1. September 2005

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Christel Ungar-Topescu

Christel Ungar-Topescu ist seit März 2003 Chefredakteurin der deutschen Sendung des öffentlich-rechtlichen rumänischen Fernsehens TVR. 1966 in Hermannstadt geboren, absolvierte sie die dortige Brukenthalschule und studierte Philologie in Jassy. Seit 1990 arbeitet sie in der Bukarester deutschen Redaktion von TVR, seit März 2003 setzt sie neue "Akzente" als Chefredakteurin. Sie ist mit dem bekannten Fernsehsportjournalisten Cristian Topescu verheiratet. Erst kürzlich zeigte die deutsche TV-Sendung einen Bericht über den Heimattag der Siebenbürger Sachsen und ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Volker Dürr. Mit Christel Ungar-Topescu sprach Siegbert Bruss über die Inhalte der Sendung, ihre Bedeutung für die deutsche Minderheit und die Zusammenarbeit mit ausgewanderten Sachsen und Schwaben.
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Die deutschsprachige Sendung des Rumänischen Fernsehens wurde im November 1969 ins Leben gerufen. Sie sollte ein Aushängeschild sein für die "liberale" Minderheitenpolitik des damaligen kommunistischen Regimes. Was konnte jenseits des offiziellen "Pflichtprogramms" erreicht werden?

Für die Zuschauer war die Sendung von Anfang an sehr wichtig, wie übrigens viele Besprechungen und Leserbriefe in den siebziger Jahren belegen. Unter dem Titel "Von der guten Absicht" hieß es in der Karpatenrundschau Nr. 31 am 31. Juli 1970 "Mit der Gewöhnung an das Neue, das die Sendung am Anfang darstellte - an diese andere Entfaltungsmölichkeit, die uns seitens der Partei- und Staatsführung geboten wird - stiegen auch die Ansprüche. Man wünscht sich mehr als nur die Türkgasse in Heldsdorf oder ein bekanntes Gesicht beim Umzug in Frauendorf zu erkennen.(...) Es müsste einmal ausgesprochen werden, für wen die deutsche Sendung gedacht ist. Ist sie ausschließlich für die deutsche Bevölkerung bestimmt oder eine Übertragung, die das Deutschtum in unserem Land bekannt machen soll?"

Vieles wurde gepriesen, vieles bemängelt. So hatten die Banater Schwaben den Eindruck, dass den Siebenbürger Sachsen mehr Sendezeit eingeräumt wird, und umgekehrt. Mitte der siebziger Jahre erlebte die deutsche Sendung ihre beste Periode, verfügte über eine sehr gute Sendezeit - freitags von 17.00-19.15 Uhr. Das monatliche Schema sah dann so aus: In der ersten halben Stunde jeder Sendung wurde das "Pflichtprogramm" abgespeist, das heißt es wurden Industriereportagen und Nachrichten gezeigt, dann in den restlichen Minuten in der ersten Woche - ein Theaterstück, in der zweiten Woche ein Konzert, das mit dem Übetragungswagen an Ort und Stelle aufgenommen wurde, in der dritten Woche ein Unterhaltungsprogramm unter dem Titel TV-Kalender und in der vierten Woche ein Kulturfilm gesendet. In den achtziger Jahren wurde die Sendezeit immer mehr gekürzt, bis sie zuletzt 1985 gerade noch 30 Minuten betrug, und dann wurde die Sendung ganz aufgelöst.

Gleich nach der Wende, im Januar 1990, wurde die deutsche TV-Sendung in Bukarest wieder aufgenommen. Seit März 2003 sind Sie Chefredakteurin dieser Sendung. Welche neuen Akzente haben Sie gesetzt?

AKZENTE ist heißt die Sendung, die ich aus der Taufe gehoben habe und donnerstags von 15.30-17.00 Uhr auf dem ersten Programm des Rumänischen Fernsehens TVR 1 gezeigt wird. Bis 2003 hatten wir auf dem ersten Programm zwei Sendungen - unter dem nichtssagenden Titel "Panorama" (Mittwoch eine Stunde und Donnerstag eine halbe Stunde), was es schier unmöglich machte, ein einheitliches Konzept zu entwickeln. Es gelang uns, einen einzigen Sendetag auszuhandeln, den neuen Titel durchzusetzen und einen Vorspann zu entwerfen. Mit dem Redaktionsteam gingen wir daran, Nachrichten, Presseschau, Quiz und Vorschau wöchentlich einzusetzen. Was vorher der Sendung fehlte, war vor allem Aktualität. Das hieß für uns mehr und promptere Arbeit. Wir haben in diesen Jahren versucht, bei allen wichtigen Ereignissen dabei zu sein und somit die richtigen AKZENTE zu setzen. Wir haben uns auch politisch eingesetzt, etwa durch Nachrichten und Vorstellung der Kandidaten unseres deutschen Forums vor den Wah
len 2004. Des Weiteren drehen wir Dokumentationen, also Filme, die bleiben. Seit 2003 gestalten wir auch je eine halbstündige Sondersendung zu Ostern und Weihnachten.

