19. Januar 2017

Kritische Momente im Leben Georg Schergs: Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers und Erziehers

Über Georg Scherg, der vor genau hundert Jahren, am 19. Januar 1917, in Kronstadt geboren wurde, über sein Leben und Wirken sind Arbeiten geringeren oder auch größeren Umfangs geschrieben worden, Aufsätze zu Jahrestagen, Rezensionen, Nekrologe, es erschien Gert Ungureanus Dissertation „Die Kunst ist eine Zigeunerin namens Piranda“ (1999), auch liegen Würdigungen in den halb-öffentlichen Jubiläumsschriften des Kronstädter Honteruslyzeums vor. Der Schriftsteller Joachim Wittstock ergänzt das bereits Vorhandene mit einigen Auskünften über die schwierigen, die kritischen Momente in Schergs Leben.
Wir einstigen Lyzeaner durften dazumal, als Georg Scherg unser Deutschlehrer war, und auch in den darauf folgenden Jahren über Krisenhaftes hinwegsehen, vieles wussten wir nicht, und es gehörte auch nicht zu dem, was wir hätten wissen und begreifen müssen. Manches war zu privat und anderes eher tabu, es kennzeichnete die Zeit und ihren Stil, auch die Schikanen, die wir – in dieser oder ähnlicher Form – vom Erleben der Mitmenschen aus der Generation unserer Eltern kannten.

Einen Anstoß, auf das bereits Gesagte, das über Georg Scherg Geläufige zurückzukommen, erhielt ich durch den Einblick in die von der „Securitate“ zusammengetragenen Papiere. In der Akte, in den Mikrofilmen zu seinem Leben und Schaffen, ist sozusagen alles auf „kritische Momente“ zugeschnitten, die Behörde war ja daran interessiert, besonders das zu registrieren, was gegen den von ihr beobachteten, den ihr verdächtig erscheinenden Professor sprach. Etliches habe ich aus jenen Blättern erfahren, wobei mir bei einzelnen Angaben bewusst war, dass die Geheimdienst-Dokumentation nicht vordringlich authentisch zu sein hatte – vielfach sind Tatsachen falsch kolportiert oder tendenziös verändert worden.
Georg Scherg bei einer Lesung im Münchner Haus ...
Georg Scherg bei einer Lesung im Münchner Haus des Deutschen Ostens (2002). Die Aufnahme entstand nur wenige Monate vor seinem Tod im schwäbischen Bodelshausen. Foto: Konrad Klein
Georg Scherg hatte das 35. Lebensjahr bereits hinter sich gelassen, als wir Kronstädter Oberschüler ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, im Herbst 1953. Wir hatten dann Gelegenheit, ihn im Lauf unserer Lyzealzeit besser kennen zu lernen, manche bei unmittelbarem Kontakt, der sich im Unterrichtsalltag ergab, andere mehr aus dem Gesamtgeschehen der Lehranstalt.

Er trat mitunter gravitätisch auf, was auf ein elitäres Verständnis von Künstlertum zurückzuführen war, doch überwog eigentlich der Eindruck eines umgänglichen Menschen; Zustände der Überreizung bleiben allerdings auch einem solchen nicht erspart. Sein Status des Erziehers war nicht oder nur selten angefochten, er durfte auch nicht in Frage gestellt werden und galt im Falle Schergs, letzten Endes, auf Dauer. Der Abstand zwischen Katheder und Schulbank war nach damaligen Vorstellungen gesichert, und es blieb Sache des Pädagogen, darauf zu achten, dass die als selbstverständlich hingenommene Distanz nicht allzu groß wurde. Georg Scherg sorgte für ein plausibles Lehrer-Schüler-Verhältnis, durch Unbefangenheit bei umsichtiger Selbstkontrolle, durch reichlich vorhandenes, spontan abrufbares Fachwissen und auch durch einen das Unterrichtszeremoniell lockernden Humor. Seinem Auftreten, seiner Art, sich zu äußern, war meist eine gewisse Gelassenheit anzumerken.

