14. Dezember 2008

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Kurt Mild - einer der herausragendsten und bedeutendsten Musiker Siebenbürgens

Am 19. November ist einer der herausragends­ten und bedeutendsten Musiker Siebenbürgens, der in Siebenbürgen und Rumänien nicht nur in Fachkreisen bekannte, hochgeschätzte und verehrte Organist, Cembalist, Chorleiter und Diri­gent Kurt Mild in einem Pflegeheim in Holle im Alter von fast 95 Jahren gestorben.
Er war 1970 als Sechsundfünfzigjähriger aus Klausenburg (Siebenbürgen) nach Deutschland ausgesiedelt und konnte in Koblenz noch etwa 17 Jahre lang eine ersprießliche Tätigkeit als Opernchorleiter, Kirchenchorleiter und Organist entfalten. Seit 1984 im Ruhestand, zog er sich nach Hillscheid zurück, konzertierte noch eine Zeit lang mit seiner Kantorei in Koblenz-Lay und widmete sich musikwissenschaftlich dem Werk Johann Sebas­tian Bachs. Nur 1989 übernahm er noch ein Gastdirigat in Las Vegas, wo er ein Konzert der Youth Camerata leitete, und 1991, ein Jahr nach der politischen Wende in Rumänien – bis dahin waren sein Name, seine siebenbürgische Wirkungsgeschichte und seine Tonaufnahmen wegen seiner Auswanderung in dem kommunistischen Land Tabu gewesen –, dirigierte er ein Festkon­zert in Klausenburg. Die Klausenburger Musik­akademie verlieh ihm 1997 den Titel eines Doc­tor honoris causa, vier Jahre zuvor war er zum Ehrenbürger der Stadt gewählt worden. Seit 1999 lebte er im Hause seines Sohnes Rolf Mild in Seesen-Mechtshausen.

Kurt Mild, Zeichnung von Juliana Dancu, 1958. ...Kurt Mild, Zeichnung von Juliana Dancu, 1958.Mild hat im Laufe seiner Karriere nicht nur unzählige, erfolgreiche und oft neue Maßstäbe setzende Konzerte als Solist, musikalischer Lei­ter, Dirigent und Kammermusikpartner bestritten, er hat prägend und in die Zukunft gewirkt, hat als Erster neue, in Siebenbürgen und Rumä­nien noch unbekannte Erkenntnisse, Prinzipien und Gesetze in der Aufführungspraxis der Ba­rockmusik, insonderheit der von Johann Sebas­tian Bach, vermittelt und damit eine Lücke in der musikalischen Interpretation geschlossen, hat einen ethischen und verantwortungsvollen Um­gang mit dem musikalischen Kunstwerk gefordert und vorgelebt, die von ihm gegründeten Ensembles und Einrichtungen wie auch er selbst waren zur Institution geworden.

Mit Andreas Nikolaus (1879-1948), Georg Bach­ner (1891-1959), Karl Theil (1898-1980), Richard Oschanitzky (1901-1971), Otto Eisen­burger (1908-1989), Carl Gorvin-Glückselig (1912-1991), Norbert Petri (1912-1978) und Adolf Hartmut Gärtner (*1916) gehörte Kurt Mild in die Reihe jener in leitenden Funktionen tätigen siebenbürgischen Musiker, die in den zwanziger bzw. dreißiger Jah­ren des vorigen Jahr­hunderts begonnen hatten, das Musikleben Sie­benbürgens aus eigenen Kräften weiterzuent­wickeln. Kaum hatten sie ihr Werk in Gang gebracht, mussten sie aber erleben, wie das eigenständige siebenbürgische Musikleben durch Krieg und Kriegsfolgen zusammenbrach. Einige sahen sich vorher schon gezwungen, das Land zu verlassen, oder scheuten sich, in das kommunistische Nachkriegsrumänien zurückzukehren.

Kurt Mild (1914-2008), einer der bedeutendsten ...Kurt Mild (1914-2008), einer der bedeutendsten Musiker SiebenbürgensMild trachtete noch während des Kriegs zwischen und nach Auf­enthalten und Konzertaktivi­täten in Deutschland seine Tätigkeiten in Sieben­bürgen fortzusetzen. Nach dem Krieg musste er die politische und gesellschaftliche Situation in Rumänien mit Repressalien, Verfolgung und existentieller Be­drohung, ideologischem Zwang, Unfreiheit, Be­hinderungen, Überwachung und ethnischer Diskriminierung über sich ergehen lassen, konnte dann aber doch im neuen Musik­geschehen Rumäniens Fuß fassen und sich schließlich in Grenzen und ohne sich politisch einspannen zu lassen etablieren.

