5. Februar 2014

Dem Kulturerbe dienen: Interview mit Siegfried Habicher

Siegfried Helmut Habicher kann als 70-Jähriger auf ein vielseitiges, bewegtes Leben zurückblicken. Er wurde als fünftes Kind des selbständigen Kunstschlossermeisters und Firmengründers Josef M. Habicher und seiner Gattin Friederike, geb. Schneider, am 5. Februar 1944 in Hermannstadt geboren. Grundschule und Gymnasium besuchte er in der Heimatstadt, danach studierte er Germanistik, Rumänistik und Literaturwissenschaften in Klausenburg (1964-67) und Bukarest (1967-69). Habicher war bis zu seiner Ausreise 1978 in der Forschung und Lehre an der Universität Jassy und am Germanistiklehrstuhl in Hermannstadt tätig.
Während sich die meisten mit 70 Jahren ins Privatleben zurückziehen, steht der Jubilar noch mitten im Leben. Sein ehrenamtliches Engagement in siebenbürgisch-sächsischen Organisationen ist seit dreieinhalb Jahrzehnten ungebrochen, unter anderem als Stellvertretender Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg. Siegfried Habicher betreut die Rubrik „Sachen zum Lachen“, die in dieser Ausgabe der Siebenbürgischen Zeitung aus der Taufe gehoben wird. Mit ihm sprach Siegbert Bruss über sein früheres und heutiges Wirken.

Schon als Schüler und Student hast du dich sozial und politisch engagiert: als Klassensprecher, als Pionierinstruktor an der Brukenthalschule, als Vertreter der Siebenbürger Sachsen im höchsten Studentengremium der Universität Babeş-Bolyai in Klausenburg. Was hat dich zu diesem Einsatz motiviert?

Es ist schon so lang her – 50 Jahre und mehr –, dass ich in den Eckkammern meiner Erinnerung richtiggehend stöbern muss, um alle Beweggründe zusammenzukriegen. Es waren wohl zwei bis drei Triebfedern: Ich hatte einerseits sehr gute Lehrer, richtige Pädagogen, die meine Berufung erspürten und mich förderten. Andererseits entwickelte ich als Handballer Mannschaftsgeist und wurde in der Leichtathletik durch die Konkurrenz zu Höchstleistungen angestachelt. Das übertrug sich auf mein Denken und Handeln allgemein. Während des Studiums erlebte ich einige Jahre, die das Prinzip Hoffnung bei uns Jungspunden aufflackern ließen. Vorübergehend konnte man nämlich während der Sechziger meinen, Rumänien mache ernst mit einer vernünftigen Nationalitätenpolitik.
Siegfried Habicher beim Presseseminar der ...
Siegfried Habicher beim Presseseminar der Siebenbürgischen Zeitung 2013 in Leitershofen. Foto: Siegbert Bruss
Von 1969-1972 warst du Assistent am Germanistiklehrstuhl der Universität „Alexandru Ioan Cuza“ in Jassy, von 1972 bis 1978 zunächst Assistent und dann Universitätsdozent am Hermannstädter Lehrstuhl für Germanistik. Welches waren deine wichtigsten Wirkungsfelder?

An beiden Wirkungsstätten war es neben der Lehre und Forschung auch die Selbstverwaltung. Natürlich waren die Schwerpunkte unterschiedlich. In Jassy galt meine Forschung – bedingt durch die Aufnahmeprüfung zum Doktorat – hauptsächlich der österreichischen Literatur und besonders dem Werk Robert Musils. Darüber hinaus veröffentlichte ich während der drei Jahre zusammen mit meiner Lehrstuhlleiterin und nachmaligen Doktormutter, Prof. Dr. Hertha Perez, drei Bände von Übungsbüchern für die Germanistikstudenten der ersten vier Semester. Diese stellten die Grundlage und Handreichungen für Lehrveranstaltungen wie „Textinterpretation“, „Stilistische Grammatik“ oder „Simultanübersetzung“ dar. Ziel der Übungsseminare war eine erhöhte Sprachkompetenz. Im Bereich Selbstverwaltung erstellte ich die Stundenpläne der Abteilung Germanistik und koordinierte während des 2. und 3. Jahres die Pläne der Philologischen Fakultät für die Fremdsprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch.