Ja, er war gelassen, im Verhältnis zu uns und vermutlich auch im Lehrer-Kollegium. Und das, obwohl es in seinem bisherigen Leben genügend Momente gegeben hatte, die zu bestehen nicht einfach gewesen war. An schwierigen Lebenslagen sollte es auch in der Folgezeit nicht fehlen, in der zweiten Hälfte der 1950er und in den sechziger Jahren, das heißt, bis er etwa fünfzig wurde.

Die Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen (der Vater werkte als Fuhrmann) war mit bitter stimmenden Erfahrungen verbunden, ebenso das Waisenhausdasein, dem er und seine zwei Brüder nach dem Tod beider Eltern ausgesetzt waren. Allein, für den kleinen Georg Kurmes (am 19. Januar 1917 in Kronstadt/Braşov geboren) änderten sich die Lebensumstände zu seinem Vorteil: Seit seinem fünften Lebensjahr wurden ihm die Vergünstigungen der Wohlhabenheit zuteil. Das heißt, der Waisenjunge wurde als Adoptivkind zum sorgfältig umhegten, wohl gar etwas verwöhnten Fabrikantensprössling (seine Zieheltern Ernst und Hedwig Scherg hatten Anteile an einer Kronstädter Lederfabrik). Der Milieuwechsel lief nicht ohne Konflikte, nicht ohne innere Verletzungen ab, brachte aber auch zahlreiche Genutuungen. Die Pflegeeltern nutzten die verhältnismäßig guten materiellen Bedingungen vollauf zur geistigen und künstlerischen Ausbildung des talentierten Honterianers (das heißt: Zöglings der Honterusschule) – dieser fühlte sich zur Dichtung hingezogen, war sprachbegabt (im Deutschen, im Französischen) und musikalisch (er spielte Geige). Dargestellt oder auch nur angedeutet werden diese Vorgänge und Wandlungen in den familiengeschichtlich sowie selbstbiographisch aufschlussreichen Romanen „Da keiner Herr und keiner Knecht“ (1957) und „Das Zünglein an der Waage“ (1968), in diesen Zeitbildern, denen im Prosaschaffen des Autors vermutlich der wichtigste Platz zukommt.
Georg Scherg (rechts) mit Hans Bergel (links) und ...
Georg Scherg (rechts) mit Hans Bergel (links) und Pfarrer Harald Siegmund - drei der Autoren, die beim Kronstädter Schriftstellerprozess 1959 zu mehrjähriger Haft verurteilt wurden (München, April 2002). Foto: Konrad Klein
Studienjahre in Deutschland, vor und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, waren von langen Einberufungen zum rumänischen Militär unterbrochen, denen kein Fronteinsatz folgte. Scherg konnte eine erste Ehe eingehen, zwar in Deutschland, doch mit einer Kronstädterin, mit Erna Teindel. In Straßburg schloss er sein Studium ab (1944), und er trat darauf in Reutlingen den Schuldienst an. Das Ausländeramt der Französischen Besatzungsmacht (eine vom Militär beaufsichtigte Institution) beschäftigte ihn vom Herbst 1946 bis zum Frühjahr 1947 als Sekretär und Übersetzer, und dies war dann, in späteren Jahren, der „Securitate“ ein Motiv, ihn mit Spionage-Vorwürfen zu drangsalieren.

Die längst nach Kronstadt heimgekehrte Gattin reklamierte Scherg als Ehemann und auch als Vater des 1943 geborenen Sohnes Cornelius, und so entschloss sich der auch schon als Dichter und Literaturwissenschaftler tätige Siebenbürger im Frühjahr 1947, Deutschland zu verlassen. Nach etappenweise ablaufender, abenteuerlicher Rückreise, nach gefahrvollem Überqueren der Grünen Grenze kam er ins sowjetrussisch besetzte Rumänien, und er tauchte in den Kronstädter Untergrund ab. Erst nachdem es Mittelsmännern durch Bestechung gelungen war, dem Heimkehrer gültige Ausweispapiere zu verschaffen, durfte er sich wieder in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses zwar gesetzwidrige, doch zwingend nötige und deshalb wohl auch legitime Verfahren legte ihm die Sicherheitsbehörde später ebenfalls zur Last.

