28. November 2007

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Axel Azzola: "Das Leben währt siebzig Jahre, …"

„… und wenn es hoch kommt,/ sind es achtzig./ Und ist es köstlich gewesen,/ war es voll Mühe und Arbeit.“ Kaum ein anderer Spruch dürfte geeigneter sein, rückblickend das Prägende im Leben von Prof. Dr. Axel Azzola in wenigen Worten zusammenzufassen. Der Jurist und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Axel Azzola ist am 6. November 2007 verstorben. Er war ein zutiefst politischer Mensch, unermüdlich im Bestreben, an einer sozial ausgewogenen Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken, Bürgerrechte und rechtsstaatliche Verfahren zu verfechten.
In zahllosen Anhörungen des Bundestages nahm Prof. Azzola auf Gesetzgebungsverfahren zum Vertriebenen-, Lastenausgleich- und Fremdrentenrecht Einfluss und unterstützte die Landsmannschaft beim Vorgehen gegen fremdrentenrechtliche Kürzungen. Er war geradlinig und scheute keine Auseinandersetzung, um seinen Überzeugungen Geltung zu verschaffen. Er war belesen, historisch bewandert, oft seinen Diskussionspartnern im Denken weit voraus, zugleich bescheiden in seiner Lebensführung und großzügig anderen gegenüber.

Axel Azzola zu Besuch in der Redaktion der ...Axel Azzola zu Besuch in der Redaktion der Hermannstädter Zeitung. Foto: Beatrice Ungar Axel Azzola wurde am 14. März 1937 in der Banater Ortschaft Ferdinandsberg (Oţelu Roşu) geboren. Als er sieben Jahre alt war, flüchtete seine Familie nach Marburg, der Heimatstadt seiner Mutter. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Marburg und Heidelberg war Azzola zunächst Assistent beim späteren Richter am Bundesverfassungsgericht Wolfgang Abendroth. 1971 wurde der Jurist zum Professor am Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der TU Darmstadt berufen, von wo er 1998 als Staatsekretär in das Sozialministerium von Mecklenburg-Vorpommern wechselte. 2002 zwang ihn eine schwere Krankheit, seine Tätigkeit aufzugeben.

Auf seiner erst vor wenigen Jahren eingerichteten Homepage steht zu lesen: „Ich bin ein alter Mann, der endlich reichlich Zeit hat, über die ihm wesentlich erscheinenden Fragen seines Lebens nachzudenken, insbesondere über Fragen des Judentums, der deutschen Geschichte sowie der Prinzipien eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates.“ Schon seine Jugend war geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Söhnen und Vätern um deren Schuld an den Gräueltaten der Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus. Zeit seines Lebens geißelte er jeden Versuch, nationalsozialistisches Unrecht und dessen Folgen zu relativieren oder gar zu entschuldigen. Aufmerksamen Lesern wird beispielsweise seine Auseinandersetzung mit dieser Zeitung anlässlich der Verleihung des Kulturpreises 1982 an Alfred Hönig in Erinnerung sein. Aufgrund seines Wirkens für die Belange jüdischer Menschen und insbesondere jener, die dem deutschen Sprach- und Kulturkreis angehörten, wurde in § 17 a des Fremdrentengesetzes (FRG) ein gesetzlicher Rentenanspruch dieser Personen verankert. Als Vorsitzender des Schiedsgerichts beim Zentralrat der Juden in Deutschland trug er in den neunziger Jahren maßgeblich zur Entfaltung jüdischen Lebens in Deutschland bei. In gleichem Maße widmete er sich den Belangen der Vertriebenen. In zahllosen Anhörungen des Bundestages nahm Prof. Azzola über Jahre hinweg auf Gesetzgebungsverfahren zum Vertriebenen-, Lastenausgleich- und Fremdrentenrecht Einfluss und unterstützte zuletzt die Landsmannschaft beim Vorgehen gegen fremdrentenrechtliche Kürzungen.

Als Hochschullehrer galt sein Anliegen zuallererst der Lehre und den Studierenden. Im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stand das Staatsrecht. Er war Mitverfasser des Alternativkommentars zum Grundgesetz. Sein Ansehen nutzte er, um sich politisch „einzumischen“. Seiner Überzeugung folgend, dass jedem ein rechtsstaatliches Verfahren gebührt, verteidigte er Ulrike Meinhof. Er unterstützte die Bürgerbewegung gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen und setzte sich erfolgreich für den Erhalt der Fossilienfundstätte Grube Messel, heute Weltnaturerbe der UNESCO, ein. In den 80ger und 90ger Jahren war er an nahezu jedem Reformvorhaben des Gesetzgebers im Bereich der gesetzlichen Rentenversicherung und Krankenversicherung als Gutachter beteiligt. Nach dem Fall der Mauer war er Mitglied des „Runden Tisches“ und Miturheber des von diesem herausgegebenen Verfassungsentwurfes.

Zu seiner „alten“ Heimat – wie er sie zu nennen pflegte – hat Axel Azzola die Verbindung nie abreißen lassen. Kurz nach seiner Berufung zum Professor förderte er aktiv die Partnerschaft zwischen der TU Darmstadt und dem Polytechnikum in Bukarest. Von 1972 bis Mitte der achtziger Jahre reiste er jedes Jahr und danach regelmäßig ins Banater Bergland und nach Siebenbürgen. Er versammelte eine Vielzahl junger Menschen um sich, denen er in Diskussionen über Kunst und Kultur, Gesellschaft und Politik neue Horizonte öffnete. Kurz nach dem Sturz Ceauşescus gründete er die Azzola-Stiftung, deren Vermögen er alleine finanzierte. Zweck der Stiftung ist es, wissenschaftliche und kulturelle Tätigkeiten zu fördern. Die Stiftung finanzierte die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Büchern, gewährte sechs Jahre lang jeweils einem Studenten ein Stipendium, stellte einen Schulbus für die deutschsprachigen Kinder in Ferdinandsberg zur Verfügung, unterstützte den Hermannstädter Bach-Chor und eine Volkstanzgruppe – um nur einige der Stiftungsprojekte zu nennen. Von 2003 bis 2004 war er Präsident der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft e. V. in Berlin.

Udo Michael Dieners

Schlagwörter: Nachruf, Porträt, Banat

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