10. November 2012

Dr. Peter Boehm: „Siebenbürger Sachsen sind ein Modell für andere Völker“

Kanadas Botschafter Dr. Peter Boehm verlässt nach mehr als vierjähriger Amtszeit Berlin. Der promovierte Historiker wechselt zum Jahresende als Staatssekretär nach Ottawa in einen der zwei höchsten Beamtenposten, die das kanadische Außenministerium zu vergeben hat. Seit mehr als 30 Jahren ist der Siebenbürger Sachse im diplomatischen Dienst tätig, seine Regierung zeichnete ihn mehrfach aus. In Berlin hat sich der Spitzendiplomat einen Namen als einfühlsamer und kritischer Beobachter der deutschen Politik gemacht („Der Tagesspiegel“). Über seine siebenbürgischen Wurzeln und seine Tätigkeit in Berlin gibt der 58-Jährige Auskunft im folgenden Interview, das Siegbert Bruss führte.
Welches war die größte Herausforderung, mit der Sie als kanadischer Botschafter in Berlin konfrontiert waren?
Es gab keine „größte“ Herausforderung, sondern eher ständige Herausforderungen. So war es im Sommer 2008, als ich in Belin ankam, nicht absehbar, dass wir Anfang 2009 in eine Weltfinanzkrise hineinstürzen würden. Alle Länder waren betroffen – Kanada vielleicht nicht so stark wie die europäischen, weil wir unsere Banken nicht retten mussten und weil es keine Hypothekenblase wie in den Vereinigten Staaten gab. Trotzdem musste ich sehr viel nach Frankfurt reisen und mit deutschen Bankern und jenen der Europäischen Zentralbank sprechen, um herauszufinden, was bei dieser Schuldenkrise passiert, wie Deutschland dabei steht. Und natürlich musste ich meiner Regierung darüber berichten. Deutschland und Kanada sind sehr große Handelspartner, und wegen des Einbruchs im Handel besuchte ich oft die deutsche Industrie, um zu sehen, wie die Beziehungen zu Kanada laufen. Kurz danach kam auch der „Arabische Frühling“, und in der Außenpolitik gab es sehr viel mit Deutschland zu diskutieren, das sich der Stimme im Sicherheitsrat in New York enthalten hatte, während sich Kanada in der Nato-Operation in Libyen einsetzte. Zu gleicher Zeit war ich als Botschafter im ganzen Land viel unterwegs und sehr aktiv auf allen Ebenen.

Wie schätzen Sie den aktuellen Stand der deutsch-kanadischen Beziehungen ein?
Diese Beziehungen laufen sehr gut, was sehr erfreulich ist. Ich war mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem August-Besuch in Kanada dabei. Sie führte sehr gute Gespräche mit unserem Premierminister Stephen Harper. Die Bundesregierung und auch die Länderregierungen unterstützen die Verhandlungen, die jetzt zu einem Freihandelsabkommen zwischen Kanada und der Europäischen Union stattfinden. Und da ist Deutschland natürlich maßgebend.

Welche Aufgaben erwarten Sie als beamteter Staatssekretär in Ottawa?
Von der Verantwortung für Deutschland werde ich nun auf einer höheren Stufe der Außenpolitik für unsere Beziehungen zur ganzen Welt zuständig sein, natürlich zu unserem großen Nachbar im Süden, zu Europa als Ganzem und Asien, wo alles sehr schnell wächst, zu Afrika, dem Nahem Osten u.a.m.

Botschafter Dr. Peter Boehm vor Resten der ...
Botschafter Dr. Peter Boehm vor Resten der Berliner Mauer.
Ihre siebenbürgisch-sächsische Herkunft spielt eine sehr große Rolle für Sie. Wie ist Ihr Interesse daran gewachsen, wie sind Sie dazu gekommen, sich in der Jugendarbeit zu engagieren?
In Kanada ist die Gemeinschaft etwas anders gewachsen als in Deutschland. Nach Kanada sind vorwiegend Siebenbürger Sachsen eingewandert, die im September 1944 mit dem Treck aus Nordsiebenbürgen geflüchtet waren. Die meisten, aber nicht alle, ließen sich in Kitchener nieder. In dieser Stadt haben sich auch meine Eltern kennengelernt und eine Familie gegründet. Die Gemeinschaft dort war sehr wichtig, mit der Kirche und Schule. Im Haus wurde Deutsch gesprochen, meine Eltern sprechen untereinander das Siebenbürgisch-Sächsische, was wir natürlich auch alle kennen. Samstags ging ich in die Sprachschule im Transylvania-Klub und lernte dort Deutsch. Durch die verschiedenen Vereinstage und die Jugendgruppe kam auch ein Sinn für die Heimat und die Zugehörigkeit zu den Siebenbürger Sachsen auf, obwohl wir natürlich Kanadier sind und Englisch sprechen. So habe ich in der Jugendarbeit mitgeholfen, 1975 war ich Jugendleiter eines internationalen Jugendlagers für siebenbürgisch-sächsische Jugendliche. Als Historiker habe ich ein großes Interesse auch an der Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Vor ein paar Monaten war ich in Trier, das ist ein Teil der „Urheimat“, aus der unsere Landsleute auswanderten. Ich fand es sehr interessant, mich mit dem Oberbürgermeister über diese Herkunft zu unterhalten. Geschichte ist ein Hobby, das mich auch heute fasziniert und das ich nebenbei betreibe.

