11. Dezember 2006

Alles POLDI oder was?

Wer kennt nicht Poldi alias Lukas Podolski, den stürmischen Jungstar des FC Bayern München, den kölsch klönenden Teenieschwarm, der, in der Woiwodschaft Schlesien geboren, also im heutigen Polen, 1987 mit seiner Familie nach Deutschland ausgesiedelt ist? Kennen Sie aber auch P.O.L.D.I., die Big Band der Musikschule Tuttlingen? Die „P.O.L.D.I.-Big-Band“ gilt als eine der momentan besten und erfolgreichsten jungen Big Bands in Deutschland. Anfang Oktober gewann sie den süddeutschen Regionalwettbewerb des „Skoda Jazz Preises“ 2007 in Bühl/Baden und ist damit für das Finale in Bingen im kommenden Jahr qualifiziert. Bandleader Leopold R. Reisenauer hört von jeher auf den Spitznamen „Poldi“, wie ein gewisser Fußballer.
Doch vergessen wir einstweilen den Lukas (Podolski) ... das geht aber nicht, denn in dem Jazz-Orchester spielt Poldis 18-jähriger Sohn Gitarre und Percussion, und der heißt nun mal Lukas. „Unser“ Poldi, also Leopold R. Reisenauer, ist 1986 nach Deutschland ausgesiedelt und, wie es im Namen anklingt, Landler. Das originelle Kürzel der Band verrät den ihm eigenen Spürsinn für Effekte. Wie Reisenauer gegenüber der Siebenbürgischen Zeitung aufklärt, steht P.O.L.D.I. für „pentru o lungă durată internaţională“, das bedeutet wörtlich übersetzt: „für eine lange internationale Dauer“. Im Bandnamen s(ch)wingt unverhohlen ein selbstbewusster Anspruch mit.

Jubiläumskonzert in der Tuttlinger Stadthalle: die Sängerin Jacqueline Bensch an der Seite des Bandleaders Leopold Reisenauer unmittelbar nach der Interpretation des Herbolzheimer-Arrangements „Fever“. Foto: Dieter Freudig
Jubiläumskonzert in der Tuttlinger Stadthalle: die Sängerin Jacqueline Bensch an der Seite des Bandleaders Leopold Reisenauer unmittelbar nach der Interpretation des Herbolzheimer-Arrangements „Fever“. Foto: Dieter Freudig

Ein Blick in die Trophäenvitrine bestätigt: Das Orchester hat in der Tat schon nationalen wie auch internationalen Lorbeer errungen, u. a.: Sieg beim internationalen Wettbewerb JAZZma 2004 „Musikschulen jazzen für Europa“ auf Schloss Kapfenburg bei Lauchheim; 2. Platz beim JupiterWindCup 2005 um „die beste Schüler-Big-Band Deutschlands“ in der Tafelhalle in Nürnberg; Sieg beim Regionalwettbewerb „Jugend jazzt“ des Landesmusikrates Baden-Württemberg (2005); Sieg im Finale der besten acht deutschen Nachwuchsbigbands beim „Skoda Jazz Preis“ in Worms (2005); 1. Platz beim süddeutschen Regionalwettbewerb des „Skoda Jazz Preises“ 2007 in Bühl/Baden in der Kategorie für semiprofessionelle Big Bands. Auch Solistenpreise gab es schon für Ensemblemitglieder, wie den der Deutschen Jazzföderation für den Posaunisten Dennis Schöps; der Leadtrompeter Claus-Peter Bensch sicherte sich den Till Brönner Meisterkurs.

