13. Juli 2007

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Horst Gehann: Schöpfer eines vielgestaltigen und reichhaltigen Werkes

Mit Robert Schumanns Requiem hatte Horst Gehann im November 2006 Abschied von der Bühne genommen und von seinem Darmstädter Bachchor, den er 1981 selbst ins Leben gerufen hatte. Es war ein Kraftakt, ein Aufbäumen gegen seine Krebserkrankung, bei dem er seine Frau, die Kinder, die Familie und viele Freunde an seiner Seite wusste. Dieses Konzert muss ihm ungeheuer wichtig gewesen sein. Am 21. Juni 2007 ist Horst Gehann in seinem Wohnort Kludenbach gestorben. Und so vielfältig wie sein Betätigungsfeld als Musiker war, so groß ist nun auch die Lücke, die er hinterlässt.
Der Musikwissenschaftler Karl Teutsch hat Gehann in einer Laudatio zum 70. Geburtstag – das war 1998 – zu Recht „als einen der letzten vielseitig begabten und universal agierenden Musiker“ bezeichnet. Das Pensum, das er sich selbst – und gewiss mit Freude – auferlegte, ist Schwindel erregend: Er war, alles mit ganzem Herzen, Dirigent, Komponist, Konzertorganist, Cembalist und Musikverleger. „Obwohl er nie eine Hochschule besucht hat, obwohl er sich privat und zum Teil autodidaktisch bildete, trat Gehann von Anfang an in jeder von ihm besetzten Sparte als Künstler und Fachmann vor die Öffentlichkeit, der nach gründlicher Qualifizierung und nach Professionalität strebte, der sich an den aktuellen künstlerischen Ansprüchen und Prinzipien orientierte und sich selbst hohe ästhetische und technische Maßstäbe setzte“, schreibt Karl Teutsch.

Der siebenbürgische Komponist, Dirigent, Organist ...Der siebenbürgische Komponist, Dirigent, Organist und Verleger Horst Gehann (1928-2007) Von besonderer Nachhaltigkeit war Gehanns Tätigkeit als Verleger ab 1987, denn niemand zuvor hatte sich so intensiv der Musik und Musikgeschichte der Siebenbürger Sachsen und der Deutschen in Südosteuropa gewidmet. Zahllose Werke, die oft nur Archivforschern bekannt gewesen waren, gab Gehann heraus und bereitete ihnen den Weg in die Öffentlichkeit. Die zahlreichen gelben Buchbände – viele von ihnen Standardwerke – wurden zum Markenzeichen des Gehann-Musik-Verlags. Was darin etwa über Waldemar von Baußnern, über siebenbürgische Orgeln oder die Musikstadt Kronstadt von verschiedenen Autoren geschrieben wird, ist heute aus dem Bewusstsein der Forschungsgemeinde nicht mehr wegzudenken.

Gehanns Leben begann mit einer an sich kuriosen Koinzidenz, denn er kam am 27. November 1928 während eines Auslandsaufenthaltes seiner siebenbürgischen Eltern ausgerechnet in Frankfurt am Main auf die Welt. Also gar nicht weit entfernt vom hessischen Darmstadt, in dem er sich Jahrzehnte später selbst niederlassen sollte. Horst Gehann erfuhr eine betont christliche Erziehung und genoss ein musisch orientiertes Leben in der Familie. Mit fünf Jahren begann er beim Vater den Musikunterricht: Notenschrift, die ersten theoretischen Grundlagen, Violin- und Mandolinenspiel. Bald spielte er in den vom Vater geleiteten Laienorchestern und im Familienquartett mit. In Reichenberg, der späteren Hauptstadt des Sudetenlandes, wohin die Familie übersiedelte, ging er zur Schule. Gleichzeitig besuchte er die örtliche Musikschule, nahm Klavier- und Theorieunterricht. 1937 kam er mit seinen Eltern nach Hermannstadt.