Ab 1948 war er Lehrer in Kronstadt, dann in Zeiden/Codlea und in Heldsdorf/Hălchiu. Als Vergehen wurde ihm nur zu bald angekreidet, er habe zwei christliche Verkündigungsspiele verfasst und mit der Jugend in der Kirche aufgeführt. 1953 kehrte Scherg aus den Burzenlandgemeinden nach Kronstadt zurück, und eigentlich durfte man annehmen – zumindest aus Schülerperspektive schien es so –, als sei in sein Leben nun eine gewisse Stabilität eingekehrt. Das traf aber nicht zu, trotz geregelt verlaufendem Unterricht und obwohl er als Autor literarischer Werke von sich reden machte und auf erste Buchveröffentlichungen hinweisen konnte (im Staatsverlag für Kunst und Literatur, Bukarest, erschienen die Trauerspiele „Giordano Bruno“, 1954, und „Ovid“, 1955).

Der Blick ins Private, ins Familienleben zeigte manche Disharmonie auf. Die Jahre der Trennung hatten Erna und Georg Scherg einander entfremdet, die Ehe wurde geschieden (1948). Eine zweite Heirat verband Georg Scherg mit der aus Rosenau/Râşnov stammenden Turnlehrerin Ditta Dagmar Kummer; ihnen wurden alsbald die Kinder Konstanze, Sibylle und Christian geboren. Politisch unvorteilhaft war, dass Ditta Kummer eine erste Ehe mit dem Offizier Radbruch eingegangen war (1939), mit dem Vizekonsul des in Kronstadt tätigen Reichs-Konsulats; familienintern gesehen, bedeutete dies, dass eine Tochter aus jener älteren Verbindung, Karin Radbruch, nun auch zur Familie Scherg gehörte. Karins Vater, der Offizier und Beamte des Auswärtigen Amtes, galt als verschollen, bis er, recht unerwartet, aus Westdeutschland Lebenszeichen aussandte. Die „Securitate“ hatte Kenntnis davon und versuchte, Scherg mit diesem Motiv und mit anderen Indizien einer Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Reich und mit seinen rumäniendeutschen Ablegern (der Deutschen Volksgruppe und ihren Einrichtungen) unter Druck zu setzen. Die Vorwürfe erwiesen sich aber als unstichhaltig – schon als junger Mensch bekundete Georg Scherg seine Zugehörigkeit zu humanistischen Traditionen, und er hielt sich von nationalistischer Rhetorik fern. Wegen seines Aufenthalts in der Ferne war er nicht Mitglied der Deutschen Volkgruppe geworden und gehörte auch nicht einer ihrer paramilitärischen Gliederungen an.

Schwierigkeiten ergaben sich auch im Leben des Adoptivvaters Ernst Scherg (die Mutter war bereits 1939 verstorben). Der einst Wohlhabende war enteignet und schließlich auch aus Kronstadt verbannt worden. Er hatte in Rakoş bei Reps/Rupea Zuflucht gefunden (in Racoş, deutsch Ratsch, sächsisch Ruekesch, bekannt durch den innersiebenbürgischen Altdurchbruch, durch die „Stromschnellen bei Rakosch“). Zuflucht hieß in diesem Fall aber auch, dass der „Evakuierte“ den Ort nicht verlassen durfte. Der Ziehsohn Georg schickte ihm regelmäßig eine Geldsumme zu, konnte aber unter den gegebenen Umständen nicht viel mehr tun für den Vater, der auch mit Prozess und Aburteilung in Atem gehalten wurde. Nicht einmal die zeitweilige Unterbringung des nunmehr alten Mannes – das Übernachten von heute auf morgen – war 1952 dem Heldsdorfer Lehrer gestattet. Solche Anomalien, solche Zwangslagen, die auch zu Kränkung und Abweisung führen konnten, haben Georg Scherg damals und später bedrückt.

