31. August 2017

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Wissenschaftler, der sich auch gesamtgesellschaftlich engagiert: Paul Niedermaier zum 80. Geburtstag

Als am 25. Juli 1937 Paul Niedermaier in Hermannstadt geboren wurde, steuerte der Verein für siebenbürgische Landeskunde auf das Jubiläum seiner Einhundertjahrfeier seit seiner Gründung (1840) zu. Noch bewegte sich vieles in den traditionellen Bahnen – auf den Dörfern und in den kirchlichen Institutionen bei den Siebenbürger Sachsen. Doch europaweit und auch innenpolitisch im seit 1918 zu Rumänien gehörenden Siebenbürgen führten die Krisenjahre der Zwischenkriegszeit zu politischen, ökonomischen, aber auch juristischen Konflikten und Brüchen, ja auch zu Entwurzelung von Mentalitäten und Beheimatung. Die totalitären Ideologien und Diktaturen konkurrierten miteinander, polarisierten, nahmen Menschen gefangen und stellten sie in die Auseinandersetzungen von Zweitem Weltkrieg und Kaltem Krieg mit den praktischen Folgen für die Lebensverhältnisse und -entwürfe. Das traf die Gesamtgesellschaft, aber die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg marginalisierte und politisch diskriminierte deutsche Minderheit in Rumänien ganz besonders.
Paul Niedermaier erlangte 1955 die Hochschulreife, absolvierte das Architekturstudium 1955-1961 in Bukarest und fand nach Anfängen in Temeswar den Eintritt in die kulturhistorische und wissenschaftliche berufliche Zukunft. Wer die Möglichkeit hat, das Bukarester und das Hermannstädter Freilichtmuseum zu vergleichen, wird sofort einen wesentlichen Unterschied bemerken. Die Präsentation im Jungen Wald ist großzügig dimensioniert, und auf mehr als 60 Hektar wird die Vielfalt der Objekte in die Natur sensibel eingepasst. Dem Jubilar gelang es während seiner Tätigkeit in der Restaurierungsabteilung des Brukenthalmuseums (1963-1971), dafür den gedrängt konzipierten Aufbauplan auf die vierfache Größe zu modifizieren und fertigzustellen. Begleitend erschien 1967 seine wissenschaftliche Studie „Die Dorfkerne auf dem Gebiet der Sieben Stühle“.