Mit Eintritt in das dortige Brukenthal-Gymnasium wurde er Mitglied des vielfach gerühmten Brukenthal-Chors und Privatschüler des in Siebenbürgen renommierten Hermannstädter Stadtkantors, Organisten und Straube-Schülers Franz Xaver Dressler. Bei ihm lernte Gehann Theorie, Harmonielehre, Kontrapunkt, Klavier, Orgel, Cembalo und Dirigieren. Dressler prägte den jungen angehenden Musiker nachhaltig. Bleibende Eindrücke erfuhr er durch die Aufführungen des Hermannstädter Bach-Chors und durch die Konzerte des Philharmonischen Orchesters. Oft wirkte er als Organist und Cembalist selbst mit. Seine ersten Kompositionen lagen längst vor: Lieder für Singstimme und Klavier auf Gedichte von Brentano, Tieck oder Morgenstern, ebenso Chorkompositionen; gelegentlich führte er sie in Hauskonzerten vor.

Parallel zu einer theologischen Ausbildung in Bukarest nahm Gehann 1948 und 1949 in Kronstadt Unterricht bei Victor Bickerich, der als Kantor, Organist, Dirigent und Lehrer eine der geistigen Autoritäten Siebenbürgens war. Zwischen 1948 und 1954 eignete sich Gehann unter modernen, aktuellen Vorzeichen das kompositorische Rüstzeug beim prominenten Bukarester Musikhochschullehrer und Komponisten Mihail Jora an. 1955 legte er das Solistenexamen ab, sein Debüt als Konzertorganist gab er mit beeindruckendem Erfolg 1956 im zentralen Bukarester Konzertsaal, dem Athenäum.

Es folgten zahlreiche Konzertauftritte in Bukarest, im Rundfunk und Fernsehen, aber auch in den siebenbürgischen Städten. Ab 1966 unternahm er Tourneen in Europa und in außereuropäische Ländern, spielte Orgelwerke für Rundfunk und Schallplatte ein, darunter an den historischen Orgeln in Rosenau, Zeiden, Keisd, Schäßburg und Mediasch. Gehanns Aufnahme der Händelschen Orgelkonzerte in Keisd rief gerade bei Organisten damals Erstaunen hervor, nicht nur weil es sich um die wahrscheinlich erst dritte Orgelschallplatte Rumäniens handelte: Die Klarheit, Strenge und Mäßigung, mit der er die barocke Musik interpretierte, waren neu in ihrer Zeit und ließen bereits die Historische Aufführungspraxis erahnen, der sich Gehann später aber auch nicht sklavisch unterwarf. Er hatte seinen ganz eigenen Stil.

Gleichzeitig unterrichtete er am Theologischen Seminar in Bukarest, hielt Vorträge im In- und Ausland über historische Orgeln in Siebenbürgen, trieb musikgeschichtliche Studien. Die Leipziger Thomaner sangen die Uraufführung seiner zwei Choralmotetten, in Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureş) wurde sein Orgelkonzert uraufgeführt, seine „10 Choralvorspiele“ nahm der Bayerische Rundfunk auf. Als Solist und Vortragender war Gehann Gast der Funkhäuser in Berlin, München, Frankfurt, Köln, Hamburg, Stuttgart, Baden-Baden, Wien, Bern, Lausanne, Warschau und Wilnius.

1967 gründete er in Bukarest ein vokalinstrumentales Ensemble, das er „Pro Musica“ nannte und in Aufführungen – vor allem mit Werken Johann Sebastian Bachs – dem Publikum vorstellte; Konzertreisen, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen folgen. Vorübergehend war Gehann Pianist der Staatphilharmonie in Ploie?ti. Während der Ceauşescu-Diktatur sah er sich aus politischen Gründen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt, musste mehrere Jahre lang ohne Amt und Stellung auskommen. Er entschloss sich – wie viele andere, die das gleiche Schicksal zu erleiden hatten –, nach Deutschland auszuwandern. Die Ausreisegenehmigung aber wurde ihm erst 1972 erteilt, als Folge einer Intervention des damaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann.

Nach seiner Aussiedlung wählte Gehann Darmstadt zur Wirkungsstätte. Hier gründete er zunächst das „Kammerorchester Marienhöhe“, unterrichtete Kirchenmusik. 1980 rief in Anlehnung an sein Bukarester Ensemble das Kammerorchester „Pro Musica“, 1981 den Bach-Chor ins Leben. Mit diesen Klangkörpern begann er bald das ehrgeizige und beachtenswerte Unternehmen des „Bach-Werke-Zyklus“, das die Aufführung des Gesamtwerkes von Johann Sebastian Bach vorsah. Die oratorischen und symphonischen Großwerke von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms, Bruckner wurden aber ebenso miteinbezogen.