Von Leschkirch in die Welt

Die Wiege von Kurt Mild stand in der Dorfge­meinde Leschkirch bei Hermannstadt in Sieben­bürgen, wo er am 24. Januar 1914 als Sohn der Leschkircher Säuglingsschwester Adele geb. Buchholzer und des aus Alzen gebürtigen Stuhl­richters Karl Mild zur Welt kam. Unter den Vor­fahren gab es mehrere Kantoren. Mit sechs Jah­ren erhielt Kurt in seinem Heimatort den ersten Klavierunterricht von seiner Mutter und danach von einer Klavierlehrerin im Ort. 1920 zog die Familie nach Hermannstadt, wo Kurt zwischen 1924 und 1931 Schüler des Brukenthal-Gymna­siums und Mitglied des Brukenthal-Chors wurde und das Klavierspiel unter professioneller Lei­tung u.a. bei der konzertierenden Pianistin Maria Klein-Hintz fortsetzte. Bei einer der „Schüler­olympiaden“ Siebenbürgens erspielte er sich 1930 mit einem Präludium von Rachmaninow einen Preis in der Sparte Klavier. Die Matura (Abitur) legte er 1932 in Schäßburg ab. Der Her­mannstädter Organist und Kantor Franz Xaver Dressler bereitete ihn für die Aufnahmeprüfung 1933 am Konservatorium in Leipzig vor. Mild studierte bei künstlerischen und pädagogischen Koryphäen 1933 bis 1936 in Leipzig und 1936 bis 1939 in Berlin. Während dieser Zeit schon konzertierte er und erntete Lob bei Publikum und Presse. Zu lesen ist, dass er mit seinem Or­gelspiel „bewies, ein Meister dieses königlichen Instrumentes“ zu sein (Leisniger Tageblatt, 25.11.1935); von „außerordentlichem Können“ und „ausgezeichneter Darstellung“ ist die Rede (Völkischer Beobachter, 3.8.1937) und davon, dass es für ihn „technische Schwierigkeiten nicht zu geben scheint“ und sein Spiel „von ju­gendlichem, feurigem Crescendo durchbraust“ sei (Potsdamer Tageszeitung, 2.8.1937). Dass sein Spiel „bei den zahlreichen Zuhörern einen tiefen Eindruck“ hinterließ, bestätigt die Potsda­mer Tageszei­tung vom 2.7.1938. Anerkennende und enthusiastische Besprechungen aus den folgenden Jahren und Jahrzehnten sind Legion.

An der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin legte Mild 1939 in einem öf­fentlichen als Staatsprüfung geltenden Konzert als Erster seit Bestehen dieser Institution die Reifeprüfung im Konzertfach Orgel ab. Milds Orgellehrer, der damals berühmteste Konzertor­ganist Fritz Heitmann, bescheinigte ihm „ausgezeichnetes technisches Können und hohe musikalische Qualität“, die ihn befähigten, „die Meisterwerke der Orgelkunst ihrer stilistischen Eigenart gemäß zu temperamentvoller und farbiger Darstellung zu bringen“. Die Deutsche All­gemeine Zeitung (16. Juni 1939) sprach von „Können und Stilsicherheit des jungen Organis­ten“. Bald darauf begann Mild eine großen Erfolg versprechende Laufbahn als konzertierender Organist und Cembalist, eine damals noch nicht so verbreitete künstlerische Betätigungsform, sehr oft auch in Berlin.

Ein verlockendes Angebot, als Hochschulleh­rer nach Südamerika zu gehen, lehnte Mild ab und nahm 1940 die Stelle des Musikdirektors im größten, nach österreichischem Vorbild gegründeten und geführten, auf klassische und zeitgenössische sinfonische, chorische und instrumen­tal-vokale Musik spezialisierten Hermann­städter Musikverein an. So konnte er, einem inneren Bedürfnis folgend, Oratorien und andere große geistliche Werke aufführen. Zwischendurch kon­zertierte er in Siebenbürgen und Deutschland, darunter als Solist des damals namhaftesten Berliner Kammerorchesters von Hans von Ben­da. Ein wieder anders geartetes Engagement galt den 1940 von ihm ins Leben gerufenen „Museumsmusiken“ in den Festräumen und im Innen­hof des Hermannstädter Brukenthal-Pa­lais’, wo ein Museum, eine Bibliothek und eine Gemäldegalerie untergebracht waren. Er schuf damit eine herausragende Stätte von überregionaler Bedeutung zur Pflege alter Musik, vor allem derjenigen Bachs. Er selbst leitete dabei in der Manier der Barockzeit ein Orchester vom Cembalo aus oder konzertierte in diesem Rah­men als Solist und Kammermusikpartner.