Workshop mit Peter Herbolzheimer

1996 gründete der Diplom-Musiker Reisenauer die „P.O.L.D.I.-Big-Band“. Mithin dirigiert und leitet er die aus der Region stammenden 14 bis 23 Jahre jungen Jazzmusiker bereits über eine Dekade lang. Die Konzertbesetzung gliedert sich in 5 Trompeten, 5 Posaunen, 5 Saxophone, Rhythmusgruppe (6), Sänger Gordon Buschle und Sängerin Jacqueline Bensch. Das Repertoire der Big Band: Jazz, Funk und Latin.
Mit den Wettbewerbserfolgen wächst natürlich der Bekanntheitsgrad von „P.O.L.D.I.“; regelmäßige Konzertauftritte in der Region und außerhalb der baden-württembergischen Landes- grenzen sowie Tourneereisen (z. B. 2003 auch nach Siebenbürgen) sorgen dafür, dass sich die Fangemeinde fortlaufend vergrößert. In Rundfunk und Fernsehen konnte man die Formation schon öfter erleben, zuletzt im ZDF (am 24. Juni 2006 in der TV-Sendung „1, 2 oder 3!“ zum Thema „Big Band“). Eine neue CD brachte die Big Band im Frühjahr heraus. Das anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens am 4. März in der Tuttlinger Stadthalle gegebene Konzert mit der deutschen Jazz-Ikone Peter Herbolzheimer (1935 in Bukarest geboren) wurde live mitgeschnitten (die CD „Live in Tuttlingen mit Peter Herbolzheimer“ ist zum Preis von 12 Euro zzgl. Versand bei Amazon zu erwerben oder per E-Mail: info@poldi-bigband.de). Dem Jubiläumskonzert war übrigens ein einwöchiger Workshop mit Peter Herbolzheimer vorausgegangen. Ein Highlight für die Jung-Jazzer. Und ein weiteres folgte Ende September mit dem Auftritt der Big Band beim bundesweit wahrgenommenen, mindestens in Deutschland einzigartigen Internationalen Jugend-Jazzfestival „JazzIT“ in Tuttlingen. Initiator des Festivals, das 2006 seine Premiere erlebte, ist Leopold Reisenauer.

Leopold Robert Reisenauer kommt am 18. Dezember 1958 in Talmesch zur Welt. (Wir gratulieren nachträglich zum 48. Geburtstag!) Nach dem Abitur am Bukarester Musikgymnasium „G. Enescu“ absolviert er sein Diplomstudium an der Musikhochschule „C. Porumbescu“ in Bukarest (Hauptfach Trompete) mit Bravour. Bis zu seiner Ausreise im Jahre 1986 mit Ehefrau Michaela und Sohn Alexander arbeitet er als Berufsmusiker. In Deutschland spielt der bekennende Autodidakt im Jazz in verschiedenen Ensembles. 1989 nimmt er seine Lehrtätigkeit an der Musikschule Donaueschingen auf. Seit 1993 unterrichtet er an der städtischen Musikschule Tuttlingen Trompete und Flügelhorn.

Leben, Energie, Kreativität

Nicht ohne Stolz weist Reisenauer auf seine Zusammenarbeit mit Musikergrößen hin und nennt an erster Stelle Peter Herbolzheimer, dann Dusko Goykovich, Nicolas Simion, Decebal B?dil?, Tony Lakatos u. a. m. Dankbar erinnert er sich an seine Freundschaft mit dem vor neun Jahren in Zürich verstorbenen, aus Klausenburg stammenden Jazzpianisten Eugen Cicero: „Wie alle Musiker in Rumänien war auch ich sehr stolz auf Eugen Cicero, der im Ausland lebte und dort Karriere gemacht hatte.“ Nun, Karriere machte indes auch Leopold Reisenauer.

Dass der Landler beinahe mehr Zeit mit seiner Band als mit seiner Familie verbringt, wäre ohne den starken Rückhalt seiner Ehefrau und Kinder nicht möglich. In seiner Arbeit mit den Jungmusikern bemüht sich der überzeugte Christ um eine glaubwürdige Vorbildfunktion. Es befriedige ihn ungemein wahrzunehmen, dass die Bandmitglieder, die er selbst nach musikalischen und menschlichen Gesichtspunkten ausgesucht habe, in den vergangenen fünf Jahren zu einem hervorragend eingespielten Team zusammengewachsen seien, so Reisenauer: „Sie geben mir Leben, Energie, Kreativität.“

Nach Auskunft des Band-Managers Hans-Peter Bensch wird „P.O.L.D.I.“ zu Pfingsten 2007 im Rahmen einer Konzerttournee in der Europäischen Kulturhauptstadt Hermannstadt auftreten. Im Gästebuch auf der Webseite von „P.O.L.D.I.“ hat sich Reisenauers zwölfjährige Tochter Sarah (spielt Saxophon) mit dem Eintrag gemeldet: „Ich bin stolz auf meinen Vater! Ich will auch mal in die Big Band, aber da muss man richtig gut sein!“ – Mit beharrlichem Engagement hat Leopold R. Reisenauer „P.O.L.D.I.“ zu einem ausgezeichneten Jugend-Orchester geformt, das sein Entwicklungspotenzial noch gar nicht völlig ausgeschöpft hat. Da ist noch Luft nach oben. Ein Titel der aktuellen Setlist heißt „Fly me to the moon“. Dann aber nichts wie durchstarten!

Schlagwörter: Porträt

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