23. Oktober 2012

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Gründliche Dokumentation, hohe Lesbarkeit, analytische Tiefenschärfe: Anneli Ute Gabanyi zum 70.

An ihrem 70. Geburtstag, am 18. Oktober 2012, flog Anneli Ute Gabanyi von Berlin nach München. Damit leistete sie der Einladung zu einem Vortrag Folge, den sie in Murnau halten sollte. Gefeiert wurde dann doch noch in der bayerischen Hauptstadt – in kleinem Kreis bei und mit Freunden und Verwandten. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen, lautet eine ihrer Lebensregeln, die sie schon als Schülerin in Hermannstadt, als prima inter pares, verinnerlicht hatte – oder genauer und in Abwandlung eines Diktums von Bertolt Brecht formuliert: Lernen, Lesen und Denken gehören für sie zu den „höchsten Vergnügungen der menschlichen Rasse“. Dabei verbündet sich ein ungewöhnliches Schreibtalent mit großem Ehrgeiz und einem protestantischen Ethos der Pflichterfüllung. Ihre Texte – von der gelegenheitsbedingten Rezension bis zu den eigenständigen Buchpublikationen – sind das Gegenteil von Schlamperei und Improvisation.
Geboren wurde Anneli Ute Gabanyi anno 1942 in Bukarest, wo ihre Eltern seit den späten 1930er Jahren berufsbedingt lebten und erst nach dem Waffenwechsel Rumäniens an die Seite der Antihitlerkoalition nach Hermannstadt zurückkehrten. Ihr Großvater väterlicherseits, ein Budapester Architekt, hatte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Hermannstadt Wohnsitz genommen und hier Anna Möss, die Tochter einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, geheiratet.

Ich glaube mich zu erinnern, dass ich Anneli erstmals 1954 im Drei-Mäderl-Haus ihres Onkels, des Baumeisters Butz Gabanyi, mit dessen Familie meine Eltern befreundet waren, begegnete. Zwar ist die Erinnerung, wie Nicolas Sombart 1989 in seinem Memoirenwerk Jugend in Berlin vermerkte, „käuflich, unzuverlässig und ohne Gedächtnis“, doch hoffe ich, dass mich mein Erinnerungsvermögen diesmal nicht foppt: Die zwölfjährige und redegewandte Anneli mit ihren strahlend blauen Augen hat sich dem Achtjährigen als bleibendes Bild eingeprägt. Einige Jahre später kursierte unter den Gymnasiasten in Hermannstadt das Gerücht, dass der nicht nur von Schülern gefürchtete ‚Professor‛ Carl Göllner, sich an die Mitglieder der Matura-Prüfungskommission gewandt und diesen freigestellt hätte, ob sie die Antwort seiner Schülerin Gabanyi im Fach Rumänische Geschichte in englischer oder französischer Sprache hören wollten.

Anneli Ute Gabanyi bei einem Vortrag im Jahr 2009 ...Anneli Ute Gabanyi bei einem Vortrag im Jahr 2009 im Generalkonsulat in München. Foto: Konrad Klein Nach dem Abitur bestand Anneli Ute Gabanyi 1960 glänzend die Aufnahmeprüfung in den Fächern Anglistik und Rumänistik an der Philologischen Fakultät der Babeş-Bolyai Universität Klausenburg, siedelte jedoch schon im dritten Studienjahr, im März 1963, mit ihren Eltern in die Bundesrepublik Deutschland aus. In München blieb sie ihren philologischen Interessen treu und studierte zwischen 1963 und 1969 Anglistik und Romanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität – mit einer einjährigen Zwischenstation Komparatistik in Clermont-Ferrand. Ihren Magister Artium erwarb sie 1969 mit der Thesis Der Einfluss Pietro Bembos auf die Literatur der Plejade. Im selben Jahr eröffneten sich ihr unerwartete Berufschancen, die sie nach einigem Zögern wahrnahm und die zur Hinwendung der polyglotten Philologin in die Sphäre Politik und Zeitgeschichte führten und ihren weiteren Werdegang maßgeblich bestimmten: Sie wurde Wissenschaftliche Mitarbeiterin der rumänischen Abteilung am Forschungsinstitut von Radio Free Europe und avancierte 1984 zu deren Leiterin. 1979/1980 belegte sie in der Zweigstelle München ein einjähriges Studium der Politischen Wissenschaften an der University of Southern California School of International Relations. 1988 wechselte sie als Rumänienreferentin ans Münchner Südost-Institut, acht Jahre später promovierte sie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Systemwechsel in Rumänien. Von der Revolution zur Transformation, die Dissertation der 54-Jährigen, ein Standardwerk im ausgeleuchteten Problemfeld, erschien 1998 bei Oldenbourg in München.