Diese Erfahrungen waren, als ich 1972 an die deutschsprachige Abteilung der Klausenburger Universität „Babeş-Bolyai“ wechselte, auch beim Hermannstädter Lehrstuhl, der erst wenige Jahre vorher begründet worden war, sehr willkommen. Mein dortiger Lehrstuhlleiter, Prof. Georg Scherg, war als Schriftsteller sehr produktiv und überließ mir neben den Stundenplänen auch die Erstellung der so genannten State de funcţii, d.h. die stundenmäßige Verteilung der Lehrveranstaltungen auf die Mitglieder des Lehrstuhls. ­Neben den Lehrveranstaltungen, praktischen Übungsseminaren (Textinterpretation), Vorlesungen und Seminaren zur neueren deutschen Literaturgeschichte sowie Sondervorlesungen zur Sprachgeschichte bzw. Romanpoetologie forschte ich zur siebenbürgisch-deutschen Literatur, meine drei Beiträge durften aber 1979, nachdem ich ein Jahr zuvor „Republikflucht“ begangen hatte, nicht unter meinem Namen erscheinen.

War es für dich überhaupt möglich, in beruflich so verantwortungsvoller Position tätig zu sein, ohne dich zu verbiegen oder zu starke Kompromisse mit dem kommunistischen Regime einzugehen?

Ja und nein. Ähnlich wie Georg Scherg empfand ich unsere Aufgabe als Tanz auf des Messers Schneide. Laut Arbeitsvertrag waren wir verpflichtet, unsere Lehre und Forschung marxistisch-leninistisch auszurichten. An den Hochschulen hatten wir zwar etwas mehr Freiheit als sonst, wussten aber allzu gut, dass in jeder Studentengruppe ein „Berichterstatter“ dabei war. Also taten wir so, als würden wir mit den Wölfen heulen, indem wir zum Beispiel, den marxistischen Vorspann zu einer Vorlesung ironisch vortrugen. Eine Lehrstunde zur notwendigen Doppelmoral im Ostblock hatte ich übrigens schon in Jassy erlebt. Und zwar erteilten sie mir Studierende der Universität Jena, die im Zuge des Studentenaustauschs an einem Textinterpretationsseminar zusammen mit unseren Studiosi teilnahmen. Die Jenenser waren viel versierter in puncto marxistischer Verbrämung. Als wir aber mit ihnen einen Ausflug zu den Moldauklöstern unternahmen, erzählten sie mir die Fabel von der Ziege und dem Bandwurm auf Arbeitssuche … am Abend schließlich wird der Bandwurm bei einer LPG eingestellt. Die protestierende Ziege wie folgt belehrt: „Genossin, bitte, Meckerer haben wir zuhauf. Was wir brauchen, sind Arschkriecher.“

Am 2. Juni 1978 kamst du am langersehnten Ziel in Deutschland an. Deine berufliche Integration war aber schwieriger als erwartet. Welches waren deine wichtigsten beruflichen Stationen bis zur Verrentung im Jahr 2009?

Erst in den 80er Jahren ging es mit der Volkshochschule Rottweil los. Als Dozent hatte ich mit der Veranstaltung Der Leser und sein Lieblingsbuch einen Dauerbrenner. Als Fachbereichsleiter betreute ich zeitweilig die Sparten Literatur, Kunst und Philosophie. 1988-90 war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Trossinger Stadtarchivs zuständig für das Heimatmuseum. In den 90er Jahren dann betreute ich seitens des Hauptamtes die Kulturgemeinde der Musikstadt. Im Umgang mit national und international bekannten Künstlern wie Brigitte Mira, Herbert Hermann, Marion Kracht, Christian Kohlund oder Jeremy Menuhin, Peter Schreier und Reinhard Mey machte ich einmal mehr die Erfahrung: je renommierter, desto unkomplizierter sind Schauspieler, Musiker und Kabarettisten.

