15. März 2004

Bernd Kolf - Büchermacher mit Leib und Seele

Aus der "Regionalliga", wie der Literaturhistoriker Peter Motzan den siebenbürgischen Literaturbetrieb selbstironisch nennt, ist der Verleger Bernd Kolf hoch herausgewachsen. In einem Alter, in dem andere an die Rente denken, wagt er einen Neuanfang. Ende 2002 kauft der damals 58-Jährige drei traditionsreiche Kulturverlage, die die Verlagsgruppe Dornier als wirtschaftlich nicht mehr tragbar erklärt hat. Im April 2003 gründet Kolf die Seemann Henschel GmbH mit Sitz in Leipzig. Für ihn ergibt sich das irgendwie zwangsläufig, hat er doch fast sein ganzes (bundesdeutsches) Leben lang mit Leib und Seele Bücher gemacht.
Heute, ein knappes Jahr später, seht fest: Das unternehmerische Wagnis hat sich gelohnt. Der Siebenbürger will und wird sein Geschäft durch weitere Zukäufe von Verlagen erweitern.

Geboren wurde Bernd Kolf am 26. Januar 1944 in Zeiden. Nach dem Honterus-Lyzeum in Kronstadt arbeitet er zunächst als Zimmermaler, bevor er von 1965 bis 1970 Germanistik und Romanistik in Klausenburg studiert. 1969 debütiert er als Lyriker in der Studentenzeitschrift „Echinox“, ebenfalls in Klausenburg veröffentlicht er zwei Gedichtbände: "Zwischen sieben und unendlich" (1971) und "die bewohnbarkeit des mondes" (1976). Seit 1970 ist Bernd Kolf als Kulturredakteur der Karpatenrundschau in Kronstadt tätig. Als scharfsinniger, sprachgewandter Kritiker erregt er ebenso Aufsehen wie als Herausgeber der Bände über Adolf Meschendörfer und Ludwig Tieck, die in der Kriterion Schulausgabe bzw. bei Dacia in Klausenburg erscheinen. Vor allem seine Untersuchung über die "Siebenbürgische Elegie", wie ein Gedicht von der ersten Skizze bis zum vollendeten Werk entsteht, setzt Maßstäbe.


Bernd Kolf
Bernd Kolf
"Es war eine schöne Zeit, aber sie ist abgeschlossen", erinnert sich Kolf an die Jahre in Rumänien. Nach der Aussiedlung 1978 nach Deutschland knüpft er nahtlos an seine Erfolge an. In den ersten Jahren macht er viel Literaturkritik für den Rundfunk, in der Hauptsache für den Norddeutschen Rundfunk, wo sich die Literaturchefin, Dr. Gisela Lindemann, stark für osteuropäische Autoren wie den Siebenbürger Sachsen Oskar Pastior einsetzt. Anfang der achtziger Jahre verlagert Bernd Kolf den Schwerpunkt seiner Arbeit in Richtung Verlagsmarketing und Management. Bei Reader's Digest ist er zunächst für die Zeitschrift „Memo“ tätig, dann im Sachbuchverlag. In Stuttgart lernt Kolf, wie Markterhebungen durchgeführt und Bücher vom Marketing her " gemacht" werden. Dank dieser Erfahrungen landet er als Chefredakteur beim Falken Verlag in Niedernhausen. Von 1984 bis 1994 trägt der Siebenbürger entscheidend dazu bei, dass der Verlag zu Deutschlands größtem Ratgeberverlag avanciert. Nach einer Zwischenstation als Cheflektor bei Ullstein (1994 bis 1995) wird Kolf Programmleiter bei der Dornier Verlagsgruppe, die mehrere Verlage in den Neuen Bundesländern aufgekauft hatte. Als die neue kaufmännische Geschäftsführung im Herbst 2002 verkündet, sie werde die Kulturverlage aus wirtschaftlichen Gründen stilllegen, wechselt Kolf die Front und wird Unternehmer. Was habe ihm die Gewissheit gegeben, dass das Projekt lebensfähig sei, wollen wir vom Verleger wissen. "Ich habe die Verlagsprogramme schon vorher gemacht und wusste, was für ein Potenzial sie haben. Ich wusste auch, dass die Verlage keine roten Zahlen schreiben, wie irrtümlicherweise geglaubt wurde. "

Bernd Kolfs Gratwanderung zwischen Geist und Kommerz ist geglückt. "Man macht eine Sache nur dann gut, wenn man sich voll auf sie konzentriert", lautet das Credo des Pragmatikers. Der Siebenbürger hat nicht nur drei traditionsreiche Verlage in den Neuen Bundesländern gerettet, sondern auch zum wirtschaftlichen Erfolg geführt. Mit sicherem Spürsinn für den Markt verlegt er hochwertige Kunstbücher in Berlin und Leipzig.

Der E. A. Seemann Verlag, 1858 gegründet, hat im 19. Jahrhundert vor allem den bedeutenden Kultur- und Kunsthistoriker Jackob Burckhardt publik gemacht und war wesentlich an der Entwicklung des Vierfarben- und Kunstdrucks beteiligt. Der Leipziger Verlag steht heute für Nachschlagewerke und anspruchsvolle Kunstbände. Neben dem Thieme-Becker/Vollmer, dem größten Künstlerlexikon der Welt, ist das "Lexikon der Kunst" in sieben Bänden als preiswerte Studienausgabe lieferbar. Einen Programmschwerpunkt bildet die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Edition Leipzig, 1960 gegründet, hat sich mit attraktiven Büchern über Kulturgeschichte und Kunsthandwerk einen Namen gemacht. In Zusammenarbeit mit der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen und der Porzellansammlung Dresden entstanden zahlreiche Text-Bild-Bände in prächtiger Ausstattung.

Der Henschel Verlag in Berlin befasst sich seit seiner Gründung 1945 mit Büchern zu den darstellenden Künsten. Hier werden Biographien und Autobiographien von bedeutenden Künstlern veröffentlicht, eingängig geschrieben. Der Fachcharakter des Verlages wird durch seine Ausbildungsliteratur (Lehrbücher) für zukünftige Schauspieler, Filmschauspieler, Musiker, Tänzer bewahrt. Seinem Anspruch, den Henschel Verlag zum führenden Kulturverlag der Hauptstadt zu machen, ist Kolf schon einen Schritt näher gekommen. Weitere Schritte werden folgen. Denn die Arbeit macht ihm "einen Heidenspaß, und auch dieses Jahr hat "wunderbar begonnen. Ich werde es noch sehr lange machen", kündigt der Verleger an.

Siebenbürgen ist in seinem Arbeitsalltag kein Thema. Aus dieser Welt ist Bernd Kolf herausgewachsen. Dennoch zeigt er sich offen, auch anspruchsvolle Kunst- oder Theaterbücher siebenbürgischer Autoren zu verlegen, insofern sie ins Verlagsprogramm passen. Ob er eines Tages wieder zur Feder greifen werde? Das beschäftigt ihn zwar nicht bewusst, aber ausschließen will er es nicht. "Wenn ich das eine oder andere von ehemaligen Landsleuten lese, dann denke ich, man müsste vielleicht das Geschichtsbild korrigieren, das einige mit ihrem eigenen verwechselt haben. Man könnte das eine Art Geschichtsvisagismus nennen. "

Siegbert Bruss

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 4 vom 15. März 2004, Seite 5)

Schlagwörter: Kultur, Schriftsteller, Verleger, Zeiden

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