Nach der Umstrukturierung des Südost-Instituts ging Anneli Ute Gabanyi im Jahr 2001 nach Berlin und war hier bis zu ihrer Pensionierung als Wissenschaftliche Referentin beim renommierten Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik in der Forschungsgruppe EU-Außenbeziehungen tätig. Unsere Lebenswege haben sich leider viel zu selten gekreuzt, doch schickte Anneli dem Schmalspurgermanisten und Spätaussiedler ihre mit schmeichelhaften Widmungen versehenen Bücher, die ich mit Erkenntnisgewinn las und exzerpierte.

Die Romanistin und Politikwissenschaftlerin hat sich durch eine Fülle von Publikationen – Monografien, Studien in Sammelbänden und in wissenschaftlichen Journalen, Einträge in Lexika und Handbüchern, Artikel in den Feuilletons überregionaler Zeitungen – sowie durch Wortmeldungen im Funk und Auftritten im Fernsehen als gefragte und kompetente Expertin mit internationaler Resonanz bestens ausgewiesen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a.: Rumänien während der Zeit des Kommunismus, die Revolution von 1989, politische und soziale Transformation im postkommunistischen Rumänien und in der Republik Moldau, Institutionen-, Eliten- und Mentalitätswandel. Die prononcierte Unabhängigkeit ihrer Lagebeschreibungen, Situationssynopsen und perspektivischen Einschätzungen, die sich akribischer Recherche verdanken, bilden ein Markenzeichen ihrer Ausführungen. Von unverzichtbarem, nicht nur dokumentarischem Wert sind jedoch auch ihre Beiträge zur rumänischen Literatur: die Werkinterpretationen in Kindlers Literatur Lexikon (1965–1972), in Kindlers Neues Literatur Lexikon (1988–1992), der materialreiche Überblick Literatur im Südosteuropa-Handbuch Rumänien (1977) und die Vollständigkeit anstrebende Bibliografie Rumänische Literatur in deutscher Übersetzung (1986).

Das Erkenntnisinteresse der Politologin greift weit über die ‚Domäne‛ der Siebenbürger Sachsen hinaus. Doch nahm sie immer auch an der Sicherung des kulturellen Erbes und an einer adäquaten, überheblichkeitsfernen Imagepflege, an den dramatischen historischen Erfahrungen, den Verstrickungen, Gefährdungen und Bedrängnissen, den Brüchen und Zerreißproben ihrer Herkunftsgemeinschaft regen Anteil und wirkte zeitweilig als Beisitzerin im Bundesvorstand der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Das gruppenintern heftig und kontrovers diskutierte Dilemma – Bleiben oder Gehen? – hat sie in dem viel zitierten und mehrfach abgeduckten Aufsatz Die Deutschen in Rumänien: Exodus oder Neuanfang? (1993) auf ausgewogene und sachkundige Weise, aber nicht ohne gut dosierte Empathie zur Diskussion gestellt und hinterfragt und sich dabei vor eindeutigen Schlussfolgerungen gehütet.

