29. Oktober 2010

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25. Siebenbürgische Akademiewoche widmet sich Kronstadt und dem Burzenland

Die 25. Siebenbürgische Akademiewoche, veranstaltet von Studium Transylvanicum in Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Haus des Deutschen Ostens (HDO) München und dem Archiv der Honterusgemeinde Kronstadt, fand dieses Jahr vom 6. bis 11. September in Wolkendorf (Vulcan, Szászvolkány) bei Kronstadt statt. Auch wenn die so genannte „Ferienakademie“ jetzt fast ein Vier­teljahrhundert alt ist, hat sie nichts von ihrem jugendlichen Charme verloren und vermittelt weiterhin aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft.
Vor 850 Jahren wurden meine Vorfahren von König Géza II. aus dem Rhein-Mosel Gebiet nach Siebenbürgen gerufen. Das war dann auch im Großen und Ganzen mein Wissensstand über Siebenbürgen. Ich war und bin der Meinung, dass man als Siebenbürger Sachse mehr über seine Heimat und die Menschen, die dort gelebt haben, wissen sollte. Um an meinem Missstand etwas zu ändern, nahm ich dieses Jahr zum ersten Mal an der Siebenbürgischen Akademiewoche teil. In diesem Jahr beschäftigte sich die Akademiewoche mit der Geschichte Kronstadts und des Burzenlandes, das im nächsten Jahr den 800. Jahrestag seit Berufung des Deutschen Ordens nach Siebenbürgen begehen wird.

Die Teilnehmer kamen aus den verschiedensten Fachbereichen. Vertreten waren unter anderem Historiker, Restaurateure, Ethnologen, Theologen, Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker. Es versprach, spannend zu werden. Am Montag, dem 6. September, traf man sich zunächst im Archiv der Honterusgemeinde in Kronstadt und fuhr dann nach Wolkendorf, wo der dortige Pfarrer Uwe Seidner uns im landeskirchlichen Erholungsheim zum Mittagessen empfing. Anschließend führte er uns durch die Kirche und die Kirchenburg, wo wir eine kleine Einführung in die Geschichte Siebenbürgens, der Kirchenburg und des Dorfes bekamen. Der Abend verlief recht ruhig, da der nächste Tag laut Programm vollgepackt und interessant werden sollte – und da wollte niemand unkonzentriert und mit tiefen Augenringen im Vortragsraum sitzen.

Die Nähe Wolkendorfs zu Kronstadt wurde genutzt, um am Dienstag eine öffentliche Tagung im Gemeindesaal der Honterusgemeinde abzuhalten. Interessierte und Neugierige waren eingeladen, die Vorträge zu verfolgen, um einen Einblick in die Tätigkeit des Kreises Studium Transylvanicum zu erhalten eine Gelegenheit, die jedoch von weniger Kronstädtern wahrgenommen wurde als erhofft.

Den Tag begann Balint Varga-Kuna mit einem Vortrag über das Kronstädter Millenniumsdenkmal auf der Zinne als Folie der ethnischen Gegensätze in Siebenbürgen am Ende des 19. Jahrhunderts, gefolgt von Stephanie Danneberg, die über die Geschichte der Rivalität zwischen Kronstadt und Hermannstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts referierte. Michaela Nowotnick schloss den Vormittag mit ihrem Referat über Adolf Meschendörfer und den literarischen Austausch mit Deutschland in der Zeitschrift „Die Karpathen“. Nach einer kurzen Rekreationsphase sprach Gerald Volkmer über Kronstädter Industrieunternehmen und Banken zwischen 1848 und 1948. Dionisie Arion referierte über die Wahl Konrad Möckels zum Kronstädter Stadtpfarrer im Jahr 1933, Thomas Şindilariu würdigte Erich Jekelius und seine Bedeutung für das Burzenländer Sächsische Museum.

Friederike Mönninghoff berichtete über den Umsturz von 1989 aus Sicht von Kronstädter Zeitzeugen, wonach sich eine lebhafte Diskussion entwickelte, zumal sich viele Anwesende noch gut an die Dezembertage 1989 erinnern konnten. Die Pausen wurden genutzt, um sich über die gehörten Themen auszutauschen. Ich denke, dass auch die langjährigen Teilnehmer aus jedem der Vorträge etwas Neues mitgenommen haben, die anregenden Diskussionen lassen das auf jeden Fall vermuten.Die trittsichere Hälfte der Teilnehmer bei den ...Die trittsichere Hälfte der Teilnehmer bei den Ruinen der Heldenburg. Foto: Bernhard Heigl Den Mittwochmorgen eröffnete – wieder in Wolkendorf – Julia Derzsi mit einem Referat über die Kronstädter Rechtspflege im 16. Jahrhundert. Liviu Cîmpeanu führte uns noch tiefer in die Vergangenheit zurück und sprach über die Frühzeit des Komitats von Kronstadt im 13. Jahrhundert. Auf der Zeitlinie Richtung Gegenwart begann der Nachmittag mit einem kunstgeschichtlichen Vortrag von Timo Hagen über das Studentendenkmal in Marienburg, gefolgt von Antonia Petra Sârb mit einer Präsentation über die Schwarze Kirche und deren touristische Nutzung. Den Abschluss bildete Paul Binder, der über die deutsche Minderheit aus Kronstadt und dem Burzenland im Spiegel der rumänischen Lokalpresse in den letzten Jahren sprach.