Im Februar 1942 löste er wegen Kompetenz­schwierigkeiten den Vertrag mit dem Hermann­städter Verein und ging im April nach Berlin, wo er im Auftrag des Berliner Rundfunkhauses in der Eosanderkapelle des Schlosses Charlotten­burg auf der berühmten Arp-Schnitger-Orgel das Gesamtorgelwerk von Johann Sebastian Bach vorführen und aufnehmen sollte. Nach dem achten Konzert und den ersten Einspielungen musste dann dieses Unternehmen, das von be­sonderer Tragweite gewesen wäre, wegen der beginnenden Bombenangriffe und der Auslage­rung der Orgel abgebrochen werden.

Im Dezember 1942 kehrte Mild nach Her­mannstadt zurück. Er nahm seine Konzerttätig­keiten in Siebenbürgen und im Ausland wieder auf und unterrichtete an Hermannstädter Schu­len. Kapitulation und Frontwechsel Rumäniens 1944 überraschten ihn in Siebenbürgen. Um der am 13. Januar 1945 beginnenden Verschlep­pung der Rumäniendeutschen zur Zwangs­arbeit in die Sowjetunion zu entgehen, hielt sich Mild monatelang in einem Wald versteckt. Er wurde entdeckt und verhaftet, von der inzwischen ab­geschlossenen Deportation war er jedoch nicht mehr betroffen. Nach seiner Freilassung im De­zember 1945 nahm er die Leitung des Musikver­eins, dessen offizielle Bezeichnung nun „Reuniu­nea de muzică ‚Hermania‘“ lautete, bis zu der von den rumänischen Behörden 1948 verfügten Auflösung wieder auf. Gewissermaßen als Fort­setzung der Museumsmusiken konzertierte er 1946 und 1947 an verschiedenen Orten mit einem von ihm gegründeten Kammerorchester „Sibiana“. Vorübergehend gestaltete er Konzert­reihen in der Hermannstädter Johanniskirche. Seit Au­gust 1948 ohne Stellung, half er an der unter rumänisch-kommunistischen Vorzeichen 1947/48 neugegründeten Hermannstädter Oper als Chorleiter bei Inszenierungen von Werken Verdis, Gounods und Puccinis. Ab Oktober 1948 bestritt er seinen Lebensunterhalt als Gewerk­schaftschorleiter in Heltau und zwischen 1951 und 1955 als Dirigent des Philharmonischen Chors und Lehrer an der „Volkskunstschule“ in Arad. Während des Jahres 1949 war er zudem Leiter des Hermann­städter Kammerchors ARLUS und 1953/54 „Instruktor“ von Musikgruppen einer Fabrik in Arad. Gelegentlich trat er solistisch auf.

Nach einer gewissen Stabilisierung des kulturellen Lebens und einer relativen politischen Lockerung berief ihn die Rumänische Oper in Klausenburg 1955 zum Chormeister und die staatliche Musikhochschule der Stadt richtete 1956 für ihn ihren ersten Lehrstuhl für künstlerisches Orgelspiel ein. Mild wäre aber nicht er selbst geblieben, wenn er nicht wieder als konzertierender Organist, kammermusikalisch und solistisch wirkender Cembalist und als Organi­sator und Leiter von Kammerensembles seiner geliebten Barockmusik zu dienen bestrebt gewe­sen wäre. (Mild besaß ein eigenes Neupert-Cem­balo, die Hochschule erhielt 1967 auf Betreiben Milds ein Ammer-Cembalo aus der DDR, in Her­mannstadt gab es ein Cembalo seit 1940.) In Klausenburg gründete Mild 1968 das Kammer­ensemble Collegium musicum academicum, in dem er als Cembalist und Spiritus rector mitwirkte. Von 1961 bis 1968 leitete er das Klausen­burger Ärzte-Kammerorchester und zwischen 1962 und 1969 auch ein Kammerorchester der Musikhochschule. Insgesamt hat Mild in Sieben­bürgen und Rumänien etwa 200 Vokal- und Kammermusikwerke des Barock, darunter auch Opern, zur Erstaufführung gebracht. Dem Orga­nisten Mild sind Uraufführungen aus der zeitgenössischen Produktion zu danken.

