4. Februar 2018

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Junge Leute für die Gemeinschaft gewinnen: Interview mit Bundesjugendleiter Dr. Andreas Roth

Am 30. Dezember 1983 in Mediasch geboren, wanderte Andreas Roth mit seiner Familie 1990 nach Deutschland aus. Der Maschinenbauingenieur promovierte 2016 zum Doktor-Ingenieur an der Technischen Universität München. Er lebt in Augsburg, wo er 2016 heiratete und seit zwei Jahren bei MAN Diesel & Turbo arbeitet. Die Liste seiner Ehrenämter ist besonders lang. Er war Mitglied im Landesjugend-Akkordeonorchester Bayern (1997-2012, ab 2008 Konzertmeister) und ist vor allem im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland aktiv: als stellvertretender Vorsitzender der Kreisgruppe München (2006-2016), stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Bayern (2008-2012 und seit 2016), als Mitglied des Organisationsteams des Großen Siebenbürgerballs in München (seit 2010). In der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) war er stellvertretender Landesjugendleiter der SJD Bayern (2008-2010) und deren Landesjugendleiter (2010-2017), stellvertretender Bundesjugendleiter (2010-2013). Seit rund hundert Tagen ist Dr. Andreas Roth nun Bundesjugendleiter der SJD. Siegbert Bruss sprach mit ihm über die aktuellen Herausforderungen und Ziele der siebenbürgischen Jugend.
Welche Prägungen haben Sie in der Familie erfahren, welches war Ihr Beweggrund, sich in unserem Verband und in der SJD zu engagieren?
Vor allem mein Vater war und ist mit Siebenbürgen sehr stark verbunden. Wir haben noch beide Höfe mit Häusern in Reußen und Baaßen, den Heimatorten meiner Eltern, wo ich seit unserer Auswanderung bis zu meinem 18. Lebensjahr jedes Jahr die Sommerferien verbracht habe; es gab schließlich auch immer etwas zu tun. Ich habe Siebenbürgen quasi nie ganz zurückgelassen.
2001 bin ich dann mit 18 Jahren, also verhältnismäßig spät, eher durch Zufall in die Siebenbürgische Jugendtanzgruppe München, die ein Jahr zuvor neu gegründet worden war, eingetreten. Durch die Tanzgruppe und deren Aktivitäten bin ich erst mit anderen Landsleuten in Kontakt gekommen und habe die Gemeinschaft und die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen – so hieß sie damals – richtig kennen und schätzen gelernt. Als aktives Tanzgruppenmitglied mit starkem, durch das Elternhaus geprägtem Heimatbezug war es für mich selbstverständlich, mich auch in der Kreisgruppe München und später in der SJD Bayern zu engagieren. Wie bei vermutlich über 90% der Jugendlichen bin auch ich über die Tanzgruppe zum Verband gekommen. Die Tanzgruppen sind daher ein wichtiger Bestandteil der SJD und unseres Verbandes.

Dr. Andreas Roth beim Siebenbürgerball 2018 in ...Dr. Andreas Roth beim Siebenbürgerball 2018 in München. Foto: Siegbert Bruss Am 28. Oktober 2017 wurden Sie in Torgau bei Augsburg zum neuen SJD-Bundesjugendleiter gewählt. Welches sind die größten Herausforderungen, die die SJD zu bewältigen hat?
Ich sehe im Wesentlichen drei Bereiche mit Handlungsbedarf: Erstens unsere internen Prozesse und Abläufe, zweitens die Zusammenarbeit mit Partnern innerhalb und außerhalb des Verbands und drittens die Mitgliederthematik. In der Vorstandsarbeit, so habe ich festgestellt, beschäftigen wir uns zu sehr mit uns selbst. Operative Themen, wie z.B. die Organisation unserer wiederkehrenden Veranstaltungen, nehmen einen zu großen Teil der knappen Sitzungszeit in Anspruch, während wichtige strategische Fragestellungen oftmals zu kurz kommen. Es ist daher essentiell, unsere internen Abläufe zu verbessern. Dazu gehört insbesondere die Mitglieder- und Beitragsverwaltung, die professionell und effizient aufgestellt werden muss.
Die Anzahl der Kooperationspartner der SJD ist unter meinen Vorgängern deutlich angestiegen. Zunächst ist dies eine positive Entwicklung. Allerdings mussten wir uns auch eingestehen, dass wir nicht jede Zusammenarbeit in der von uns und unseren Partnern gewünschten Intensität umsetzen konnten; schlicht und einfach aus Kapazitätsgründen. Dadurch sind manche Erwartungen auf beiden Seiten enttäuscht worden. Es muss Qualität vor Quantität gelten. Wir werden daher eine Priorisierung vornehmen, um die Qualität und den beidseitigen Nutzen der Zusammenarbeit zu steigern.
Allen voran müssen wir unser Handeln noch viel mehr darauf ausrichten, neue junge Leute für unsere Gemeinschaft zu gewinnen und sie zum Mitmachen zu bewegen. Wir haben bisher schon viel erreicht. So sind die Mitgliederzahlen der SJD in den letzten zehn Jahren von 208 auf heute 800 gestiegen. Prozentual betrachtet, ist das eine beachtliche Entwicklung. Der Mitgliederrückgang auf Verbandsebene kann jedoch bei weitem nicht durch den Anstieg der SJD-Mitglieder kompensiert werden. Wir müssen also am Ball bleiben, indem wir das große Potential der Tanzgruppen noch besser nutzen und unser Angebot derart diversifizieren, dass wir auch für Jugendliche mit anders gelagerten Interessen attraktiver werden. Die vielleicht größte Herausforderung: der Spagat zwischen Traditions- und Kulturpflege einerseits und der Schaffung eines Mehrwerts für unsere Mitglieder jenseits von Tanz, Tracht und Tradition andererseits.

