21. Dezember 2020

Begründer der modernen Meteorologie in Siebenbürgen: Zum Gedenken an Ludwig Reissenberger (1819-1895)

Sucht man in siebenbürgischen Schriften des 19. Jahrhunderts nach Informationen über Baudenkmäler, Kunstgeschichte, Archäologie, Numismatik, geographische Landschaftsbeschreibungen, Statistik und Völkerkunde, über Höhenmessungen in den Karpaten, alte Wetteraufzeichnungen oder allgemeine landeskundliche Forschungen, stößt man immer wieder auf den Namen Ludwig Reissenberger. Mit seinem umfassenden Wissen und seiner Vielseitigkeit gehörte er zu den bedeutenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Hermannstadt. Er gilt als Begründer der modernen Meteorologie. Mit ihm wurde vor 125 Jahren, am 29. November 1895, in Hermannstadt ein Mann zu Grabe getragen, der „ein halbes Jahrhundert lang in verschiedenen Zweigen der siebenbürgischen Landeskunde wissenschaftlich tätig war“ und darüber hinaus auch im gesellschaftlichen, kirchlichen und sozialen Leben der Stadt eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat.
Ludwig Reissenberger mit seinem Vermessungsgerät ...
Ludwig Reissenberger mit seinem Vermessungsgerät
Sein Vater, ein in Hermannstadt angesehener Webermeister, stammte aus einer oberösterreichischen Transmigrantenfamilie, die 1752 aus Wimpsbach ob der Enns ihres evangelischen Glaubens wegen vertrieben worden war und sich in Hermannstadt niedergelassen hatte. Hier betrieb die Familie bereits in der dritten Generation mit Erfolg das Webergewerbe. In diesem in Hermannstadt geschätzten Umfeld eines fleißigen Bürgertums wurde Ludwig Reissenberger am 23. Januar 1819 geboren und wuchs mit drei älteren Brüdern auf. Nach Beendung des Evangelischen Gymnasiums bezog er 1837 die Universität Berlin mit dem Ziel, sich für den Beruf eines Gymnasiallehrers an den evangelischen Schulen seiner Heimatstadt vorzubereiten und vielseitig auszubilden. Neben dem Studium der Philosophie und der Theologie, wobei letztere an den Schulen in kirchlicher Trägerschaft zu den Pflichtfächern gehörte, belegte er bei dem berühmten Professor Karl Ritter (1779-1859) auch Vorlesungen für Geographie und bei Professor Heinrich Wilhelm Dove (1803-1879) für Physik und Meteorologie. Diese hatten einen nachhaltigen Einfluss auf seine spätere Tätigkeit. Von seinen Professoren wurde ihm zum Abschluss „ausgezeichneter Fleiß und rühmlichste Aufmerksamkeit“ bescheinigt, die ihn auch in seiner späteren Tätigkeit deutlich auszeichneten.

Nach seiner Rückkehr im Jahr 1839 fand er vorerst keine Anstellung an einer öffentlichen Schule seiner Vaterstadt, so dass er das Angebot einer adligen Familie im Hatzegerland annahm und dort als Privatlehrer wirkte. Dabei blieben ihm entsprechende Freiräume, in denen er sich mit Muße und viel Interesse dem Studium der Archäologie und Bauwerken der Antike widmen konnte. Nach zehnjähriger Wartezeit erhielt er schließlich 1850 die Berufung als Professor an das nach der Schulreform neu organisierte Evangelische Gymnasium in Hermannstadt, wo er dreißig Jahre lang „mit redlichem Eifer, strenger Gewissenhaftigkeit und segensreichem Erfolge“, wie ihm seine vorgesetzte Schulbehörde – das evangelische Presbyterium – bescheinigte, bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1880 tätig war. Im Lehrerkollegium des Gymnasiums fand er gleichgesinnte Kollegen wie Carl Fuss, Michael Fuss u.a., mit denen er viele seiner wissenschaftlichen Interessen teilte.

