23. Februar 2014

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Die sächsische Gemeinschaft lieben, auch ohne in ihrer Mitte zu leben

Vor genau einem Jahr, am 28. Februar 2013, gründete Mihaela Kloos-Ilea die Internetpräsenz „Poveşti săseşti“, bestehend aus einem Blog http://povestisasesti.com und einer Facebook-Seite, die der siebenbürgisch-sächsischen Kultur gewidmet ist. Ihre sächsischen Geschichten, in Form eines Tagebuchs informativ und einfühlsam geschrieben, erfreuen sich einer hervorragenden Resonanz. Ihre Facebook-Seite zählt rund 3000 Anhänger. Die 27-Jährige absolvierte die Hochschule für Philologie (Rumänisch und Englisch) in Klausenburg, arbeitete als Verlegerin und Texterin in einem Klausenburger Schulbuchverlag und in den letzten beiden Jahren, ebenfalls im Verlagswesen, in München. Siegbert Bruss sprach mit ihr über ihre sächsischen Wurzeln und ihre Motivation, eine wertvolle Kultur in rumänischer Sprache zu vermitteln.
Was hat dich dazu bewogen, die „Sächsischen Geschichten“ auf rumänisch zu gründen?
Vor zwei Jahren bin ich durch ein Zusammenspiel glücklicher Umstände nach München gekommen. Kurz nach dem Umzug nach Deutschland nahm ich an einer Begegnung der Sachsen aus Bußd (rumänisch: Boz) bei Mühlbach, dem Geburtsort meines Vaters, teil. Ich ging hin mit der Absicht, einige Fotos zu machen und sie meinem Vater zu zeigen. Es war eine kleine Versammlung, die meist älteren Leute kannten sich, tauschten lebhaft Erinnerungen aus und waren für einen Augenblick sie selbst auf den Gassen in Bußd. Diese Mischung von Nostalgie und Wiedersehensfreude in den Augen der Menschen hat mich lange verfolgt. Zuerst veröffentlichte ich nur einen Artikel darüber auf einer bekannten Webseite in Rumänien, webcultura.ro, und stellte fest, dass das Echo überraschend positiv und das Interesse an der Kultur der Siebenbürger Sachsen und speziell an ihrer Gegenwart sehr groß waren.
Irgendwann habe ich darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben. Dass ich jetzt in Deutschland wohne, aber sehr oft nach Siebenbürgen zurückkehre, ist ein Vorteil, da ich die Gemeinschaft aus beiden Perspektiven kenne. Zudem komme ich aus einer Mischehe, mein Vater ist Sachse, meine Mutter Rumänin, und so glaube über die nötige Ausgewogenheit zu verfügen, um die Dinge unparteiisch sowohl von innen als auch von außen zu betrachten. Für das Buch brauchte ich eine umfangreiche Dokumentation, so dass der Blog aus dem Bedürfnis entstand, täglich zu schreiben, mich zu motivieren, kontinuierlich zu lesen, und auch andere – in kleinen Schritten – an den verschiedenen Themen teilhaben zu lassen, die ich interessant finde.

Mihaela Kloos-Ilea ...Mihaela Kloos-IleaWelche Themen behandelst du und wie wählst du sie aus?
Ich schreibe über Ereignisse, an denen ich teilnehme, über Leute, die ich treffe, ich versuche, die Feste im Jahreslauf zu berücksichtigen und die Artikel zum passenden Zeitpunkt zu veröffentlichen. Der Blog ist sowohl eine geschichtliche Bestandsaufnahme als auch ein Bild der heutigen Gemeinschaft. Ich richte den Blick eher auf die Kultur und Völkerkunde (Ethnografie), indem ich eine Parallele zwischen Deutschland und Siebenbürgen ziehe und gleichsam die Vergangenheit und Gegenwart behandele. Ich erhalte auch sehr viele Anregungen, einige Leser schicken mir Familienfotos und offenbaren mir ihre Lebensgeschichte. So pflege ich die Verbindung zu vielen Lesern, auch wenn ich sie persönlich nicht kenne. Mein Wunsch ist es, dass dieser Blog ein Raum der Begegnung und des sich Wiederfindens ist, über die Zeiten und Generationen hinweg. Hier können wir mit heiterem Auge sehen, was uns verbindet, aber auch staunend entdecken, was uns unterscheidet.