Welche Ziele leiten Sie aus diesen drei Handlungsfeldern ab?
Ich würde mich freuen, in den nächsten zwei bis drei Jahren das tausendste SJD-Mitglied begrüßen zu dürfen. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, müssen wir uns durch optimierte Prozesse mehr Freiraum schaffen, um strategische Fragen intensiver zu erörtern. Wir müssen die Frage beantworten, wie wir für unsere heutigen Mitglieder attraktiv bleiben und für neue Zielgruppen, wie z.B. Akademiker, attraktiver werden.

Die Mitglieder der SJD-Bundesjugendleitung stehen unter besonderem Druck. Wie lassen sich Ausbildung, Beruf, Familie und Ehrenamt unter einen Hut bringen?
Das ist eine gute Frage, die ich mir persönlich noch nie gestellt habe. Alle meine Kolleginnen und Kollegen „opfern“ einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit für das Ehrenamt. Dazu ist man nur bereit, wenn das Ehrenamt – zumindest größtenteils – Spaß macht und man einen tieferen Sinn darin erkennt. Ich habe jedenfalls größten Respekt vor jedem, der sich ehrenamtlich engagiert. Denn einer Gemeinschaft geht es nur dann gut, wenn jeder ein bisschen mehr macht, als notwendig ist.

Welche Unterstützung wünscht sich die SJD seitens des Verbandes, auf Ebene der Kreisgruppen, der Landesgruppen und des Bundesvorstandes?
Insgesamt hatte ich in meiner bisherigen Tätigkeit in der SJD den Eindruck, dass die Jugend vom Verband gut unterstützt wird. In den meisten Kreisgruppen sind unsere Jugendlichen über die Tanzgruppen aktiv in das kulturelle Leben eingebunden. Ich denke, die SJD ist mittlerweile als integraler Bestandteil des Verbands anerkannt und ist von vielen Veranstaltungen nicht mehr wegzudenken. Vor allem als Rekrutierungs-Pool für künftige Verantwortungsträger im Verband ist die SJD von großer Bedeutung. In vereinzelten Kreisgruppen herrscht allerdings immer noch mangels Kenntnis die Meinung, dass SJD-Mitglieder kein aktives bzw. passives Wahlrecht haben, was häufig zu Missmut und Demotivation bei unseren Mitgliedern führt. Es gilt ganz klar: SJD-Mitglieder sind vollwertige Verbandsmitglieder mit allen Rechten und Pflichten. Hier müssen wir als SJD unsere Mitgliedschaft besser erklären. Aber auch die Verantwortlichen der Kreisgruppen sollten diese Regelung kennen.
Durch die erfreuliche Zunahme der Mitgliederzahlen ist auch der Aufwand in der Mitglieder- und Beitragsverwaltung deutlich gestiegen. Diese Aufgabe ist auf ehrenamtlicher Basis von unseren Vorstandsmitgliedern nicht mehr zu stemmen. Hier erhoffen wir uns professionelle Unterstützung durch den Bundesverband bzw. die Bundesgeschäftsstelle.

Die SJD hat das Sachsentreffen in Hermannstadt maßgeblich mitgestaltet. Was bedeutet dieses Heimattreffen für die junge Generation?
Für mich persönlich war das Sachsentreffen in Hermannstadt mit all den vor- und nachgelagerten Veranstaltungen vielleicht das größte Highlight der letzten 20 Jahre. Es war ein enorm wichtiger Impuls für unsere Gemeinschaft im Allgemeinen und für die zahlreichen jugendlichen Teilnehmer im Besonderen. Gerade für die junge Generation, die in Deutschland geboren ist und Siebenbürgen oft nur aus Erzählungen kennt, sind derart positive Erlebnisse und Erfahrungen in Siebenbürgen wichtig, um einen lebendigen Bezug zur Heimat ihrer Eltern und Großeltern zu erhalten. Ich bin überzeugt, dass dieses Sachsentreffen der künftigen Entwicklung unseres Verbands und der SJD einen positiven Schub verleihen wird.

Welche grenzüberschreitenden Projekte plant die SJD in nächster Zeit?
Das Föderationsjugendlager, welches turnusmäßig alle zwei Jahre in jeweils einem der fünf Föderationsländer stattfindet, ist auch weiterhin geplant. Darüber hinaus hatten wir eine Anfrage seitens des Deutschen Forums für ein Projekt in Siebenbürgen. Dies ist allerdings noch nicht spruchreif und wird in der nächsten Vorstandssitzung besprochen.

Wie bringt sich die SJD für den Trägerverein des Siebenbürgischen Kulturzentrum „Schloss Horneck“ in Gundelsheim ein?
Die SJD hat sich 2015 an der Spendenaktion zum Erwerb von Schloss Horneck mit 10000 Euro beteiligt. Das war für uns sehr viel Geld und zeigt, wie wichtig für uns die Bewahrung unseres „historischen und kulturellen Gedächtnisses“ ist. Sobald Übernachtungsmöglichkeiten im Schloss vorhanden sind, können wir uns vorstellen, dort Vorstandssitzungen, Seminare etc. abzuhalten. Konkret planen wir im November 2018 eine Arbeitstagung mit Bundesjugendleitung und allen Landesjugendleitungen auf Schloss Horneck. Es ist die erste übergreifende Sitzung dieser Art, von der ich mir neue Impulse für die SJD erwarte.

Danke für das Interview und viel Erfolg bei der Umsetzung Ihrer Ziele!

Schlagwörter: Interview, Jugend, SJD, Bundesjugendleiter, Verbandspolitik

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