Porträt des jungen Ludwig Reissenberger. Fotograf ...
Porträt des jungen Ludwig Reissenberger. Fotograf unbekannt.
Neben seinem Schulunterricht wirkte er ehrenamtlich über beinahe zwanzig Jahre auch als Kustos und Bibliothekar (1863-1882) am „Freiherrlich Brukenthal’schen Museum“. Auch wurde er 1854 von der „k.k. Centralkommission in Wien zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale“ zum „Konservator für den südlichen Teil Siebenbürgens“ ernannt. Diese betraute ihn 1857 auch mit der Aufgabe, die bischöfliche Klosterkirche bei Curtea de Argeș aufzunehmen und zu beschreiben. Nicht zu vergessen ist seine Tätigkeit im Rahmen des „Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften zu Hermannstadt“, zu dessen Gründungsmitgliedern er gehörte. Sein Name steht auch heute zusammen mit denen der Vorläufer in der Reihe der Gründer. Sie sind, künstlerisch umrahmt, im Fries der Eingangshalle des Naturwissenschaftlichen Museums in Hermannstadt zu lesen.

Mit seinen meteorologischen Beobachtungen und der Aufzeichnung der Wetterdaten sowie ihren Auswirkungen auf die umgebende Natur, die Pflanzen- und Tierwelt hatte Reissenberger bereits 1845 begonnen, die meteorologischen Messungen dokumentierte und veröffentlichte er über die Jahre in Form statistischer tabellarischer Daten. Sogar an seinem Todestag fanden sich auf seinem Schreibtisch die notierten Früh- und Mittagsdaten, die er mit eigener Hand niedergeschrieben hatte. Seine wertvollen, sehr genauen meteorologischen Aufzeichnungen wusste die k.k. meteorologische Centralkommission in Wien zu schätzen und ernannte ihn zu ihrem korrespondierenden Mitglied und zum Vorstand der Wetterstation Hermannstadt. Nach dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn von 1867 nahm er auch die Verbindung mit dem ungarischen meteorologischen Institut auf.

Seine geographischen Studien führten Reissenberger in viele Gegenden Siebenbürgens. Die Vermessungen der Bergspitzen in den Karpaten erforderten zahlreiche Gebirgsausflüge, die er meist in Gesellschaft seiner Naturfreunde Michael Johann Ackner, Michael und Karl Fuss, Dr. Gustav Adolf Kayser, Eduard Albert Bielz, Franz Friedrich Fronius, Heinrich Herbert u.a. unternahm, die je nach Möglichkeit gerne dabei waren. Seine Vermessungsarbeiten der Bergspitzen würdigte der Siebenbürgische Karpatenverein später mit der Benennung einer Spitze nahe dem Negoi mit dem Namen „Reissenberger-Spitze“.

Die Wetterbeobachtungen sind für die Klimaforschung insgesamt von Bedeutung. Dank dieser langen, kontinuierlichen Aufzeichnungen gehört Rumänien heute mit den frühen und sehr genauen Wetterdaten Reissenbergers zu den Ländern Südosteuropas, das die frühesten, längsten und genauen Wetteraufzeichnungen aufzuweisen hat. Für die gegenwärtigen klimawandelbedingten Forschungen sind sie als Vergleichsmaß für Veränderungen von außergewöhnlich hohem wissenschaftlichen Wert. Durch seine wissenschaftlichen Leistungen gilt Ludwig Reissenberger als der Begründer der modernen Meteorolgie.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Ludwig Reissenberger auch in das gesellschaftliche, kirchliche und soziale Leben der Stadt fest eingebunden. So war er in der Vertretung und Verwaltung der evangelischen Kirche aktiv, deren Presbyter er über viele Jahre war. Ebenso war er in der staatlichen Gemeindevertretung der Stadt Hermannstadt rege tätig. Der damalige Bürgermeister Josef Drotleff würdigte Reissenberger in einem Nachruf als langjährigen Stadtvertreter und Mitglied des ständigen Ausschusses mit den Worten: „gerecht und bescheiden von Natur hat dieser hoch gebildete, warmherzige Mann Jahrzehnte hindurch an der Gestaltung der Verhältnisse unserer Stadt mit unentwegter Ausdauer mitberaten und mitgeholfen, nie zur Leidenschaft im Wortgefechte hinabsteigend, hat er immer (...) durch die milde und doch so entschiedene Form seiner Anteilnahme am öffentlichen Leben beruhigend und veredelnd gewirkt“.

Erika Schneider

Schlagwörter: Porträt, Meteorologe, Hermannstadt, Gedenken, Wissenschaft

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