Amtsantritt als Bundesvorsitzende in Kanada: Rebecca Horeth im Gespräch
Rebecca Horeth ist seit dem 1. November neue Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Kanada. 28 Jahre lang stand John Werner an der Spitze der Landsmannschaft; entsprechend groß sind die Fußstapfen, die er hinterlässt. Der Führungswechsel ist auch ein Generationswechsel. Wie John Werner (73), „ein starkes Vorbild“ für die Anfang Dreißigjährige, ist auch Horeth in Kanada geboren, in Ontario. Ihre Großeltern stammten aus Burghalle und Großschogen in Nordsiebenbürgen. Berufstätig als Buchhalterin, engagiert sich Rebecca Horeth seit einem Jahrzehnt in der Landsmannschaft: als Kulturreferentin (2015-19), Sekretärin (2019-22) und 1. stellvertretende Vorsitzende (2022-25). Wie Horeth im nachfolgenden Gespräch mit Christian Schoger betont, ist es ihr als Bundesvorsitzender besonders wichtig, „dass ich alle Siebenbürger Sachsen in Kanada und alle Mitglieder unserer siebenbürgischen Gemeinschaft hier vertrete, unabhängig von Alter, Wohnort, Interesse an Traditionen oder Engagement im Kulturbereich.“
Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zur neuen Bundesvorsitzenden, Rebecca. Du hast eine verantwortungsvolle Aufgabe angenommen. Was bewegt dich angesichts dessen besonders, Freude, Stolz, Erwartungsdruck?
Es ist zweifellos eine aufregende Zeit, und natürlich lastet ein gewisser Druck auf mir, da mein Vorgänger, John Werner, dieses Amt viele Jahre innehatte. Vor allem aber bin ich sehr stolz darauf, in diese Position gewählt worden zu sein und die Siebenbürger Sachsen Kanadas international vertreten zu dürfen. Meine siebenbürgischen Großeltern waren sehr stolz auf ihre Wurzeln und haben diese Werte in unserer Familie weitergegeben. Daher bin ich stolz darauf, das, was sie mir gelehrt hat und was ich selbst gelernt habe, weitergeben zu können.
Rebecca HorethIn jungen Jahren ein solches Amt, riesigen Respekt. Wie kam deine Kandidatur zustande?
Das ist eine interessante Frage, denn ich glaube nicht, dass das Alter unbedingt mit dem Engagement in der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinde in Kanada zusammenhängt. Ich bin in der Kindertanzgruppe der Saxonia Hall in Aylmer, Ontario, aufgewachsen und habe mit meiner Familie jedes Jahr an Veranstaltungen wie Heimattag oder Trachtenball teilgenommen. Während meiner Schulzeit, etwa 2009, übernahm ich die Leitung der Jugendtanzgruppe „Saxonia Dancers“ und bin seitdem Mitglied. Außerdem habe ich im Vorstand der Saxonia Hall verschiedene Ämter bekleidet, unter anderem das der Mitgliederreferentin, das ich bis heute innehabe.
Was mein Alter betrifft, so bin ich Anfang dreißig, und ich denke, meine Kandidatur in diesem Alter spiegelt die Werte wider, die unser ehemaliger Vorsitzender John Werner unserer siebenbürgischen Gemeinschaft in Kanada vermittelt hat. Er war dafür bekannt, jungen Siebenbürger Sachsen in Kanada Chancen zu eröffnen, u.a. durch die Übernahme von Positionen im Vorstand der Landsmannschaft.
Du trittst in große Fußstapfen. Welche Bedeutung hat für dich dein Amtsvorgänger John Werner?
Ich habe bereits über Hingabe und Engagement gesprochen, und ich sehe Johns Zeit als Vorsitzender als ein starkes Vorbild, dem man in Bezug auf diese Eigenschaften folgen sollte. John setzte sich mit großem Engagement dafür ein, der nächsten Generation unser Erbe und unsere Traditionen näherzubringen. Das möchte ich fortführen. Interessanterweise bietet sich auch für die jüngeren Generationen die Möglichkeit, den älteren etwas über unsere siebenbürgische Kultur zu vermitteln. In Kanada unterscheidet sich die Gemeinschaft von der in Europa: Wir sprechen heute deutlich weniger Deutsch oder Sächsisch. Unsere Kultur ist eine Mischung aus kanadischen und sächsischen Traditionen. Dadurch hat jeder in unserer Gemeinschaft ein besonderes Interesse an unserer Kultur, sei es Musik, Tanz, Handarbeiten, Essen, Kunst oder etwas anderes. So können wir unser kulturelles Wissen mit Jung und Alt teilen. Es geht nicht nur darum, die Traditionen an die Jugend weiterzugeben, sondern an alle in der Gemeinschaft, unabhängig von ihren siebenbürgischen Wurzeln.