Weit über 100 Konzerte mit dem Bachchor, Konzertreisen nach Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, gar Indien und Ägypten, die Teilnahme an ausländischen Musikfesten, die Zusammenarbeit mit deutschen, ungarischen und rumänischen Sinfonieorchestern markierten auch die internationale Ausrichtung dieser Konzertgesellschaft. Die Leitung des Bachchors und des „Pro Musica“-Orchesters gab Gehann 2006 an seine Tochter Angela Gehann-Dernbach weiter. Zu erwähnen sind auch die von Gehann 1987 gegründeten und geleiteten „Hunsrücker Musiktage“ in Kirchberg, wie auch der 1991 von ihm im Rahmen dieses Musikfestivals initiierte Internationale Musikwettbewerb „Waldemar von Baußnern“.

Doch nicht nur als Dirigent und Spiritus Rector, sondern auch als konzertierender Organist, Cembalist und Kammermusiker setzte Gehann sein interpretatorisches Wirken fort. Die Fülle von anerkennenden und lobenden Rezensionen ist groß – wobei regelmäßig Gehanns zupackender Impetus und künstlerischer Elan besonders betont wurden.

Eine Anregung aus dem Arbeitskreis für Südostdeutsche Musik aufgreifend, gründete Gehann 1987 wie erwähnt seinen Musikverlag, in dem zuerst die wegweisende und von Konrad Scheierling herausgegebene sechsbändige Sammlung von geistlichen Liedern der Deutschen aus Südosteuropa erschien. Leitende Funktionen hatte Gehann unter anderem beim Arbeitskreis Südost des Instituts für Deutsche Musik im Osten und später bei der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE), bei der Baußnern-Gesellschaft und in der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen. Er war – auch als Dozent – oftmals Gast der Musikwoche Löwenstein und blieb ihr als Stellvertretender Vorsitzender der GDMSE, später als Ehrenmitglied, bis zuletzt eng verbunden.

Das kompositorische Werk Gehanns ist nach Inhalt, Ausdruck, Form, Genre und Spielbesetzung vielgestaltig und reichhaltig. Es umfasst Werke für Orchester, Kammermusik, Orgel- und Klavierwerke, geistliche Kompositionen für Chor, Soli und Instrumente (bzw. Orchester oder Orgel), Werke für Chor a cappella und für Chor mit Instrumenten, Lieder. Zu betonen wäre an dieser Stelle, dass wir in seinem Œuvre, neben den anspruchsvoll-diffizilen Werken, zahlreiche auch für Laienmusiker und Liebhaber- oder Schülerensembles geeignete, musikantische, dabei ästhetisch nicht minder schätzenswerte Kompositionen finden: Dazu gehören Stücke für Klavier, Blockflöte, Gesang, kleinere gemischte Chöre, Kinderchöre, Kanons, Volksliedbearbeitungen. In Kompositionsstil und -technik ging Gehann von spätromantischen Vorstellungen aus, kam über erweiterte Tonalität und Polytonalität zur Atonalität, kehrte aber über eine freitonale Periode wieder zu einer eher tonal orientierten Schreibweise zurück.

In Struktur und Form versuchte er eine Synthese zwischen heutigen und historischen Prinzipien. Er schrieb: „Ich sehe meine künstlerische Arbeit als Beitrag zur Bewahrung geistiger Werte und zur Neuorientierung fernab von bloßen Modeerscheinungen.“ Was keineswegs bedeutet, dass Horst Gehann sich der Realität der alltäglichen Anforderungen verweigerte. Im Gegenteil: Wie sonst hätte er so viel auch als Organisator und Geschäftsmann leisten können. Er war ein Künstler – der mitten im Leben stand.

Johannes Killyen / Karl Teutsch

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 11 vom 15. Juli 2007, Seite 8)

Schlagwörter: Musik, Nachruf, Musikgeschichte

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