Der Donnerstag wurde von Florian Kührer mit einem Referat über strukturelle Veränderungen im Zuge der Entstehung „Großrumäniens“ am Beispiel der Kronstädter „Diebeszeile“ eingeleitet. Ihm folgte Petronela Soltész mit ihrer Analyse zur Entwicklung und Bedeutung des Motivs der Chimäre im Spätwerk Dimitrie Paciureas. Den Vormittag schloss Emese Veres mit einer Präsentation über ungarische Archivalien im Archiv der Honterusgemeinde. Nachmittags ging es auf eine virtuelle Rundreise mit Regina Klee und einem Vortrag über die Kulturgütersituation und Erhaltung mobiler Kirchenausstattung in Siebenbürgen und im Banat. Den formellen Abschluss bildete die jährliche Planungsbesprechung von Studium Transylvanicum in der Stipendien- und Forschungsmöglichkeiten, laufende Projekte und das Thema der nächsten Akademiewoche diskutiert wurden.

Der letzte Tag wurde für Exkursionen genutzt. In Kronstadt erhielten wir die Möglichkeit, mit dem bekannten Archivar und Historiker Gernot Nussbächer über Aspekte der Kronstädter Geschichte zu sprechen, der all’ unsere Fragen bereitwillig beantwortete. Nachmittags fuhren wir nach Marienburg (Feldioara, Földvár), das vom Deutschen Orden während seiner Herrschaft (1211-1225) als erstes politisch-militärisches Zentrum des Burzenlandes gegründet worden war. Dort führte uns ein schwedischer Teilnehmer der Akademiewoche, der Denkmalpfleger Robin Gullbrandsson, sehr kompetent durch Kirche und Burgruine – ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Wirklich großartig! Von dort ging es kurz in den anderen Teil des Dorfes zum Denkmal für die 1612 gegen Fürst Gabriel Báthory gefallenen Kronstädter Studenten, über dessen Entstehungsgeschichte im Kontext der sächsischen Erinnerungskultur Timo Hagen wenige Tage zuvor berichtet hatte. In Krebsbach (Crizbav, Krizba) bei Kronstadt besichtigten wir spontan die ungarisch-protestantische Kirche, die sich durch ihren guten Zustand von mancher von Verfall bedrohter sächsischer Kirchenburg unterschied.

Das letzte Ziel des Tages war die vom Deutschen Orden errichtete Heldenburg im Geisterwald. Auf einer Straße die – vorsichtig formuliert – in keiner Weise irgendeinem europäischen Standard entspricht, fuhren wir etwa eine halbe Stunde lang eher durch Berg als Tal, bis wir schließlich die Autos abstellen und das letzte Stück zu Fuß bestreiten konnten. An der Heldenburg angekommen, war ich zunächst etwas enttäuscht. Ein Haufen alter Steine, der eventuell mal eine Burg gewesen sein könnte, lag vor mir. Wenige Meter hinter dem Bergfried bot sich aber ein Ausblick, der in der Gegend vermutlich absolut einzigartig und durch nichts zu beschreiben ist: Empfehlenswert für jeden, der das ganze Burzenland mal aus der Vogelperspektive sehen möchte.

Ohne Vergleiche zu früheren Akademiewochen ziehen zu können, haben mir eine vorherrschende Offenheit und ein kritischer Geist sehr gut gefallen, die man selten bei wissenschaftlichen oder nichtwissenschaftlichen Zusammenkünften erlebt. Dass die Teilnehmer und Referenten aus Rumänien, Ungarn, Deutschland, Österreich oder Schweden kamen, hat der ganzen Veranstaltung eine besonders positive Note gegeben. Die Interkulturalität, die schon jahrhundertelang in Siebenbürgen zu finden war, hat sich auch in den Teilnehmern der Akademiewoche widergespiegelt, die sich auch in abendlichen Gesprächsrunden rege austauschten.

Ich werde nächstes Jahr sicher wieder teilnehmen. Solch ein detailliertes Wissen über die verschiedensten siebenbürgischen Themen erhält man in dieser Form sicherlich nur dort. Die Akademiewoche hat meine Kenntnisse über Siebenbürgen, die bisher stark vom Wissen meiner Eltern und meinem „sächsischen Umfeld“ in Deutschland geprägt wurden, verändert, und so wurde ich auf Probleme und Zusammenhänge aufmerksam gemacht, die mir bisher nicht bewusst waren.

Als einzigen Wermutstropfen empfand ich, dass niemand, den ich aus siebenbürgisch-sächsischen Tanzgruppen oder von Bällen in Deutschland kannte, dieses Jahr an der Akademiewoche teilgenommen hat. Insofern würde ich mir für nächstes Jahr wünschen, dass eine oder andere Gesicht aus diesen Kreisen dort zu sehen. Auf geht’s Freunde, es gibt viel zu hören und zu entdecken!

Bettina Mai

Schlagwörter: Studium Transylvanicum, Tagung, Burzenland

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