Da du bereits auf etliche Jahre ehrenamtlichen Engagements in der Landsmannschaft zurückblicken kannst: Welche Erfahrungen und persönlichen Qualitäten werden dir in diesem Führungsamt hilfreich sein?
Ich hatte das große Glück, 2009 in Österreich und 2013 in Deutschland am Föderationsjugendlager teilzunehmen, wo ich einige meiner sächsischen Altersgenossen aus aller Welt traf. Seitdem habe ich auch den Heimattag in Dinkelsbühl (2018 und 2023) sowie das Sachsentreffen in Hermannstadt (2024) besucht und seit 1997 – so früh ich mich erinnern kann – an mehreren Heimattagen in Kanada und in den USA teilgenommen. Meine Familie und ich haben im Laufe der Jahre auch Teilnehmer des Kulturaustauschs und des Jugendlagers bei uns beherbergt. Diese Erfahrungen haben mir die Vielfalt unserer sächsischen Gemeinschaft gezeigt – sowohl die Menschen, die Teil der Gemeinschaft sind, als auch die Art und Weise, wie wir unsere Traditionen in unterschiedlichen Kontexten weiterleben lassen. Es fasziniert mich sehr, wie kreativ die Siebenbürger Sachsen sind, trotz unterschiedlicher Mitgliederzahlen und Ressourcen! Es war mir auch eine Freude, andere Siebenbürger Sachsen in meinem Alter kennenzulernen, die wichtige kulturelle Arbeit für ihre lokalen Kreisgruppen leisten. Neben diesen Erfahrungen in der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft habe ich auch Positionen im Vorstand lokaler politischer Parteien, Handelskammern und regionaler Museen innegehabt.
Gibt es eine Verbindung zwischen deiner Leidenschaft für das Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen und deinem Studium der Volkskunde?
Wie bereits erwähnt, haben meine Großeltern meiner Familie und mir schon früh unsere Herkunft und Traditionen nähergebracht. Ich muss zugeben, dass ich als Kind nicht sonderlich an Geschichte interessiert war, vor allem, weil die meisten verfügbaren Quellen damals nur auf Deutsch waren. An der Universität begann ich Deutsch zu lernen, um mehr über meine Kultur zu erfahren, insbesondere nach dem Tod meiner Großeltern. Glücklicherweise hat die Technologie im Laufe der Jahre die Auseinandersetzung mit unserem siebenbür-
gischen Erbe erheblich erleichtert. In Kanada beispielsweise können wir heute viel einfacher als noch vor 15 Jahren Videos und Live-Übertragungen von Veranstaltungen aus Europa ansehen und Webseiten und Online-Artikel über die Siebenbürger Sachsen finden.
Während meines gesamten selbstgesteuerten Lernens war es stets mein Ziel, unsere Kultur in Kanada zugänglicher zu machen. Daher besteht ein enger Zusammenhang mit meiner ethnologischen Forschung. Die große Frage in unserer kanadischen Gemeinschaft lautet: „Wird die siebenbürgisch-sächsische Kultur aussterben?“ Meine Abschlussarbeit lehrte mich jedoch, den Fokus dieser Frage zu verändern. Stattdessen untersuchte sie die einzigartigen Wege, auf denen unsere Traditionen innerhalb der kleinen Gemeinschaft eines einzelnen Vereins – in Deutschland: einer lokalen Gruppe – erlernt, weitergegeben und gelebt werden. Ich glaube, diese Denkweise der kreativen Traditionsbewahrung wird unserer siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft sehr zugutekommen. Darüber hinaus bin ich stolz darauf, sagen zu können, dass mir diese Erfahrungen und Studien ermöglicht haben, in der Saxonia Hall einen Ausstellungsraum für siebenbürgische und deutsche Kulturgüter einzurichten.
Rebecca Horeth (Zweite von links) mit den Saxonia DancersSiebenbürgisch-sächsische Wurzeln, Kultur, Traditionen, deutsche Sprache zu pflegen, identitätsbewusst lebendig zu erhalten – wie groß ist diese Herausforderung für dich und deine Landsleute in Kanada Mitte der 2020er-Jahre?
