17. Februar 2021

Engagierter Nadescher: Nachruf auf Hans Georg Baier

Geboren wurde Hans Georg Baier am 12. April 1966 in Nadesch bei Schäßburg. Die Grund- und weiterführende Schule besuchte er in Nadesch. Seine Berufsausbildung zum Elektriker schloss er in Neumarkt (Tg. Mureş) und Schäßburg ab, wo er auch bis zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland in einem Kläranlagenbetrieb in der Nähe des Bahnhofs arbeitete; später war er als Energieanlagenelektroniker bei der Firma Schöller 27 Jahre tätig. Die letzten drei Jahre war er bei der Firma Schmitt&Sohn Aufzugswerke beschäftigt.
Den Ausgleich zu seinem Beruf fand Hans Georg weit weg von Technik und Elektronik – in seiner Leidenschaft für Geisteswissenschaften. Nicht nur die eigene Geschichte und Kultur, sondern auch fremde Kulturen interessierten ihn sehr. So waren seine Reisen mit Gattin Gerlinde nach Rumänien oder in andere Länder Europas oder Afrikas immer auch Anlass dafür, seine Kenntnisse über die Geschichte dieser Länder zu erweitern, ihre Sprache näher zu betrachten und so viel wie möglich über die Lebensweise der Leute zu erfahren.

Viele seiner Erfahrungen wurden von ihm schriftlich und in Bildern dokumentiert. Sein größtes Interesse jedoch galt der siebenbürgisch-sächsischen Kultur und Sprache, vor allem lagen ihm Geschichte und Schicksal seines Heimatortes Nadesch am Herzen. In zahlreichen Berichten wie „Aus Bezirk und Gemeinde“ (Der Heimatbote, Nr. 24/2015, Auszug aus dem Jahresbuch der Gemeinde Nadesch, 1936) oder „Haussprüche aus Nadesch“ (Der Heimatbote, Nr. 24/2015 mit dem Zitat von Martin Luther: „Wie der Mensch liest in der Bibel, Also steht an seinem Giebel“), die jährlich im Nadescher Heimatboten erschienen, zeigte Hans Georg die Vielfalt des gemeinschaftlichen Daseins in Nadesch auf. Oft bis ins kleinste Detail gelang es ihm, in die Nadescher Ortskunde vorzudringen, um beispielsweise die Herkunft sächsischer Wörter oder Ortsnamen („Der Nadescher Hattert“, Der Heimatbote, Nr. 26/2017) zu erklären und Bräuche („Das Hanfbrechen“, „Die Nadescher Turmuhr“, Der Heimatbote, Nr. 28/2019) nach schriftlich belegten Quellen zu beschreiben. Er wagte sich an Themen heran, deren Behandlung Sachkenntnis auf dem Gebiet der Geschichte auf einer wissenschaftlich anspruchsvollen Ebene voraussetzte („Die Feudalzeit in Nadesch“ – Teil 1, Der Heimatbote, Nr. 29/2020), und veranschaulichte diese mit authentischem Bildmaterial. Teil 2 und 3 dieser geschichtlichen Abhandlung waren noch in Bearbeitung und werden voraussichtlich in den nächsten Ausgaben des Nadescher Heimatboten post mortem erscheinen.
Hans Georg Baier (1966-2021) ...
Hans Georg Baier (1966-2021)
Äußerst gründlich recherchierte er in den Aufzeichnungen der Kirchlichen Blätter, in „Siebenbürgische Chronik des Schäßburger Stadtschreibers Georg Kraus“ (1608-1665) u.a. über die Geschichte und die gesellschaftlichen Strukturen der Gemeinde Nadesch, die vermutlich in Vergessenheit geraten wären, wenn er sie nicht aus den verstaubten Schriften hervorgeholt, bearbeitet und neu aufgerollt hätte. „Kirchliche Strukturen“ (Der Heimatbote, Nr. 25/2016), „Rückblick in die Vergangenheit (1918-2018)“ (Der Heimatbote, Nr. 27/2018), „Mythos oder Wahrheit“ (Der Heimatbote, Nr. 28/2019) sind nur einige Beiträge aus seiner Feder. Viel Spaß bereitete Hans Georg das Stöbern in den alten Büchern, die die Amtszeiten der Pfarrer in Nadesch dokumentieren. Mit einem Lächeln erzählte er uns die eine oder andere Anekdote, die er über das Leben auf dem Pfarrhof gelesen hatte: „Anekdote aus Nadesch – Dododitzi“ (aus „Schnurren und Späße aus Siebenbürgen“ von Misch Orend, Hermannstadt 1943; zugesandt von Pfarrer Johannes Halmen, Schäßburg). Anlässlich des 200. Geburtstages des ehemaligen Pfarrers Georg Friedrich Marienburg in Nadesch (1848-1881) verfasste er die Biographie „Zum 200. Geburtstag von G. F. Marienburg“ (Der Heimatbote, Nr. 29/2020), in der er Pfarrer Marienburg als Pionier auf dem Gebiet der Forschungsarbeit über die Besiedlungsgeschichte Siebenbürgens bezeichnet. In dem Bericht „In Memoriam“ (Der Heimatbote, Nr. 28/2019) würdigt er die strenge und gewissenhafte Amtsführung des Pfarrers Heinrich Schell in Nadesch in den Jahren 1911 bis 1937. Seine Beiträge in unserem Nadescher Heimatboten weckten nicht nur das Interesse unserer Leser, sondern werteten unser Heft maßgeblich auf. Darüber hinaus beschäftigte sich Hans Georg eingehend mit Ahnenforschung und führte gewissenhaft die Liste der Verstorbenen der Gemeinde, die jeweils beim nächsten Treffen der HOG Nadesch im Rahmen des Gottesdienstes vorgelesen wurde. Für ein höchst sorgfältiges Quellenstudium opferte er gern seine Freizeit. 2013 wurde ihm beim 7. Nadescher Treffen für seine ehrenamtliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Genealogie die Silberne Ehrennadel des HOG-Verbandes verliehen.