Auch verhehlte sie keineswegs die emotionale Bindung an ihr Geburtsland und plädierte mit großem Engagement für dessen zügige Integration in euro-atlantische Strukturen. Die Minderheiten- und Sprachenpolitik des kommunistischen Rumänien, die darauf abzielte, sich einen Prestigegewinn im ‚Westen‛ einzuhandeln, hat Anneli Ute Gabanyi – im historischen Vergleich mit anderen ‚Ostblockstaaten‛ – m. E. nicht zu Unrecht, als zeitweilig relativ ‚tolerant’ im Rahmen einer allgemein repressiven Gesellschaftsform beschrieben. Wie hätte sich denn auch sonst eine deutschsprachige Literatur in Bukarest, Siebenbürgen und dem Banat in den 1960er und 1970er Jahren entfalten können, die sich sowohl aus der Sackgasse des Sozialistischen Realismus als auch aus dem Traditionskorsett der Heimatpoesie in eine zeitverschobene Moderne hinausschrieb?

Anderseits analysierte sie mit unbestechlichem Blick das Wirtschaftsdesaster, die Vernichtung individueller Freiheiten, die kollektive Entmündung und das auf Angst und Schrecken gegründete Herrschaftssystem sowie den bizarren, geradezu halluzinatorischen Personenkult, der den rumänischen Partei- und Staatschef Nicolae Ceauşescu in mythische Dimensionen emporwuchtete. Davon zeugt ihr sowohl in englischer als auch in rumänischer Sprache erschienenes Buch The Ceauşescu Cult (2000) – Cultul lui Ceauşescu (2003). Der rumänische Geheimdienst sah sich schon in den späten 1960er Jahren veranlasst, über ‚die Staatfeindin‛ unter dem Codenamen Matahari eine Überwachungsakte anzulegen, die sich zu einem beträchtlichen Umfang auswuchs.

Die Vorzüglichkeit ihrer Wissenschaftsprosa beruht auf der Ausbreitung der zugänglichen und überprüfbaren Fakten, auf der Verknüpfung von methodischer Stringenz mit narrativ untermauerter und vorgetragener Beweisführung und last but not least auf deren guter Lesbarkeit. Das gilt schon für Anneli Ute Gabanyi’s erstes Buch Partei und Literatur in Rumänen seit 1945 (1975). Darin beschreibt sie die Geschichte eines fremdbestimmten Literaturbetriebs im Rahmen kulturpolitischer Veränderungsbewegungen und im Spannungsfeld von Restriktion und Öffnung, im Wechselspiel von Anpassung, Verweigerung und Widerrede minuziös und quellengestützt. Die erst 2001 ins Rumänische übersetzte Studie wurde in zahlreichen Rezensionen als Analyse-Modell eines unter Diktatur und Zensur entstandenen und publizierten belletristischen Schrifttums gerühmt und empfohlen. Auch die neuere rumäniendeutsche Literaturgeschichtsschreibung hat ihre Periodisierungsvorschläge weitgehend übernommen.

In dem 1990 bei Piper in München, nur sechs Monate nach dem Sturz der nationalkommunistischen Diktatur in Rumänien erschienenen Buch Die unvollendete Revolution. Rumänien zwischen Diktatur und Demokratie, lieferte Anneli Ute Gabanyi eine erste kohärente, nicht unwidersprochen gebliebene Interpretation der bis heute von Dunkelzonen bedeckten Geschehnisse: Die ferngesteuerte und manipulierte Volkserhebung wurde von Reformkommunisten dazu genutzt, um sich an die Macht zu putschen. Der Vorhang ist noch nicht gefallen, und viele Fragen bleiben offen. Zu deren Beantwortung ist die Stimme der jung gebliebenen Anneli Ute Gabanyi mehr als erwünscht.

Peter Motzan

Schlagwörter: Wissenschaft, Politik, Rumänien

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