Im letzten Jahr warst du beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Welche Eindrücke hast du dabei gesammelt, und wie hast du dieses Ereignis auf deinem Blog präsentiert?
Es war für mich eine große Freude, dabei zu sein. Ich wusste von diesem Ereignis aus meiner Familie, aber in den Medien in Rumänien wird kaum darüber gesprochen. Ich finde es schade, handelt es sich doch um eine – meines Wissens – einzigartige Begegnung von über 20000 Leuten, die sich mit Siebenbürgen verbunden fühlen und sich außerhalb Rumäniens treffen. Es ist beeindruckend, die Gruppen von Menschen zu sehen, gekleidet in wunderschöner, traditioneller Tracht, die mit dem Bild oder dem Wappen einer siebenbürgischen Ortschaft aufmarschieren, die einst ihr Zuhause war. Hier sieht man sehr gut die sächsische Identität, ein Teil dessen, was Siebenbürgen ausmacht. Hier sieht man die gefühlsmäßige Brücke, die die Siebenbürger Sachsen zwischen den beiden Ländern bauen, was auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in Dinkelsbühl festgestellt hat. Diese Botschaft habe ich versucht, durch Bilder und Artikel zu vermitteln, die ich geschrieben habe. Bei dieser Gelegenheit sieht man, dass die sächsische Identität und Kultur noch lebendig sind.

Logo mit dem Rattenfänger von Hameln. ...Logo mit dem Rattenfänger von Hameln.Was könnte man tun, um diese Kultur möglichst lange am Leben zu erhalten?
Es ist schwer für mich, ein Rezept zu geben, aber „Poveşti săseşti“ sind dank eines Sachsen entstanden, der nie aufgehört hat, sein Kind über eine Gemeinschaft zu belehren, auch wenn diese eigentlich nicht mehr dort war. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass du eine Kultur korrekt einschätzen und lieben kannst, auch ohne in ihrer Mitte zu leben. Es ist nach meiner Meinung einerseits wichtig, dass die ältere Generation ­offen, tolerant und mit ihrer Vergangenheit versöhnt ist, um das Interesse der Jugend zu wecken. Dann können wir, unsererseits, empfänglich und engagiert sein. Ich glaube, es ist für uns Jugendliche wichtig, neugierig zu sein, den Geschichten unserer Eltern zuzuhören und daraus zu lernen. Es ist schön zu wissen, wer du bist. Es ist wichtig, das Gefühl zu haben, einer Gemeinschaft anzugehören, Wurzeln zu haben und nicht wie ein loses Blatt durch die Welt getrieben zu werden. Der Erhalt des sächsischen Kulturerbes ist eine Verantwortung, der wir uns gemeinsam stellen müssen, unabhängig von unserem Alter und unserem heutigen Wohnort.

Dein ursprüngliches Ziel war es, deinem Vater eine Freude zu machen. Fühlst du dich seit Gründung des Internet-Blogs deinen sächsischen Wurzeln stärker verbunden?
Mein Vater hat dafür gesorgt, dass ich mich, unabhängig von den Umständen, der sächsischen Gemeinschaft verbunden fühle, aber ich kann nun sagen, dass ich die sächsische Kultur viel besser kenne. Seit fast einem Jahr lese ich fast nur noch Bücher, die sich auf diesen Raum beziehen. Obwohl ich mich an keine bestimmte Gruppe von Menschen wende und keine klar um­rissene Zielgruppe anspreche, denke ich beim Schreiben meiner Artikel nur an einen einzigen Menschen. Ich gehe immer davon aus, was ich von meinem Vater weiß. Es war ihm ein Bedürfnis, mir das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Werte, alles, was das Leben und die Identität der Sachsen ausmacht, zu vermitteln. Es war ihm wohl bewusst, dass die Kette der sächsischen Kontinuität in der Familie sonst abgerissen wäre. In meiner Familie wurden sowohl orthodoxe als auch evangelische Feiertage und das Brauchtum beider Kulturen gepflegt, weil meine Eltern ihre Identität respektieren. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass ich mich noch stärker der sächsischen Gemeinschaft zugehörig fühlen kann, als ich es ohnehin tue, aber ich habe gewiss mehr gelernt und habe noch vieles zu lernen. Ich bin das geblieben, was ich bin: eine halbe Rumänin und eine halbe Sächsin.

