22. Mai 2021

Stets im Einsatz für seine Heimatstadt Schäßburg: Zum Gedenken an Walter Lingner

Walter Lingner, Ehrenvorsitzender der HOG Schäßburg, ist am 20. April 2021 im Alter von 90 Jahren in Düsseldorf gestorben. Gewürdigt wird er in einem Nachruf von Dr. Erika Schneider, Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg, und in einem Abschiedsbrief von seinem Freund Arpod Bako.
Walter und Gerda Lingner am Unterbacher See in ...
Walter und Gerda Lingner am Unterbacher See in Düsseldorf, 2013. Foto: Familienarchiv Lingner
Am 25. Februar 1992 war eine Gruppe von Schäßburgern zusammengekommen, um die Gründung einer Heimatortsgemeinschaft vorzubereiten. Das Vorhaben wurde mit der Versammlung vom 15. Mai 1993 in die Tat umgesetzt. Einer der maßgeblichen Motoren für diesen Schritt war Walter Lingner. Damals wurden Weichen gestellt für wichtige Projekte, für die sich Walter Lingner als Vorstandsmitglied und langjähriger Vorstandsvorsitzender mit viel Motivation eingesetzt und die Arbeit unterstützt hat. Zu ihnen gehören die erstmals am 1. März 1994 aufgelegte Vereinszeitschrift Schäßburger Nachrichten und als Gemeinschaftswerk das Buch „Schäßburg – Bild einer siebenbürgischen Stadt“, Wort und Welt Buchverlagsges. m.b.H. & Co. KG, Thaur bei Innsbruck, 1994, das durch einen Bildband 2003 ergänzt wurde.

Besonders am Herzen lag ihm die Erfassung von Daten, die allgemein für die kulturgeschichtliche Vergangenheit der Stadt Schäßburg und ihre Bewohner von Bedeutung waren. Dazu gehörten u.a. die Erfassung, Sicherung und Digitalisierung der handschriftlichen Matrikeldaten und die Bestandsaufnahme der evangelischen Friedhöfe (Bergfriedhof, Galtberg und kleiner Friedhof am Siechhof). In besonderem Blickpunkt stand der Bergfriedhof, dessen Grabmäler mit ihren eingemeißelten Angaben wie ein aufgeschlagenes Buch eine Chronik der Stadt sichtbar machen. Diese Tatsache hat auch dazu geführt, dass der Friedhof – als ein Objekt mit der Bergkirche – zum Kulturerbe der UNESCO erklärt wurde und daher auch die Aufmerksamkeit des internationalen Denkmalschutzes genießt.

Außer den genannten Projekten, die während seiner Amtszeit liefen, stand auch die humanitäre Hilfe für die Evangelische Kirche seiner Heimatstadt im Vordergrund. Nach langjähriger Tätigkeit zog sich Walter Lingner 2006 aus gesundheitlichen Gründen zurück und übergab den Stab an eine jüngere Generation. Für seine Leistungen wurde er auf der Mitgliederversammlung des Schäßburger Treffens am 26. September 2009 zum Ehrenvorsitzenden der HOG Schäßburg ernannt. Am 28. September 2020 konnte er seinen 90. Geburtstag feiern und auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Die während seiner Amtszeit durchgeführten oder angestoßenen Projekte sind über seinen Tod hinaus von Bedeutung und werden an einen Mann erinnern, der sich mit Tatkraft und Überzeugung für die Gemeinschaft der Schäßburger eingesetzt hat.

Für die HOG Schäßburg

Erika Schneider

Abschiedsbrief an Walter Lingner

Lieber Walle, du bist am 20. April 2021 im gestandenen Alter von neunzigeinhalb Jahren von uns gegangen. Geboren bist du in Schäßburg am 28. September 1930, am gleichen Tag wie ich. Die Auswirkungen der Irrungen und Wirrungen der Nachkriegszeit hast du hautnah mitbekommen und diese Erlebnisse dich stark geprägt. Dein Leben war daher stets bestimmt durch einen unheimlichen Kampf für Gerechtigkeit, gegen Benachteiligung und für ein besseres Schäßburg, gepaart mit einem unermüdlichen Einsatz für deine Familie. Ohne deine Familie und speziell ohne deine liebe Frau Gerdi, die dir in der Tradition der siebenbürgisch-sächsischen Frau stets den Rücken freihielt und voll zu dir stand, wäre das alles nicht möglich gewesen. In der Familie hast du die Kraft und den Halt bei deinem erfolgreichen Einsatz für die Gemeinschaft gefunden. Ich habe dich oft mit einer alten kräftigen Eiche von unserer geliebten Breite verglichen, die nie umkippt.

