23. März 2007

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Hochgeachtete Pädagogin: Edda Gross

Gefragt nach den schönsten Jahren ihrer Lehrertätigkeit, antwortet Frau Edda Gross schlicht: „Die neun Jahre am Theresia-Gerhardinger-Gymnasium in München gehören zu den schönsten meines Lehrerlebens; hier durfte ich der Mensch sein, der ich sein wollte, der ich dort (in Hermannstadt) nicht sein durfte.“ Diese Worte machen betroffen. Was für eine innere Kraft hat unsere langjährige Leiterin der Brukenthalschule von 1965 bis 1978 aufbringen müssen, um trotzdem das Gymnasium in politisch schwierigen Zeiten so zu leiten, dass es für Schüler, Lehrer und Eltern als Insel empfunden wurde, wo Uneigennutz, Gemeinschaftsgeist, humanitäre Werte und ein hohes geistiges Niveau gepflegt wurden?
Am 5. Februar 1937 in Hermannstadt als Tochter von Helmut und Hermine Csallner geboren, besuchte sie die deutsche Volksschule und anschließend die deutschen Mädchen-Gymnasialklassen am Octavian-Goga-Lyzeum ihrer Vaterstadt. Schon mit 17 legte sie die Reifeprüfung ab und studierte 1954 bis 1958 Physik und Mathematik an der Universität in Klausenburg. Als Lehrerin kehrte sie nach Hermannstadt zurück, wo sie am Brukenthal-Gymnasium, am Pädagogischen Lyzeum und an den deutschen Klassen des Gheorghe-Lazăr-Lyzeums Physik unterrichtete. Der tiefe berufliche Einschnitt erfolgte 1965, als sie, ohne vorher gefragt zu werden, zur Direktorin des Brukenthal-Gymnasiums ernannt wurde. Tränen der Verzweiflung halfen ihr nicht gegen das Diktat politischer Machthaber. Ob Parteiführung und Securitate überzeugt waren, dass Edda Gross, eine blutjunge Lehrerin und inzwischen Mutter von zwei kleinen Kindern, ihr willfähriges Werkzeug werde?

Edda Gross war von von 1965 bis 1978 Leiterin der Brukenthalschule in Hermannstadt.
Edda Gross war von von 1965 bis 1978 Leiterin der Brukenthalschule in Hermannstadt.
Die Unterstützung und Mut machende Worte damaliger Kollegen halfen ihr über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Edda entwickelte Führungsqualitäten, plante alle Aktivitäten vorausschauend. Konsequent und stets bemüht, korrekt zu handeln, fand sie schnell die Achtung sowohl der Lehrer als auch der Schüler. Alle Bereiche der Schultätigkeit – Unterricht, AG’s und Außerschulisches – hatte sie im Blickfeld, würdigte jeden für sein persönliches Engagement und gab dadurch den stillen Impuls zum Weitermachen. Sie unterstützte die Fülle musischer, sportlicher, unterhaltsamer Freizeitbeschäftigungen, die die Lehrer anboten, ließ ihnen Freiräume, wohlwissend, dass so auch außerhalb des Unterrichts Gemeinschaftssinn und Eigeninitiative gefördert werden und ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis geschaffen wird. So stand sie ganz in der Tradition unserer alten Schule.

Unauffällig verstand sie es, Probleme von politischer Brisanz zu klären, ja oft aus dem Weg zu räumen, so dass viele sie gar nicht mitbekamen. In einem Gespräch vor drei Jahren äußerte sie sich darüber, wie sie als Direktorin einer deutschen Schule, die im Blickfeld von ganz Hermannstadt stand, die politischen Verhältnisse erlebte. Ständigem Druck ausgesetzt zu sein, dauernd bespitzelt, sei man im freien Handeln und Entscheiden sehr eingeengt und gehemmt worden. Häufig sei sie mit der vorwurfsvollen Frage des für die Schule zuständigen Sicherheitsoffiziers konfrontiert worden: „Ce păziţi?“ („Was beaufsichtigen Sie eigentlich?“) Es sei ihr peinlich gewesen, dass ausländische Besucher das Schulgebäude nicht betreten durften. Ebenso bedrückte sie, dass es verboten war, augewanderte Kollegen in der Schule zu empfangen.

Obwohl äußerlich oft eher mütterlich-fürsorglich wirkend, bewies sie eine starke Natur, um sich gegen politische Widrigkeiten zu behaupten. Ihre verantwortungsvolle Arbeit vermochte sie vorbildlich mit dem Familienleben zu vereinbaren. Als sie schließlich das härteste Schicksal, das einer Mutter zustoßen kann, traf, und sie bei dem Lawinenunglück am Bulea (17. April 1977) beide Söhne verlor, verhalfen ihr ungeahnte innere Kräfte, diesen unsäglichen Schmerz zu tragen; unterstützt von ihrem Ehemann Günter Gross wagte sie einen Neubeginn: Sie dankte 1978 als Direktorin des Brukenthal-Gymnasiums ab und schenkte Sohn Christian das Leben.

Bis 1989 unterrichtete sie noch an „ihrem“ Gymnasium Physik und wanderte schließlich im Sommer desselben Jahres mit ihrer Familie nach Deutschland aus. Gleich im September setzte sie ihre Lehrertätigkeit am Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger in München fort. Auch hier gewann sie die Achtung ihrer Vorgesetzten und Kollegen sowie die Zuneigung ihrer Schülerinnen. „Als Klassenlehrerin war sie unübertrefflich. Sie registrierte sehr genau, was vorging, erfasste intuitiv Situationen, Vorgänge, Spannungen und wählte den richtigen Moment und die richtige Methode, um gemeinsam mit den Schülerinnen eine zufriedenstellende Lösung zu finden“, schreibt ihre Rektorin in den Jahresbericht anlässlich ihrer Verabschiedung in den Ruhestand 1998. Damit bestätigt sich, was eine gewesene Brukenthalschülerin von ihr schrieb: „Herzlichkeit und Wärme, die sie im Unterricht ausstrahlte, das war die eigentliche Edda.“

Zu ihrem 70. Geburtstag, den sie bescheiden wie immer im engsten Familienkreise gefeiert hat, will ich im Namen aller Kollegen und ehemaligen Schüler einen herzlichen Dank aussprechen! Dank besonders für die Zeit, in der sie als Rektorin unseres altehrwürdigen Gymnasiums allem politischen Druck zum Trotz es ermöglichte, in einer angenehmen Atmosphäre zu unterrichten und uns unterstützte, das traditionelle Kulturleben unserer Schule zu glanzvollen Höhepunkten zu führen. Mögen ihr noch viele, möglichst beschwerdefreie Jahre gemeinsam mit ihrem Ehemann beschieden sein, damit sie vielleicht auch das Glück erleben darf, Enkelkinder zu umarmen.

Ortrud Speck

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 5 vom 31. März 2007, Seite 6)

Schlagwörter: Kulturspiegel, Schulgeschichte, Pädagogen

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