Teilweise für die Tätigkeit als Vorsitzender und Geschäftsführer des Personalrats der Stadtverwaltung freigestellt war ich bis zu meiner Verrentung im Jahre 2009. Im letzten Jahrzehnt betreute ich außerdem federführend die Wochenzeitung Mitteilungsblatt und erstellte Werbungsschriften. Ein „Abschiedsgeschenk“ für die Musikstädter präsentierte ich 2008, nämlich den mit einem Autorenteam erarbeiteten Band Auf den Spuren der Kunst.

Seit 1978 bist du ehrenamtlich vielseitig engagiert in der Landsmannschaft, im Hilfskomitee, den Kultureinrichtungen in Gundelsheim, seit 20 Jahren betreust du die „Stuttgarter Vortragsreihe“ der Landesgruppe Baden-Württemberg. Wie fällt deine persönliche Bilanz aus: Wie konntest du dich einbringen, und was hast du „zurückbekommen“?

Sich einzubringen, ist keine Kunst. Signalisiert man nämlich die Bereitschaft, so finden sich die Betätigungsfelder immer, das sagt mir meine Erfahrung. Etwas zurückzubekommen, hab ich nie erwartet. Es tut dennoch gut, Dankbarkeit – wenn auch nur symbolisch – zu erfahren. Zum Beispiel bin ich mächtig stolz darauf, zu den Gründungsmitgliedern des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates zu gehören, oder das Goldene Ehrenwappen des Verbandes tragen zu dürfen. Mit Stolz erfüllen mich Formulierungen der letzten Jahre wie: „Dem, der die Ritterkür erfunden, / scheint der Humor prächtig zu munden!“ (Doris Hutter, 2009). „Es ist das Verdienst Siegfried Habichers, dem Kulturerbe des siebenbürgisch-sächsischen Humors mit dem Anstoß zur Gründung der ‚Foederatio Saxonica Transsilvana …‘ ein Forum geschaffen zu haben, dessen Bewahrungskraft auch nach der Massenauswanderung aus Siebenbürgen wirksam bleibt.“ (Hans Bergel, 2011)

Welches sind deine wichtigsten Vorhaben, was möchtest du in den nächsten Jahren noch erreichen?

Gesund bleiben und viel schreiben. Wenn mir dieser Wunsch widersprüchig erscheint, muss ich bloß an Hans Bergel denken, um ihn wieder realistisch zu finden. Neben der Rubrik „Sachen zum Lachen“ beschäftigt mich das Thema Familiengeschichte schon länger; an erster Stelle meiner recht langen Wunschliste steht ein Roman mit dem Titel: „Kakanien hoch drei“.

Seit 1985 betreust du federführend die Foederatio Saxonica Transsilvana, einen siebenbürgisch-sächsischen Kulturverein in Rottweil, der verdiente Persönlichkeiten mit Humor für diese Lebenseinstellung auszeichnet. Als Mann mit Humor zeichnest du nun verantwortlich für die Rubrik „Sachen zum Lachen“ in der Siebenbürgischen Zeitung. Welches sind die Ziele dieser neuen Rubrik?

Die Erkenntnis, dass Lachen gesund ist, datiert zwar nicht von heute, ihre Tragweite ist aber umso bedeutsamer. Gelingt es uns – hier handelt es sich nicht um den pluralis majestatis: seit dem Aufruf in der Zeitung gingen nämlich schon über ein halbes Dutzend Vorschläge ein – gelingt es uns also, einen Teil der Leserschaft zum Lachen, Schmunzeln oder sinnierenden Lächeln zu bringen, dann haben wir schon viel für die Gesundheit der Leserschaft getan, mithin das Wichtigste erreicht. Außerdem lässt du, lieber Siegbert, es mit der Fragestellung bereits anklingen. Das mit dem Kulturverein Foederatio Saxonica Transsilvana geschaffene Forum soll seine Bewahrungskraft mit der Rubrik verstärken und ergänzen. Mit anderen Worten wird auch die Rubrik „Sachen zum Lachen“ dem Kulturerbe des siebenbürgisch-sächsischen Humors dienen.

Schlagwörter: Kultur, Humor, Stuttgarter Vortragsreihe, Germanistik, Foederatio Saxonica Transsilvana

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