21. April 2015

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"Neue Heimat Siebenbürgen": Interview mit Jens Kielhorn

Auswanderer, Rückwanderer oder Nicht-Ausgewanderte – lange Zeit schien ein biografischer Bezug zu Siebenbürgen nur in diesen drei Kategorien und ihren Nuancen denkbar. Doch gibt es nicht wenige Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt nach Siebenbürgen verlegen und hier einen Neustart wagen. Was bedeutet die „neue Heimat Siebenbürgen“ für sie? Welches sind ihre Beweggründe? Wie baut man hierzulande eine neue Existenz auf? Diese und andere Fragen stellt unsere Zeitung den „Neusiedlern“ in einer Interview-Reihe, die in loser Folge erscheinen wird. Sie beginnt mit dem Bonner Jens Kielhorn (47), der Rumänien erstmals zur Jahreswende 1993-1994 besuchte. Heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau und drei Kindern in Hermannstadt und betreibt in Siebenbürgen und dem Banat mehrere Buchhandlungen, in denen fünfzehn Mitarbeiter beschäftigt sind.
Zusammen mit Anselm Roth, einem Siebenbürger Sachsen, der aus Deutschland zurückgekehrt ist, hat Jens Kielhorn 2007 den Schiller Verlag eröffnet. Das vor bald zehn Jahren gegründete Büchercafé „Erasmus“ im Begegnungs- und Kulturzentrum „Friedrich Teutsch“ und die Schiller-Buchhandlung am Großen Ring sind heute beliebte Anlaufstellen für Literaturbegeisterte. Mit Jens Kielhorn sprach in Hermannstadt unsere Korrespondentin Christine Chiriac.

Herr Kielhorn, wie kommt es dazu, dass ein Verkehrsingenieur aus Nordrhein-Westfalen ein Büchercafé in Hermannstadt eröffnet?

Auf Rumänien bin ich durch meine Frau gestoßen, die Nordsiebenbürgerin ist. Wir haben uns in Deutschland kennengelernt, als wir noch Studenten waren. Damals wusste ich nicht einmal, ob Rumänien nördlicher liegt oder Bulgarien, ob Budapest die Hauptstadt ist oder Bukarest. In Bonn waren wir völlig nach Westen ausgerichtet und haben uns leider kaum für die östlichen Länder interessiert. Als ich dann zum ersten Mal hierher reiste, hat es mir von Anfang an sehr gut gefallen. Es war für mich ergreifend, als ich die Kirchenburgen kennenlernte und dann mitbekam, dass die meisten Siebenbürger Sachsen ausgewandert waren. Die Menschen empfand ich als sehr freundlich, und mit der rumänischen Sprache hatte ich keine großen Schwierigkeiten. Außerdem hatte ich von vornherein das Gefühl, dass hier noch ganz vieles zu tun ist und man vielleicht mehr gebraucht wird als in Nordrhein-Westfalen.

Es gehört eine Menge Mut dazu, den Schritt ins Ausland zu wagen. Wie war es für Sie?

Aus heutiger Sicht würde ich mich freuen, wenn ich den Schritt noch früher getan hätte. Wir haben 1996 geheiratet und neun Jahre in Deutschland gelebt. Schon immer hatten wir den Wunsch, nach Siebenbürgen zu kommen, aber den Absprung haben wir erst 2005 geschafft, als meine Tochter eingeschult werden sollte. Im Sommer haben wir uns eine Wohnung in Hermannstadt besorgt und uns nach Jobs umgeschaut. Natürlich war es damals schwer, als Deutscher hier in einer Firma eine freie Stelle zu finden, aber trotzdem waren wir pünktlich zum ersten Schultag in Hermannstadt. Als Übergangslösung behielt ich in den ersten zwei Jahren meinen Job in Bonn bei einer kleinen Eisenbahnfirma, an der ich selber Teilhaber bin. Das Risiko war für mich also nicht groß.

Wie kamen Sie auf die Idee, Buchhändler zu werden?

Erst wollte ich etwas in meinem damaligen Bereich anfangen und habe unter anderem ein S-Bahn-Projekt für Hermannstadt vorgeschlagen, aber dafür war es vermutlich noch zu früh. Jens Kielhorn im Hermannstädter Büchercafé ...Jens Kielhorn im Hermannstädter Büchercafé „Erasmus“. Foto: Christine Chiriac Meine Frau hat mich für die Idee begeistert, ein Büchercafé nach deutschem Modell zu eröffnen. Vom damaligen Leiter des Teutsch-Hauses haben wir zufällig erfahren, dass der Raum im Erdgeschoss noch frei war – ein großer Raum, in dem ein paar alte Glocken und Altäre gelagert waren und in dem ein Café eröffnet werden sollte. Da im Teutsch-Haus Rauchverbot herrscht, hatte sich noch kein Mieter gefunden. Wir aber wollten unbedingt einen Raum schaffen, wo nicht geraucht werden durfte – eine absolute Ausnahme zu der Zeit. Im Juni 2006 haben wir unser Büchercafé eröffnet.

Heute betreiben Sie mehrere Buchhandlungen und einen Verlag: Ihre Idee hatte offenbar großen Erfolg.