Durch seine Arbeit und über seine Schüler verlieh er dem Musikleben Klausenburgs und darüber hinaus kräftige Impulse und für das damalige Siebenbürgen und Rumänien neue Ansätze. Seinen besonderen Herzenswunsch, Messen, Passionen und Oratorien aufzuführen, konnte er sich in dem neuen Staat, in dem geistliche Musik geächtet war, staatlich angestellte und in der Öffentlichkeit wirkende Interpreten dieser Musik gebrandmarkt, unter Druck gesetzt und verfolgt wurden, nicht erfüllen. Orgelkon­zerte in Kirchen – in Siebenbürgen gab es keine Orgeln in Konzertsälen – wurden gelegentlich geduldet, gewöhnlich aber beargwöhnt und be­hindert. Oft mussten konzertierende Organisten nach Bukarest ausweichen, wo es große Orgeln in den zwei zentralen Konzertsälen gab. Einmal – 1957 – war es Mild vergönnt, ein oratorisches Werk, Bachs Johannespassion, zumindest einzustudieren – der deutsche Studentenchor Klau­senburgs, rumänische und ungarische Solisten und Mitglieder des Hochschulorchesters und der Philharmonie standen ihm zur Verfügung –, die Aufführung in der reformierten Kirche wurde jedoch von den politischen Behörden untersagt. Auf musikwissenschaftlichem Gebiet beschäftigte sich Mild als Erster mit dem Werk des siebenbürgischen Komponisten Johann Sartorius (1712-1787), dessen „66 Arien“ er spartierte und teilweise 1945 in Hermannstadt, später auch in Klausenburg und Bukarest und 1969 in Brom­berg (Bydgoszcz, Polen) und Thorn (Torun, Po­len) zur Uraufführung brachte. Im Januar 1946 hatte er in Hermannstadt die Erst­aufführung (oder Uraufführung?) einer von ihm im Bruken­thal-Archiv entdeckten unbekannten Sinfonie von Joseph Haydn geleitet.

Freiheit – auch künstlerische – gewählt

Nachdem Anzeichen einer Verfolgung seiner Person durch die Sicherheitsorgane sich 1959/ 60 verdichteten – deutsche Intellektuelle, Schrift­steller, Musiker, Geistliche und Studenten waren 1958 verhaftet und eingekerkert worden, darun­ter auch ein Student Milds –, kündigte Mild seine akademische Lehrstelle und suchte um Aussied­lung in die Bundesrepublik Deutschland an. 1970 erhielten er und seine zweite Frau Erika Schus­ter mit dem Sohn Volker nach langem bangem Warten und mehrfacher Intervention die Ausrei­segenehmigung. (In erster Ehe war Mild mit Ma­thilde Engbert verheiratet gewesen, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hatte, die bereits 1961 nach Deutschland ausgereist waren.)

Für einen beruflichen Neuanfang in Deutsch­land in seinem eigentlichen Fach war es zu spät. Immerhin erhielt er die Stelle eines Chordirek­tors am Stadttheater Koblenz und konnte 1981 in Koblenz-Lay an Sankt Martin eine Kantorei gründen. Es muss ihm wohl eine große Genug­tuung und Freude bereitet haben, dass er sich nun nach leidvollen Erfahrungen, Unfreiheit und Zwangssituationen frei und ungehindert der Kir­chenmusik widmen konnte. So führte er mit der Sankt-Martins-Kantorei, einem Kammerorches­ter und wechselnden Vokal- und Instrumental­solisten – zu denen oft auch rumänische Musi­ker gehörten – Kantaten und oratorische Werke auf. Auch hier kann man in mancher Beziehung von einer Pionierarbeit Milds sprechen. Mit dem finanziellen Erlös aus Konzerten und den Mitteln einer von ihm durchgeführten Spendenaktion ließ er für die Sankt-Martins-Pfarrkirche eine neue zweimanualige Orgel (mit Schleifladen und mechanischer Traktur) bauen, die im Mai 1984 eingeweiht wurde.

Karl Teutsch

Schlagwörter: Musik, Nachruf

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