Deine Artikel erfreuen sich einer großen Leserschaft, beispielsweise die Legenden der Stadt Mediasch oder das Haus des Barons in Baaßen. Wie recherchierst du zu diesen Themen?
Es mag wohl ungewöhnlich klingen, aber es gefällt mir, die Menschen zu Hause aufzusuchen, an ihre Tür zu klopfen, auch wenn ich sie nicht kenne, um ihre Geschichten in Erfahrung zu bringen. Es ist ein Paradox, dass wir in der Welt des Internets, in der wir so leicht erreichbar sind, immer größere Hemmungen haben, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen. Das Internet bietet uns eine große Offenheit, aber um uns herum gibt es viele Menschen, die wir nicht sehen, von denen wir viel zu lernen haben. Es ist wichtig, die Augen offen zu halten und zuzuhören zu können, ohne Eile. So versuche ich, Leute kennen zu lernen und vor allem über diese zu schreiben. Im letzten Dezember war ich einen Monat lang zu Hause in Rumänien, und so besuchte ich Johann Schaas in Reichesdorf (Richiş), eine Familie, die ein sächsisches Museum in Baaßen (Bazna) eingerichtet hat, eine Frau aus Michelsdorf (Boarta) bei Marktschelken, einen der wenigen Sachsen in Stolzenburg (Slimnic) usw. Es gefällt mir, Orte und Menschen zu entdecken, Geschichten ohne Ende.

Neue Tourismusbroschüre über Hermannstadt, ...Neue Tourismusbroschüre über Hermannstadt, Autorin: Mihaela Kloos-Ilea.Du hast den Bereich über die sächsische Kultur für das neue Lehrbuch „Kulturerbe – Der Landkreis Kronstadt“ („Patrimoniu Cultural – Judeţul Braşov“) verfasst. Gleichzeitig bist du Autorin der neuen Tourismusbroschüre über Hermannstadt. Welche Inhalte bietet diese Broschüre?
Es ist eine ungewöhnliche, sehr erfrischende und positive touristische Publikation. Die Broschüre wendet sich an Touristen, deren Interesse es zu wecken gilt, Hermannstadt zu besuchen, und an jene, die bereits dort angekommen sind. Sie wurde bei der Tourismusmesse in Stuttgart lanciert, war schon in Wien und wird auch auf anderen Fachmessen gezeigt. Weshalb ist sie ungewöhnlich? Anders als übliche touristische Materialien mit dem Schwerpunkt auf reiner Information, die unpersönlich präsentiert wird, erzählt diese Broschüre die Geschichte Hermannstadts und versucht, eine emotionale Verbindung zwischen dem Besucher und der Stadt aufzubauen. Neben den geschichtlichen und praktischen Fakten, die im Heft natürlich vorhanden sind, habe ich versucht, den Reiz und die Entwicklung der Ortes, das Leben der Stadtbewohner, die Sagen rund um Denkmäler und Persönlichkeiten darzustellen. Neben dem praktischen Nutzen möchte ich, dass dieses Material einen fesselt und gerne gelesen wird, wie ein Buch. Die Idee ist, Hermannstadt so zu sehen, als ob ein Freund oder Stadtbewohner es dir vorgestellt hätte, eine persönliche Erfahrung zu ­vermitteln, die dir nahe geht. So entdeckt der Besucher in kleinen Schritten, weshalb Hermannstadt einzigartig und authentisch ist.

Dein Blog ist in mehrere Bereiche untergliedert: „Auf den Spuren der Sachsen in Deutschland“, „Auf sächsischen Spuren in Siebenbürgen“, „Feiertage und Brauchtum“, „Siebenbürgen, Land der Sagen“ usw. Welchen Titel würdest du daraus für dein erstes Buch wählen?
Ich würde die Gegenwart der Sachsen in Deutschland und Siebenbürgen miteinander verbinden, anhand besonderer Menschen, die in den beiden Räumen leben, in denen ich so oft unterwegs bin. Ihre Lebensgeschichten, was ihre Identität bedeutet und wie sie im Kontext der beiden Länder überlebt hat, die großen Umbrüche, die sie mitgemacht haben – das wäre ein interessantes Thema. Ich würde ein Buch schreiben, in dem sich mehrere Perspektiven treffen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie das Interview in rumänischer Sprache auf dem Internet-Blog „Poveşti săseşti“.

Schlagwörter: Kultur, Internet, Brauchtum

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