Bereits als Handballer in Schäßburg und später in Bukarest beim Armeeklub CCA (heute Steaua) hast du als Rückraumspieler essenziell zum Erfolg der Mannschaften beigetragen. Vom Rückraum aus werden auch heute in der Regel die meisten Tore geschossen und damit der Erfolg des Kollektivs garantiert. Deine Wurfkraft war gefürchtet. Als Kind von Fabrik- und Großgrundbesitzer („Ausbeuterkind“ laut kommunistischer Doktrin) musstest du am eigenen Leib die Ungerechtigkeit erfahren. Du hast aber stets an das Gute im Menschen und an eine bessere Zukunft geglaubt und nie aufgegeben. Du durftest aus den genannten Gründen erst nicht studieren, später gelang es dir im Fernunterricht in Jassy Textil-Ingenieurwesen zu studieren und als Dipl.-Ingenieur zu beenden. In der Schäßburger Baumwollfabrik warst du als Chefingenieur tätig.

In Deutschland musstest du wie wir alle in den 70er Jahren von vorne anfangen. Wegen der Krise in der Textilindustrie konntest du nur kurzzeitig den erlernten Beruf ausüben. Du hast dich aber beruflich schnell verändert und wurdest bis ins Rentenalter Mitarbeiter bei der Daimler Benz AG in Düsseldorf. Hier hast du deinen Mann gestanden, wurdest von Kollegen und Vorgesetzten geschätzt.

In Düsseldorf hast du eine zweite Heimat gefunden. Du hast ein Haus gebaut, die Familie half tatkräftig mit. Aus dem Wohnzimmer blicktest du direkt auf einen siebenbürgischen Batull-Apfelbaum, der dich immer an deine Heimat erinnerte.

Deine Heimatstadt Schäßburg hast du stets in deinem Herzen getragen. Du wurdest Gründungsmitglied der HOG Schäßburg e. V. und ein exzellenter langjähriger Vorsitzender. Bis spät in die Nacht hast du dir Gedanken gemacht, wie man das Leben in deiner Heimatstadt verbessern und die Schäßburger Gemeinschaft in Deutschland stärken kann. Viele soziale Projekte hast du angestoßen und verwirklicht. Du hast viel für ein verbessertes Bild von Schäßburg in der Welt beigetragen. An der Städtepartnerschaft zwischen Schäßburg und Dinkelsbühl hast du mitgewirkt. Für deinen unermüdlichen Einsatz hat dir die Stadt Schäßburg die Ehrenbürgerschaft verliehen. In den schwierigsten Zeiten der neuzeitlichen Geschichte der Stadt, als die Regierung in Bukarest und das Bürgermeisteramt die Schäßburger Altstadt sowie unsere geliebte „Breite“ zu einem Plastikpark und zu einer Geldwaschanalage degradieren wollten, hast du zusammen mit der Opposition sowohl in der Stadt als auch weltweit dagegen angekämpft. Als Vorsitzender der damaligen „Dracula Park Runde“ der HOG Schäßburg e.V. habe ich dich als Gerechtigkeitskämpfer kennen und schätzen gelernt. Dein Wissen über deine Heimatstadt war und bleibt einmalig. Dein Archiv mit umfangreichreichen Informationen und tausenden von Bildern von Schäßburg ist von außerordentlichem Wert.

Die Schäßburger Nachrichten hast du federführend inhaltlich und redaktionell entscheidend auf hohem Niveau mitgeprägt, die Düsseldorfer Drucke waren von einer besonderen ästhetischen Güte.

Obwohl dich deine Kräfte in letzter Zeit verlassen haben, hast du nie aufgegeben. Mindestens fünf Mal bist du dem Tod näher als dem Leben gewesen, bist aber stets mit unbändigem Willen zurückgekehrt. Als ich dich etwa eine gute Woche vor deinem Tode fragte, ob du als über 90-Jähriger nun auch die 100 erreichen möchtest, hast du mit kräftiger Stimme geantwortet: selbstverständlich! Leider kam es nicht mehr dazu. Du bist sanft eingeschlafen. Ein erfülltes und sehr langes Leben ist zu Ende gegangen.

Deine Familie und die Schäßburger Gemeinschaft sind stolz auf dich. Du hast dich dafür im besonderen Maße verdient gemacht. Ich danke dir, dass du mir als einem Menschen, der locker dein Sohn hätte sein können, in der Tradition der Siebenbürger Sachsen stets mit Respekt begegnet bist und mir zugehört hast. Wir haben fast bis zum Schluss viele wertvolle Stunden gemeinsam bei dir, bei mir und im Altenheim in Düsseldorf verbracht. Ich habe viel von dir gelernt, wofür ich dir einen besonderen Dank aussprechen möchte. Zum Abschied wünsche ich dir, lieber Walle, eine gute Heimreise, Glückseligkeit und Gottes Segen. Schlof geat!

Dein sehr guter Freund

Arpad Bako, Lohmar

Schlagwörter: Nachruf, Schäßburg, Handball, Heimatbuch

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