sonne“ hat sich über neue Tapeten gefreut! Trotzdem musste die „Sonne“ einige Jahre später leider schließen.

Alfred Mrass

Schlagwörter: Heimattag, Dinkelsbühl, Anekdoten

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