Die Sendung AKZENTE wurde 2004 vom Nationalen Rat für das Audiovisuelle in Bukarest als beste Minderheitensendung ausgezeichnet. Welche Bedeutung kommt dieser Sendung für die deutsche Minderheit zu?

Unsere Sendungen, die sich in erster Linie an die Zuschauer der deutschen Minderheit wenden, vermitteln nicht nur Aktualität, sondern stellen auch ein verbindendes Element für die kulturelle Identität der verschiedenen deutschsprachigen Gruppen dar, die verstreut im ganzen Land leben, von Konstanza bis Temeswar, von Sathmar bis in die Moldau, von Siebenbürgen bis ins Buchenland. Die Mitarbeiter unserer Sendung sorgen dafür, dass Traditionen, Feste und Bräuche stets von neuem erklärt werden. Es gibt Zuschauer, vor allem in den Dörfern, die mit und durch unsere Sendung leben und den Eindruck erhalten, dass noch vieles geschieht und dass es noch nicht am Ende ist mit den Deutschen in Rumänien.

Wie viele Zuschauer verfolgen die deutschen Sendungen?

In der kälteren Jahreszeit erreichen wir Einschaltquoten von 1,5- 2,0, was mit rund 250.000 Zuschauern vergleichbar wäre. Laut letzter Volkszählung leben rund 60.000 Deutsche in Rumänien, das heißt: durch die rumänischen Untertitel ist unsere Sendung für alle Zuschauer Rumäniens zugänglich und erfreut sich eines wachsenden Interesses auch unter der Mehrheitsbevölkerung.

Von bleibenden Interesse dürften die Porträts deutscher Persönlichkeiten und die geschichtlichen Dokumentationen sein. Welche Projekte stehen demnächst in dieser Reihe an?

Es entsteht eine Dokumentation über Traian Bratu, den ersten Germanisten der Jassyer Universität und Begründer des dortigen Germanistik-Lehrstuhls, der wegen seiner Toleranz von den Legionären verfolgt und misshandelt wurde. Weitere Filme sind den Dobrudschadeutschen und der römisch-katholischen Diözese im Banat gewidmet, die im kommenden September ihr 975-jähriges Bestehen feiern wird.

Ihre Redaktion verfügt über sieben Redakteure. Wie können Sie trotz Personalmangel dem Anspruch an Aktualität gerecht werden?

Wir betreuen beispielsweise Praktikanten, in Zusammenarbeit mit den Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart und Journalistikhochschulen in Deutschland. Im Januar 2004 konnten wir durch finanzielle Hilfe der deutschen Botschaft in Bukarest unsere technische Ausstattung durch eine DV-Kamera verbessern. Unser Korrespondent in Hermannstadt, Arno Reimar Ungar (37 Jahre alt), wurde somit zum Videojournalisten befördert und lieferte eigene Filmbeiträge, so dass die Region Siebenbürgen besser abgedeckt war. Leider ist die Kamera zurzeit aus technischen Gründen außer Gebrauch.

Alex Mihailescu (36), Redakteur, meine so genannte rechte Hand, kümmert sich vor allem um Kulturbeiträge und stellt die Sendung von TVR International zusammen. Tiberiu Stoichici (38)- Redakteur - betreut die Bukarester Geschichten sowie Bücher und Bilder, beide Serien gemeinsam mit Hans Liebhardt, zudem das Rezept der Sendung mit Banater Köchinnen und macht Dokumentationen, z. B. zurzeit einen Film über das Schicksal der Dobrudschadeutschen. Der gebürtige Kronstädter Johann Butmaloiu, 29 Jahre alt, kümmert sich zurzeit um unsere Ferienserie "Wohin gehen wir" und um die Serie 5X5, in der wir deutsche Rock- und Unterhaltungsgruppen aus Rumänien vorstellen.

Wie arbeiten Sie mit den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben usw. in Deutschland zusammen? Wie kann diese Kooperation erweitert und vertieft werden?

Der Streifen über den Schriftstellerprozess, die Poträtfilme über Trude Schullerus und Juliana Fabritius-Dancu wurden zum Teil vom Siebenbürgen-Institut in Gundelsheim unterstützt. In den letzten Jahren waren wir immer wieder beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, den Banater Tagen und dem Treffen der Sathmarer Schwaben dabei. Ansonsten läuft die Zusammenarbeit eher auf informationellem Gebiet, was auch schon sehr wichtig ist für uns. Wir würden uns von der Landsmannschaften, den Heimatortsgemeinschaften und anderen Vereinen der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben vor allem finanzielle Unterstützung bei der Durchführung von verschieden Filmprojekten wünschen, da die Dokumentationen für die Rumäniendeutschen von hüben und drüben gleichermaßen wichtig sind. Wir können unsere Dreharbeiten vom Fernsehen aus hier in Rumänien finanzieren - alles was außerhalb der Grenzen geschieht, ist von finanzieller Unterstützung abhängig.

Frau Ungar-Topescu, vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Interview, Medien

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