Dr. Paul Niedermaier, zum Zeitpunkt der Aufnahme ...Dr. Paul Niedermaier, zum Zeitpunkt der Aufnahme Hauptforscher am Forschungsinstitut der Rumänischen Akademie in Hermannstadt (aufgenommen im August 1989). Foto: Konrad KleinNach seinem Wechsel 1971 an das seit 1956 begründete Institut für Gesellschaftswissenschaften der Rumänischen Akademie (seit 1990 Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie) hat er seinen Hauptfokus auf die historische Siedlungsforschung gelegt. Dabei stellte seine Dissertation (Siebenbürgische Städte. Forschungen zur städtebaulichen und architektonischen Entwicklung von Handwerksorten zwischen dem 12.-16. Jahrhundert) besonders die methodologischen sowie statistischen Aspekte dar und fasste seine bis dahin erarbeiteten Forschungsergebnisse zusammen. Sie wurde 1979 im Kriterion-Verlag publiziert. Erst nach dem politischen Umbruch 1989/90 erfuhren seine umfassenden, detailgenauen Forschungen in drei Bänden (1996, 2002, 2004) eine umfassende Darstellung. Seit 1994 leitet er umsichtig das Forschungsinstitut, das seit 2004 in den gelungen adaptierten Räumen der Schewisgasse/Bulevardul Victoriei 40 angemessen untergebracht ist. Er wurde zunächst als außerordentlicher, 1999 als ordentlicher Professor für Städtegeschichte an die Universität „Lucian Blaga“ berufen. Er ist Mitglied und Ehrenmitglied in vielen Fachkommissionen sowohl im nationalen („Comisia Naţională a Monumentelor Istorice“, „Comisia de Urbanism a Ministerului Culturii“ etc.) als auch internationalen Kontext („International Kommission for the History of Towns“, „Südostdeutsche Historische Kommission“ u.a.). Paul Niedermaier ist Ehrenvorsitzender der „Comisia de Istorie a Oraşelor din România“ und der „Comisia Zonală a Monumentelor Istorice – Transilvania sud-est“. In vielfältiger Weise ist seine respektgebietende Spezialforschung auch national und international anerkannt und gewürdigt worden, besonders in der Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Rumänischen Akademie 2001. Seine städte- und sieglungshistorischen Forschungsergebnisse konnten auch in einer beeindruckenden Synthese in rumänischer Sprache erscheinen („Habitatul medieval in Tsansilvania, 2012), was für ihre umfassende interdisziplinäre Rezeption entscheidend ist. Um ein Scherzwort sicher auch an seinem ...Um ein Scherzwort sicher auch an seinem Achtzigsten nicht verlegen: Dr. Paul Niedermaier (links), hier mit Dr. Konrad Gündisch und Thomas Sindilariu, dem Leiter des Archivs der Honterusgemeinde in Kronstadt (Mitte) auf der Tagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde in Nürnberg (Oktober 2013). Foto: Konrad Klein Den kulturhistorischen und wissenschaftlichen Anliegen des 1962 „im Geiste der Völkerverständigung“ begründeten Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde – als Rechtsnachfolger des 1947/50 zwangseingestellten Vereins für siebenbürgische Landeskunde – hat sich Paul Niedermaier immer verbunden gefühlt, auch wenn eine persönliche Mitgliedschaft erst seit dem politischen Umbruch 1990 möglich wurde. Seit dieser Zeit leitete er dessen „Sektion Rumänien“, warb Neumitglieder und organisierte mit einem breiten Spektrum die jährlichen wissenschaftlichen Tagungen an verschiedenen Orten in Siebenbürgen. Diese Sektion wurde auf seine Initiative als eigener Verein 2006 (Societatea de Studii Transilvane Sibiu) neubegründet, nunmehr in Personalunion vom amtierenden AKSL-Vorsitzenden zusammen mit weiteren Vorstandsmitgliedern geleitet. Dem Arbeitskreis ist der Jubilar nicht nur aus Überzeugung beigetreten, sondern er hat ihn in den letzten knapp drei Jahrzehnten als wissenschaftliche Heimat mit Herzblut gefördert und ist den Verantwortlichen freundschaftlich verbunden. Dabei konnte er alle seine Gaben für die landeskundlichen Ziele des Arbeitskreises einbringen: Großzügigkeit, Geradlinigkeit, wissenschaftlicher Eros und Verantwortung für unbestechliche, unideologische Forschung, Uneigennützigkeit, Verknüpfung von Wissenschaftlern (Netzwerkbildung) sowie Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – und das immer mit grenzüberschreitender Perspektive. Eines der Jahrzehnte dauernden Arbeitsvorhaben des Landeskundevereins hat das Forschungsinstitut übernommen: das Siebenbürgisch-sächsische Wörterbuch. Von Johann Wolff vorangetrieben, ist es zunächst von Dr. Adolf Schullerus mit einem überschaubar großen Mitarbeiterstab erarbeitet und sukzessive publiziert worden. Es gehört zu Paul Niedermaiers Verdiensten als Institutsdirektor, trotz nicht immer günstiger Umstände die Erarbeitung der noch ausstehenden Bände kontinuierlich zu fördern und damit dem Abschluss eines wissenschaftlichen Grundlagenwerkes immer näher zu kommen. In jeder Hinsicht sind viele Institutionen Paul Niedermaier zu bleibendem Dank verpflichtet. 2007 wurde er mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis ausgezeichnet. Auch privat gute Freunde: Alt ...Auch privat gute Freunde: Alt-Landeskirchenkurator Dr. Paul Niedermaier (rechts) mit Dr. Paul Philippi bei Kaffee und Kuchen nach einem Sonntagsgottesdienst im Pfarrhaus in Michelsberg (August 2015). Foto: Konrad Klein Seine zahlreichen Ehrenämter belegen seinen gesamtgesellschaftlichen Einsatz. Gegründet im christlichen Glauben und im tiefen Vertrauen auf Gott hat er sich ganz besonders in der Zeit des Umbruchs innerhalb der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien – von der Volkskirche zur extremen Diaspora – für die Entwicklung von Zukunftsperspektiven, aber auch bei der Sicherung des wertvollen, jahrhundertealten Kulturguts nachhaltig engagiert, zuletzt als Landeskirchenkurator (bis 2008). „Wir werden hier gebraucht“, das ist seine feste Überzeugung. In diesem Sinne setzt er sich bis in die Gegenwart nachdrücklich und verantwortungsvoll ein.

Mit dem herzlichen Dank für seine hoch geschätzte persönliche und wissenschaftliche Leistung verbindet sich der Wunsch, es möchten ihm noch einige Jahre fruchtbarer wissenschaftlicher Tätigkeit vergönnt sein. Ad multos annos!

Ulrich A. Wien

Schlagwörter: Wissenschaft, Architektur, Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, Hermannstadt

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