Die revolutionären Ereignisse in Ungarn (Spätherbst 1956) ließen die „Securitate“ in den folgenden Monaten und Jahren offensiver agieren als in den etwas entspannteren Jahren vorher. Auch Scherg wurde genauer ins Visier gefasst, wobei alle „Schwachstellen“ seines Lebenslaufs, seines Verhaltens, seiner Denkweise erkundet, alle dem Unterdrückungsapparat dienlichen Umstände aufgegriffen und gegen den Schriftsteller ins Treffen geführt wurden. Befragungen liefen ab, beispielsweise im Mai 1957 in Agnetheln/Agnita, wo Scherg sich wegen eines Vortrags befand; am nächsten Morgen wurde er zum Sitz der dortigen „Securitate“-Dienststelle abgeführt und verhört. Zehn Tage später vernahmen ihn Sicherheitsoffiziere in einem Geheimdienst-Nest („casă conspirativă“) in Predeal. Bei solchem Einbehalt wurde ihm u. a. die einstige Beziehung zum Dichter und Publizisten Heinrich Zillich vorgeworfen (der, durch Verwandtschaft mit den Lederer-Schergs, ein Vetter des Verhörten war).

Noch ließ man ihn auf freiem Fuß, ja man gestattete, dass er in den Hochschulbetrieb der Klausenburger Victor-Babeş-Universität eintrat (1957). Im Herbst 1958 wurde er verhaftet und im nachher vielfach kommentierten Schriftsteller-Prozess (1959) zu langjähriger Haftstrafe verurteilt. Eine Amnestie verhalf ihm zu vorfristiger Entlassung (1962), und er schlug sich hierauf in Kronstadt schlecht und recht durchs Leben (als Wärter des Tömösch-Kanals, als Geiger in der Kronstädter Staatsphilharmonie), bis er rehabilitiert und wieder als Lehrkraft akzeptiert wurde, zunächst in Kronstadt (Honteruslyzeum), dann in Hermannstadt/Sibiu (er war Dozent der Fakultät für Geschichte und Philologie sowie Inhaber des Germanistik-Lehrstuhls).

Den Eheleuten von Häftlingen legte man die Scheidung von den Inhaftierten nahe, und so wurde auch die Ehe mit Ditta Scherg gelöst. Einer dritten Ehe, mit der Malerin Mariana Ferăstrău, verdankte der Sohn Sachs Walter sein Dasein. Mit Frau und Kind emigierte Georg Scherg im Jahr 1990 in die Bundesrepublik Deutschland. Er starb am 20. Dezember 2002 in Bodelshausen (unweit von Tübingen).

Was ihn Zeit seines Lebens vor allem beschäftigt hat, war die Kunst: Musik, Dramaturgie, Dichtung. Der Bogen lyrischer Produktion reicht vom poetischen Debütbuch „Die Silberdistel“ (l968) bis zum Auswahlband „Begegnungen“ (2001). Von den Prosaschriften seien jene angeführt, die – durch Schauplatz und Atmosphäre – für das rumäniendeutsche Publikum wohl etwas verbindlicher waren als andere Titel: „Die Erzählungen des Peter Merthes“ (drei Bände, zwei davon bereits 1958 erschienen und 1969 bzw. 1977 erneut verlegt, Band drei wurde 1984 veröffentlicht), die Romane „Bass und Binsen“ (1973), „Spiegelkammer“ (1974) und „Paraskiv Paraskiv“ (1976) sowie die Auswahl erzählender Texte „Die verhohlene Münze“ (1987).

Die Literatur gewährte Georg Scherg Rückhalt, sie trug mitunter auch dazu bei, dass er gelegentlich abgehoben wirkte von den Bedingungen der Existenz und dass auch seine Schriftstellerei allzu versponnen und weitschweifig wirkte. Kunstsinn war ihm aber nicht abzusprechen, und auch künstlerische Leistung überdauert ihn, die – gegenwärtig und auch in Zukunft – jeweils durch ein angemessen strenges Auswahlverfahren herausgestellt sein wird. Einzelne Gedichte und sorgfältig ausgesiebte Episoden erzählerischer Prosa werden die Herausgeber von Anthologien oder auch die Betreuer einer Ausgabe der besten Schilderungen seines Werks in die Lage versetzen, das für Scherg Spezifische zu würdigen, und sie befähigen, dieses Spezifikum im Gedächtnis der Nachwelt zu erhalten.

Joachim Wittstock



(Aus „Deutsches Jahrbuch für Rumänien 2017“, ADZ Bukarest)

Schlagwörter: Kultur, Literatur, Scherg

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