Im Mai 2003 wurde er beim Nadescher Treffen in den Vorstand der HOG Nadesch gewählt, aber schon vor dieser Zeit pflegte Hans Georg Kontakt zur Nadescher Heimatortsgemeinschaft, die er persönlich oder schriftlich auf verschiedene Aspekte, die Zukunft der HOG betreffend, aufmerksam machte. Beispielsweise wies er in der Vorstandssitzung vom 3. Mai 2002, deren Ehrengast er war, auf die Wichtigkeit der Ahnenforschung hin. Nach dem 8. Nadescher Treffen 2017 wurde Hans Georg zum 1. Vorsitzenden der HOG Nadesch ernannt. Hoffnungsvoll sah der Vorstand unter seiner Leitung einer neuen, konstruktiven Ära entgegen. Unentwegt suchte Hans Georg Kontakt zu anderen Heimatortsgemeinschaften wie Großalisch und Zuckmantel, um sich auszutauschen, gemeinsame Probleme zu lösen oder die Belange des Verbandes, insbesondere der Gemeinden des Zwischenkokelgebietes, mit neuen Ideen aufzufrischen. Unermüdlich war sein Bestreben, der HOG Nadesch einen ehrenwerten Platz im Verband der Heimatortsgemeinschaften zu sichern. Mit Begeisterung erzählte er von den Fachtagungen des HOG-Verbandes im Heiligenhof in Bad Kissingen.

Pflichtbewusst, die alte und die neue Heimat stets im Blick, setzte er sich für die Nadescher und die siebenbürgische Gemeinschaft ein, besuchte, wann es nur möglich war, die kulturellen Veranstaltungen der Nadescher und des Kreisverbandes, beispielsweise das Begegnungsfest der Trachtentanzgruppe Nadesch oder den Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, wo er 2015, als die Regionalgruppe des Zwischenkokelgebietes Mitausrichter des Heimattages war, an der Spitze der Nadescher mit dem Nadescher Schild beim Trachtenumzug marschierte.

Unvergessen bleiben seine hervorragenden Auftritte in den volkstümlichen Stücken „Der Härr Lihrer kit“ von Otto Reich, „Bäm Brännchen“ (ein Singspiel) von Grete Lienert-Zultner oder „Die schöne Müllerin“ von Carl Siber, aufgeführt von der „Theatertruhe Nadesch“, die 2016 ihr 20-jähriges und gemeinsam mit der Trachtentanzgruppe Nadesch und dem Chor „Siebenbürger Vocalis“ das 50-jährige Jubiläum feierte.

Eine seiner größten Sorgen war der Verfall der Nadescher Kirche, deren Decke 2017 über der Orgel einstürzte und große Schäden verursachte. Nach der Instandsetzung hatte Hans Georg einen Wunsch, einen Traum: dass 2021 nicht nur in Nürnberg, sondern auch in Nadesch ein Treffen stattfindet. „Ich träume von einem Auftritt der Adjuvanten und der Tanzgruppe in der Nadescher Allee!“ (Der Heimatbote, „Grußwort des Vorsitzenden“, Nr. 28/2019). Dieser Wunsch ging für ihn nicht in Erfüllung, denn er verstarb am 1. Januar 2021 im Alter von nur 54 Jahren. Die Zeit ist stehen geblieben für uns, für viele, die ihn gekannt haben. Die Antwort auf unsere Frage „Warum?“ ist ein erschütterndes Erwachen in der unerbittlichen Wirklichkeit, die wir nicht begreifen können, aber akzeptieren müssen, weil wir so machtlos sind. Wir trauern um ihn, um einen Menschen, dessen Denken und vorbildliches Handeln stets vom Streben nach Menschlichkeit geprägt war. Ruhe in Frieden, lieber Hans Georg, ruhe sanft! Du bist nicht mehr dort, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt der trauernden Familie. In dankbarer Erinnerung – der Vorstand der HOG Nadesch.

Malvine Ludwig

Schlagwörter: Nadesch, Nachruf, Baier, Heimatbote

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