In den ersten Jahren haben wir relativ viele Filialen eröffnet, aber nicht alle sind heute so erfolgreich wie die beiden Buchhandlungen in Hermannstadt. Wir hatten das Glück, dass wir im Kulturhauptstadtjahr 2007 die Schiller-Buchhandlung übernehmen durften. Wir hatten es gar nicht nötig, viel Werbung zu machen, denn das ist die erste Buchhandlung, die von den Touristen entdeckt wird, wenn sie nach Hermannstadt kommen. Der August 2007 ist bis heute unser Rekordmonat geblieben. Zwar sind wir zurzeit wieder knapp dran, aber ganz erreicht haben wir die damaligen Zahlen immer noch nicht.

Das bedeutet, dass es in Hermannstadt einen Markt für deutsche Bücher gibt?

Wir waren anfangs sehr optimistisch und haben uns gedacht, dass vielleicht auch in anderen Städten ähnliches Potential vorhanden ist. Dass sich sogar zwei deutsche Buchhandlungen hier vor Ort rechnen, ist beachtlich. In Mediasch waren wir jedoch von Anfang an bei plus minus null, in Birthälm haben wir nur im Sommer geöffnet, von Temeswar hatten wir uns wesentlich mehr erwartet – insgesamt bleibt das alles noch im Hobby-Bereich. Allerdings denken wir langfristiger: Wir sind nicht nur gewinnorientierte Geschäftsleute, sondern auch Bücherliebhaber.

Welche Bücher, welche Themenbereiche werden von den Lesern am meisten gesucht?

Die Verkaufszahlen der Bücher aus unserem eigenen Verlag sind allgemein höher, weil wir die einzigen sind, die diese Bücher anbieten. Abgesehen davon haben wir zum Beispiel die Autobiografie von Klaus Johannis in rumänischer Sprache sehr gut verkauft – auch im Internet, denn wir sind bei Amazon europaweit vertreten und in manchen Ländern sogar der einzige Anbieter von rumänischen Büchern. Das ist eine kleine Nische, die wir für uns entdeckt haben. Aus unserem Verlag verkaufen wir die siebenbürgischen Kochbücher sehr gut: das Kochbuch von Martha Liess haben wir gerade wieder aufgelegt, aber auch jenes von Brigitte Ina Kuchar kommt bei den Lesern sehr gut an – obwohl beide Bücher vor der Wende bereits in einer Auflage von mehreren hunderttausend Stück erschienen sind. Wir bereiten zudem noch ein Kochbuch von Christine Schuster vor, das erstmals 1911 in Kronstadt erschienen ist. Hohe Nachfrage gibt es auch im Themenbereich Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Wilhelm ­Andreas Baumgärtner hat bei uns sechs Bände herausgegeben, angefangen von der Einwanderung bis hin zu dem 17. Jahrhundert. Es wird noch einiges folgen.

Wir fühlen Sie sich als Bundesdeutscher unter den Siebenbürger Sachsen?

Es fällt mir sehr schwer, Sächsisch zu verstehen, deshalb bin ich dankbar, dass es nicht mehr so oft gesprochen wird – auch wenn das für viele sehr traurig ist. Ich weiß nicht, ob wir vor ein paar Jahrzehnten hier hätten Fuß fassen können: Es gab bereits deutsche Buchhandlungen und Verlage, wir hätten damals nichts Neues anbieten können. Ich wäre zu der Zeit sicher auch nicht ins Presbyterium der evangelischen Kirche gewählt worden. Was ich mir noch wünsche, ist, dass sich auch das Deutsche Forum öffnet und bundesdeutsche Staatsangehörige als Mitglieder aufnimmt. Natürlich hätte ich längst rumänischer Staatsbürger werden können, aber ich möchte meine Identität nicht ändern. Ich lebe hier sehr gerne – und ich hoffe, dass die EU künftig derart zusammenwächst, dass die doppelte Staatsangehörigkeit nicht mehr nötig ist.

Wie haben Sie sich im Herbst 2013 für ein Engagement im Presbyterium begeistern lassen?

Es würde mir wahrscheinlich nicht so viel Spaß machen, wenn ich nicht im Bauausschuss wäre. Wir kümmern uns um die wirtschaftlichen Belange der Gemeinde, um rund zweihundert Mietverträge und Renovierungsarbeiten in dreißig Gebäuden, die der Kirche gehören. Es ist ein zeitaufwändiges Hobby, aber für die Gemeinschaft ist es wichtig.

Hatten Sie Schwierigkeiten in den zehn Jahren seit Ihrem Neuanfang in Rumänien?

Das erste halbe Jahr war anstrengend, weil Rumänien noch nicht EU-Mitglied war. Ohne den Beitritt hätten wir wahrscheinlich nicht durchgehalten: Ich musste für jedes Paket zum Zoll fahren und Schlange stehen – bei unserem derzeitigen Geschäftsvolumen hätte das nicht funktioniert.

In einem Interview für eine deutsche Zeitung haben Sie gesagt, Sie möchten den Deutschen „die Angst vor Rumänien nehmen“? Wie erreichen Sie das?

Wir versuchen Rumänien und Siebenbürgen in Deutschland ins Gespräch zu bringen, indem wir Bücher darüber veröffentlichen. Und wir versuchen, Menschen hierher zu locken – denn in der Regel sind sie sehr begeistert, wenn sie das Land einmal besucht haben. Mir selbst ging es nicht anders. Rumänien hat Charme und Potential – ich bin mir sicher, dass wir hier noch ganz viel bewegen können.

Schlagwörter: Kultur, Verlag, Buchhandlung, Hermannstadt, Nordrhein-Westfalen

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