Sie haben sich recht früh auch für die Heimat Ihrer Eltern, Siebenbürgen, interessiert.
1969 hatte ich erstmals die Gelegenheit, mit meinen Eltern Siebenbürgen zu besuchen. Das war in der Zeit der kommunistischen Diktatur, und da gingen einem die Augen auf. Hier im Westen hatten wir einen ganz anderen Lebensstil und Freiheit, und dort sprachen wir mit vielen Landsleuten und merkten, dass sie als Menschen und als Minderheit unterdrückt waren. Die Siebenbürger Sachsen waren im Laufe ihrer Geschichte zwar immer eine Minderheit, aber sie konnten für sich selbst arbeiten und sich selbst regieren. Das war im kommunistischen Rumänien ganz anders, und das ist mir 1969 und bei einem zweiten Besuch im Sommer 1976 sehr aufgefallen. Vielleicht hat das auch einen Einfluss auf meine Entscheidung gehabt, Diplomat zu werden.

2010 und 2011 haben Sie Siebenbürgen erneut besucht. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?
Ich war mit meiner Familie dort, um meinen Kindern zu zeigen: von diesem Dorf – Draas – kommt Oma, und von Waltersdorf Opa, das sind die Kirchenburgen und hier ist Hermannstadt. Wir waren auch in Măgura am Fuße des Königsteins und übernachteten in Deutsch-Weißkirch. Ich fand es sehr interessant: Rumänien musste sich als Mitglied der EU anpassen, da gab es natürlich einen Wandel. Aber auch die Gemeinden sind ganz anders geworden. Nach dem Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes sind sehr viele Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ausgesiedelt. In den Dörfern leben heute nur noch wenige Deutsche. Sie kommen aber aus drei-vier Gemeinden zusammen, um einmal im Monat oder jede dritte Woche mit ihrem Pfarrer Gottesdienst zu feiern. Als Besucher erhält man auch heute ein Gefühl für das, was einmal dort war. Historiker, Archäologen, die rumänische Regierung, mit Unterstützung der EU, verschiedene Initiativen versuchen, soweit sie können, die alten Bauten zu erhalten. Für uns war Siebenbürgen ein einmaliges Erlebnis, wir schwärmen noch immer davon.

In den letzten vier Jahren haben Sie die Beziehungen zu den Siebenbürger Sachsen hier in Deutschland intensiv gepflegt. Sie waren beim Heimattag in Dinkelsbühl, in Drabenderhöhe, in der Geschäftsstelle des Verbandes in München u.a. Welche Eindrücke haben Sie über diese Gemeinschaft gewonnen?
Sie hat mich sehr beeindruckt. Ich kannte sie eher von der Kitchener Seite, Nostalgie, so war es mal in der Heimat, man feierte das Kronenfest, Schlachtfest oder den Kathreinenball. Die Siebenbürger Sachsen in Deutschland sind hingegen politisch sehr aktiv und haben sehr gute Beziehungen zu den Politikern. Für mich war das etwas ganz Neues. Aus einer Landsmannschaft ist ein Verband und eine Lobbygruppe geworden. Die Gespräche, die ich mit dem Bundesvorsitzenden Bernd Fabritius, mit anderen und mit meinem rumänischen Kollegen in Berlin, Lazăr Comănescu, geführt habe, bestätigen das: Dies Volk hat sich als Gruppe sehr politisch eingestellt, setzt sich für die Rechte in Deutschland ein und hat einen Einfluss auch auf die Politik in Rumänien. So habe ich Pesönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen kennengelernt, wie Peter Maffay, Hans Bergel kannte ich schon vorher durch meine Eltern, er war mehrmals in Kanada, diese Freundschaft habe ich weitergepflegt, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, eine Banater Schwäbin, den Präsidenten des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann, und Susanne Kastner, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, mit der ich mich nicht nur über deutsch-kanadische Verteidigungsfragen, sondern auch über ihren jüngsten Besuch in Mediasch unterhalten habe. So fand ich dieses ganze Erlebnis höchst interessant und sehr stimulierend.

Sind die Siebenbürger Sachsen mit ihren Erfahrungen ein Muster, ein Vorbild, auch für andere Völker und Länder?
Ja, sie sind ein Muster für andere Völker, weil sie sich in ihre neue Heimat sehr gut integrieren, zugleich aber auch kulturell und politisch als Gruppe sehr aktiv sind. Ich wurde hier in Deutschland oft über Minderheiten und ihre Integration befragt. Kanada ist ja ein klassisches Einwanderungsland ist. Die Siebenbürger Sachsen waren zum größten Teil stets eine geschlossene Minderheit und haben ihre Kultur, Bräuche, Sprache, Kirche, immer weitergepflegt. Die Heimat zu verlieren, war für sie ein großer Schock. Dann war es für sie natürlich, ihre Gemeinschaft auch in der neuen Heimat, ob in Deutschland, Österreich, Kanada, den USA, Australien, zu pflegen. Sie mussten sich früher als Minderheit durchsetzen, und so war es im Ausland vielleicht etwas einfacher, ihre Sprache, Bräuche, Kultur zu behalten. In einem deutschsprachigen Land ist das einfacher als in einem englisch- oder französischsprachigen wie Kanada. Man merkt in der zweiten, dritten Generation, dass die Sprache teilweise verlorengeht, die Bräuche und der Sinn, Nachkömmlinge der Siebenbürger Sachsen zu sein, bleiben aber erhalten.

Sie fahren Ende dieses Jahres zurück nach Kanada. Wie fällt ihre persönliche Bilanz der letzten vier Jahre aus?
Diese Jahre waren wunderbar für uns und für meine Familie. Dazu haben auch die Möglichkeiten beigetragen, Siebenbürgen zu besuchen und Kontakte zu unseren Landsleuten hier zu haben.

Schlagwörter: Interview, Botschafter, Kanada, Politik, Peter Boehm

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