Meiner Meinung nach liegt die Herausforderung weniger darin, eine Tradition am Leben zu erhalten. Solange eine kleine Gruppe sie pflegt, ist sie lebendig, selbst wenn sie sich leicht verändert. Die größere Herausforderung ist vielmehr: „Wie können wir die Traditionen für unsere Gemeinschaft relevant machen, die jedes Jahr kleiner wird?“ Diese Frage beschäftigt mich sehr. Viele sächsische Veranstaltungen in Kanada waren historisch gesehen Bälle und Bankette, doch diese Art von Veranstaltungen wird immer seltener, selbst außerhalb der siebenbürgischen Gemeinschaft. Ich beobachte ein wachsendes Interesse an Bildungsveranstaltungen wie Vorträgen oder Gedenkfeiern sowie an der Online-Community. Interessant finde ich auch, wie die Menschen ihr siebenbürgisches Erbe in ihren Alltag integrieren, beispielsweise durch bestimmte Gerichte, Kleidung oder kulturelle Gegenstände in ihren Wohnungen. Die Herausforderung besteht also darin, herauszufinden, welche Aspekte unseres Erbes die Menschen heute interessieren, und dann zu entscheiden, wie wir sie dazu anregen können, sich zu diesen Themen und Aktivitäten zu treffen.
Kannst du uns einen Überblick geben über die zahlenmäßige bzw. räumliche Größe und die Gliederungen eurer Landsmannschaft, die Altersstruktur.
In Kanada gibt es derzeit zwei Vereine bzw. Kreisgruppen. Der größere Transylvania Club in Kitchener, Ontario, hat etwa 500 aktive Mitglieder, und der kleinere, Saxonia Hall in Aylmer, Ontario, etwa 250. Diese Mitgliederzahlen sind meiner Meinung nach etwas kompliziert, da sie nur die Mitglieder der jeweiligen Region berücksichtigen, insbesondere diejenigen, die für eine Mitgliedschaft bezahlen, und alle ausschließen, die sich als Siebenbürger Sachsen identifizieren, aber außerhalb dieser Regionen in ganz Kanada leben, und davon gibt es viele.
Was die Altersstruktur betrifft, so haben wir, wie viele andere Einwanderergruppen in Kanada, eine alternde Mitgliedschaft; die meisten Mitglieder sind über 65. Beide Vereine leisten jedoch wichtige Arbeit, um junge Mitglieder sowie solche ohne siebenbürgische Wurzeln zur Teilnahme zu ermutigen. Diese Mitglieder werden in die Mitgliederzahl einbezogen, und ohne sie wäre es deutlich schwieriger, einige unserer größeren Gruppenveranstaltungen fortzuführen. Es ist ermutigend, ihre Begeisterung für das siebenbürgisch-sächsische Erbe zu erleben und zu sehen, wie Sachsen jeden Alters ihren Nachbarn mit Stolz und Begeisterung ihre Kultur näherbringen.
Profitiert die Landsmannschaft in Kanada von staatlicher Förderung?
Leider nicht, aber unser neuer Vorstand ist daran interessiert, dies weiterzuverfolgen.
Wie eng ist euer Austausch mit der Alliance of Transylvanian Saxons (ATS) in den USA? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Kanada und die Alliance of Transylvanian Saxons verbindet eine langjährige Partnerschaft von über 60 Jahren des kulturellen Austauschs und der Zusammenarbeit. Am bemerkenswertesten ist der nordamerikanische Heimattag, der jeden Sommer abwechselnd in verschiedenen Ländern stattfindet, wie 2025 in Youngstown, Ohio und 2026 in Aylmer, Ontario. Dies ist die größte siebenbürgisch-sächsische Veranstaltung des Jahres in Kanada und den USA mit etwa 300 bis 400 Teilnehmern jeden Sommer über drei Tage.
Wir leben in bewegten Zeiten. Unter US-Präsident Trump sind die Beziehungen zwischen den USA und Kanada belastet. Ist das auch ein Thema mit deinen Kollegen von der ATS? Wie blickst du persönlich auf die veränderte politische Lage?
Die angespannten internationalen politischen Beziehungen sind natürlich bedauerlich, und wir hoffen, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Die Siebenbürger Sachsen in Kanada und den Vereinigten Staaten betonen jedoch, dass die Verbindung durch unser gemeinsames Erbe und unsere Leidenschaft für unsere Traditionen keine Grenzen kennt.
Worauf möchtest du dich im Amt als Bundesvorsitzende fokussieren, welche Schwerpunkte willst du setzen?
Meine oberste Priorität ist es, sicherzustellen, dass ich alle Siebenbürger Sachsen in Kanada und alle Mitglieder unserer siebenbürgischen Gemeinschaft hier vertrete, unabhängig von Alter, Wohnort, Interesse an Traditionen oder Engagement im Kulturbereich. Ich halte dies für einen wichtigen Schwerpunkt, denn es erinnert mich daran, dass diejenigen, die sich der siebenbürgischen Gemeinschaft zugehörig fühlen, vielleicht nicht dieselben Traditionen pflegen wie ich, aber dennoch etwas Wichtiges mit der Gemeinschaft zu teilen haben. Ich möchte sicherstellen, dass auch sie gehört werden und die Möglichkeit erhalten, ihren Stolz auf unser Erbe zum Ausdruck zu bringen.
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