3. November 2016

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Verlassenen Kindern eine Zukunft geben

Seit 22 Jahren lebt Sonja Kunz im Burzenland. 1992 reiste sie erstmals nach Rumänien, um ein staatliches Kinderheim zu unterstützen, zwei Jahre später gründete sie den Verein „Pentru copii abandonaţi“ („Für verlassene Kinder in Rumänien“, www.abandonati.ch) in Basel und gemeinsam mit ihrer damaligen Dolmetscherin Maria Gavriliu die gleichnamige Stiftung in Weidenbach (www.pentrucopiiabandonati.ro). Im Herbst 2014 wurde in der evangelischen Kirchenburg in Weidenbach zwanzigjähriges Gründungsjubiläum gefeiert. Heute beschäftigt die Stiftung 25 Angestellte und bietet bereits der dritten Generation von Waisenkindern und Sozialwaisen ein Heim.
Sonja Kunz (58) fühlt sich inzwischen in Weidenbach zu Hause. Die Arbeit lässt ihr nicht viel Freizeit übrig, aber wenn die Möglichkeit besteht, reist sie in die Berge, in die Bukowina oder ins Donaudelta. „Ich hatte bisher keine Zeit, das Land kennen zu lernen, und versuche das nachzuholen“, sagt die Schweizerin. „Die Landschaften hierzulande sind wunderbar!“ Mit Sonja Kunz sprach unsere Korrespondentin Christine Chiriac.

Frau Kunz, welches sind die aktuellen Projekte Ihrer Stiftung im Überblick?
Wir betreiben in Weidenbach zwei Häuser – „Casa Livezii“ und „Casa Prichindel“ – in denen drei Kindergruppen leben. Zudem ist das dritte Haus, „Casa Salix“, für Jugendliche gedacht, die gerade selbständig werden. Wir haben gemerkt, dass diese jungen Menschen Schwierigkeiten haben, wenn sie volljährig werden, ins Berufsleben starten, auf eigenen Beinen stehen müssen, und plötzlich merken, dass ihre Zimmer bei uns neu besetzt werden. Um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie trotzdem ein Zuhause haben und nicht allein sind, haben wir diese dritte Einrichtung ins Leben gerufen und ­zusätzlich zwei Wohnungen für „Außenwohngruppen“ gekauft. Im Moment leben bei uns 24 Kinder und sechs junge Erwachsene. Weitere sechs sind „ausgeflogen“ und sind nur noch zu Weihnachten, Ostern oder im Urlaub zu Besuch.
Ebenfalls in Weidenbach betreiben wir eine Hausaufgabenhilfe für Kinder aus benachteiligten Familien. Vor vier Jahren haben wir zudem das Nähatelier „Diversis“ (www.atelierdiversis.ro) gegründet, und konnten es mithilfe einer Finanzierung aus dem Schweizer Beitrag zur EU-Erweiterung professionell einrichten. Wir haben in der Werkstatt drei geschützte Arbeitsplätze und sind zurzeit dabei, das Marketingkonzept auszubauen. Außerdem haben wir seit bald zehn Jahren ein Sozialprojekt in Dumbrăviţa, gemeinsam mit dem Weidenbacher Hilfsverein für Kinder „Der barmherzige Samariter“ (rumänisch: „Samariteanul milos“). Wir bieten benachteiligten Familien aus der Roma-Siedlung Unterstützung, unter der Voraussetzung, dass sie ihre Kinder regelmäßig zur Schule schicken. Auch wenn gerade dieses Projekt oft Schwierigkeiten bereitet, sind wir froh, dass es funktioniert und vier Kinder sogar das Gymnasium besuchen. Der Zugang zu Bildung, auch wenn er „konditioniert“ ist, bedeutet eine wichtige Chance für die Zukunft.

Welches sind die spezifischen Probleme der Kinder in Ihren Häusern?
Das wäre ein sehr umfangreiches Thema. Kurz zusammengefasst: Im Alltagsleben könnte man bei den meisten unserer Kinder und Jugendlichen nicht sagen, dass sie traumatisiert sind. In schwierigen Situationen spürt man jedoch etwas von der Kinderangst, die für verlassene Kinder kennzeichnend ist. Auch Bindungsschwierigkeiten sind häufig, genau wie Probleme rund um Zugehörigkeit und Vertrauen. Andererseits sind sie – dadurch dass sie zusammen aufgewachsen sind – sehr sozial und hilfsbereit. In Weidenbach zu Hause: die Schweizerin ­Sonja ...In Weidenbach zu Hause: die Schweizerin ­Sonja Kunz. Foto: Simona Cristureanu
Nehmen Sie in den Häusern auch Praktikanten und freiwillige Helfer auf?
Wir sind sogar sehr froh über Freiwillige und haben regelmäßig Helferinnen aus Deutschland, der Schweiz und auch Rumänien. Wir hatten einmal eine Praktikantin aus Deutschland, die ein Jahr lang geblieben ist, und mit den Kindern konsequent Deutsch gesprochen hat. Das kam den Kleinen sehr zugute, denn manche von ihnen besuchen den deutschen Kindergarten und die deutsche Schule. Ein Praktikum oder ein freiwilliges soziales Jahr bei uns bedeuten aber viel Arbeit. Ich bewundere die jungen Menschen, die uns so tatkräftig helfen.


Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Stelle in der Schweiz aufzugeben und die Stiftung in Siebenbürgen aufzubauen?
Sicherlich waren es die Kinder. Im Rahmen meines Einsatzes für das Rote Kreuz Anfang der neunziger Jahre habe ich in Rumänien viel Elend und verlassene Kinder gesehen, was mich in der Schweiz nicht losgelassen hat. Ich habe mir gesagt: Wenn ich aus der Schweiz weggehe, ist es zwar schade, aber meine Stelle wird ganz bestimmt jemand anders übernehmen – aber in Rumänien macht es einen viel größeren Unterschied, ob ich die Initiative ergreife oder nicht. Wenn ich mir von vornherein vorgenommen hätte, zwanzig Jahre oder länger in Rumänien zu bleiben, wäre es sicher schwer gewesen. Aber damals dachte ich, dass ich in zwei-drei Jahren Mitstreiter vor Ort finde, die Struktur aufbaue und dann zurückkehre. Als es so weit war, sagten mir die Mitarbeiter, dass sie nicht allein weitermachen wollten, also blieb ich für weitere zwei-drei Jahre. Nach sechs Jahren hatten wir bereits drei Gruppen in zwei Häusern und viele Angestellte, sodass es für mich selbst sehr bereichernd war, auch wenn wir oft zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag gearbeitet haben. Nach dieser Zeit wurde mir klar, dass sich die Kinder an mich gewöhnt haben, und da hätte ich es als verantwortungslos betrachtet, wenn ich gegangen wäre. Heute bin ich ein Stück weit eingebettet in diese Umgebung, in diese Arbeit – und es gibt noch sehr viel zu tun.


Welches waren oder sind für Sie die Herausforderungen hierzulande?
Die Anfänge in den neunziger Jahren waren sehr mühsam, aber das Leben war damals für die Einheimischen noch viel schwieriger als für uns. Der gesetzliche Rahmen änderte sich sehr oft, es herrschte nicht nur in unserem Bereich Chaos und Unzuverlässigkeit. Außerdem waren die Behörden uns gegenüber jahrelang misstrauisch – was ich zum Teil verstehen kann, denn es gab einige Kinderstiftungen, bei denen die Dinge schief gelaufen waren. Die Menschen konnten sich schlecht vorstellen, dass man etwas tut, ohne dabei groß verdienen zu wollen. Dieser Argwohn war für mich ungewöhnlich, aber ich wusste genau, welches meine Ziele waren und musste niemandem etwas beweisen. Inzwischen haben sich viele Dinge gebessert und auch ich bin nicht mehr so empfindlich. Selbst wenn es manchmal immer noch kompliziert und bürokratisch ist, hat der Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union vieles vereinfacht und wir selbst genießen mehr Anerkennung. Man scheint erkannt zu haben, dass es einen Unterschied macht, ob Kinder in einem Heim oder in einer familienähnlichen Einrichtung aufwachsen.

Hat sich Weidenbach stark verändert, seit Sie hier leben?
Sehr stark – und es ist gewiss ein Fortschritt. Allerdings hat mir der Ort in seiner Ursprünglichkeit damals sehr gut gefallen und ich vermisse die Obstgärten der Sachsen, die von neuen Wohngebieten verdrängt und ersetzt wurden.


In welchen Bereichen würden Sie sich hierzulande Änderungen wünschen?
Meines Erachtens hat das Schulwesen Priorität – ich würde mir wünschen, dass die Kinder zu mehr Selbstständigkeit erzogen werden, dass sie lernen, Initiative zu ergreifen, mitzureden, sich beispielsweise für soziale Themen und Umweltschutz stärker einsetzen. Außerdem haben Berufsschulen leider noch nicht entsprechend Zulauf und so gut wie alle Schüler gehen aufs Gymnasium, selbst wenn dies nicht ihren Fähigkeiten und Begabungen entspricht. Es wäre schön, wenn auch andere Berufe attraktiver werden würden. Ich hoffe, dass die neu gegründeten dualen Berufsschulen ihren Beitrag dazu leisten. Auch im Gesundheitswesen würde ich mir Schritte nach vorne wünschen. Wir haben sehr viel mit Ärzten und Krankenhäusern zu tun, denn einige unserer Kinder haben Thalassämie, eine chronische Blutkrankheit, die teure Spritzen und Bluttransfusionen erfordert. Gerade für chronisch Kranke ist es im jetzigen System sehr mühsam. Insgesamt geht es mir darum, dass die Kinder eine Chance erhalten und eine möglichst glückliche Kindheit genießen, um sich später in der Gesellschaft integrieren zu können. Mir hat lange Zeit in diesem Sinne ein Engagement der Menschen vor Ort gefehlt. Sicherlich hat das auch historische Gründe – und Mentalitäten oder Gewohnheiten brauchen lange, um sich zu ändern. Aber ich finde, mit jedem Kind, das nicht ein Sozialfall wird, ist der Gesellschaft gedient.

Schlagwörter: Interview, Pädagogin, Siebenbürgen, Kinder, Schweiz

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